Seit gestern habe ich ein fahrtüchtiges Fahrrad zuhause (mein offizielles Fahrrad parkt in der Stadt und fährt mit mir hauptsächlich vom Bahnhof zum Brotjob). Ich mag Radfahren, vor allem, wenn es gute Fahrradwege gibt. In meiner neuen Landresidenz gibt es leider keine, die Straßen sind zu eng, zu verschlungen und zu abschüssig. Die Fußgänger*innen dürfen froh sein über die 50cm Bürgersteig, die ihnen hier zugestanden werden. Mein neues Zweitrad ist alt, ich habe es für 20 Euro auf dem Flohmarkt gekauft mit der Ansage, es benötige noch etwas Liebe. Die Bremsbeläge sind vor lauter Liebesentzug vollständig versteinert, ich traue mich kaum zu bremsen, weil ihr Quietschen nach den Banshees klingt, die ich eher auf dem örtlichen Friedhof vermutet hätte.
Unsere Jungfernfahrt führt mich zum lokalen Buchladen, zu dem ich mir präventiv ein Buch bestellt habe. Um dorthin zu gelangen, muss ich um eine Kurve mit 45% Gefälle rasen und dann scharf links über die entgegengesetzte Fahrspur – natürlich findet nichts davon auf einem Radweg statt –, um auf den Parkplatz zu den Fahrradständern zu gelangen. Nervlich schaffe ich nur drei Meter des Steilhangs, dann trete ich in die Banshee-Bremsen und rette ich mich und das Rad auf den Fußweg. Die vorbeiziehenden Autofahrer*innen werfen mir beschämte Blicke zu. Es ist Feierabendverkehr, ich sollte aufhören, mit meinem Schrottrad auf der heiligen Straße zu existieren. Ich warte stundenlang, bis sich eine Lücke zwischen den nicht abreißenden Autokolonnen ergibt, dann schiebe ich mein Rad über die Straße und verschwinde im Buchladen.