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StreetLetter #8: Aufblasflamingos und andere Obsessionen

Willkommen bei dem Newsletter, in dem es nicht um Technik und neue heiße Scheißkameras geht – auch wenn der Werbefilm zur neuen x100 wirklich nett und sehenswert ist (Öffnet in neuem Fenster). Aber das können andere besser und kompetenter, ich schreibe lieber über Bilder, und darüber, was im Kopf passiert, wenn sie zustandekommen.

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Seit über einem Jahrzehnt reise und fotografiere ich einigermaßen häufig. Aber was ich beim Reisen fotografiert habe, das hat sich im Lauf der Zeit stark verändert. Zum Beispiel meine Urlaubsfotos. Ich habe schon vor einiger Zeit mal erzählt, was ich über Urlaubsfotos so denke (Öffnet in neuem Fenster), und vermutlich denke ich darüber schon wieder ein bißchen anders, wenn ich das heute schreiben würde. Kurz: Auf Urlaubsfotos, die ich mag, müssen Menschen abgebildet sein, nicht nur Sehenswürdigkeiten. Und zwar alle Menschen. Solche, die man kennt, wegen der persönlichen Erinnerungsfunktion. Aber auch solche, die nur zufällig im Bild sind.

Als ich sehr viel unterwegs war, also nicht nur aus Gründen der eigenen Erholung, fing ich an, darüber nachzudenken, wie Tourismus aussieht und was er mit der Umgebung macht, in der er stattfindet. Welche künstlichen Paradiese er erzeugt, und was der Preis dafür ist. Wie er Länder und Landschaften verändert und wie die eigentlich löbliche Tugend der Gastfreundschaft zu einem Business wird. Die Umgebungen, in denen Menschen sich erholen, haben ihre ganz eigene Ästhetik, und irgendwann begann ich mich dafür zu interessieren.

Mit Fotografien vom Tourismus verbindet man in erster Linie Martin Parr, vor allem sein Buch “The Last Resort” (Öffnet in neuem Fenster). Parr zeigt darin die Urlaubsträume des Kleinbürgertums und der Arbeiter in einem maroden Ort namens New Brighton. Der Beton bröselt, alles wirkt etwas schäbig, doch der Willen, es sich gut gehen zu lassen, ist ungebrochen. Ich hingegen finde gerade die perfekten Welten des Luxustourismus spannend. Die Kokons fernab der mitunter durchaus problematischen Gegebenheiten des Urlaubsorts, in denen man zwischen Pool und Cocktail möglichst wenig unternimmt, und wenn, dann sind es harmlose Vergnügungen. Die Kreuzfahrtschiffe und ihre abgeschotteten Welten auf See, die mitunter kurze Berührungen mit Landmasse haben, die dann im Eiltempo besichtigt wird.

Das ist eine Art Urlaub, die ich privat niemals machen würde, auch wenn ich sie mir leisten könnte. Sorry, das ist einfach nicht meins, aber wer es mag, dem sei es unbedingt gegönnt. Als Beobachter finde ich das allerdings äußerst spannend. Ehrlich gesagt habe ich mich irgendwann gefragt, warum ich mich so lange mit diesen ewigen Sehenswürdigkeiten überall aufgehalten habe, wo doch der Hotelpool das für mich eigentlich Spannende ist. Vor allem ist er etwas, über das ich einigermaßen valide Aussagen treffen kann. Valider jedenfalls, als ein Land zu dokumentieren, in dem ich mich kurz mal aufhalte und bald wieder abreise.

Aber es braucht eben eine gewisse Zeit, bis sich Themen und Projekte aus der Bilderflut schälen, die man ständig so produziert. Dann ergeben sich Häufungen und Fragen und Obsessionen für seltsame Dinge. Wie bei Siegfried Hansen und den Eistüten (Öffnet in neuem Fenster) zum Beispiel. Ich konnte irgendwann an keinem Aufblasflamingo mehr vorbeigehen. Gib mir einen Aufblasflamingo, und ich bin die nächsten Minuten beschäftigt. Letztes Jahr bin ich mal morgens auf dem Weg zum Frühstück wieder zurück ins Zimmer gerannt, um die Kamera zu holen, weil auf dem Hotelpool ein Aufblasflamingo war. Im Gegenlicht!

Solche Obsessionen (oder Trigger, wie Siegfried Hansen das nennt) sind oft ein guter Wegweiser, und man sollte ihnen unbedingt nachgehen. Manchmal ergibt sich daraus ein gutes längeres Projekt. Manchmal ändert sich das dann nochmal. Es weitet sich aus oder grenzt sich ein. Aber das ist normal, kein Grund zur Panik.

Momentan bringe ich von jeder Reise etwa eine Handvoll Bilder mit, die ich in einen Ordner schiebe, der noch keinen richtigen Namen hat, nur einen Arbeitstitel. Irgendwann werden wir die Bilder mal auf einem Tisch ausbreiten und schauen, was man daraus so machen kann. Dann erfahrt ihr es hier natürlich.

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