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Weihnachten. Geburtstag. Lottogewinn. Und dann KI.

Heute ist Weihnachten. Und Geburtstag. Im Lotto habe ich auch gewonnen. So fühlt sich das an. Die News dahinter: Ich bin Stipendiatin der Schreibakademie im Nordkolleg Rendsburg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)2026/27 und werde ein Jahr lang mit den Dozent:innen Lisa Kuppler und Carlo Feber sowie einem Dutzend wunderbarer Kolleg:innen an meinem Romanprojekt, meiner Autorinnenstimme und meinem Einstieg in den Buchmarkt arbeiten.

Alle ökologischen, geopolitischen, materiellen, gesundheitlichen und mentalen Krisen gehen jetzt bitte mal zwölf Monate in den Pausenmodus. Kein Doomscrolling. Kein Ablenkungs-Trash, kein desinformierendes Gefasel. Ich will nichts hören. Danke.

Mach dich schlau, bevor du sprichst.

Ich gebe zu: Schon eine Stunde Nachrichten Lesen und Hören pro Tag, und dazu fühle ich mich verpflichtet, macht mich oft so wütend, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Einigen Personen des öffentlichen Lebens kann ich nicht mehr zuhören. Ich fange an zu schreien, wenn ich gewisse Stimmen höre. Frag meinen Mann. Der erschreckt sich fürchterlich. Die Frau schreit. Hat sie sich verletzt?

Was mir hilft: Erst hinhören, wenn nervenstarke, kluge Menschen den Gehalt einer Aussage gefiltert und Informationen in einen Kontext gestellt haben, der Erkenntnisse liefert. Also drei Tage warten. Dann habe ich eine Chance, selbst mit den Aussagen gelassen umzugehen, die für mein Empfinden einer therapeutischen Behandlung würdig sind oder einem Menschenbild entspringen, das mir zuwider ist. Es wird immer schwieriger, diesen Stimmen auszuweichen. Sie sind einfach zu laut. Darum braucht es inzwischen lächerlich wenig, meine Stimme zum Kippen zu bringen. Kleines Beispiel: Olga Tokarczuk, polnische Literatur-Nobelpreisträgerin, gab neulich zu, KI zu nutzen:

»Ich habe mir die höchste, fortschrittliche Version eines Sprachmodells gekauft und stehe in einem tiefen Schock und schaue mir an, wie fantastisch es Horizonte erweitert und kreatives Denken vertieft. Auf der anderen Seite muss man sehr vorsichtig sein. Denn diese Gespräche ziehen an und Sie können den ursprünglichen Zweck verlieren, KI zu verwenden, um zum Beispiel zu lernen und sogar ungewöhnliche Theorien zu entdecken. Allerdings muss man auf Halluzinationen achten.«

(My Company Polska, 15.5.2026, übersetzt von KI)

Ein Aufschrei quer durch die Gazetten. Untergang des Intellekts. Sie schreibe ihre Bücher nicht selbst. Nobelpreis aberkennen. Teeren. Federn. Später durfte sie »zurückrudern« (Frankfurter Rundschau) , dass sie keine generative KI nutze, um sich Texte schreiben zu lassen, sondern im Sprachmodell recherchiere und sich Inspirationen hole. Natürlich tut sie das. Und nochmal, im Trump-Style:

NATÜRLICH TUT SIE DAS.

Es tut mir leid, es so deutlich sagen zu müssen: Kein Mensch kommt an KI vorbei. Sprachassistenten, Heizungsthermostate, Stromzähler, Mäh- und Saugroboter, Überwachungskameras, Spurhalteassistenz im Auto, Spamfilter, Bürosoftware, Wetterberichte ... die Frage ist eher, wo KI nicht drinsteckt. Jedes Mal, wenn du eine Suchmaschine benutzt oder Social Media ansteuerst, ist klassische KI im Spiel. Jedes Mal, wenn du eine Zeitung aufschlägst, ist generative KI im Spiel, selbst wenn sich Journalist:innen nur Recherchen von KI zusammenfassen lassen, bevor sie beginnen zu schreiben. Lehrende brauchen KI-Detektoren, um herauszufinden, was selbst erdacht ist an einer Arbeit. Politiker:innen dampfen Fachinformationen auf lesbare Pakete ein. Womöglich ist die Hälfte dieser Zusammenfassungen Bullshit, halluziniertes, unverdautes Zeug. Stille-Post-Effekte inklusive. Egal, Zeit ist Geld, Geld ist Macht, schneller, schneller, mehr, mehr.

KI verursacht und verschärft Probleme, die die gesamte Menschheit betreffen, von der Hirnentwicklung über gigantische Verdummungseffekte bis zu Ökologie und Menschenrecht. Trotzdem nervt es mich tierisch, wenn Leute von einem bildungsbürgerlichen Sockel herab auf eine Autorin eindreschen, ohne sich wenigstens im Ansatz in klassischer/generativer KI und ihrer Verbreitung auszukennen. Das ist einfach nur denkfaul. Confirmation Bias: Unsere Hirne stürzen sich auf das, was wir ohnehin schon dachten, ohne die eigenen Grundannahmen zu überprüfen oder gegenläufige Informationen zuzulassen. KI ist schuld. Internet, die Geißel der Menschheit. Kreisch!

Rückzug ist keine Lösung.

In Urlaub fahren, im Garten pröddeln, Kultur genießen, das alles ist in einem demokratischen System nicht als Ersatz, sondern als Ausgleich unter anderem zu der Verantwortung gedacht, sich einen Überblick zu verschaffen, was in der Welt los ist. Mach dich schlau: Möglichst unvoreingenommen, möglichst vielseitig. Lies und hör, was du in die Finger kriegst, auch, wenn es Zeit frisst. Gerade jetzt, wo die Kontrollfunktion öffentlich-rechtlicher Medien als »vierte Gewalt« schwächelt. Auch, wenn die Komplexität nervt. Auch wenn TV-Nachrichten und die Tageszeitung allein längst nicht reichen. Auch wenn alles, was wir für absolut und unverrückbar halten, einem Trick des Gehirns geschuldet und falsch sein kann. So sind wir nun mal. Strunzdoof und lernfähig zugleich. Ich sag dir das und genau so mir selbst: Wenn dir der Mund überläuft, bevor du etwas als vielschichtig verstanden hast, geh in den Wald oder schrei das Meer an. Verklopp einen Sandsack. Beweg dich im Innen und Außen, bevor du sprichst. Sonst können wir den Laden hier bald dicht machen.

Frommer Wunsch.

Ich kann es kaum fassen, dass ich, untauglich für den Mainstream, rebellisch bis neurodivergent, eingeladen wurde, das professionell zu tun, was ich immer tun wollte: Auf einem guten Niveau fiktional schreiben. Hammer. Seit einer Woche habe ich den Fernseher nicht mehr angebrüllt. Was einerseits daran liegt, dass ich keine TV-Nachrichten mehr gucke, andererseits befriedet mich das Gefühl, wahrgenommen, angenehm herausgefordert und vom Glück beschenkt zu sein. Ich will das Jahr gut nutzen, mich anderen öffnen und meine Antennen ausstrecken für alles, das mir begegnet. Ich kann mich allerdings nicht gleichzeitig häuten und jederzeit bereit halten, einen Schild gegen Scheindebatten, Doppelbinder, Kurzsicht, Niedertracht und PR-Geblubber hochzureißen. Alles auf einmal geht nicht. Also reißt euch zusammen da draußen. Wenigstens für ein Jahr.

Bleib der Welt gewogen!

Aiga

Lieblingsgeräusch

Quelle: https://www.soundalbum.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Die Wählscheibe – Während sie zurück auf Anfang surrt, schwebt mein Finger schon über der nächsten Zahl. Die Nummer kenne ich auswendig. Sie ist kurz, aber lang genug, um meine Gedanken zu ordnen, während ich Zahlen drehe. Bis ich den Freiton höre, weiß ich, was ich sagen will. Einen AB, auf den ich mein Anliegen zwischenlagern könnte, gibt es noch nicht. Dauert halt alles ein bisschen länger. Schön.

Hören und Sehen

Trevor Noah Orders His First Taco

Sieben Jahre lang hat er als Nachfolger von Jon Stewart die Daily Show auf Comedy Central moderiert, um dann wieder auf Reisen zu gehen. In diesem Jahr tourt der Kabarettist und Schauspieler Trevor Noah mit aktuellem Programm durch die USA und Südafrika. Sein Talent, Alltägliches in ein komisches Licht zu setzen und mit politischen Themen zu verknüpfen, erwächst einem offenen Menschenbild. Erste Hilfe gegen zynische Befindlichkeit: Suche Trevor Noah auf youtube. Hier ein kurzer Clip: Trevor Noah Orders His First Taco (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Zwei vertiefende Podcasts zum Thema KI …

Das Social-Media-Update der c't zählt zu den wenigen Podcasts, die ich ungern verpasse, selbst wenn er drei Mal wöchentlich erscheint.

Die KI ist kein Mensch, die Tech-Broligarchie sei moderner Kolonialismus, KI müsse entwaffnet werden, sagt zugespitzt Pabst Leo XIV. in seiner Enzyklika. Was diese Deutlichkeit bedeutet und welchen Widerstand die Entwicklung braucht, bespricht Gavin Karlmeier mit dem Soziologen Stefan Schulz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Haken dran – API et Orbi

https://hakendran.podigee.io/582-api-et-orbi-mit-stefan-schulz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Denkangebot Podcast

https://www.podbean.com/media/share/dir-pmviz-2b6e473d (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Über KI und autoritäre Sehnsüchte im Silicon Valley: Katharina Nocun (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) spricht mit Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück.

Neurodiversität – Wie normal ist anders?

Ein 3Sat-Beitrag, der Anderssein nicht pathologisiert, sondern Eigenart beleuchtet. Bisschen schwierig zu verdauen, wenn man starre Erwartungen an Menschen hat. Für andere eine Einladung, über Anpassungsdruck zu reflektieren. (Verfügbar bis 29.5.2027)

https://www.3sat.de/wissen/nano/260529-doku-neurodiversitaet-wie-normal-ist-anders-nano-102.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Aus der Werkstatt

Am Wasser entlang

Im Schreibraum erzählte ich von einem digitalen Dinosaurier, mit dem ich ein kompliziertes Gespräch zu führen hatte. Die Kolleginnen dachten, ich rede über einen echten Dinosaurier. Über diese Komplikation der Komplikation mussten wir noch Tage später lachen. So erhielt ich den Auftrag, über einen Dinosaurier zu schreiben. Voilà. (Sorry, Stimme rostig heute)

(c) aigiko

Kollega

Literarische Rechtsberatung

Jura Studierende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf beraten Autor:innen literarischer Texte, um juristische Ungenauigkeiten oder Fehler zu vermeiden, die unter Umständen zu Missverständnissen über geltendes Recht führen. Schau mal unter litreba.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

https://litreba.de/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

The Sad Millennials: Der Literaturbetrieb als Markt

Daniel Stähr ergänzt die Debatte um Vorschüsse im Literaturbetrieb um die Frage, wie ein nicht-marktgetriebener Literaturbetrieb aussehen könne. Außerdem attestiert er der kreativen Arbeit von Autor:innen einen Vorschuss an Status (gegenläufig zu meiner Wahrnehmung), der vermeintlich nicht kreative Arbeiten im Literaturbetrieb in den Schatten stelle.

https://steady.page/de/sadmillennials/posts/f352033c-64d7-4ed9-b5d6-7e00000c6f6b (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Vorlesestoff

Die Flüsse von London

Wir lesen einander gerade Ben Aaronovitchs Romanserie vor, zehn Bände, beginnend mit Die Flüsse von London (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Cosy Crime mit Magie, naja, dachte ich. Wie Aaronovitch trockenes Polizeiwissen mit der geheimen, weil magisch versierten Unterabteilung der Metropolitan Police verschränkt, ist aber sehr unterhaltsam. Das englische Hörbuch des ersten Bandes liefert, im Gegensatz zur knapp vierstündigen deutschsprachigen Fassung, über zehn Stunden ... Ich finde Kobna Holdbrook-Smiths Interpretation umwerfend :)

Verstehen, wie Verwaltung tickt

Am Wochenende konnte ich Anne Brorhilker, Cum/Ex, Milliarden und Moral (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) anlesen, dann musste ich es der Bibliothek zurückgeben, weil jemand es vorbestellt hatte. Querlesen reichte, um es auf meiner Leseliste ganz nach oben zu rücken. Nicht nur, weil Wirtschaftskriminelle eine besondere Spezies sind, sondern auch, weil Brorhilker begreiflich macht, wie die Justizverwaltung tickte, in der sie als Staatsanwältin tätig war, bevor sie zum Finanzwende e.V. wechselte. Spannend.

Schreibmusik
https://www.youtube.com/watch?v=42lx1xrQdvc (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Jordan Critz »Romantique – a meditation on hope and return«

Tut gut, zwischendurch vom Schreibtisch aufzustehen und durch den Raum zu tanzen.

PS. Ich freue mich, wenn du meinen Newsletter weiterleitest oder meine Projekte mit einem Abo auf Steady förderst. Danke :)

PPPS. Hab eine gute Zeit bis zum nächsten Update <3

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