
Liebe Leser*innen,
Reformieren ist harte Arbeit: Zuerst steht eine Extreminventur auf dem Stundenplan, dann solution-orientiertes Powerbrainstorming, um anschließend in die radikale Synergienbildung zu schalten. In anderen Worten: Die Erstellung des Reformpakets war für die Bundesregierung ganz schön anstrengend! Da ist es nur gerecht, dass ein Teil dieser Mühsal an Sie weitergegeben wird. Diese Folgen hat das Reformpaket der Bundesregierung also für Sie persönlich:

Depressiv?
→ Um Ihren Überlebenswillen zu stärken, bekommen Sie statt Psychotherapie zukünftig ein Tamagotchi von der Krankenversicherung.
Krank?
→ Zum Beweis Ihrer Arbeitsunfähigkeit müssen Sie künftig am ersten Tag zum Arzt joggen – kommen Sie an, erhalten Sie keine Krankschreibung, brechen Sie auf dem Weg tot zusammen, wird »der Gelbe« mit ins Grab gelegt.
Arm?
→ Da Sie entweder faul sind oder Ihr ganzes Geld verprasst haben, statt in ETFs oder Lottoscheine zu investieren, hat die Bundesregierung (zu Recht) kein Mitleid mit Ihnen. Für jedes Almosen aus öffentlicher Hand müssen Sie künftig im Büßerhemd eine Runde durch die Stadt drehen und sich dabei geißeln.
Asylbewerber?
→ Um Missbrauch von Sozialleistungen zu verhindern, muss nach Antragstellung zunächst Ihr Asylverfahren abgeschlossen werden. Wenn Sie in der Zwischenzeit arbeiten oder kriminell werden, wird Ihr Antrag auf Asyl abgelehnt. Für einen positiven Bescheid müssen Sie nachweisen, wovon Sie in den Jahren seit der Antragstellung gelebt haben.
Reich?
→ Die Bundesregierung unter Friedrich Merz hat mit ihrem Reformpaket ihre Handlungsfähigkeit bewiesen, ist in vielen Bereichen jedoch zu zurückhaltend geblieben. Wenn Deutschland fit für die Zukunft werden soll, muss mehr Druck auf Kranke, Arme und Ausländer aufgebaut werden. Das gelingt nur mit der AfD!
(Öffnet in neuem Fenster)Doch nicht nur bei der Gesundheitsversorgung muss gespart werden, sondern auch in den Bereichen Unterhalt, Rente und Geld. Auch die Kommunen müssen schauen, wo sie Kosten reduzieren können:

Beim öffentlichen Urinieren in der Bundesrepublik fühlen sich viele Menschen beobachtet. Das hängt mit einem dezidiert deutschen Phänomen, dem German stare, zusammen, der Migranten und Touristinnen gleichermaßen irritiert. TITANIC erklärt die häufigsten Glubsch-Gründe:

Ein deutscher Gast besucht Sie das erste Mal zu Hause und starrt Sie ununterbrochen an? Wahrscheinlich blinzelt er extra wenig, um Ihnen ein Kompliment zu machen: Die Luft ist nicht zu trocken, Sie haben ausreichend gelüftet!
Sie befinden sich im öffentlichen Raum und alle Augen sind auf Sie gerichtet? Ihnen wird ein Fauxpas passiert sein: Haben Sie vielleicht in der U-Bahn Kaugummi gekaut, keinen Warentrenner vor und/oder hinter Ihren Einkauf gelegt oder Geschlechtsverkehr in einem gut einsehbaren Springbrunnen gehabt und dabei zu laut gestöhnt?
Sie sind mit dem Auto unterwegs und die anderen Verkehrsteilnehmer*innen gucken Sie böse an? Kein Wunder, Sie fahren ja auch viel zu langsam! (Weniger als 130 km/h auf der Landstraße, weniger als 190 km/h auf der Autobahn, weniger als 50 km/h in der Spielstraße)
Sie sind auf einer Firmenfeier und der Chef hört nicht auf, Sie zu mustern? Kann es sein, dass Sie ihn beim Anstoßen nicht intensiv angeschaut haben? Dann versucht er jetzt, so viel Augenkontakt wie möglich nachzuholen, um die obligatorischen sieben Jahre schlechten Sex zu vermeiden! Alternativ haben Sie ihn beim Anstoßen zu intensiv angeschaut und er träumt gerade von sieben Jahren schlechtem Sex mit Ihnen!
Sie leben einfach Ihr Leben und werden dabei andauernd von Ihrem Nachbarn taxiert? Das hat einen ganz einfachen Grund: Er nimmt Sie als Volksschädling wahr und überlegt gerade, wie er Sie am besten eliminieren könnte. Doch seien Sie unbesorgt: Richtig Gedanken machen müssen Sie sich erst, wenn Sie ihn plötzlich nicht mehr sehen!
(Öffnet in neuem Fenster)In anderen Ländern gilt es als unhöflich, Menschen anzustarren, die sich seltsam verhalten, wenig Kleidung tragen oder ein lustiges Gesicht haben. Zum Glück sind Sie in Deutschland und können ungeniert schauen, was die anderen so treiben. Wenn Sie wie unser Cartoonist Samy Challah alles skizzieren, was die Umgebung so macht, lässt sich damit sogar Geld verdienen:

Warum Sie beim Leutebeobachten besser ein Starrbier trinken als einen Schaudonnay, erklärt Torsten Gaitzsch:

Heute: Obst und Wein, das darf (!) sein
Fünf Einheiten Obst und Gemüse soll man täglich essen. Ich behaupte: Kein Mensch hält sich daran! Tatsächlich achte ich darauf, jeden Tag eine Portion Obst zu essen: Gestern war es ein Becher Wassermelonenquader, heute gab’s ein paar Aprikosen. Ja, einmal Obst am Tag ist notwendig und hinreichend. Wenn ich mein Umfeld so beobachte, stelle ich damit jedoch schon eine Ausnahme dar. Wie und wann sollte ich bitte noch vier Hände voll Gemüse und Obst verzehren? (Vielleicht tu ich das ja eh, womöglich summiert sich der Anteil von Pflanzenprodukten in den über den Tag verteilten Mahlzeiten zu insgesamt fünf Pfoten.)
Falls Sie diese Kolumne lesen, während Sie sich einen Kohlrabi zwischen die Kauleisten schieben, nachdem Sie bereits eine halbe Schale Erdbeeren und eine Banane inhaliert haben und bevor Sie Ihr Abendessen aus Aubergine und Kartoffeln zubereiten: Behalten Sie es für sich. Ich glaube durchaus, dass es Menschen wie Sie gibt. Es gibt ja auch solche, die sich zu zweit an einem Abend eine ganze Flasche Wein teilen. Letztere Personengruppe scheint allerdings ungleich größer als die »5 am Tag«-Sekte zu sein. Zumindest lese und höre ich weitaus öfter, dass – noch einmal – eine ganze Flasche Wein an einem Abend von zwei Menschen leergetrunken wird.
»Aber eine halbe Flasche Wein für einen Erwachsenen ist doch nix! Das entspricht alkoholmengenmäßig kaum mehr als zwei Buddeln Bier!« (Um mal wieder meinen beliebten Strohmann-Kniff »Ich lasse einen imaginären Leser zu Wort kommen, um etwaigen Gegenargumenten den Wind aus den Segeln zu nehmen« zu bemühen.) Das mag sein, aber: Bier ist Bier, Wein ist Wein, und Schnaps ist Schnaps. Sich zu zwot eine ganze Flasche Wein zu teilen, ist Geld- wie Genussverschwendung. Wein sollte etwas Besonderes sein, das Entkorken zelebriert werden. Wirkungstrinken geht günstiger und proletarischer. Mir jedenfalls geht es nach 500 Millilitern Wein alles andere als gut.
Fünf Portionen Obstwein binnen 24 Stunden sind übrigens kein Kompromiss.
Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:
Ihre TITANIC-Redaktion
TITANIC empfiehlt: Die Friedrich-Merz-Disziplinierungs-Tasse
(Öffnet in neuem Fenster)Sie wollen einen frisch gebrühten Kaffee im Homeoffice genießen oder einen Erkältungstee im Krankenlager schlürfen? Faule Sau! Zeit, dass der Kanzler persönlich Sie wieder auf Spur bringt: Mit dem original »Wurm!« -Pott werden Sie daran erinnert, dass man sich Heißgetränke verdienen muss.
Auch in den Varianten »Du bist nichts!« und »Faules Stück!« erhältlich:
(Öffnet in neuem Fenster)
(Öffnet in neuem Fenster)