
Liebe Leser*innen,
was hat zwei Daumen, ein Auge und überhaupt kein Interesse daran, sich mit so drögen Themen wie Rentenstreits in Koalitionen zu beschäftigen? Die Redaktion des TITANIC-Wochenrückblicks. Deswegen atmete die gesamte Belegschaft auf, als gestern eine Lösung für den Umgang mit den Rentnern der Bundesrepublik gefunden wurde:

(Öffnet in neuem Fenster)Zuletzt soll die mutmaßliche Verbrecherin mit ihrem Opfer in einem St. Petersburger Heckenrosengarten gesichtet worden sein, der auch von AfD-Politikern gern zum Lustwandeln genutzt wird. Warum das genau richtig so ist, erklärt AfD-Chef Chrupalla:

Da reisen ein paar AfD-Politiker nach Russland und alle gackern rum, als hätte man ihren Vorgarten annektiert. Ich frage: Was ist euch denn für eine Drohne über die Leber geflogen? Reisen verbindet! Man kommt sich näher, trinkt und singt gemeinsam, tauscht sich aus über das Essen, die Kultur oder die Schichtpläne des Wachschutzes vorm Bundestag.
Meine Politik ist immer eine der ausgestreckten Hand. Wie sonst soll ich Spenden oder Borschtsch-Lieferungen aus Sotschi empfangen? Sicher, ich bin stets für Wachsamkeit zu haben, aber wer sagt, dass uns nicht übermorgen bereits die Schweiz angreift? Oder wir sie? Wer weiß schon irgendwas in diesen verrückten Zeiten, hab ich recht? Ja, hab ich. Und überhaupt: Zu einer Invasion gehören immer zwei.
Ich glaube, Goethe war es, der einst sang: »Wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, ho ho ho ho ho, hey!« Ich finde, da hatte er wieder mal recht, unser Jahrhundertsinfoniker. Letztlich auch einer von uns, denn gestorben ist er wo? Genau: im Osten. Hier spielt nun mal die Musik. In diesem Sinne: Peace!
Ihr Tino Chrupalla
(Öffnet in neuem Fenster)Weil die AfD-Abgeordneten so begeistert von den russischen Heckenrosen sind, spielen sie schon mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen. Das könnte sich zu einer Win-win-Situation entwickeln:

In der Bundesrepublik selbst leben die glücklichsten Menschen in der Kaserne, weil Soldaten viel Bewegung und frische Luft bekommen und Kniebeugen gut gegen Angstzustände helfen. Aber was ist mit den Rabeneltern, die verhindern wollen, dass ihr Nachwuchs glücklich wird? An sie wendet sich TITANIC-Online-Kolumnistin Viola Müter diese Woche:

Die bessere Antwort
Ist es moralisch vertretbar, den eigenen Sohn im Keller einzusperren, damit er nicht zur Bundeswehr muss?
Nein. Glauben Sie wirklich, ihn ein, zwei Jahre im Keller einzusperren, ist Ihre einzige Chance? Ihr Sohn soll sich doch darüber freuen können, dem Dienst an der Waffe zu entgehen. Das kann er aber nicht, wenn er nicht am Planspiel Börse teilnehmen kann, weil er im Heizungskeller hocken muss. Deshalb rate ich auch davon ab, den Tod Ihres Sohnes vorzutäuschen. Denn auch dann kann er nicht am Planspiel Börse teilnehmen, da er ja im Untergrund leben muss. Noch dazu ist es der bürokratische Aufwand, der mit dem vermeintlichen Tod verbunden ist, nicht wert.
Sie sollten also dafür sorgen, dass für Ihren Sohn keine Nachteile entstehen. Oder jedenfalls sollten die Vorteile überwiegen. Ich schlage daher vor, dass Sie ihm den Arm brechen. Und zwar so, dass er ausgemustert wird, aber immer noch am Planspiel Börse teilnehmen kann. Wie, Sie sehen den Vorteil nicht? Dann habe ich wohl vergessen zu erwähnen, dass Sie Ihrem Sohn sofort den Arm brechen sollen. Klingelt es jetzt? Nein? Dann fragen Sie ihn mal nach seinem Herzenswunsch. Er wird lauten: Einmal mit einem Gips in die Schule gehen.
Wer einen Gips trägt, muss häufig nicht am Kunstunterricht teilnehmen. Es sei denn, auf dem Stundenplan steht Zeitgenössische Kunst, da schränkt der gebrochene Arm die Fähigkeiten kaum ein:

Allerdings ist natürlich eh jede Form von Unterricht überbewertet, da man meistens nur Zeug lernt, das in einigen Jahrzehnten bereits überholt sein wird. Welcher Unsinn Ihnen eingetrichtert wurde, erklärt Torsten Gaitzsch (M. Sc. Allgemeinwissen):

Heute: Wissen macht »Hä?«
Diese Woche wurde ich via Bluesky auf eine interessante URL aufmerksam gemacht: überholt.schule (Öffnet in neuem Fenster). Darin geht es nicht, wie man auf den ersten Blick (mit zusammengekniffenen Augen) meinen könnte, um den Cartoonisten Michael Holtschulte, sondern um überholtes Schulwissen. Man gibt auf der Seite das Jahr ein, in dem man die Schule abgeschlossen hat, und erfährt daraufhin, was seitdem alles widerlegt wurde und welche neuen Erkenntnisse gewonnen worden sind.
Ich probierte es natürlich aus, tippte »2000« ein und dachte: Pff, was soll da schon erscheinen, was ich nicht mitbekommen hätte? Nach der Schule geht’s doch in der Regel erst richtig los mit dem (dann nicht mit Zwang und den Schrecknissen des deutschen Bildungssystems verbundenen) Wissenserwerb! Ich bin wohlinformiert, bin »ein Studierter«, ich habe bis Mitte 20 noch die P.M. gelesen, for crying out loud! Was mir vorgesetzt wurde, war denn auch überwiegend ernüchternd, teilweise jedoch überraschend, wenn auch auf andere Weise als erwartet.
»Die Neandertaler waren nicht primitiv.« Ja ja, schon gut! Die konnten sicher ganz toll Zweige zerbrechen; ich möchte trotzdem nicht wissen, was die heute wählen würden.
»Destiliertes Wasser ist nicht giftig oder tödlich.« Bitte was? Niemals wurde uns Gegenteiliges vermittelt. Als Begründung für die steile These heißt es: »weil durch Osmose die Zellen platzen oder ihren Inhalt abgeben«, was mehr nach urban legend denn nach Chemieunterricht klingt. Neu war mir immerhin, dass man »destilliert« inzwischen mit nur einem l schreibt.
»Es gibt kein Jungfernhäutchen.« Dessen Existenz wurde uns in »Bio« tatsächlich beigebracht. Die Ausräumung dieses Mythos sollte allerdings jeder außerhalb der US-Rapszene mitgekriegt haben. (War da nicht vor ein paar Jahren was mit T.I. und seiner Tochter? Ich möchte nicht danach googeln.)
»Es gibt mehr als 4 Geschmacksqualitäten.« Auch das war Lehrstoff, und ich sehe noch deutlich die illustrierte Zunge mit den Zonen »süß«, »sauer«, »salzig« und »bitter« vor mir. Der Umami-Rezeptor wurde erst im Jahr 2000 nachgewiesen, das muss knapp nach meinem Abi gewesen sein. Schade! Heute ist die fünfte Geschmacksrichtung buchstäblich in aller Munde. Die »Geschmackslandkarte« als solche wird auch nicht mehr akzeptiert.
»Christoph Kolumbus hat den amerikanischen Kontinent nicht entdeckt.« Äh … ja? Das wurde uns im Geschichtsunterricht der 5. Klasse exakt so mitgeteilt. Ich bin zwar alt, aber selbst in den 1990ern waren amerikanische Ureinwohner und Leif Eriksson keine Unbekannten.
»Pluto ist kein Planet mehr.« Dieser Satz hat ja nun nichts mit überholtem Wissen zu tun, es ist reine Definitionssache. Liebe nach 2006 in Astronomie unterrichtet worden Seiende: Wird denn heutzutage gelehrt, dass Pluto einst als Planet eingestuft wurde? Oder wurde der arme Himmelskörper vollends gecancelt? Und, pssst!, haben sie euch je von Nibiru erzählt …?
Ein echter Hammer aber kommt zum Schluss, und er hat abermals mit der Zunge zu tun: »Das ›Zungenrollen‹ ist keine rein erbliche Fähigkeit.« Dieser Fakt hat mich kalt erwischt und war mir wirklich neu. Ich weiß es noch genau: Jahrgangsstufe 9 oder 10 muss es gewesen sein, Genetik. Die Fähigkeit zum Zungenrollen werde dominant vererbt, dozierte unsere alkoholkranke Lehrerin Frau B., die an anderer Stelle einen Schüler, der die korrekte Chromosomenzahl des Menschen nicht wusste, mit »Dann bist du ein Krüppel!« anfuhr und angesichts der entsetzten Gesichter in der Klasse zurückruderte mit: »Entschuldigung – ich meine, ein genetischer Krüppel«.
Auf unzähligen Partys hätte ich mich blamieren können, denn ich hatte mir diesen Quatsch eingeprägt, bin ich doch schließlich mit dieser – offenbar auch erlernbaren – Eigenschaft gesegnet. »Da ist wieder der Zungenrolltyp«, hätte man getuschelt. »Bildet sich ein, sein alberner Trick sei eine mendelsche Besonderheit …«
Tja, man lernt nie aus. Ich hoffe im Übrigen, dass es für die Zungen-Gen-Erkenntnis den Ig-Nobelpreis gab.
Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:
Ihre TITANIC-Redaktion
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