Zum Hauptinhalt springen

💌

Wie peinlich (Öffnet in neuem Fenster) kann ein Bundeskanzler eigentlich sein? Friedrich Merz so: ja.

Vielen Dank an alle Steady-Mitglieder (Öffnet in neuem Fenster) und Partnerorganisationen (Öffnet in neuem Fenster), die unsere Arbeit ermöglichen. Willkommen im Team, WEtell (Öffnet in neuem Fenster)! Du bist neu dabei?

#105 #Fleisch #Ernährung #Lobbyismus

Kühe waschen im Regenwald

Die industrielle Fleischproduktion ist eine Gefahr für den Planeten. Wer sind die Hauptverantwortlichen? Und mit welchen Strategien versuchen sie, Klimaschutz zu blockieren?

Unsere Ausgabe vor zwei Wochen (Öffnet in neuem Fenster) hat mehr Emotionen ausgelöst, als wir erwartet hatten. Bei Euren Zuschriften war so ziemlich alles dabei – von „brillant“ bis „voll daneben“. 

Für den Text hatten wir die Fakten aus dem neuen Oxfam-Bericht in eine Satire verpackt. Dafür haben wir uns die NGO Erben ohne Grenzen e.V. ausgedacht, die das „hart ererbte Vermögen“ von Milliardären in der Klimakrise verteidigen will.

Eine Rückmeldung haben wir besonders häufig erhalten, sinngemäß lautete sie: „Es würde mich nicht wundern, wenn es diese NGO wirklich gäbe“.

Uns hat das gezeigt: Selbst wenn man es darauf anlegt, ist eine fiktive, überspitzte Version der Gegenwart kaum mehr von der echten Absurdität zu unterscheiden. Die Frage, was Satire darf, wird dann fast hinfällig, wenn die Realität schon alle Grenzen überschreitet.

So wie diese Sätze (Öffnet in neuem Fenster) aus dem Mund eines deutschen Ministerpräsidenten (Du kannst dir bestimmt denken, um wen es geht): „Wir sind frei, jeder kann essen, was er will, aber Fleisch gehört dazu – Schluss mit dem Tofu-Terror.“

Oder das EU-Parlament, das verbieten will, dass vegetarische Produkte (Öffnet in neuem Fenster) Wurst oder Burger heißen dürfen. Aus Gründen des Verbraucherschutzes. 

Solche bedenklichen Formen der Realsatire haben in dem Fall aber auch etwas Gutes. Sie machen sichtbar, mit welch absurden Argumenten die Fleischlobby und ihre Verbündeten hantieren. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter vermeintlichem Tofu-Terror und Veggie-Wurst-Verboten findet man einen ziemlich unappetitlichen Sud aus Desinformation, Greenwashing und skrupellosem Lobbyismus. 

Von Carbon Majors wie ExxonMobil, RWE und Shell haben die meisten schon mal gehört. Die größten Fleischkonzerne hingegen, nennen wir sie einfach mal die Meat Majors, sind deutlich unbekannter. Dabei ist die Fleischproduktion für schätzungsweise zwölf bis 19 Prozent (Öffnet in neuem Fenster) aller menschengemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wenn das so weitergeht, wird sich unsere Erde bis 2050 allein wegen Steaks, Schnitzeln und Co. (Öffnet in neuem Fenster) um mehr als 0,3 Grad erhitzen. Höchste Zeit also, hier mal das Spotlight auf die Verantwortlichen zu werfen. 

Meat Majors unter der Lupe

Hast Du schon mal etwas von Marfrig, Tyson, Minerva und Cargill gehört? Sie klingen wie die Protagonist*innen des nächsten gruseligen Harry-Potter-Spin-Offs. In Wirklichkeit sind sie aber muggelmästende Fleischkonzerne – und gemeinsam mit JBS (merk Dir den Namen schonmal) die fünf größten Meat Majors der Welt.

JBS, Marfrig, Tyson, Minerva und Cargill stoßen zusammen mehr Treibhausgase aus als ihre fossilen Pendants Chevron oder BP, wie aus einem aktuellen Bericht (Öffnet in neuem Fenster) von vier Umweltorganisationen hervorgeht. 

Zählt man die 40 nächstgrößeren Fleischkonzerne dazu, würden sie mehr CO₂ emittieren als Saudi-Arabien oder Deutschland.

Und dann wäre da noch die Sache mit dem Methan. Eine neue Studie von Climate Action Tracker (Öffnet in neuem Fenster) zeigt, wie entscheidend es wäre, etwas gegen dieses klimaschädliche Gas zu unternehmen. Mit nur drei kurzfristigen Maßnahmen könnten wir demnach die Erderhitzung sogar noch auf unter zwei Grad begrenzen. Eine davon: Methan reduzieren.

Das wird den Meat Majors nicht gefallen, denn die 45 größten von ihnen emittieren mehr Methan als alle 27 EU-Staaten und Großbritannien zusammen. Es müsste also einen radikalen Einschnitt in der Fleischproduktion (vor allem von rotem Fleisch) geben.

Das ist trotz 30 Klimakonferenzen anscheinend immer noch nicht bei der Fleischindustrie angekommen. Keiner der 45 Meat Majors habe auch nur die Absicht, bei der Tierhaltung kürzerzutreten, heißt es in dem Bericht der vier Umweltorganisationen. Im Gegenteil. Damit sie ihr Geschäftsmodell fortführen können, fahren die Meat Majors einen bunten Blumenstrauß an Bremserstrategien auf.

Shoutout

Nach über 100 Ausgaben Treibhauspost wissen wir: Die Klimakrise ist ein schwer zu fassendes Phänomen, das alle Lebensbereiche durchzieht. Jede*r Einzelne ist Teil davon und alle sind auf unterschiedlichste Weise betroffen. „Ein Planet, viele Welten“ von Dipesh Chakrabarty ist ein Buch, das genau diese Vielschichtigkeit aufgreift. Der indische Historiker hinterfragt die Idee einer kohärenten globalen Geschichte. Er verwebt viele verschiedene Erzählungen und Perspektiven und liefert damit einen frischen Blick auf die Klimakrise.

Volle Transparenz: Der Shoutout ist eine bezahlte Kooperation mit Suhrkamp.

Strategie #1: COP unterwandern

Während wir diese Zeilen verschicken, geht die 30. Weltklimakonferenz in die Verlängerung. Immer wieder wurde sie auch als „Wald-COP“ bezeichnet. Nicht nur weil die Konferenz am Rande des Amazonasbeckens stattfand, sondern auch weil Gastgeber Brasilien einen Milliardenfonds (Öffnet in neuem Fenster) für den Schutz der tropischen Wälder aufgesetzt hat. 

Mittlerweile sind bereits 17 Prozent des Amazonas-Regenwalds zerstört. Die Hauptgründe: Viehzucht und der Anbau von Soja als Futtermittel. Das Ökosystem könnte bald kippen und würde dann langsam aber unaufhaltsam zu einer Steppe verkommen. Schon jetzt gibt der Amazonas-Regenwald mehr CO (Öffnet in neuem Fenster) ab (Öffnet in neuem Fenster), als er aufnimmt. 

Gut also, dass Brasilien handelt, um die Abholzung zu stoppen. Das Problem ist nur, dass auch diejenigen mit am Verhandlungstisch sitzen, die den Regenwald weiter zerstören wollen. Auf der COP in Belém sind über 300 Lobbyisten (Öffnet in neuem Fenster) von Agrar- und Fleischkonzernen vertreten, ein Rekord. Vor vier Jahren in Glasgow waren es gerade mal 76. 

Jeder vierte dieser Lobbyisten ist Teil der offiziellen Delegation eines Landes. Und Agrarriesen wie Bayer, PepsiCo oder Nestlé haben sogar Pavillons auf dem Konferenzgelände und bringen dort ihre ganz eigenen Ideen von Klima- und Naturschutz unter die Leute. 

Alle auf der COP anwesenden Fleisch- und Agrarakteure und ihre Verflechtungen. 📊: DeSmog.com

Strategie #2: Methan schönrechnen

Methan ist um ein Vielfaches klimaschädlicher als CO₂, aber nicht so langlebig. Es zu reduzieren, bezeichnen einige Forscher*innen daher als „Notbremse“ im Kampf gegen die Erderhitzung. Weniger Methan hieße aber auch: weniger Kühe. Und von denen gibt es zur Zeit rund 1,6 Milliarden auf dem Planeten. Statt diese gigantische Zahl zu verringern, will die Fleischlobby lieber Methan mit einer neuen Metrik messen, dem Global Warming Potential Star, GWP* (Öffnet in neuem Fenster)

Mit GWP* werden, kurz gesagt, bisherige Methanemissionen ausgeblendet. Wer „stabile Emissionen“ aufweist – auch wenn es stabil hohe sind – trägt nach dieser Metrik kaum zu einer zusätzlichen Erderwärmung bei. Kein Wunder, dass Länder, die viel Viehzucht betreiben, wie die USA, Australien oder Neuseeland hinter GWP* stehen. 

Das Gefährliche an der Strategie: Die Metrik ist kein Hirngespinst der Fleischlobby, sondern wird durchaus von seriösen Wissenschaftler*innen verwendet – nur eben nicht im Kontext einzelner Staaten oder Konzerne.

Strategie #3: Kühe waschen

Bei dieser Strategie kommt der größte Fleischkonzern der Welt ins Spiel: JBS. Das brasilianische Unternehmen stößt mehr Methan aus als ExxonMobil und Shell zusammen. Damit das so bleiben kann, hat der Konzern gleich acht Lobbyisten auf die COP geschickt, inklusive CEO.

📊: Report: „Roasting the Planet: Big Meat and Dairy’s Big Emissions“ (2025)

2023 war JBS in einem regelrechten Blutrausch. In seinen Industrieanlagen wurden rund 57.000 Rinder, 106.000 Schweine und 10 Millionen Hühner geschlachtet und anschließend in die ganze Welt verkauft – jeden Tag. Aber das reicht den beiden Brüdern und Milliardären Joesley und Wesley Batista, denen der Konzern gehört, nicht. Sie wollen für JBS 70 Prozent Wachstum bis 2050 erreichen. 

Eine Greenpeace-Recherche (Öffnet in neuem Fenster) hat vor kurzem aufgedeckt, dass für die blutigen Geschäfte des Konzerns immer wieder Regenwald abgeholzt wurde – mit Hilfe der sogenannten Kuhwäsche.

Wenn für eine Farm Regenwald gerodet wurde, dürfen die Rinder darauf eigentlich nicht verkauft werden. Deswegen lässt JBS illegal gehaltene Rinder auf legale Farmen einschleusen. Dort bekommen sie ein neues Etikett und sind von nun an Teil der regulären Lieferkette. Offiziell gibt es in Brasilien dadurch fast nur noch legale Rinder. Was nur leider so gar nicht mit der beobachteten Entwaldung zusammenpasst.

Laut einer Science-Studie (Öffnet in neuem Fenster) von 2020 stammen 20 Prozent der Soja-Exporte und mindestens 17 Prozent der Rindfleischexporte in die EU von illegal abgeholztem Land. 

Strategie #4: Desinformation streuen

Neben der Kuhwäsche setzt JBS auf eine altbekannte Strategie. Der Konzern verschleiert seine Klima- und Umweltbilanz mit Desinformations-Kampagnen. Bei manchen muss man zweimal hingucken, um die Realität nicht aus Versehen mit Satire zu verwechseln. So wie in dieser Anzeige in der New York Times von 2021.

Klimaneutrale Steaks vom größten Fleischkonzern der Welt – Greenwashing-Bullshit at its best. 📸: The New York Times 2021 / Heated

JBS reiht sich mit dieser und weiteren Greenwashing-Kampagnen (Öffnet in neuem Fenster) nahtlos in die Desinformations-Hall-of-Shame fossiler Konzerne ein. Eine Klage (Öffnet in neuem Fenster) der New Yorker Generalstaatsanwältin wegen Konsument*innen-Täuschung wurde Anfang 2025 abgelehnt. Dennoch gab es einen Vergleich, um eine Folgeklage zu vermeiden: Der Konzern zahlte 1,1 Millionen US-Dollar an umweltfreundliche Landwirtschaftsprogramme und muss in Zukunft auf seine irreführenden „Net Zero by 2040“-Behauptungen verzichten – immerhin.  

(Öffnet in neuem Fenster)
💌 Ausgabe #44: Ernährung ist der größte Klimahebel, den wir als Konsument*innen haben. Wie sähe eine planetare Diät aus?

Und jetzt?

Die Gefahr bei Texten wie diesen ist, dass man sich nach dem Lesen klein und hilflos fühlt. Was soll man als Einzelne*r schon gegen die Lobbymacht skrupelloser, global agierender Fleischkonzerne ausrichten? Drei Dinge sprechen gegen dieses Ohnmachtsgefühl. 

Erstens: Genaues Hingucken ist immer der erste Akt des Widerstands (vielleicht erinnerst Du Dich an die Lupe aus unserem Werkzeugkasten (Öffnet in neuem Fenster)). Die Meat Majors wollen, dass wir denken, sie wären übermächtig. Dann können sie ihre menschen- und naturfeindliche Agenda ungestört in den Parlamenten durchboxen. 

Zweitens: Die Macht der Fleischkonzerne könnte man mit relativ einfachen Mitteln effektiv einschränken. Zum Beispiel, indem man die Teilnahme ihrer Lobbyisten an UN-Verhandlungen wie der COP erschwert oder ganz verbietet. 

Drittens: Die Ernährungswende ist im Vergleich zur Energiewende ein Kinderspiel. Um mehr Kichererbsen anzubauen, braucht man keine zusätzlichen Trassen und Speichertechnologien. Kichererbsen haben weder ein Dunkelflautenrisiko, noch wachsen sie auf seltenen Erden aus China.

Wir hätten da außerdem noch eine Idee, wie Du selbst hier und jetzt aktiv werden kannst – mit einer kleinen Challenge. Nennen wir sie einfach mal … die Tofu-Terror-Challenge.

Gehst Du ab und zu in einer Kantine oder Mensa essen? Und wenn ja, hast Du schonmal nachgefragt, was passieren müsste, damit es dort nur noch einmal pro Woche Fleisch gibt? Falls nein: Probier es doch mal aus. 

Wenn es Dir gelingt, in den Dialog zu kommen – und vielleicht sogar für eine gesündere, klimakompatible Ernährung in Deiner Kantine zu sorgen, schreib uns unbedingt. Von einer solchen Erfolgsstory aus der Treibhauspost-Community würden wir hier liebend gern berichten.

Danke, dass Du bis zum Ende gelesen hast! Hilfst Du uns dabei, weiterhin genau hinzuschauen und die Verantwortlichen für die planetaren Krisen zu benennen? Als Treibhauspost-Mitglied unterstützt Du uns mit ein paar Euro im Monat und machst dieses Projekt damit möglich. Vielen Dank!

Unser Klimasong ist heute passenderweise Meat is Murder (Öffnet in neuem Fenster) vom gleichnamigen Album der legendären britischen Indie-Rock-Band The Smiths:

Heifer whines could be human cries
Closer comes the screaming knife
This beautiful creature must die
This beautiful creature must die
A death for no reason
And death for no reason is murder

Die nächste Ausgabe bekommst Du am 6. Dezember in den Stiefel gelegt.

Bis in zwei Wochen
Julien

PS: Treibhauspost-Mitglied Hannah arbeitet gerade an ihrer Psychologie-Bachelorarbeit an der Uni Mannheim. Sie untersucht, wie Menschen auf die Klimakrise reagieren und welche hilfreichen Strategien es gibt, um emotional stabil zu bleiben. Wenn Du Hannah unterstützen und zu ihrer Studie beitragen möchtest, kannst Du hier an ihrer anonymen Befragung teilnehmen (Öffnet in neuem Fenster) (ca. 15 Minuten).

Treibhauspost-Partner (Öffnet in neuem Fenster)

👨🏻‍🎨 Alle Illustrationen wie immer in Handarbeit von Manuel Kronenberg

📣 Folge uns auf Instagram (Öffnet in neuem Fenster), Bluesky (Öffnet in neuem Fenster) und Mastodon (Öffnet in neuem Fenster)

📖 Zu unserem Buch „Unlearn CO₂ (Öffnet in neuem Fenster)“ (Ullstein)

💚 Herzlichen Dank für die Unterstützung an unsere Partnerorganisationen:

🤝 Mehr über unsere klima-engagierten Partnerorganisationen (Öffnet in neuem Fenster).

💌 Außerdem danken wir allen Mitgliedern, insbesondere Katharina D., Robert B., Sibel N., Martin H., Hans-Peter K., Gesa F., Beate W., Kirsten S., Karina M., Cornelia S., Daniel O., Matthias Z., Barbara B., Peter S., Claudia S., Raffael v. N., Stephanie B., Frank S., Jannes K., Anke H., Katharina D., Veronika W., Jojo B., Maria M., Stefanie S., Anne K., Cornelia F., Carmen S., Nora B., Hans W., Rajive G., Jörn A., Bettina P., Eckart v. H., Malte K., Gabriele S., Yannic W., Michael K., Johanna T., Harry L., Maren W., Birgit J., Max H., Jennifer S., Günter R., Ingke P., Derek B., Judith G., Lukas L., Martin D., Svenja G., Ruth L., Jonas K., Benedikt S., Frank W., Chris B., Anna G., Jeremiah B., Jörg A., Brigitte K., Alex K., Valeska Z., Hans Christian M., Elke J., Lari H., Thomas K., Ulrich S., Sigurd M., Malte N., Martin V., Macha B., Familie E., Petra F., Birgit S. & K. F., Beate H., Antje H., Konrad H., Volker H., Stefanie J., Oliver K., Joanna K., Klemens K., Alois K., Reto L., Annika N., Johannes P., Ralf R., Isabel S., Sabine S., Guido S., Annette T., Daniela T., Kurt W. und Anett W., die uns mit den höchsten Beträgen supporten!

Kategorie Verantwortung

1 Kommentar

Möchtest du die Kommentare sehen?
Werde Mitglied von Treibhauspost und diskutiere mit.
Mitglied werden