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Baba und der erste Bad Boy, den ich liebte 

Von Mika

Meine erste Erinnerung an Alkohol liegt einige Jahre bevor ich ihn das erste Mal trank. Ich war fünf. Wir lebten in einem Mehrfamilienhaus, einer engen Gemeinschaft über drei Wohnungen hinweg mit offenen Türen und – wie ich heute weiß – zu wenig Platz. Meine Schwester und ich waren die einzigen Mädchen in einem Rudel aus fünf Kindern in dieser 90er Jahre Version der Krachmacherstraße. Wir kletterten auf Bäume, gingen Rollschuhfahren und spielten »von zuhause ausreißen«. Es war das Paradies. Ich liebte alle von ihnen heiß und innig, aber ganz besonders liebte ich Jonathan, der drei Jahre älter war als ich und ständig in Schwierigkeiten geriet. Einmal gab es große Aufregung im Haus, weil der damals Achtjährige einer alten Frau eine Dose an den Kopf geworfen hatte. Er schwänzte die Schule und wenn er doch hinging, kriegte er meistens Ärger für irgendwas. Ich bekam von all dem nur wenig mit, denn ich war mit Abstand die jüngste von allen und ging noch in den Kindergarten. Aber für Jonathan war ich nie die Kleine. Es verbanden uns eine enge Freundschaft und die Neigung zur Geheimniskrämerei. Einmal spielten wir zusammen »Wutanfall« und ich schlug dabei meine neue Alfpuppe so hart auf den Boden, dass sie ein Auge verlor. Ich schämte mich dafür noch Jahre später, aber es blieb unser Geheimnis. So war das. Jonathan und ich verpetzten uns nicht, das war Ehrensache. Wahrscheinlich war er der erste Bad Boy, den ich liebte.

Ein anderes Mal zeigte Jonathan mir die leeren Schnapsflaschen unter dem Bett seiner Mutter.

Im Schatten der Heimlichkeit führte er mich in ihr Schlafzimmer, jede Geste im Flüsterton, hob er die Zipfel der Tagesdecke und sah mich an: »Weißt du, was das ist?« Ich wusste natürlich, dass das leere Flaschen waren, aber verstand nichts, außer dass die Flaschen, genau wie das kaputte Auge meiner Alfpuppe, unser Geheimnis bleiben würden. 

Ich liebte nicht nur Jonathan innig, sondern auch seine Mutter Barbara, deren Namen ich immer so sehr nuschelte, dass sie für mich erst zu »Ba-Ba-Bah« und später einfach zu »Baba« wurde.

Baba war immer lieb zu mir, nur manchmal schrie sie Jonathan an, wenn wir zu laut wurden, und mich traf ihre Härte wie Splitter einer Bombe, die nicht für mich bestimmt war.

Manchmal lag sie auf dem Sofa und war nicht ansprechbar. Einmal wollte ich ihr unbedingt etwas erzählen, aber Jonathan zog mich zurück in sein Zimmer. Ich weiß noch seine Verzweiflung. Ich weiß noch meine Verwirrung. Wir gingen dann zum Abendbrot zu mir. Später, als meine Eltern mich ins Bett brachten, ging Jonathan zurück zu Baba. 

Ich weiß – als Erwachsene, die ich heute bin –, dass Baba natürlich schwer suchtkrank war und dass das alles auch schlimm war, ganz besonders für Jonathan und wahrscheinlich auch für alle anderen. Aber mein Verstand hat überraschend wenig zu melden, wenn ich an die Krachmacherstraße denke. Eigentlich denke ich überhaupt nicht viel.

Ich fühle vor allem diese kindliche Liebe, die unbedingte Loyalität und mein starkes Bedürfnis, sie alle zu beschützen.

Sie sind eingefroren in diesen Jahren in den 90ern, in dieser Stadt in Niedersachsen, in dieser Straße, in diesem Haus. Denn als ich in die zweite Klasse kam, zogen wir in eine andere Stadt in Niedersachsen, eine andere Straße und ein anderes Haus mit weniger Kindern, dafür mit mehr Platz. Die meisten Freundschaften hielten noch viele Jahre, denn es gab auf beiden Seiten Eltern, die sich um die Logistik der Besuche kümmern konnten. Jonathan und Baba sah ich dagegen nie wieder. 

Alle Jubeljahre versuche ich, einen der beiden zu googeln. Dann tippe ich wieder und wieder ihre Namen ein, probiere verschiedene Schreibweisen des Nachnamens in Kombination mit der Stadt. Heute sitze ich zum ersten Mal vor dem Computer und tippe »Traueranzeige«. Ich finde nichts, aber mir kommen die Tränen, während ich nachrechne. Es ist 30 Jahre her, dass ich die beiden irgendwo in den 90ern zurückließ. Es ist schockierend banal: Ihr Leben ist weitergegangen und wahrscheinlich auch Babas Sucht. Als Kind weiß man so etwas noch nicht, aber Baba war eine echte richtige Person mit einer Geschichte und einer Zukunft, mit einem Innenleben, vielleicht mit Traumata, und ganz bestimmt mit Sorgen und Nöten. Wie muss das alles für sie gewesen sein? Wo geht man hin, in den 80ern und 90ern, wenn man eine alleinerziehende Mutter ist, die trinkt? Es muss sehr einsam gewesen sein, da auf diesem Sofa. Vielleicht hat sie sich so ähnlich gefühlt wie ich damals auf meinem eigenen einsamen Sofa.

Sie und ich: zwei Ertrinkende, die fest davon überzeugt sind, an Land nicht leben zu können, getrennt durch drei Dekaden.

Eigentlich will ich für mein Buch ein Kapitel darüber schreiben, wie Menschen lernen, dass man über Alkoholprobleme nicht spricht. Ich will darin zeigen, wie jung man ist, wenn man die ersten Erfahrungen mit Alkohol macht, und dass man versteht zu schweigen, bevor man versteht, worüber man da eigentlich schweigt. Aber als ich darüber mit einer Freundin spreche, spüre ich, dass ich aus der Zeit noch etwas anderes mitgenommen habe. Etwas wertvolles, das ich beschütze. Ich erzähle von Jonathan und seiner Mutter und vom Ertrinken; von den 90ern und dass Baba vielleicht tot ist. Meine Freundin sagt (durchaus mit Mitgefühl):

»Ja, es ist ein Lebensstil, der krank macht.« 

»Nein.« sage ich ohne nachzudenken »Es ist eine Krankheit, die tötet.«

Für manche mag es wie Haarspalterei klingen, ein feiner Unterschied, aber ich bestehe darauf. Es war nicht Babas Lebensstil, zu ertrinken. Dafür brauche ich keine Bücher oder Expertenmeinungen, es steht auch nicht zur Diskussion. Die Fünfjährige in mir weiß das mit jeder Faser ihres Körpers. Und ich weiß es auch, weil die Liebe für Jonathan und Baba bleibt, weil die unbedingte Loyalität erwachsen geworden ist. Und das dringende Bedürfnis, sie alle zu beschützen, das habe ich ohnehin nie verloren.

Kategorie Bi-Weekly

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