Erdbeerkönig Robert Dahl über Angst und Lust am Risiko

Robert Dahl kennen inzwischen die meisten als „den Erdbeerkönig“. Der Mann hinter den Karls-Freizeitparks, der mit einem 10-Hektar-Erdbeerfeld angefangen hat und daraus ein Imperium gemacht hat. Heute juchzen Kinder aus allen Bundesländern, während sie in seiner Erdbeerraupe Achterbahn fahren, im fliegenden Kuhstall durch die Luft gewirbelt werden oder Maskottchen Karlchen umarmen. Und das nächste Karls wird übrigens unter Palmen aus dem Boden gestampft, denn jetzt geht es mit dem Erdbeertraum sogar in die USA. Aber vorher hat Robert Dahl dem Funckyclub verraten, wo er den ganzen Mut zum Unternehmertum herhat und welche Attitude wir uns von ihm abgucken können, wenn es mal brenzlig wird.
Robert, heute bist Du allen bekannt, als der Erdbeerkönig mit den Freizeitparks, aber jeder fängt ja mal an. Gab es mal einen Rückschlag am Anfang und du dachtest, das war es jetzt, alles vorbei?
Ja, solche Situationen gab es ganz oft. Früher hatten die eine andere Dimension im Vergleich zu heute, aber da dachte ich auch schon, jetzt ist alles vorbei. Das Schöne ist: Mit zunehmendem Alter wird man zuversichtlicher, weil man schon gelernt hat, dass eben doch nicht alles vorbei ist. Früher habe ich meinen Vater bewundert. Da war ich fast ein bisschen neidisch, weil er in solchen Momenten immer so cool blieb. Und jetzt merke ich es auch an mir: Die riesige Angst kriecht mir nicht mehr den Nacken hoch. Jetzt macht mir die Herausforderung fast Spaß. Ich erinnere mich noch daran, dass es einmal während der Corona-Zeit sehr brenzlig war: Die Erdbeeren wurden schon rot und wir hatten in der Saison fast ausnahmslos ukrainische Studenten als Erntehelfer engagiert. Normalerweise sind die dann immer mit einer ukrainischen Firma zu uns gefahren worden. Und dann hieß es, die dürfen nicht durch Polen fahren- wegen der Pandemie. Das war schon der Wahnsinn, all die Felder leuchteten schon rot und keiner kam. Es hätte den Totalverlust der gesamten Ernte bedeutet. Ich habe im ersten Impuls versucht, dagegen anzugehen, aber ganz schnell gemerkt, das funktioniert nicht. Und dann sind mein Team und ich auf die Idee gekommen, alle einzufliegen und haben beim Gründer der Sundair angerufen, der auch in Mecklenburg Vorpommern sitzt. Und mit ihm ausgerechnet, dass wir 11 Boeings chartern müssen. Da dachte ich schon, das kann ja heiter werden. Denn damit allein war es noch nicht getan: Wir mussten ja auch noch den Hamburger Flughafen öffnen, das ganze Bodenpersonal bezahlen. Das hat 500.000 Euro gekostet. Erstmal war mir die Summe egal, ich wollte die Ernte einfahren. Dafür arbeitet man das ganze Jahr. Es war schon fast eine Wette mit mir selbst, ob sich das lohnt. Dann ist was Kurioses passiert: Die Studenten kamen bester Laune an. Sie fanden es viel schöner zu fliegen als 13 Stunden im Bus zu sitzen. Als sie eintrafen, mussten sie alle schön Maske aufsetzen, was ja absurd war nach dem gemeinsamen Flug. Dann erfuhren wir, dass das deutsche Gesundheitsamt verboten hatte, dass alle zusammen in einem Reisebus sitzen dürfen. Nur 50 % durften besetzt werden. Also mussten wir 88 Reisebusse anmieten. Es wurde immer absurder. Die Studenten amüsierten sich weiter, während Fieber gemessen wurde. Das war einer dieser Momente, den ich noch von früher kannte. Da stieg schon kurzzeitig Panik auf, dass alles schief geht. Am Ende hat es sich aber gelohnt. Und Inzwischen kann ich darin teilweise eine regelrechte Lust empfinden, diese extremen Situationen zu bekämpfen. Wenn es dann klappt, ist die Freude doppelt so groß, auch wenn es ein bisschen fatal sein mag. Wenn wir mal wieder vor einer Baustelle sitzen, 4 Wochen vor Eröffnung, und es wird eng und man muss so richtig ranklotzen, dann gibt mir das auch was. Es ist wie eine kleine Hassliebe. Manche nennen es auch Unternehmergeist.
Du hast ja ein riesige Family Business. Wie findest du den Mut große Entscheidungen zu treffen? Auch für künftige Generationen?
Naja, man bringt sich einfach immer wieder gerne an die Klippe. Ich habe immer Situationen, in denen ich spüre, dass sie uns Kopf und Kragen kosten könnten. Um mich dann zu beruhigen, habe ich relativ schnell einen Gedanken: Es kann nicht viel passieren. Ich habe mein Leben einfach gestrickt. Selbst wenn man mir alles nehmen würde, so richtig schaden kann man mir damit nicht. Ich bin gesund, ich habe meine Familie, das ist das Wichtigste für mich. Man landet ja nicht in der Gosse. Ich brauche gar nicht so viel Mut, weil ich gar nicht so viel Angst habe, alles zu verlieren. Ich bin immer so fasziniert, wenn wir am Strand im Urlaub sind, und dann diese Menschen auf der Suche nach Münzen mit ihrem Metalldetektor an uns vorbeilaufen. Dann spreche ich die immer an. Und denke, das wäre meine letzte Rückfalloption. Das könnte ich mir vorstellen, schön im Sonnenaufgang laufen und Münzen suchen. Im letzten Urlaub habe ich einen Klaus kennen gelernt, der genau das gemacht hat. Er saß in einem Café danach, hat eine geraucht und einen Espresso getrunken und fand sein Leben schön. Der Gedanke hilft mir. So schlimm kann es einfach nicht werden.
Braucht man heute mehr Mut als früher?
Ich denke ja. Man spürt schon, dass die Welt bürokratischer geworden ist als zu der Zeit, als ich mich selbständig gemacht habe. 1993 wurden einem Fehler unglaublich leicht verziehen. Eventuell wurde es auch nicht sofort von den Behörden erkannt oder ich hatte, ohne es zu wissen, einen gewissen Welpenschutz. Heute wird man härter angepackt. 1993, als die erste Erdbeerernte in Rövershagen losging, und wir nur 10 Hektar hatten, haben unsere polnischen Erntehelfer in einem Wald neben dem Feld gezeltet. Da hatten wir einen Wasserwagen, die Toilette war der Wald. Und die Ostsee-Zeitung hat darüber einen romantischen Artikel geschrieben, wie schön das doch war. Heute wäre das Ausbeutung, menschenunwürdige Unterbringung, Umweltverschmutzung, mindestens kurz vor Sklaverei. Damals war das einfach nur „schön“- und niemand hat sich etwas dabei gedacht. Das ist jetzt 32 Jahre her, was noch nicht so lange ist. Aber die Wahrnehmung wäre jetzt eine gänzlich andere.
Ich glaube, was aber immer noch hilft, ist eine gewisse Naivität, eine Leichtfüßigkeit. Die versuche ich bei Karls zu erhalten. Neulich habe ich in einem Interview für Karls eine Postkarte zitiert: „Das Geheimnis ewiger Jugend? Werde niemals erwachsen!“ Da ist was dran! Ich staune auch oft über meine Tochter Maya, die sich gerade mit ihrem eigenen Pilates- Studio in Berlin selbständig macht. Das fühlt sich alles so leicht an, man könnte das komplett verkopfen, aber das macht sie einfach nicht. Das finde ich geil. Jüngere Menschen zerdenken weniger. Man sollte nicht alle Eventualitäten durchdenken- das blockiert nur.
Du hast aus einem Erdbeerhof ein Imperium gemacht. Wie schützt du dich vor Stimmen, die sagen, das geht doch gar nicht?
Immer, wenn jemand sagt, dass etwas nicht geht, erzeugt das bei mir einen unglaublichen Ehrgeiz zu beweisen, dass dem nicht so ist. Das ist wie ein Knopf, den man bei mir drückt. Wenn ich schon höre, dass die Experten nicht der Meinung sind, dass das geht! In 20-30% aller Fälle haben sie recht, aber in vielen Fällen geht es dann eben doch. Ich finde es sehr wichtig, darauf nicht zu hören. Wenn wir von Karls nicht so drauf wären, dann würde bei uns gar nichts funktionieren. Wir finden jedes Schlupfloch.
Wir haben solche Situationen dauernd im Software- Bereich. Auch bei Terminen. Wir wollten ein Gastro-Outlet mit mobiler Orderung haben- und das Ganze bitte innerhalb von 4 Wochen. Das wollten nur die Software-Leute nicht. Ich habe dann gebohrt: „Wie lange dauert das? 3 Tage?“ Die Antwort war: „Ja, aber wir müssen es testen und können es nicht garantieren.“ Am Ende ging es. Ich habe gelernt: Wenn man etwas erreichen will, darf man nicht immer alles hinnehmen.
Was rätst du jungen Menschen, die ihren Traum verfolgen wollen, aber sich nicht trauen?
Ich finde, Deutschland ist ein Land, wo man sich alles trauen kann, weil wir ja gut abgesichert sind. Hunger wirst du nie leiden, du kannst nicht ganz tief fallen und du kannst ja nach einer Privatinsolvenz wieder neu anfangen. Ich denke oft an die Texte von Poetry-Slammerin Julia Engelmann, an„Eines Tages, Baby“, eines Tages werden wir alt sein“… Es ist irgendwie erbärmlich, wenn man in diesem Leben nichts ausprobiert. Es kann nicht so schlimm schiefgehen, dass wir auf der Straße sitzen, wir sind ja kein Entwicklungsland.
Mein anderer Lieblingstext ist „Stufen“ von Hermann Hesse. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ kann ich nur unterschreiben. Und jede Gedichtzeile sagt dir, du sollst einfach weitergehen, keine Angst haben, neue Welten erforschen und nicht so verharren. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren.
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