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Begeisterung als Haltung zur Welt

Viele Menschen wünschen sich mehr Begeisterung in ihrem Leben. Sie suchen nach einem Thema, das sie mitreißt, nach einer Leidenschaft oder nach etwas, das ihrem Leben Richtung gibt. Oft wird dabei so gesprochen, als müsse man diese Begeisterung nur finden. Irgendwo da draußen wartet das eine Thema, das perfekt zu einem passt.

Ich bin mir nicht sicher, ob Begeisterung immer so entsteht.

Bei mir begann sie nicht mit einer Leidenschaft, sondern mit Offenheit. Es gab eine Zeit, in der ich verschiedene Bereiche erkundete. Psychologie, Philosophie, Physik. Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Vielleicht wollte ich verstehen, was mich wirklich interessiert und was mich nachhaltig fesseln kann. Dann blieb ich bei der Physik hängen. Nicht weil ich beschlossen hatte, mich dafür zu begeistern. Die Begeisterung entstand erst im Kontakt mit dem Thema. Je mehr ich lernte, desto mehr Fragen tauchten auf. Aus einer ersten Neugier wurde Interesse. Aus Interesse wurde Begeisterung.

Rückblickend frage ich mich manchmal, ob die Begeisterung überhaupt der Anfang war. Vielleicht war es die Offenheit. Wer nie neue Wege betritt, neue Bücher aufschlägt oder neuen Gedanken begegnet, gibt der Begeisterung wenig Gelegenheit zu entstehen. Sie braucht nicht immer einen Plan. Oft genügt die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, ohne bereits zu wissen, wohin es führt.

Mit der Zeit bemerkte ich noch etwas anderes. Es gibt Menschen, die sich für bestimmte Themen begeistern können. Und es gibt Menschen, die eine grundsätzliche Offenheit gegenüber der Welt besitzen. Sie finden vieles interessant. Ein Gespräch, eine historische Begebenheit, eine wissenschaftliche Entdeckung oder eine Idee können ihre Aufmerksamkeit wecken. Vielleicht entsteht aus dieser Offenheit überhaupt erst die Möglichkeit, begeistert zu werden.

Später kam bei mir die Fotografie hinzu. Sie veränderte meinen Blick noch einmal. Während die Physik meine Aufmerksamkeit auf die großen Fragen richtete wie auf Sterne, Galaxien, Raum und Zeit, lenkte die Fotografie meinen Blick auf das Naheliegende. Auf Licht und Schatten. Auf kleine Details am Wegesrand. Auf Dinge, an denen man sonst vorbeigeht.

Dadurch entdeckte ich eine weitere Form der Begeisterung. Das Staunen über das Gewöhnliche.

Ein Baum. Ein Insekt. Eine Wolkenformation. Die Struktur eines Blattes. Nichts davon ist selten. Gerade deshalb wird es leicht übersehen. Die antiken Philosophen sahen im Staunen den Ursprung des Denkens. Bevor wir Antworten suchen, steht oft ein Moment der Verwunderung. Etwas erscheint plötzlich weniger selbstverständlich als zuvor. Auch die Frühromantiker beschäftigten sich mit dieser Erfahrung. Sie versuchten, das Vertraute wieder mit neuen Augen zu betrachten. Nicht weil die Welt geheimnisvoller geworden wäre, sondern weil sich ihr Blick auf die Welt verändert hatte.

Vielleicht ist Begeisterung deshalb mehr als die Liebe zu einem bestimmten Thema. Vielleicht ist sie eine Haltung. Eine Haltung der Offenheit. Eine Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Nicht jede Begegnung wird zur Leidenschaft. Nicht jede Frage entwickelt sich zu einem Lebensinteresse. Doch wer offen bleibt, entdeckt oft mehr, als er erwartet hat.

Vielleicht beginnt Begeisterung nicht damit, etwas Besonderes zu finden. Vielleicht beginnt sie mit der Offenheit, überhaupt berührt werden zu können.

Bianka Seredinski-Holzner 2026

Kategorie Lebensphilosophie