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“Unser Sohn versteht keine Regeln”

Bild: Chiara Doveri

Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.

Liebe Anna,

Ich mache mir Gedanken um meinen Sohn (3 Jahre). Nachdem wir ihn wegen Corona lange nicht eingewöhnen durften, haben wir nun ein halbes Jahr später als geplant endlich mit der Eingewöhnung gestartet. Die Eingewöhnung hat 3 Wochen gedauert und war total individuell auf ihn zugeschnitten (erstes Mal bin ich nach 10 Tagen gegangen). Er hat seinen Bezugserzieher total akzeptiert und kommt auch gut mit den anderen Erziehern klar. Wenn ich ihn morgens abgebe, verabschiedet er mich fröhlich und freut sich, wenn ich ihn mittags abhole. Er lehnt allerdings die anderen Kinder ziemlich ab, spielt meist bei den Erziehern, macht Musik- oder Bastelangebote mit aber bleibt eher für sich. Das ist insofern etwas ungewöhnlich, als dass er daheim viel mit seiner älteren Schwester (6 Jahre) spielt oder auch mit Kindern von Freunden, wenn diese uns besuchen. Ich denke, dass das daran liegen könnte, dass ihm die Gruppe manchmal noch zu viel ist.

Mein Sohn hat erst sehr spät angefangen zu sprechen, eigentlich ist der Knoten erst kurz vorm 3. Geburtstag so richtig geplatzt. Nun spricht er zwar viel, aber häufig nicht für jeden verständlich, da er viele Buchstaben weglässt oder austauscht. Das hat auch dazu geführt, dass er früher Konflikte häufig körperlich gelöst hat. Ich habe das ganz eng mit ihm begleitet und wir haben die Stopphand geübt (Stopp sagen konnte er nicht) oder war am Spielplatz nahe an ihm dran, damit nicht einer, der ihm zu nahe kam, die Schaufel drüber bekommen hat. Ich hab das auch immer verbalisiert, was ich dachte, was er damit sagen wollte, ihn Alternativen aufgezeigt etc. Mittlerweile hat sich das alles sehr entspannt, er verhandelt sogar mit seiner Schwester, Streitereien laufen mittlerweile nur noch verbal ab und können meist von beiden gelöst werden. Lediglich wenn er geärgert wird, kann es passieren, dass er noch schubst oder anders körperlich reagiert.

Die Kita hat mich jetzt drauf aufmerksam gemacht, dass er fast täglich Kindern an den Haaren zieht und auch oft nicht "hört", wenn er gewisse Regeln befolgen soll. Ich muss dazu sagen, dass wir ganz wenige Regeln daheim haben (die eigentlich nur den Umgang untereinander regeln) und wir versuchen unsere Kindern auch viel Spielraum zum selbstbestimmten gestalten zu lassen. Meine Tochter ist auf eine Montessori Kita gegangen (leider sind wir umgezogen, deshalb mussten wir uns für unseren Sohn eine neue Kita suchen), in der sie sehr frei in ihren Handlungen war und vieles davon haben wir auch zu Hause übernommen. Mein Sohn geht in eine kleine Elterninitiativ Kita mit sehr vielen Strukturen. Obwohl die Erzieher den Kindern sehr zugewandt sind, gibt es (für unseren Geschmack) doch einige Regeln (die ich in der Tat auch nicht alle als sinnvoll erachte). Zum Beispiel müssen alle Kinder beim Mittagessen sitzen bleiben bis alle gegessen haben (was für meinen sehr motorisch aktiven Sohn sehr schwierig ist). Die Kinder dürfen drinnen nicht wirklich toben. Sie gehen fast täglich auf den Spielplätzen in unseren Kiez, auf den Weg dorthin müssen sich immer 3 Kinder an die Hände nehmen (mein Sohn hasst es allerdings andere Kinder, die er kaum kennt, anzufassen). Dann gibt es immer Essen in der Kita, aber jeder bekommt zum vormittags Snack nur 2 Zwieback, wenn jemand noch Hunger hat, dann wird darauf hingewiesen dass die anderen ja auch nur 2 Zwieback bekommen haben und er bekommt nix mehr. Etc. Von meiner Tochter kenne ich es so, dass sich niemand anfassen muss beim rausgehen, es dürfte nur niemand vor rennen, die Kinder hatten immer eine Brotbox mit, von der sie sich immer nehmen konnten und sitzen bleiben nach dem Essen musste auch keiner. Es gab auch einen Toberaum in dem die Kinder laut sein konnten, wie sie wollten. Bei uns ist es ähnlich zu Hause.

Natürlich frage ich mich jetzt, ob seine Aggressivität daher kommt, weil es so anders ist in der Kita als bei uns daheim , weil sie viel verlangen, in denen sich die Kinder etwas verbiegen müssen, oder ist das nicht sogar normal, dass andere Regeln in der Kita gelten und die Kinder sich anpassen. Ich habe da auch kein Gefühl für, wieviel davon zumutbar wäre, weil die Kita meiner Tochter unserem Erziehungsstil sehr ähnlich war. Oder ist es eher die Gruppe, die ihn überfordert, was nach Corona auch nachvollziehbar wäre. Auch weiß ich nicht, wie ich ihn daheim noch unterstützen kann. Hast du einige Impulse dazu für mich?

Danke,
Abiba*

Sujet Starke Gefühle

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