Dieser Artikel ist für die, die “Josephines Albtraum” bereits kennen oder keine Angst vor Spoilern haben. Er ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Depression, das unterschwellige und gleichzeitig zentrale Thema in meinem Debüt-Roman.
Zum Verständnis: Josephine, die Protagonistin im Buch, wird vom Schattenmann, einem paranormalen Wesen aus ihren Albträumen, in seine Welt verschleppt: dem Schattenreich.
Das Schattenreich ist unserer Welt nicht unähnlich und doch ganz anders. Wir können es uns als bösen Zwilling oder als düsteres Spiegelbild unserer realen Welt vorstellen.
Es ist einsam dort. Die Welt ist verwaist, schweigsam, kalt, farblos. Gebäude zerfallen, bröseln auseinander. Die Natur vertrocknet, geht ein. Es ist gespenstisch still, nicht mal ein Wind rauscht durch die löchrigen Dächer der maroden Häuser. Der Himmel ist wolkenbehangen, gefärbt in ein ewiges Grau. Genauso farblos und unbewegt wie der Rest der Welt.

Die Uhren ticken nicht an diesem Ort. Die Zeit wirkt wie eingefroren. Kein rückwärts, kein vorwärts. Jeder Augenblick scheint von Monotonie gezeichnet.
Den Gefangenen dieser Welt ist kein Schlaf erlaubt. Keine temporäre Flucht aus dem tristen Albtraum, der sich von nun an ihr Leben nennt. Im Schattenreich existiert auch keine Nahrung. Ernährt wird sich hier nicht in Form von Brot oder Müsliriegeln, sondern durch das Inhalieren von Glück.
Glück. Das existierte hier nicht. Es war zum Tode verurteilt, bereits im Ansatz seines ersten Atemzugs.
Deshalb muss man sich das Glück im Schattenreich “borgen”. Man findet es in sogenannten Oasen. Das sind Orte, an denen die Membran zur Realwelt so dünn ist, dass das Glück aus unserer echten Welt in das Schattenreich sickert. Hier kann man sich aufwärmen, auftanken und einen Moment lang wieder “lebendig” fühlen. Und tatsächlich ist es beinahe das einzige, das einen auf Dauer die Existenz bewahrt, an diesem untoten Ort, der die Seele verwelken lässt.
Es sind diese flüchtigen Momente von Glück, die einen weitermachen lassen. Tag für Tag. Stunde für Stunde.
Fehlen diese Momente, dann zerfällt nach und nach der Verstand. Die Gefangenen des Schattenreichs verwandeln sich langsam in etwas, das seine Menschlichkeit verliert. Seine Konturen, seine Form. Am Ende erinnert es nur noch entfernt an das groteske Abbild eines menschlichen Geschöpfs: Schattenwesen.
Hatte Josephine jemals etwas so Widerliches als auch Schauderhaftes gesehen? Als hätten die Angst und die Hässlichkeit ein Kind gezeugt.
Schattenwesen gruppieren sich. Als erinnerten sie sich wage daran, dass sie einst Herdentiere gewesen sind. Sie irren durchs Schattenreich. Sie klagen und weinen und wimmern immerzu.
Ein schauriger Chor der Melancholie.
Sterben diese Wesen, zersetzen sie sich in Goldstaub. Jene goldenen Partikel, die vereinzelt und leise durch das Schattenreich schweben. Wie Staubkörnchen, die sich niemals absetzen. Die Schattenwesen ernähren sich davon. Genau betrachtet, vertilgen sie sie sich selbst. Wie die Schlange, die ihren eigenen Schwanz packt und verschlingt.
Das Schattenreich kann man als Allegorie verstehen. Es ist die Heimat des Schattenmannes, eines stillen, einsamen Wesens, das andere stille, einsame Wesen entführt, um seine Welt mit ihnen zu bevölkern.
Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Verursacht der Schattenmann Depression bei jenen, die er auserwählt? Oder ist es umgekehrt? Kommt er zu seinen Opfern, weil er sich von ihrer Melancholie angezogen fühlt?
Der Schattenmann ist die personifizierte Depression und das Schattenreich sein nach außen gekehrtes Inneres.
Kalt.
Farblos.
Still.
Einsam.
Kaputt.
Reglos.
Doch dann passiert etwas, womit der Schattenmann nicht gerechnet hat. Plötzlich beginnt, sich seine Welt zu verändern. Gebäude reparieren sich wie von Geisterhand, vertrocknete Bäume erblühen, Blumen wachsen durch die Risse und Schlaglöcher im Asphalt.
Warum geschieht das? Und was hat das mit der neuen Gefangenen in seinem Reich zu tun - Josephine?
Der Schattenmann will das nicht. Er wehrt sich. Lässt Regenschauer, Sturm und Blitz auf die Auferstehung des Lebens nieder. Und merkt dabei nicht, dass auch in ihm selbst schon längst ein Funke entfacht wurde …
Du bist bereits ins Schattenreich abgetaucht? Wie hast du es empfunden? Schreib mir gerne deine Gedanken und Eindrücke in die Kommentare.
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