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Nestlinge auf Doom Piles

Beste, wenn auch etwas übertriebene Ausrede für das Brachliegen eines nur zwei mal bespielten Newsletters: Ich war sehr beschäftigt damit, mir Sorgen um Nestlinge und Ästlinge zu machen. Das klingt nun, als würde ich eine Vogelaufzuchtstation betreiben, was (leider) nicht stimmt. In Wahrheit habe ich nur meinen Kram nicht weggeräumt und einer Umgebung, in der diverse zuständige Menschen aus unterschiedlichen Gründen ihren Kram nicht wegräumen. Mein Kram war ein Flechtkorb mit einem Stapel Anzuchttöpfe (auf dem Friedhof containert, Profitipp für gärtnernde Sparfüchse) und einigen Blumenzwiebeln (ebenfalls auf dem Friedhof vom Biomüll geholt), den ich nur kurz auf einem Blumentopfhalter an meinem Rankgitter unter dem Dachvorsprung abgelegt habe. Wahrscheinlich, weil ich kurz die Hände frei haben wollte, um nur eben schnell einige Ackerwindensprösslinge auszugraben, die ich immer vor allem dann entdecke, wenn ich etwas anderes tun will. Wenn ich gezielt danach schaue, finde ich nichts davon.

Während ich im Mai die meiste Zeit beruflich unterwegs war, baute ein Zilpzalp-Pärchen ein Nest auf der Blumenzwiebel-Anzuchttöpfe-Konstruktion und legte dort einige Eier ab. Ich lasse oft gestapeltes Zeug über Wochen irgendwo liegen, doch dass Vögel auf meinen Doom Piles nisten, das war neu. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Stadt- und Landleben: In der Stadt war ich chaotisch, auf dem Land schaffe ich unkonventionelle Nistplätze für Singvögel.

Im Juni hatte ich keine Reisetermine und konnte dementsprechend wieder Zeit auf meiner Terrasse verbringen. Es dauerte einige Tage, bis sich die Zilpzalps an meine Anwesenheit gewöhnt hatten. Stundenlang saß ich auf dem Balkon und demonstrierte Harmlosigkeit, während ich beobachtete, wie sie kleine Insekten aus dem toten Baum neben der Terrasse zupften und in die Schnäbel ihrer Küken stopften. Der tote Baum, ebenfalls eine Baustelle: Eigentlich müssten wir ihn fällen, sagte meine Vermieterin, er stehe nur so ungünstig, dass sie nicht so recht wisse, wie, und sich deswegen seit drei Jahren nicht dazu durchringen konnte. Jedes Mal, wenn ein Vogel darauf landete, rieselte Rinde auf meinen Terrassenboden. Wenn wir noch ein paar Jahrzehnte warteten, hätte sich das mit dem Baum auch von selbst erledigt, dachte ich, und nahm mir vor, bald zu fegen.

Es dauerte nur eine Woche, bis die Vogelküken Federn bekamen und aus dem Nest ausstiegen, um die Terrasse zu erkunden. Mein Hund fand sie zwischen den Kräutertöpfen und zeigte mir an, dass da etwas war, dem er nicht so recht traute. Ich zog meine Gartenhandschuhe an und setzte die Ausreißer zurück ins Nest, nur um sie Stunden später wieder zwischen den Kräutertöpfen zu finden. Ich setzte sie auch ein zweites Mal zurück ins Nest, weil sie doch erst eine Woche alt waren. Dabei hatten sie schon überraschend viel Kraft, sie stemmten sich gegen meine Handfläche und versuchten wegzulaufen. Meine Google-Recherche ergab, dass sie von Nestlingen zu Ästlingen geworden waren und ich sie nicht mehr zurück ins Nest setzen musste. Offenbar war es so, dass sie nun unschlüssig irgendwo in Nestnähe saßen und tschilpend darauf warteten, von ihren Eltern gefüttert zu werden. Über die Terrasse und durch den Garten lief ich fortan wie auf Eierschalen, um nicht auf einen Ästling zu treten. Drei von ihnen erkundeten die Umgebung zusammen, der Vierte war etwas kräftiger und begann früh zu fliegen. Der Fünfte hatte einen Sturz aus dem Nest nicht überlebt. Bald stellte ich fest, dass in dem toten Baum eine Gruppe Meisen-Ästlinge randalierte. Wie die gelangweilte Dorfjugend: Bushäuschen belagern, Lärm machen, Erwachsene verärgern (ich war natürlich keineswegs verärgert).

Kaum eine Woche, nachdem ich das erste Küken zurück ins Nest gesetzt hatte, wurde das gewohnte Tschilpen plötzlich leiser und verstummte dann völlig. Ich sah keinen einzigen Vogel mehr dort, wo sie sich sonst herumgetrieben hatten, nur in dem toten Baum saß eine (erwachsene) Amsel. Besorgt schaute ich nach, ob die Ästlinge verletzt waren, ob es ein Problem gab, ob die Nachbarkatzen vielleicht ein Festmahl gefeiert hatten, doch fand nichts dergleichen. Das Nest war selbstverständlich leer und sah allgemein sehr heruntergewirtschaftet aus. Vermutlich waren sie weitergezogen, wahrscheinlich nur zu den Nachbarn oder wohin auch immer sie in dieser Lebensphase flogen. Ich war wieder allein mit den Hummeln.

Heute früh (30.07.2025, ca. 8:30 Uhr) habe ich einen Ästling auf der Straße vor dem Nachbargrundstück gefunden. Der Hund beschnupperte ihn, der flüchtete nicht. Sollte ich ihn zurück in die Hecke setzen? Ich hielt einen Autofahrer mit einem SUV an und sagte, ich müsste hier einmal einen Vogel evakuieren. Er wartete geduldig, während ich den kleinen Vogel inspizierte. Er war größer als die Zilpzalp-Ästlinge, sah allerdings ähnlich genervt und desorientiert aus. Als ich versuchte, ihn hochzunehmen, hüpfte er an den Straßenrand, und ich gab dem Autofahrer ein Zeichen, dass er weiterfahren konnte.

Drei kleine Vögel (Ästlinge) auf einem Stein, im Hintergrund Rasen und Löwenzahn
Drei Zilpzalp-Ästlinge

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