Portugal-Tagebuch IV - Heimkehr
Im letzten Teil des Tagebuchs gibt es unsere Gedanken zum Abschied und zur Heimkehr - außerdem hört ihr die drei Fragen an Lena von me|sober und an Mika vom SodaKlub.
Drei Fragen mit Lena von me|sober
Mika Freitag 9:00
Ich kann nicht glauben, dass der letzte Tag angebrochen ist. Irgendetwas in mir will eine reine Conclusion, eine Zusammenfassung, die wichtigsten To Dos aus den Tagen hier, die wirklich transformativ waren. Ich würde gerne wissen, wie diese Transformation weitergeht, hätte gerne Sicherheit. Ich erinnere mich an den Urlaub vor zwei Jahren, als ich nüchtern wurde. Damals fand dieser Prozess in mir statt, der im Alltag weitergehen musste - und ich hatte Angst, genau daran zu scheitern. Ich hatte Angst, dass die Transformation zur Nüchternheit situationsabhängig war. Dass ich feststellen musste, dass ich zur Alltags-Transformation nicht tauge. Und auch jetzt frage ich mich wieder, ob ich zu ablenkbar bin und das Rauschen der Welt in der heimischen Realität vielleicht zu laut ist.
Mia, Freitag 11 Uhr
Titilayo führt uns auf Doloresland herum. Doloresland ist nach dem Wohnwagen benannt, der als temporäre Wohnung dient, bis alle Häuser auf dem terrassenförmig strukturierten Land bezugsfertig sind. Der Trailer überschaut die Kaskaden der Terrassen und das weite bergige Land ringsherum. Alles wächst hier. Es gibt Kräuter, Kürbisse, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Pfirsiche, Mais, Oliven, Pflaumen, Bohnen, Kartoffeln, Rucola, Spinat, Brokkoli, Möhren, Salat Köpfe, Wirsing, Weintrauben, rote Erdbeeren, rosa Himbeeren und schwarze Tomaten.
Es gibt einen acht Meter tiefen Brunnen und ein paar Helfer, die gut gelaunt Sinatra hören und dabei Marmelade kochen. Wir sitzen auf der Terrasse und essen selbstgekochte Marmelade und Titilayos Begeisterung ist rein und ungetrübt und wird sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen.
Es ist schon der letzte Tag und wenn ich wieder nach Berlin komme, wird der Sommer vorbei sein. Mika plant ihre Outfits für den Herbst und ich erinnere mich an meine alten Pinterest Moodboards und schaue mir an, was mein perfektes Selbst anziehen wird: einen weißen Overall aus Baumwolle, weiche braune Lederstiefel und einen Gürtel in der gleichen Farbe, ein Outfit mit dem sich Katherine Hepburn im Marrakesch der Siebziger Jahre gegen die Hitze wappnen würde. Wie viel davon wieder nur die alte Perfektionsphantasie nach dem Sommerferien ist will ich gerade nicht wissen. Diesmal hält es, diesmal ist es für immer.
Drei Fragen an Mika
Mia, Samstag 14 Uhr
Am Flughafen versuchen wir zu rekonstruieren, wie viel Zeit unsere Beziehungen so insgesamt ungefähr verschlungen haben. Ich bin noch nicht hundert Prozent von der Wirksamkeit des Zōli überzeugt, aber das liegt nicht daran, dass ich verdränge, sondern dass ich ziemlich sicher bin, dass Sex nicht mein Problem ist, sondern die Tatsache, dass ich immer Männer anziehe, die mich von sich wegstoßen. Ich weiß nicht, ob sich dieses Problem wirklich mithilfe einer Totalverweigerung lösen lässt oder ob ich es dadurch nicht einfach nur vor mir herschiebe.
Mika sagt, es ist einfach nötig, den ganzen Headspace, den man auf Männer und Dates und romantische Erwartungen verwendet, auf sinnvollere Dinge zu lenken. Das wiederum überzeugt mich total. Ich bin so genervt davon, an Typen zu denken, die mir labbrige Pommes verkaufen wollen, wenn ich stattdessen auch ein luxuriöses Vier-Gänge-Menü haben kann.
Mika, Samstag 12:50
Den Moment mochte ich immer am liebsten: Wenn es mich in den Sitz drückt und ein paar Reihen hinter mir fängt ein Baby an zu schreien. Ich weiß dann, dass es losgeht. Irgendwas ist zu Ende und irgendwas fängt an. Mit dem Aufleuchten der Anschnallzeichen legt sich irgendwo im Kopf ein Schalter um, Punkt. Neuer Absatz.
Mika Samstag 23:45
Die Rückkehr in die Normalität ist ein Schock für mein System. Als hätte sich Hannover zusammengetan, um mir zu sagen: HALLO DU BIST ZURÜCK IN DER F*CKING REALITÄT!
Es gibt einen großen Einsatz am Hauptbahnhof mit lauten Sirenen und schnellen Autos, sodass ich nicht über die Straße kann und meine Bahn verpasse. Ich sehe noch die mitleidigen Gesichter durch die Fensterscheibe, als mein Laufschritt resigniert ausklingt und die Bahn beschleunigt. Während ich auf die nächste warte, stehe ich zwischen zwei sehr männlichen Männern, die aufgeregt mit angeschalteten Lautsprechern telefonieren und rauchen. In der Bahn ist es laut - es riecht und klingt nach Alkohol, der Boden klebt. Ich steige auf einer der belebten Szene-Viertel-Straßen Hannovers aus, Menschen lallen und rufen, ein Fahrrad kippt um, alle trinken Bier und stehen mir im Weg. Zuhause schaue ich noch in meinen Briefkasten, weil ich eh schon gestresst bin. Immerhin ist er leer. Ich falle ins Bett.
Mia, Sonntag 00:45
Nach zwei Monaten Liebeskummer-Roadtrip bin ich wieder zuhause. Ich komme um Mitternacht in Berlin an und obwohl die Zone um den Hauptbahnhof voller betrunkener Asis ist, fühle ich mich sofort sicher. Ich bin hier zuhause und das ist gut so. Ich habe es mir langsam abgewöhnt, mir Entwurzelung als Freiheit verkaufen zu wollen.
Die Girls an der Bushaltestelle tragen rückenfreie Tops, die am Rücken nur mit dünnen Schnüren zusammengehalten werden und exakt so aussehen wie die Tops, die wir in den späten neunziger Jahren getragen haben, als wir noch dachten, ein Gitarre spielender, Marlboro rauchender, blasser Rebel without a cause wäre der romantische Hauptgewinn. Das war eine magische Zeit, hauptsächlich deswegen, weil es diese Jungs in Wirklichkeit nie gab und die wirklichen Stars aller Geschichten immer wir selbst und unsere Freundinnen waren.
Zuhause lasse ich erschöpft mein Gepäck fallen, esse eine YumYum Suppe, mache Mat eine Sprachnachricht und falle ins Bett.
Mika Sonntag, 12:00
Ich schreibe Mia: „Ich glaube, ich werde jetzt nochmal von vorne nüchtern.“
Mia schreibt: „Wie geil das für den Content wird.“
Wir verstehen uns.
Nüchternsein habe ich nicht von heute auf morgen gelernt. Ganz am Anfang, als ich vor dem Alkohol kapitulierte und endlich anerkannte, dass mein Leben unlebbar geworden war, drehte ich mir die Sobriety-Gehirnwäsche von Annie Grace und Allen Carr so tief ins Bewusstsein, dass ich dachte: Ich hab’s! Ich hab das Leben gehackt und den Cheat-Code der Nüchternheit gefunden! Jetzt, einen Monat vor meinem zweiten Geburtstag im Café um die Ecke meiner Wohnung, denke ich, dass ich eigentlich überhaupt gar nichts weiß.
Die Nüchternheit war das erste große Beben. Danach stakste ich durch die Welt auf einem Boden, der noch jederzeit nachgeben konnte, aber zum ersten Mal sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Deshalb kartografierte ich alles so gut ich konnte, um keinen Erdrutsch loszutreten, der mich überwältigen würde. Schritt für Schritt fand ich heraus, wie ich lebe kann, ohne aktiv an meiner eigenen Zerstörung mitzuwirken. Die ADHS-Diagnose war das zweite große Beben. Sie ließ einige Findlinge umstürzen, verschob die Meridiane, stellte die Polung meiner Welt auf den Kopf und schenkte mir die Möglichkeit, eine noch genauere und schönere Karte zu malen.
Jetzt denke ich: Was nützt die schönste Karte, wenn man nicht weiß, wohin man will.
Dann denke ich: Wie geil werden bitte meine Dreißiger.
Mia, Sonntag 15 Uhr
Sonntag, Sommer in Berlin und keine Verabredungen. Ich sitze in einem Café in Moabit, das ich schon kannte, als ich noch ein Kind war. Jetzt ist es voller Expats und kaum einer raucht noch. Ich mache mich selbst unglaubwürdig mit meinem Macbook und meiner ortsunabhängigen, remoten Bloggerei. Die beiden Urberliner am Nebentisch jedenfalls würden mir nie glauben, dass Moabit meine Wiege ist. Sie sind beide in ihren sechzigern Der Mann trägt einen Strohhut, eine gelbe Fliegerbrille und hat eine verblichene Tätowierung von einer Harfe auf dem Oberarm und die Frau ist ganz weiß: weiße Haare, weißes Hemd und weiße Hose, weiße Sonnenbrille und ein kleiner weißer Hund zu ihren Füßen. Sie bestellt alkoholfreies Bier.
Und wenn das mal kein Zeichen ist.
Freitagabend, nachdem wir unsere Wünsche verbrannt haben, bleiben wir noch ein bisschen draußen im Garten sitzen und Mika sagt: Die Woche hat mich verändert.
Und auch ich komme als eine etwas andere Version von mir selbst nach hause. Die neue Version ist heller und leichter. Sie ist wieder mal zwischen zwei Zuständen und muss schon wieder eine alte Haut abschälen, obwohl sie gerade dachte, sie sei praktisch fertig.
Ob die neue Version von mir wirklich besonders viel weiß tragen wird, ist ungewiss. Was aber sicher ist: Sie ist nüchtern und sie schreibt Bücher. Erstmal eins. Und dann noch eins. Und beim dritten Buch hat sie dann bodentiefe Fenster und einen weiten Blick und einen Typen, den sie sich jetzt noch nicht vorstellen kann, weil sie überrascht davon sein wird, wie bekannt sich seine Fremdheit anfühlen wird.