SodaKlub Weekly
Mika
Lernen wo ich okay bin.
Mit dem Nüchternwerden ein halbes Jahr, bevor die Pandemie losging, habe ich manche Lektionen ein bisschen verpasst. Ich lerne neu, wo ich gut aufgehoben bin. Wie die Gesellschaft sich anfühlt, wenn ich mich nicht betäube - Und wie ich mit dem Trinken der anderen eigentlich zurecht komme.
Die Gesellschaft von Trinkern kann schwer zu ertragen sein - Ganz besonders, wenn sie alle furchtbar nett sind. Denn man wäre gerne Teil der Gemeinschaft - Aber das goldene Ticket ist nun einmal Saufen. Und irgendwann, wenn man merkt, dass dieser lose Verbund von Individuen sich abgesehen von Trink-Gesprächen und Beschaffungsorganisation nicht viel zu sagen hat und eine Runde Bier nach der nächsten aus dem Kiosk getragen werden, fühlt man sich einsam, als sei da eine unsichtbare Wand.
Meine neue Regel: Wenn ich das Gefühl habe, dass sich die Gruppe um das Trinken formiert, gehe ich. Die Schwierigkeit liegt dabei nicht darin, das zu erkennen, denn die Codes der Trinker entschlüssele ich noch immer so mühelos wie meine Muttersprache. Schwierig ist vor allem, mir selbst zu glauben, wenn alles in mir schreit “Du hast hier nichts zu suchen”.
Erkenntnis der Woche
Es ist gut, Freund*innen zu haben, die mich loben, wenn ich 'Nein' zu ihnen sage.
Fund:
Hat nichts mit Alkohol zu tun. Worträtsel: www.wordle.at (Öffnet in neuem Fenster)
Mia
Listen
Manchmal habe ich das Gefühl, mein Leben besteht nur aus unabhängig voneinander operierenden Nebenprojekten, die jeweils aus einer Million Einzelteilen bestehen, die zu Millionen Punkten auf meinen ToDo Listen werden. Ich mache endlose Listen von Sachen, die ich machen muss, oder will, oder sollte und weiß schon währenddessen, dass das alles niemals irgendwo ankommen wird, dass das immer alles weitergehen wird und dass ich dieses Gefühl von perfekter Ordnung und Balance, in der sich alle Rädchen in genau dem richtigen Rhythmus und der richtigen Geschwindigkeit drehen, niemals erreichen werde.
Ich bin nicht allein damit. Mein Freund Julian hat das auch. Er hat mir mal ein Buch geschenkt, in dem ich immer wieder mal eine Seite lese, wenn meine ToDo-Listen mir das Gefühl geben, mein Leben würde auseinander fallen: »Daily Rituals« von Mason Currey. Darin sammelt der Autor die täglichen Routinen bekannter Leute, besonders Schriftsteller. Und das zu lesen gibt mir immer das beruhigende Gefühl, dass es okay ist, wenn man sein Leben lang braucht, um eine Routine zu etablieren.
Dankbarkeitslisten
Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich zurück zu den Tricks der frühen Nüchternheit: Dankbarkeitslisten schreiben sich wie von selbst, man kann immer weitermachen damit. Und sie helfen wirklich.
(Mein Bett, wenn ich abends einschlafe — meine Luxusprobleme in Content verwandeln — meine sehr intelligenten und unterhaltsamen Freund:innen — gute Haut — Disziplin beim Sport — Meine Arbeit — Bezahlt werden, um das zu tun, was ich liebe — mein fantastischen Stilgefühl, dass mir ermöglicht, geil auszusehen in superbilligen Second Hand Klamotten — Große Auswahl an Second Hand Läden in meiner Stadt — überhaupt: meine Stadt — Frühling — wie die Luft im Frühling riecht — Fahrradfahren — gesunder Körper — Schreiben können, jeden Tag — keines meiner Geräte ist kaputt — mehr Podcasts als ich jemals konsumieren kann, for free — Bibliotheken — Madrugada haben ein neues Album — Melissa Febos hat ein neues Buch — morgens nüchtern aufwachen NEVER EVER gets old)
Melissa Febos schreibt auch über Listen
»Der Drang, eine Liste zu erstellen, ist ein Drang, etwas zu verorten und zu begrenzen. Eine Liste ist ein Versuch, das Chaos in uns und außerhalb von uns in etwas Überschaubares, Endgültiges zu organisieren. Es ist derselbe Drang, der Diagnosen, Blutquanten, Geschlechterdefinitionen, IQ-Tests, Rubiks, Persönlichkeitstypen und Selbstquizze antreibt. Ich habe gelesen, dass das Wort »Zwang« als eine Handlung definiert wird, die wiederholt wird, um eine geistige Besessenheit zu lindern. Eine Liste ist – wie ein Drink – ein Symptom. Sie ist das Kratzen an einem Juckreiz auf der Kopfhaut eines schwirrenden Gehirns. Sie ist eine Beunruhigung, und wie eine Beunruhigung ist sie ein Zeichen für eine tiefere Besorgnis.«
— Melissa Febos: Abandon Me (2017)
(Lest Melissa Febos!!! Sie ist eine Ex-Domina, eine Ex-Heroinabhängige und sie schreibt Sätze, mit denen niemand anders durchkommen würde, so ausufernd und extremistisch sind sie, aber bei ihr funktioniert das, weil sie eine Queen ist.)
Bis nächste Woche
Mika + Mia
💙