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Eine kleine Geschichte des Urlaubs

Für "Arbeit & Wirtschaft", das Magazin von AK und ÖGB, habe ich darüber geschrieben, wie sich das Reisen wandelt - und wie eng der Tourismus mit dem sozialen Aufstieg der arbeitenden Klassen verbunden ist. 

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Robert Palaver muss nicht lange nachdenken, wenn man ihn fragt, was er an seinem Beruf liebt. Er mag es, „für die Gäste da zu sein. Wenn man ihnen einen Ausflug empfohlen hat, und sie dann zurückkommen und es ihnen voll getaugt hat“, sagt der Vida-Gewerkschafter in seiner typischen Tiroler Sprachfärbung. „Oder wenn die Gäste nächste Saison wieder kommen, und dich wie einen Freund begrüßen.“

Palaver arbeitet an der Rezeption eines Campingsplatzes im Zillertal, engagiert sich aber auch als Gewerkschafter bei Vida und kommt in dieser Funktion viel in ganz Tirol herum. 350 Stellplätze hat der Campingplatz, zudem gibt Appartements und Suiten. Am meisten ist im Sommer und im Winter los, aber es gibt auch Betriebsferien, wenn gerade keine Saison ist. Die Kernbelegschaft ist ganzjährig angestellt, beim Reinigungspersonal gibt es auch viele der für die Branche so typischen Saisonarbeitskräfte.

Die arbeitenden Menschen – Beschäftigte und Urlauber zugleich

Wenn überhaupt etwas in dieser Branche als „typisch“ bezeichnet werden kann. Denn je mehr man sich mit dem Tourismus beschäftigt, desto verschwommener wird das Bild. Ein Tourist, das ist der Städtereisende, der zum Song Contest nach Wien fährt, genauso wie die Fahrradfahrerin, die durch das Burgenland strampelt; die Reisegruppe aus Korea oder China, die in Bataillonsstärke in Hallstatt im Salzkammergut abgeladen wird, genauso wie der Ausflügler, der einen Tagestrip in die Südsteiermark unternimmt.

Tourismuswirtschaft, das sind die Stadthotels, die das ganze Jahr voll sind, genauso wie die Schigebiete in irgendeiner Talenge, in der nichts los ist, sobald der Schnee schmilzt. Genauso vielfältig und am Ende unpräzise ist es, wenn man von den Kollektivvertragsverhandlungen im „Tourismus“ spricht. Salopp gesprochen betreffen die die Beschäftigten in der Hotellerie und in der Gastronomie, und zu letzterer zählt der Hüttenwirt am Berg (zu dem fast nur Touristen kommen) genauso wie der Kellner im Innenstadtcafé – dessen Stammgast alles Mögliche ist, aber eher kein „Tourist“. Wer dagegen am Schilift als Saisonkraft arbeitet, gehört rein formal gesehen nicht in diese Branche. Als Beschäftigter der Seilbahnen hängt er an den Kollegen vom „Eisenbahnwesen“.

Schlussendlich begegnet sich die arbeitende Bevölkerung im Tourismus in verschiedenen Rollen: die einen arbeiten in der Branche, die anderen suchen Erholung aus dem Arbeitsleben.

Die Arbeitsbedingungen im Tourismus sind für viele Beschäftigte hart. Viele Betriebe sind in Regionen, die nicht sehr dicht besiedelt sind – man muss oft zum Arbeitsplatz umziehen. Vieles ist Saisonarbeit, also eine Beschäftigung, auf der man selten ein ganzes Leben aufbauen will. Wer als Rezeptionist anheuert, sieht sich schnell als „Mädchen für alles“, oft ist besonders in der Früh- und Spätschicht am meisten los. Mit der „Freizeit“ dazwischen kann man nicht viel anfangen. Wochenendarbeit ist branchenimmanent. 12 garantierte freie Sonntage sind im Kalenderjahr laut KV Pflicht. In der Realität kann man sich auf die nicht immer verlassen. Dienstpläne sollten langfristig festgelegt werden. Auch das ist vielerorts eher totes Recht, das nur am Papier steht. Je kleiner das Unternehmen, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Betriebsrat gibt.

Das Hässliche und das Schöne – sie liegen sich oft nahe

Was für die „Kunden“ eine Erholung ist, ist für diejenigen, die ihnen eine schöne Zeit bereiten, oft mit Überausbeutung verbunden.

Dabei ist die Reise, der Tourismus, die Erholung und die Freizeit ja das, was das Leben schön macht. Aber manchmal liegen das Hässliche und das Schöne sehr nah beieinander. „Ich war schockiert“, sagt Gewerkschafter Palaver über den Fall, der vor einiger Zeit für Schlagzeilen sorgte: Vorgesetzte im Interalpenhotel in Telfs haben Lehrlinge Berichten zufolge sexistisch und rassistisch beleidigt und körperlich attackiert. Am Ende ist der Küchenchef entlassen worden. Gerade eben flog bei einem anderen Unternehmen regelrechter Menschenhandel auf. Es sind die Einzelfälle, die aber die Branche nicht nur in ein düsteres Licht rücken, sondern eine Spirale in Gang setzen: je schlechter der Ruf, desto schwerer ist es, Beschäftigte zu finden. Und umso mehr Stress haben die anderen.

Dabei haben wir alle – in unserer Rolle als Konsumenten – oft die schönste Zeit unseres Jahres im Urlaub oder in den freien Tagen. Oft inmitten herrlicher Landschaften. Der Tourismus ist auch die Visitenkarte unserer Nation.

Im Juli 2023 gab die Popsängerin P!nk, die US-amerikanische Songwriterin mit 50 Millionen verkauften Alben, in Wien ein Konzert. Die Mountainbikes ihrer Familie wurden gestohlen, aber ein niederösterreichisches Start-up bot spontan Hilfe an. So konnte sie mit Mann und Kindern doch einen herrlichen Österreich-Urlaub machen. „Wachau Valley Vine Region“, postete sie auf ihren Instagram-Account und kam regelrecht in Schwärmen: „Danube River beauty“, „incredible Day“ („Unglaublicher Tag an der Donau-Fluss-Schönheit… „Wachauer Tal Wein Region“), und ließ den Tag mit „Riesling“ ausklingen. 470.000 Likes gab es dafür. Das ist Tourismus-Werbung, die unbezahlbar ist. Niederösterreich verkündete gerade, das Bundesland wolle „Radeldorado“ werden.

Tourismus, das ist ein Wirtschaftszweig, aber auch mehr als das: unternehmen wir eine Reise, steigen wir aus dem Alltag aus. Im besten Fall erweitern wir sogar unseren Horizont. Bei Freizeiterlebnissen laden wir unseren Akku auf, wie man das gerne ausdrückt. All das, der Erlebnischarakter, der kleine Luxus, das lässt sich in ökonomischen Begriffen fassen, geht aber über das bloße Ökonomische auch hinaus. Die Geschichte des „Urlaubs“ ist eine Geschichte des Aufstiegs der arbeitenden Klassen, wie Historikerinnen wie Selina Todd oder Eric J. Hobsbawm beschrieben: kaum hatten Gewerkschaften bessere Löhne und gesetzliche Freizeit durchgesetzt, begannen die Arbeiter und Arbeiterinnen in die Ferien zu fahren. Beliebt waren zunächst die Auszeiten zu Ostern und Pfingsten. Die Sozialgeschichte des Urlaubs, sie ist auch eine Geschichte vom Aufstieg des einstigen „Proletariats“ in die Mittelklassen. Der „Urlaub“, die Erholung, sie sind auch der Ausbruch aus der reinen materiellen Existenz.

Andererseits ist es eine Branche, die zentral ist für die österreichische Wirtschaft. Laut Studien der Arbeiterkammer ist sie aber auch eine Branche, in der besonders viele Beschäftigte im Niedriglohnsegment arbeiten. So konnte in Untersuchungen herausgearbeitet werden, dass im Jahr 2024 „bei rund sieben Prozent der unselbstständig Beschäftigten (rund 240.200 Personen) der Bruttostundenlohn unter dem Niveau von 13,46 Euro pro Stunde und bei rund 14 Prozent (rund 452.900 Personen) unter dem Niveau von 15,14 Euro pro Stunde lag.“ 2250.- Euro Brutto oder weniger sind, verglichen mit anderen Branchen, „besonders häufig“.

Umstritten ist sogar der Beitrag des Tourismus zur Wirtschaftsleistung. Mal ist von rund 14 Prozent des BIP zu lesen, mal von 5,6 Prozent des BIP, mal von 7,3 Prozent. Sind all diese Berechnungen also reines Vodoo?

Urlaub – der neue Luxus?

Oliver Fritz ist vielleicht der beste Kenner der makroökonomischen Bedeutung des Tourismus für Österreich und er kommt, stellt man ihm diese Frage, gleich ins Sprudeln. „Die Zahlen werden sehr gerne falsch interpretiert“, sagt der Forscher des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO. Rechnet man alles zusammen, also die Einkommen aus Gastgewerbe, Bewirtung, Hotellerie, Unterbringung, der gesamten Freizeitwirtschaft und dazu noch die Vorleistungen (etwa des Bäckers, der an die Hotels seine Semmeln liefert usw), dann kommt man auf 14 Prozent oder mehr. Aber der Zillertaler Schüler, der selbst einen Tag Schifahren geht, ist genauso wenig ein Tourist, wie der Wiener Germanistikprofessor, der in seinem Stammcafè das Mittagsmenu einnimmt und die Tageszeitung liest. „Wo ich fremd bin, bin ich Tourist, und das bin ich auch in Krems“, lacht Fritz. „Wir können etwa rechnen, dass fast hundert Prozent der Hotelgäste von auswärts kommen. In der Gastronomie sind es eher rund fünfzig Prozent.“ Ist angesichts steigender Preise und Reallohnverlusten der Urlaub der neue Luxus? „Nein“, sagt Oliver Fritz. „Der Urlaub war früher Luxus, heute investiert ein Großteil der Bevölkerung das Geld, das übrig bleibt, in den Urlaub“. Aber: „In den letzten Jahren sind die Menschen sparsamer geworden.“ Deswegen ist der Tourismus auch nicht mehr die Konjunkturlokomotive, wie er das früher einmal war.

Die Weltkrisen der aktuellen Gegenwart sind ein zusätzliches Unsicherheitspotenzial für den Tourismus. Was, wenn die Fernreisenden ausbleiben, weil das Kerosin knapp und Flugreisen deutlich teurer werden? „Dann wird das womöglich durch Gäste aus Deutschland ausgeglichen, die Reisen nach Tunesien oder Bali bleiben lassen und dafür nach Österreich kommen.“ Tourismus hat für das gesamtösterreichische BIP eine große Bedeutung, aber die größte Bedeutung hat er für die regionale Ebene. Fritz: „Er findet sehr oft dort statt, wo es wenig Industrie gibt. Ohne ihn wäre die regionale Ungleichheit größer. Manche Gegenden wären regelrecht entvölkert.“

Auch Reisen ist Arbeit. Das fängt schon bei der Dienstreise an. Und für manche ist reisen auch ein Beruf, etwa für Martin Amanshauser, dem Reiseautor und -journalisten. Gerade hat er sein neues Buch herausgebracht. „Halbwegs vollständiges Reisehandbuch“ heißt es selbstironisch. „Das Reisen verändert sich, und die Corona-Pandemie war ein Schub“, sagt er. „Die Tourismusindustrie versorgt uns ja mit organisierter Gleichförmigkeit, indem sie vielen tausenden Menschen gleiche Erlebnisse anbietet, zugleich verkauft sie das als ‚Einzigartigkeit‘“. Immer mehr Menschen setzen heute auch auf Nachhaltigkeit, und es boomt das, was Amanshauer den „Einsamkeitstourismus“ nennt. Etwa, wenn Paare sich ein Chalet mieten, oder ein Baumhaus. Ein anderer langfristiger Effekt von Corona: der Boom der Wohnmobile. Immer mehr Menschen fahren in den Norden statt in den Süden. Amanshauser führt ein Leben – buchstäblich an „der Grenze“ und in seinem Buch hat er lustige Geschichten über schnarchende Busreisende, nervige Businessreisende zu erzählen und wertvolle Tipps wie: „Soll man eigentlich früh buchen wie in den Nullern oder möglichst spät wie in den Neunzigern?“

Amanshauser hat noch etwas anderes herausgefunden: Die Reise ist seit jeher eher als Mühsal angesehen worden, erst in neuerer Zeit als Erholung. Das Wort „reisen“ ist etymologisch mit dem deutschen Wort für Aufbruch, Erhebung verbunden, und verweist auf das Wort für Kriegszüge. Das englische „Travel“ stammt vom französischen „travaillier“ ab, also „arbeiten“. Das althochdeutsche „urloub“ wiederum meinte nichts anderes als die Erlaubnis, sich temporär von seinem Arbeitsplatz entfernen zu dürfen, etwa wenn ein naher Angehöriger verstorben ist. Krieg, Maloche, Todesfall: Mit Freude, Ausgelassenheit und Seele baumeln lassen ist keines dieser Worte verbunden. Es war bis vor wenigen Jahrhunderte selbst für Könige mühselig, sich von ihrem Heimatort zu entfernen. Einfache Leute gingen höchstens zu Fuß auf die Walz – oder sie wanderten aus, um anderswo bessere Arbeitsstellen zu finden.

Arbeitsbedingungen verbessern!

Womit sich auf bizarre Weise der Kreis zur Gegenwart schließt. „Die Tourismusbetriebe beklagen einen Facharbeitermangel, aber im Grunde brauchen sie zumeist keine Fachkräfte, sondern einfach billige Arbeitskräfte. Und deshalb favorisieren sie Arbeitnehmer:innen aus dem Ausland“, sagt Silvia Hofbauer, Arbeitsmarktexpertin bei der Arbeiterkammer. Und längst reicht der Zuzug aus den EU-Mitgliedsländern nicht aus, weshalb der Markt für Saisoniers immer mehr geöffnet werden soll. „Dabei ist der Arbeitskräftemangel auch hausgemacht.“ Manche Dinge sind branchenimmanent, sagt Hofbauer, etwa das hohe Maß an Wochenendarbeit oder die Abhängigkeit von der Saisonarbeit. Wer einen Partner oder eine Partnerin hat, und dann die ganze Saison nicht nach Hause kommt, für den ist es nicht attraktiv, in Tourismusregionen zu arbeiten. Verlässliche Dienstpläne und Freizeit sowie bessere Bezahlung würden helfen. Eine gute Unterkunft auch. „Da wird dir dann von Unternehmern berichtet, die offen sagen: ‚Die Österreicher kann ich nicht nehmen, die gehen nicht zu dritt ins Gemeinschaftszimmer.“ Wer arbeitslos ist, und keine direkten Betreuungspflichten (vor allem Kinder) hat und dem eine Unterkunft im 5-Bett-Zimmer gestellt wird, der muss eine solche Stelle auch annehmen. Wer die Übersiedlung ablehnt, wird vom AMS vom Geldbezug für sechs Wochen gesperrt. Aber, so Hofbauer, „das Berufsleben funktioniert doch nur, wenn es für beide Seiten einigermaßen zufriedenstellend ist“. Die Unternehmen müssten sich mehr anstrengen. Es könnten auch mehr Stellen in Ganzjahresposten umgewandelt werden, „indem man die Beschäftigten in der Zwischensaison in Fortbildung schickt, gerade im Tourismus sind Sprachen beispielsweise wichtig.“

Das sieht auch der Gewerkschafter Robert Palaver so. „Dass man bei den KV-Verhandlungen bisher nicht einmal einen Inflationsausgleich anbietet, das geht nicht. Zumindest der Ausgleich der Inflation muss möglich sein“, sagt er. Wenn man nur eine Spur über KV überbezahlen würde, wenn man sich auf die 12 arbeitsfreien Sonntage verlassen könnte, dann fände man auch leichter dauerhaft Leute, ist Palaver sich sicher. Er und seine Kollegen bekommen seit knapp zwei Jahren einen „Wochenendbonus“. Gerade die junge Generation findet die Branche nicht mehr sonderlich attraktiv. „Unser Chef hat vor allem nach Corona zeitweise nicht mehr gewusst, wo er die Leute herbekommt."

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