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Fragen an die Finsternis

Grusel als literarische Form – nicht als Effekt

Liebe Leserin,

in meinem heutigen Newsletter möchte ich meine Gedanken über ein literarisches Thema teilen, das mich beim Schreiben stark beeinflusst.

„Grusel“ wird in Büchern oder auch Filmen oft wie ein Effekt behandelt, ein kleiner Schock: Etwas springt aus dem Dunkeln hervor! Etwas passiert zu schnell, zu laut, zu plötzlich. Die Reaktion ist körperlich, kurz, zuverlässig.

Das Unheimliche, das mich beim Schreiben interessiert, funktioniert anders. 

Es bleibt.

Es entsteht dort, wo der Text nicht alles erklärt, wo die Erzählperspektive – erkennbar mit Absicht – im Unklaren bleibt, wo sich die Sprache weigert, eindeutig zu sein. Grusel in diesem Sinne ist kein Effekt, sondern eine Erzählform. Eine Haltung, beim Erzählen genauso wie beim Lesen. 

In dieser Haltung lässt man sich als Leser:in darauf ein, nicht alles zu verstehen, gemeinsam mit der Buchfigur im Dunkeln zu tappen. Das erfordert Mut und die Bereitschaft, sich einzulassen auf das Rätselhafte, ohne zu erwarten, eine klare Antwort zu erhalten.

Das Gruseln als literarische Form ist eine Frage, die an die Dunkelheit gestellt wird. Und wie wir alle in unserem Leben sicherlich schon einmal festgestellt haben: Die Dunkelheit antwortet nicht. 

Muss sie auch nicht, ja, soll sie nicht. Die Dunkelheit ist nämlich keine leere schwarze Fläche. Sie ist ein Raum. Darin verborgen liegt alles, was wir uns vorstellen können. Fantasie entsteht im Dunkeln, nicht im grellen Licht, denn sie will Leerstellen füllen – und das kann sie nicht, wenn alles ausgeleuchtet wird. Finsternis ist Magie, ein Zauber! Und dieser Zauber verpufft und geht verloren, sobald man ihn benennen will. 

Ich hatte noch nie Spaß daran, ein Buch von Anfang an durchzuplotten und dann dem Plan zu folgen. Ich habe es versucht, weil es so praktisch klingt, aber am Ende bin ich doch lieber ins Dunkel getappt, habe den Umweg durchs Labyrinth genommen. Das ist immer so passiert und am Anfang habe ich mich geärgert und versucht, diesen Fehler beim nächsten Mal nicht mehr zu machen. Dabei sind Fehler manchmal richtig gut, also, je nachdem, was man daraus macht natürlich (das steht noch einmal auf einem anderen Blatt). Hier mal eine gewagte These: Fehler sind eben jene Leerstellen, die die Fantasie füllen kann. Fehler sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt.

Was außerdem passiert, wenn man nicht der vorgeplotteten Handlung folgt: Man folgt einem anderen Rhythmus. Dem Rhythmus der Sprache, der handelnden Figuren und etwas Unbekanntem, dem eigenen Unterbewusstsein vielleicht. Dem Unerklärlichen. Auf der Handlungsebene wiederum entstehen dadurch Wiederholungen, Verschiebungen, Verzögerungen. Klingt im ersten Moment nach Fehlern, oder? Wiederholungen muss man tilgen, Verschiebungen stören den Lesefluss und Verzögerungen killen die Spannung. 

Tjaha, so einfach ist das aber nicht. Wiederholungen, an der richtigen Stelle eingesetzt, haben eine große Wirkung, je nachdem aus welcher Richtung sie kommen, schaffen sie Verbindung, beruhigen oder sie verstören und sagen: Sei auf der Hut! Folgt man dem Rätsel durch das Labyrinth, sucht man den Grusel, statt ihn zu vermeiden, sind Verschiebungen der Weg tiefer ins Dunkel hinein. Und da wollen wir hin. Wird die Handlung durch eine interessante Verzögerung unterbrochen, nehmen wir sie beim Schreiben wie beim Lesen mit offenen Armen an.

Bei meinen Lesungen habe ich festgestellt, dass Kinder weniger Angst als Erwachsene haben, Fragen zu stellen. Sie machen es einfach. Und glaubst du vielleicht, dabei kommen lauter blöde Fragen raus? Ich denke, Kinder haben grundsätzlich weniger Angst vor Fehlern. Sie sind quasi Profis im Fehlermachen, darum lernen sie auch schneller. Ich habe den Eindruck, dass gerade deswegen die jungen Leser:innen mutig in die Dunkelheit schreiten können. Kinder kennen den Raum der Finsternis, sie bewegen sich darin ganz natürlich. Sie erwarten nicht, dass die Finsternis antwortet. Sie wissen, dass das Rätselhafte bleibt, wie ein Spiel, das niemals endet, nicht wie eine lauernde Gefahr. 

Grusel als Erzählform ist kein schneller Effekt, es ist eine Einladung. Eine Haltung, die auch nach dem Lesen bleibt. Sie ist die Fähigkeit, Leerstellen auszuhalten und selbst zu füllen.

Mir gefällt das sehr, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen – und dir vermutlich auch, wenn du die Polidoris und/oder Smeralda Bohms Bestiarium magst. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dich mit meinen Überlegungen zum Nachdenken anregen konnte. In Zukunft würde ich gern ab und zu solche kleinen Exkurse hier einbauen.

Für mich ist dieser Newsletter und diese Seite hier auf Steady ein kleiner Safeplace fernab vom übermächtigen Algorithmus und von der häppchenhaften Schnelligkeit bei Instagram. Danke, dass du ihn abonnierst! Es bedeutet mir viel: Entfaltungsraum und die Gewissheit, dass das, was ich denke und schreibe, da draußen Anklang findet.

Bis bald im nächsten Brief!

Deine Anja