LITERATUR-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
Kürzlich sprach ich mit einer Bekannten oder Werdenden-Freundin über das Ende, den Tod, etc. Sie sagte zu mir, dass sie mit dem Tod als Ereignis gut klarkäme (Öffnet in neuem Fenster), dieser etwas sei, das zu verkraften wäre. Weniger gut hingegen käme sie mit dem Prozess des Sterbens klar, hielte sich da lieber raus. Was verständlich ist, wie ich finde. Ganz gleich, ob es um das Sterben einer Person aus dem engen Umfeld, der Familie oder entfernter Bekanntschaft geht. Wer atmet schon gern die schleppend stechende Luft des zähen Endes?

Doch stellte sich mir die Frage, ob dies nicht auch etwas mit unserem Umgang mit der Problematik des und Angst vor dem Sterben zu tun haben könnte. Das Ende ist zunächst einmal für viele abstrakt, da wir lernen, dass es nichts Alltägliches sei. Wer einmal in den Wochenendausgaben der Zeitungen die Nachrufe und Todesanzeigen liest, weiß, dass dem nicht so ist. Um uns herum wird gestorben und nicht immer geschieht es so plötzlich – und fiktiv – wie im Tatort (Öffnet in neuem Fenster) oder bei den Gangs of London. Das ist der Widerspruch: In Buch und Film ist Sterben Standard. Im eigenen Umfeld eine Kuriosität.
Gespräche über den Tod, oder eher „das Sterben“, fallen uns also zumeist schwer (Öffnet in neuem Fenster) (wie überhaupt über... „Probleme“ (Öffnet in neuem Fenster)). Da könnte mensch sich doch denken: Sterben üben, das wäre was. Dies genau macht Katharina Feist-Merhaut, im gleichnamigen Buch – STERBEN ÜBEN – an dem sie sieben Jahre gearbeitet hat. Darin begleitet, beobachtet und befragt sie ihre Großmutter, auf dem Weg zur Stille.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/18b9c840-57d0-4e11-95e6-d242867b2466 (Öffnet in neuem Fenster)Sie hat Gespräche mit ihr aufgezeichnet, transkribiert, auch interpretiert und in gut greifbare Form gebracht. Der Schmäh, der die Großmutter immer wieder und weiter am Leben hält, ist arg fühlbar. An mancher Stelle der Lektüre dachte ich mir, hätte die Enkelin das gleiche Gefühl für Lebens- und Lebensendrealität, würde sich manches weniger gefühlig lesen (Öffnet in neuem Fenster). Dann wiederum bildet ihr Empfinden einen feinen Kontrast zum Umgang der Großmutter mit Schmerz und Schonen. (Und wenn wir von „gefühlig“ sprechen, sind wir immer noch weit weg vom Daniel Schreiber'schen Selbstmitleid, das sich lesen soll wie Empathie. Dazu noch voller Kitsch für Leseanfänger*innen ist.)
Hoch anzurechnen ist Feist-Merhaut, dass sie nicht zu eitel ist, an der einen oder anderen Stelle die eigene Überforderung mit Thema und Situation zu benennen und dabei auch ein letztlich egoistisches Verhalten zu beschreiben. Nachvollziehbar egoistisch, wie ich meinen möchte. Ein wenig Selbstschutz sei allen zugestanden. Wobei sich das bei ihr natürlich mit der Großmutter als, sagen wir es mal so hart, Rechercheobjekt vermengt. Etwas, das das Umfeld der Autorin eher zu irritieren bis stören scheint, als die Oma selber. Was die einzig wichtige Stimme in dem Punkt ist. (Apropos Stimme: In Kombination mit diesem Buch lässt sich u. a. auch sehr gut Daniela Dröschers SPRECHEN lesen.)
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/d3884db7-371f-499c-85ff-dfc19d366119 (Öffnet in neuem Fenster)Mich irritiert allerdings, dass STERBEN ÜBEN, bei allem literarischen Wert (Öffnet in neuem Fenster) (wenn auch hier und da etwas zu verspielt für meinen Geschmack) vom Salzburger Otto Müller Verlag als Roman vermarktet wird. Diese Übung liest sich doch eher wie ein Essay, ist weit weg vom autofiktionalen Roman und näher an einer Bestandsaufnahme und Auswertung des Erlebten.
Katharina Feist-Merhaut schreibt sehr viel darüber, wie sie ihre Arbeit angeht, wie sie denkt und fühlt, während sie hört, interpretiert, sich die Inhalte sowohl „zu eigen“ als auch „zu Nutze“ macht. Das ist hochgradig interessant, aber eher eine – recht intellektuelle – essayistische Studie zum Umgang mit der Arbeit daran, „sterben zu üben“. Oder vor allem das Begleiten des Sterbeprozesses, was es fordert aber auch geben kann.
AS

Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Katharina Feist-Merhaut: Sterben üben (Öffnet in neuem Fenster); März 2025; 140 Seiten; Hardcover, gebunden; ISBN: 978-3-7013-1327-3; Otto Müller Verlag; 23,00 €
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