LITERATUR-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
Von der „jüdischen Sippschaft“, die gekommen sei, um „deutsche Leute wie ihn auszusaugen“, spricht der Semi-Incel Philipp in Lana Lux’ Geordnete Verhältnisse (Öffnet in neuem Fenster). Sippschaft ist abwertend für Verwandtschaftsverhältnisse, da könnt ihr jeden Clan fragen, nicht wahr, Horst Schlämmer (Öffnet in neuem Fenster)?
„Eine Ordnung in die Erinnerung bringen – wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.“ - Monika Helfer, Die Bagage, S. 55
Dabei macht es einen Unterschied, ob mensch als Teil der (Walh-)Verwandtschaften von „der Sippe“ spricht oder ob dies ein Außenstehender tut. Wenn es noch um Zuschreibungen wie „verlotterte“ oder „verschlagene“, „jüdische“ oder „arabische“ (Kontext ist alles) ergänzt wird, müssen wir wohl nicht mehr debattieren, dass nur Arschlöcher so sprechen. Selbst, wenn es sich dabei um Bundespolitiker*innen handeln sollte.

Egal, wir wollen nicht abschweifen. Um Familie und Vorurteile, Zuschreibungen und Gerüchte, Abgründe und Lügen, böse Menschen und solche, die es nicht sein wollen, widrige Umstände und hehre Bestrebungen, Geschäftchen und „kalte Persönchen“, Eigensinn und Leiber geht es in zwei Romanen die unterschiedlicher und ähnlicher nicht sein könnten.
Maxim Biller zeichnet in Sechs Koffer eine dramatisch-spannende, wendungsreiche und undurchsichtige Familiengeschichte auf, die irgendwie zwischen Heist-Story und Kultur- und, klar, Zeitgeschichte steht. Dieser verwandt scheint Monika Helfers Die Bagage – so wird die Familie aus dem hinteren Tal bezeichnet –, nicht zuletzt durch tonale Auflösungen, Einschübe und Gedankenplätze, die wie ein Bruch der Fourth Wall („vierten Wand“) daherkommen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/116a074f-5bcc-4eb6-8c1e-ae1d9c6a80a2 (Öffnet in neuem Fenster)Beide stellen „Nachforschungen“ an, auch wenn sie selber es so nicht nennen würden, sie „tun nicht herum“. Bei Biller geht es um jüdisches Leben und ein „etwas zu jüdischen Aussehen“, bei Helfer um gute Christen und böse Pfarrer, die in die Hölle gehören (Öffnet in neuem Fenster). Beide Bücher erzählen von Verzweiflung und Verrat. Bei Biller steht dieser in einem politischen, historischen und leider auch familiären Kontext. Bei Helfer sind es ausgerechnet die vermeintlich Helfenden, die Gutmenschen, die aufrechten Gläubigen, die lieber dem Neid frönen und das Besondere, Individuelle verpönen, statt Mensch, Mensch sein zu lassen.

Kriege im Kleinen wie im Großen sind wesentliche Bestandteile beider Bücher, Affären – privat und öffentlich (Öffnet in neuem Fenster), persönlich und politisch ebenso. „Emigration ist kein Vergnügen“, lässt Biller den Onkel Dima an einer Stelle sagen. Gebürtige Heimat auch nicht unbedingt möchten wir nach der Lektüre Helfers anmerken. Aber gut, dass wissen auch Biller und seine Figuren: Flucht aus Freude ergibt so wenig Sinn, wie „Sozialismus durch Abschreckung“.
Maxim Billers Sechs Koffer tragen im „groben, gebieterischen Familienton“ noch manch Ansatz einer Groteske mit sich herum, derweil Monika Helfers Bagage bei manch Verschrobenheit und einiger Tragik eher lakonisch durchs Tal und den Schnee watet, wo ihr (sinnbildlich) „all die Verstorbenen zu Füßen liegen“. So kennt es der Autor dieser Zeilen auch von Vati und ist froh, jetzt endlich den Beginn der Helfer’schen Familienaufstellung gelesen zu haben.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/33c6269a-0baf-4aaf-890c-893772d622b0 (Öffnet in neuem Fenster)Was ebenfalls beiden Erzählungen gemein ist, auch wenn es nur in einer geschrieben steht: „Wer sich entschuldigt, ist schuldig.“ Und nein: Es ist noch lange nicht vorbei.
AS
PS: „Ich bin, was ich bin.“ - „Pass bloß auf dich auf!“ - Helfer
PPS: „[…] der zwar jünger aussah, als er es war, aber das kam natürlich nur davon, dass er noch immer das schöne, freie und ein bisschen leere Leben eines unverheirateten Mannes führte.“ - Biller
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Maxim Biller: Sechs Koffer (Öffnet in neuem Fenster); August 2018; 208 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen; ISBN: 978-3-462-05086-8; Kiepenheuer & Witsch; 19,00 €

Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Monika Helfer: Die Bagage (Öffnet in neuem Fenster); Februar 2020; 160 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-446-26562-2; Carl Hanser Verlag; 19,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/2073f88d-5b6f-4628-a588-e44c4c2b315e (Öffnet in neuem Fenster)