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Eine Begegnung

Werkstattfassung

Da war diese junge Frau, die Bedienung im Restaurant Clemens, von der ich annahm, sie sei die Tochter des Wirts. Vielleicht nur, weil er sie fortwährend von seinem Platz hinter dem Tresen – aus den Augenwinkeln heraus – beobachtete, sobald sie sich länger, als für seine Begriffe nötig, bei den Gästen aufhielt. Doch das allein konnte meine Vermutung nicht stützen. Jeder auf eine gute und rasche Bedienung seiner Gäste bedachte Wirt würde seine Leute im Auge behalten. Aber sein Argwohn war doch allzu offenkundig. Wenn die Gäste junge Männer waren, wurden seine Augen besonders wachsam. Nicht selten trat er dann hinzu und bat die junge Bedienung um einen Gefallen – etwa, doch rasch eine neue Decke auf den frei gewordenen Tisch in der anderen Ecke zu legen.

Ich verließ das Restaurant. Von draußen warf ich noch einen Blick zurück durch die großen, beschrifteten Scheiben hin zu meinem Tisch. Die junge Frau war gerade dabei, ihn für den nächsten Gast herzurichten. Doch unsere Blicke trafen sich nicht. In der hinteren Ecke krakeelte ein Lauttöner neben seiner Frau. Keines seiner Worte drang auf die Straße, doch das Benehmen war auch so zu erahnen: die wirbelnden Gebärden sprachen für sich. Widerlich, dachte ich. Ich blieb stehen, beobachtete den aufdringlichen Gast, das Fuchteln mit dem Besteck, das Reden mit vollem Mund. Dann stieß er mit dem Ellbogen seine Frau an und deutete auf seinen Teller. Sie schüttelte den Kopf, er hob sein fettes Kinn.

Ein Tippen auf meiner Schulter. Es war der Wirt. „Wissen Sie“, sagte er, „es ist im Augenblick nicht günstig. Aber nach Feierabend um elf können Sie meiner Tochter zur Hand gehen. Es gibt dann noch allerhand aufzuräumen und für den nächsten Tag herzurichten. Sie ist oft bis nach Mitternacht beschäftigt. Und da ich in der Küche helfen muss, kann ich keine große Hilfe sein. Auch gäbe es für euch Gelegenheit zum Reden.“

Ich schaute durchs Fenster in den Gastraum. Die junge Frau war im Gespräch mit dem Lauttöner. Er ließ sich etwas aus der Speisekarte erklären. Doch ihr Deutsch war nicht besonders gut, und sie konnte ihm offensichtlich nicht die gewünschte Antwort geben. Der Lauttöner winkte sie mit einer abfälligen Handbewegung fort.

„Ja, ich werde kommen“, antwortete ich knapp. Gewiss erwartete der Wirt bei einer so ungewöhnlichen Einladung auch kein langes Gerede.

Auf dem Weg zur nahen Wohnung schöpfte ich Kraft aus der Aussicht auf ein Rendezvous. Mit solch reizvollem Ziel vor Augen schwebte ich mit Leichtigkeit durch die Zwischenzeit. Wie ein Fisch glitt ich durch die Strömung. In den Straße grüßte ich mir völlig fremde Passanten, hielt Autos an, damit Fussgänger die Straße queren konnten.

Auf dem Hauptmarkt setzte ich mich unter dem monströsen Denkmal des toten Helden auf eine Bank. Ströme von Menschenkörpern fluteten den Platz. Dazwischen aber auch seichte Stellen, an denen Freunde sich zur verabredeten Zeit einfanden, ruhig und dicht gedrängt beisammen standen, um sich dann gemeinsam auf den Weg zu machten. Und über allem brummten tausend Menschenstimmen.

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