Halò ihr Lieben!
Bei meinem Romandebüt »Brewing Tension« verrät schon das Wortspiel im Titel: Irgendwas wird das Ganze wohl mit Bier (oder zumindest etwas Gebrautem) zu tun haben. Ergo: mit Alkohol. Und genau deshalb möchte ich heute darüber sprechen – denn Alkohol ist in unserer Gesellschaft und medial so präsent und normalisiert, dass ich genau das zu einem zentralen Thema meines Buches und zum persönlichen Anliegen meiner Protagonistin Charlotte gemacht habe.
In der Diskussion über die Wirkung von Alkohol gibt es unzählige Perspektiven, von unmittelbar und mittelbar Betroffenen durch Sucht und Abhängigkeit, von Angestellten und Selbstständigen in der Getränkeindustrie, von Menschen, die aus gesundheitlichen oder religiösen (oder anderen) Gründen keinen Alkohol trinken und das auch konsequent ablehnen.
Dass auch schon kleine Mengen Alkohol schädlich für die Gesundheit sind, ist Fakt (1). Aber es ist ebenso ein Fakt, dass Alkohol schon seit sehr langer Zeit konsumiert wird und fest in der menschlichen Kulturgeschichte verankert ist (2).
Aber von vorn. Und vielleicht beginne ich mit meinen eigenen Erfahrungen – denn auch die haben dazu beigetragen, dass »Brewing Tension« so geschrieben habe, wie ihr es bald lesen könnt.
Ich selbst habe lange gar keinen Alkohol getrunken und galt deshalb zu Schulzeiten als uncool. Hat mich aber nicht gestört, denn ich mochte den Geschmack damals einfach nicht und für Coolness etwas in mich reinschütten, das mir nicht schmeckt? Meh. Heute weiß ich: Alkohol ist ein sogenannter »acquired taste« (dt.: erworbener Geschmack), ähnlich wie Kaffee. Geschmacksnerven gewöhnen sich erst nach und nach an starke Sinneseindrücke (ein Grund, warum z. B. Babynahrung für Erwachsene nach nichts schmeckt) und die Gewöhnung geschieht schneller, wenn man einem Geschmack häufiger ausgesetzt ist (3).
Irgendwann lernte ich aber doch Leute kennen, für die die Party am Wochenende und der damit einhergehende Vollrausch dazugehörte. Gut erinnere ich mich noch an die Streitigkeiten, wer denn zur nächsten Dorfdisco (ja, ich bin wirklich so alt) oder in die Stadt fahren würde – denn diese Person konnte ja nichts trinken, wie furchtbar! Der ganze Abend verdorben! (Ihr checkt die Ironie, oder?)
Nach dem Abitur begann ich eine Ausbildung zur Industriekauffrau und hatte eine einzige Zusage für einen Ausbildungsplatz: in einer Malzfabrik. Die Zeit dort habe ich geliebt, aber wer weiß, wie anders mein Lebensweg verlaufen wäre, hätte ich diese Zusage nicht bekommen oder wäre bei einem Unternehmen gelandet, das stattdessen Lichtinstallationen macht. Denn über die Ausbildung in besagter Malzfabrik kam ich immer wieder in Berührung mit dem Prozess der Bierbereitung. Während meine Kolleginnen ihren Bürojob niemals aufgegeben hätten, schaute ich mir jedoch schon bald eine Brauerei im näheren Umkreis genauer an (was Technik und Herstellung angeht natürlich! Wobei, die ein oder andere Verkostung war auch dabei^^) und merkte, dass ich irgendwie doch ganz gerne etwas »Ausgefalleneres« studieren wollte. Denn nach dem Abi hatte ich erstmal nicht gewusst, was ich machen wollte (doch, eigentlich hätte es mich in Richtung Germanistik gezogen, aber das ist ein Thema für ein andermal) und mich deshalb für die vermeintlich sichere Ausbildung entschieden. Das Studium war also meine Chance, mich nochmals zu verändern.
Damit verschlug es mich dann ins oberbayerische Freising nach Weihenstephan, wo ich an der dortigen FH Brauwesen und Getränketechnologie studiert und mit einem Bachelor of Engineering erfolgreich abgeschlossen habe. Ja, ich habe dieses Studium geliebt und ja, das Vorurteil über Braustudent*innen stimmt, wir haben in der Zeit wirklich alle sehr viel getrunken (wobei sich das Gerücht hartnäckig hielt, dass es bei den Forstwirtschaftsstudent*innen noch schlimmer war). Doch auch viele meiner bedrückendsten Erfahrungen mit Alkohol fielen in diese Zeit und ich hatte unglaubliches Glück, dass nichts Schlimmeres passiert ist.
Viele Jahre meines Lebens habe ich mehr getrunken, als gut für mich war. Dabei war ich nie abhängig oder so betrunken, dass ich meinen eigenen Namen vergessen hätte – aber ähnlich wie Charlotte in »Brewing Tension« bin auch ich schwerer und schwerer mit dem Kontrollverlust klargekommen und habe mich ausnahmslos immer am nächsten Tag schlecht gefühlt. Nicht wegen des Katers, sondern deshalb, weil mir mein Verhalten am Vorabend plötzlich peinlich war oder ich angeheitert Dinge zugesagt hatte, die ich nüchtern eigentlich gar nicht mehr tun wollte. Von da an war es nicht mehr weit in eine Abwärtsspirale: Okay, dann mache ich halt das, was ich versprochen habe, aber ich trinke dazu ein bisschen was, um in Stimmung zu kommen.
Denn Alkoholmissbrauch heißt eben nicht nur Sucht und Abhängigkeit, es heißt auch: »Trinken, um zu«.
Und so habe ich getrunken, um zu entspannen.
Ich habe getrunken, um mich zu belohnen.
Ich habe getrunken, um die Gedanken in meinem Kopf zu beruhigen.
Ich habe getrunken, um geselliger zu sein.
Ich habe getrunken, um diese eine Person in der Runde besser auszuhalten.
Das alles wurde zu Mustern und Verhaltensweisen, die sich mir nach und nach eingebrannt haben, bis ich es irgendwann gar nicht mehr hinterfragt habe – und es auch gar nicht hinterfragen musste, weil mir von meinem Umfeld und auch von den Medien gespiegelt wurde: Das ist doch normal.
How I Met Your Mother, Friends, Gilmore Girls – überall wurde getrunken, angestoßen, gefeiert. Und das alles ohne Einordnung und vor allem: ohne Langzeitfolgen. Denn mehr als dass sich jemand im Vollrausch einfach komplett blamiert hat, ist nie passiert.
Genau durch solche Spiegelungen lernen wir, dass es »normal« ist, Alkohol zu konsumieren (4). Trinken ist die Norm, auf die sich alle scheinbar geeinigt haben. Warum verteufeln wir Drogen, denken aber Alkohol nie mit? Obwohl es mit Abstand die Droge ist, die jährlich die meisten Todesopfer fordert? (5)
Mittlerweile ist wissenschaftlich erwiesen, dass nicht einmal kleine Mengen Alkohol gesund sind (1), während früher noch das Halbwissen kursierte, dass ein kleines Glas Rotwein am Abend gefäßverjüngend wirken sollte.
Ende 2024 war ich mit dem Alkohol an einem Punkt angekommen, an dem ich (und das ist gefühlt wirklich von einem Tag auf den anderen passiert) gemerkt habe: Mit dem Trinken lebe ich an meinem Leben vorbei – auch wenn es nur die zwei, drei Bier am Samstagabend sind. Denn der Mensch, der ich bin, wenn ich Alkohol getrunken habe, der bin ich eigentlich gar nicht. Oder zumindest nicht so richtig. Schließlich habe ich einen Schlussstrich gezogen, um mir 2025 zu beweisen, dass ich auch anders kann: ein Jahr komplett ohne Alkohol.
Anfangs fiel es mir gar nicht so schwer, wie ursprünglich angenommen. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich ziemlich hartnäckig sein kann, wenn ich mir etwas wirklich in den Kopf gesetzt habe – ich hatte also kaum Zweifel, sondern nur Angst vor dem Backlash nach diesem Jahr. Würde ich das auch weiterhin durchhalten? Würde ich hin und wieder doch in einem geringen Maß Alkohol trinken? Oder würde ich in alte Gewohnheiten zurückfallen und trinken wie vorher?
Vor den ersten Abenden mit Freund*innen oder Familie habe ich mir ein Bullshit-Bingo gebaut und mich unter anderem auf folgende Sätze gefasst gemacht:
Bist wohl schwanger?
Hast du irgendwas Gesundheitliches? Nimmst du Medikamente?
Willst du abnehmen?
Musst du fahren?
Hast du eine Wette verloren?
Als bräuchte es irgendeine Rechtfertigung, keinen Alkohol zu trinken. Ich habe tatsächlich keinen der Sätze je zu hören bekommen (zumindest nicht im Kontext mit meiner Alkoholabstinenz), was wohl auch daran liegt, dass mein jetziger Freund*innenkreis Wertschätzung nicht davon abhängig macht, ob und wie viel jemand trinkt. An anderer Stelle wäre mir das wohl eher passiert und damit sind wir beim zentralen Punkt dieses Artikels angekommen: In unserer Gesellschaft ist Trinken die Norm, Abstinenz die Ausnahme.
Ein bisschen traurig bin ich ja schon, dass mich niemand gefragt hat, warum ich nichts trinke, denn dann hätte ich gekontert mit: Warum trinkst du denn? Und ich bin mir sicher, dass hätte sehr schnell zu sehr persönlichen Gesprächen geführt. Denn während die Frage »Warum trinkst du nichts?« völlig legitim anmutet, ist die Gegenfrage etwas, das man selten bis gar nicht hört.
In meinem alkoholfreien Jahr habe ich mich mehr und mehr gefragt, ob die Medien nur den vorherrschenden Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft spiegeln oder ihn sogar beeinflussen. In Büchern, Filmen, Serien, Lyrics begegnen wir in erster Linie fünf Wirkweisen von Alkohol, die noch immer als völlig in Ordnung gelten und die im besten Fall nicht eingeordnet werden, im schlimmsten Fall als positiv und erstrebenswert dargestellt werden.
Alkohol als Zeichen für Geselligkeit und Gemeinschaft.
How I Met Your Mother: Zu einem gemütlichen Abend mit Freund*innen gehört Alkohol einfach dazu und macht eine lockere Runde noch lockerer. Wer nicht trinkt, gilt schnell als Spielverderber*in.
Alkohol zur Bewältigung von Gefühlen.
A Star Is Born: Gerade bei Kunstschaffenden wirkt Alkohol schnell als Selbsttherapie dargestellt, um kreativ zu werden und Gefühle besser zu kanalisieren zu können und wirkt dadurch wie etwas Erstrebenswertes.
Alkoholkonsum und exzessives Trinken als Rebellion.
Wolf of Wall Street: Alkohol wird zum wesentlichen Teil eines Lebensstils, der überbordenden Reichtum und Regelbruch demonstriert. Wer trinkt, stellt sich gegen Norm und Anpassung.
Alkohol zur Charakterisierung von Personen.
James Bond: Wodka Martini als Signature Drink wird zur Darstellung von Klasse und Stil genutzt. Der Wert des Getränks bestimmt schnell auch den Wert der konsumierenden Person.
Alkohol als legitime Stressbewältigung.
Suits: Wenn der Arbeitstag in der Anwaltskanzlei lang und anstrengend war (Spoiler: Das ist eigentlich jeder Arbeitstag dort), gönnen sich Harvey & Co. einen Wein oder Whisky, um runterzukommen.
So.
Mit diesem ganzen Wissen im Hintergrund habe ich also ein Buch geschrieben, in dem eine Brauerei und ein Pub eine sehr zentrale Rolle spielen. Warum?
Als ich die erste Fassung geschrieben habe (im Sommer 2022), gehörten das gelegentliche Feierabendbier oder feuchtfröhliche Wochenenden mit Freund*innen einfach dazu und ich konnte mir schlicht nicht vorstellen, auf Alkohol zu verzichten. Mit meinem Hintergrund mi Brauwesen hat hier außerdem der schreiberische Grundsatz »Schreib über das, was du kennst« den Ausschlag gegeben, eine meiner Protagonistinnen zur Braumeisterin zu machen.
Doch mein Standpunkt wie auch mein Alkoholkonsum haben sich nach und nach verändert.
Der Übergang passierte schleichend und es gab (zum Glück, muss ich wohl sagen) kein einschneidendes Erlebnis, das mich vom Alkohol weggebracht hat. Eher war es ein Zusammenspiel aus vielen kleinen Dingen, die dazu geführt haben, dass ich das Buch Anfang 2025 noch mal komplett umgeschrieben habe – und dazu, es mal wieder ohne Alkohol zu versuchen.
Genau deshalb spricht Charlotte in der jetzigen Fassung von »Brewing Tension« offen an, wie normalisiert Alkohol in unserer Gesellschaft ist. Und gerade in einem Land wie Großbritannien (und noch mehr in Schottland), in dem die Pubkultur hochgehalten und die Kneipe als Ort der Gemeinschaft gewahrt wird, birgt das einiges an Spannungspotenzial.
Denn Caitlin ist mit Pub und Brauerei aufgewachsen und ist Braumeisterin aus Leidenschaft. Sie argumentiert nicht nur mit dem Gemeinschaftsgefühl, das die Zusammenkunft im Pub (nicht unbedingt der getrunkene Alkohol!) schafft, sondern auch mit den Stellen, die damit zusammenhängen. Auch in Großbritannien schließen immer mehr und mehr Braustätten (6) und die Zukunft der Branche ist in der Schwebe.
Doch das heißt nicht, dass es keine Perspektiven gibt – denn der Absatz alkoholfreier Alternativen nimmt mehr und mehr zu (7).
In genau diesem Spannungsfeld bewegt sich »Brewing Tension«. Wusstet ihr übrigens, das ihr bereits reinlesen könnt?
»Brewing Tension« ist kein Plädoyer für oder gegen Alkoholkonsum. Vielmehr möchte ich damit zeigen, dass wir den Alkohol nicht einfach aus den Köpfen bekommen, indem wir alles verurteilen, was auch nur im Entferntesten damit zu tun hat, sondern indem wir immer wieder für einen verantwortungsvollen Umgang einstehen.
Indem wir uns bewusst machen, wenn Alkohol mal wieder unbedacht konsumiert wird.
Indem wir uns selbst und unsere Gründe, weshalb wir trinken, hin und wieder hinterfragen.
Indem wir alkoholfreien Alternativen zumindest mal eine Chance geben und den Fokus von Alkohol im Besonderen eher zu »Spaßgetränken« im Allgemeinen verlagern (und dazu zählt m. E. auch schon eine Limo).
Denn genau das normalisiert wiederum, gemeinsam in fröhlicher Runde beisammenzusitzen und trotzdem etwas Leckeres zu konsumieren.
Wie ging es mir also mit dem Ende meines alkoholfreien Jahres?
Inzwischen sind fast drei Monate ins Land gegangen, in denen das selbst auferlegte strenge Alkoholverbot nicht mehr gilt und ich merke: So richtig Lust auf Alkohol habe ich gar nicht mehr. Ich trinke zwar manchmal am Wochenende ein Glas Wein oder ein Bier, aber dabei bleibt es dann auch.
Und eigentlich geht es mir beim Trinken auch nicht mehr um die Wirkung des Alkohols (die finde ich inzwischen eher lästig), sondern eher um den Geschmack und die Möglichkeit, mir hin uns wieder etwas Besonderes zu gönnen. Im vergangenen Jahr habe ich deshalb viel ausprobiert und etliche Alternativen entdeckt. Alkoholfreies Bier ist lange nicht mehr so verpönt, wie es mal war und mittlerweile haben sich sogar neue Herstellmethoden hervorgetan.
Genau das ist die spannende Entwicklung der Branche, die ich auch weiterhin verfolgen möchte und bei der ich das Gefühl habe: So könnte es funktionieren.
Abschließend habe ich drei Alternativen für euch getestet und kann diese wärmstens empfehlen (alles übrigens unbezahlte Werbung aus Überzeugung):
üNN, alkoholfreies India Pale Ale der Kehrwieder Brauerei
https://www.kehrwieder.shop/ipa-alkoholfrei (Öffnet in neuem Fenster)Rosé Null, alkoholfreier Rosé von III Freunde Weine
https://dreifreundeweine.de/products/rose-null (Öffnet in neuem Fenster)Polly London Classic alkoholfreier Gin von Polly
https://drinkpolly.de/products/london-classic (Öffnet in neuem Fenster)Letzterer ist übrigens der Gin, den Charlotte im ersten Kapitel von »Brewing Tension« gekauft hat. Im Buch wird zwar keine Marke genannt, aber in meinem Kopf war es dieser hier :D (Insiderwissen, das ihr hier bekommt, ihr checkt?)
Damit seid ihr dann – getränkemäßig und inhaltlich – hoffentlich bestens gerüstet, um auf den Buchrelease am 09.04.2026 anzustoßen :D
Cheers
Stevie x
PS. Falls sich jemand fragt: Ja, meine Vorliebe für Klammern hat Charlotte von mir geerbt 😊

Quellen und weiterführende Literatur:
(3) https://recipes.howstuffworks.com/10-acquired-tastes.htm (Öffnet in neuem Fenster)
(5) https://awo.org/artikel/drogentodesfaelle-kein-grund-zur-entwarnung/ (Öffnet in neuem Fenster)
(6) https://wb.camra.org.uk/2025/02/20/uk-brewery-numbers-continue-to-decline (Öffnet in neuem Fenster)
Buchtipps:
Chianti zum Frühstück – Wie ich aufhörte zu trinken und anfing zu leben, Clare Pooley
https://www.genialokal.de/Produkt/Clare-Pooley/Chianti-zum-Fruehstueck_lid_46689786.html (Öffnet in neuem Fenster)Ungezähmt, Glennon Doyle
https://www.genialokal.de/Produkt/Glennon-Doyle/Ungezaehmt_lid_43546910.html (Öffnet in neuem Fenster)