Steven, Andreas und Patrik suchen mit Leidenschaft nach Eheringen, die andere Leute in Flüssen verlieren. Geld bekommen die drei Männer dafür nicht. Ihre Belohnung ist etwas anderes.
Aus dem SPIEGEL-Loveletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vom 31.8.2025
Nach einigen Stunden ist sich Steven Kutzbach sicher. „Hier ist kein Ring“, sagt er. In graubrauner Taucherhose und Gummistiefeln steht er bis zur Hüfte in der Pegnitz, einem Fluss in der fränkischen Schweiz. Schon seit heute früh um halb acht gehen er und seine Kameraden Patrik David Flömer und Andreas Rottler dieselbe Stelle mit Metalldetektoren auf und ab, in ihren Kopfhörern ertönt ein Ton, wenn die Sensoren im Untergrund des Flusses metallische Gegenstände wahrnehmen.
In manchen Gewässern piepsen die Geräte andauernd: Kronkorken, Nägel, Münzen. In der Pegnitz? „Hier ist nicht einmal Müll“, sagt Steven. Er klettert durch Brennnesseln und Brombeersträucher ans Ufer, pellt die Träger der Taucherhose von sich wie die Schalen von einer Banane und zündet sich eine Zigarette an. In einem beigefarbenen Täschchen sammelt er alles, was er findet, und bislang sind darin: eine Sonnenbrille, ein Kronkorken, ein paar undefinierbare Metallteile.
Es ist nicht sein eigenes Schmuckstück, den der 42-Jährige hier sucht, er hat zuletzt vor zwanzig Jahren einen Ring verloren, beim Gassigehen mit dem Hund, irgendwo auf dem Feld. Damals war er aber noch kein Ringjäger. Schade eigentlich, sonst hätte er ihn vermutlich wiedergefunden. Mit einer 85-prozentiger Erfolgsquote rühmen sich die „Ringjäger“ auf ihrer Website (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dahinter stehen ein knappes Dutzend Männer aus allen Regionen Deutschlands, ausgerüstet mit Metalldetektoren, Sandschaufeln, Taucheranzügen und, im Fall von Patrik, sogar einer Unterwasserdrohne. Wer seinen Ehering, sein Handy oder einen anderen wertvollen Gegenstand aus Metall verloren hat, kann die ehrenamtlichen Schatzsucher um Hilfe bitten.
Kathrin Rüger hat das getan. Zwei Wochen zuvor war sie mit Kollegen auf der Pegnitz Kanu fahren, ein kühler Tag, das Wasser der Pegnitz ist ohnehin immer kalt, zwölf Grad. Und an dieser Stelle, Kathrin zeigt auf die Biegung des Flusses, seien sie umgekippt. Später erst fiel ihr auf: Ihr Ehering ist weg. Sie ist sich „zu 95 Prozent sicher“, dass es beim Kentern passiert sein muss, denn dass sie am Morgen den Ring noch trug, beweisen Fotos vom Start des Betriebsausflugs. Für die Ringjäger ein plausibles Szenario. Bei Kälte ziehen sich alle Gefäße zusammen, da rutscht schon mal was vom Finger.
Nun ist die weiße Smartwatch an ihrem linken Handgelenk das einzige Accessoire, das Kathrin Rüger trägt. Die 44-jährige hat kurze aschblonde Haare, trägt Sneaker, Shorts und ein weißes T-Shirt. Kein Make-Up, keine Ohrringe, keine Kette, kein Armreif. „Der Ring war mein einziges Schmuckstück, da fehlt jetzt schon was“, erzählt sie und reibt sich mit dem Daumen über den Handballen, über die Stelle, an der in den zwölf Jahren Ehe eine kleine Hornhaut durch den Ring entstanden ist. Schon jetzt, nach nur zwei Wochen, geht diese zurück.
Besonders bestürzt war Kathrin Rüger dennoch nicht, als sie den fehlenden Ring bemerkte. Sie habe ihn schnell abgeschrieben. Ihre Mutter ist kürzlich unerwartet verstorben, zwei weitere nahe Verwandte lebensbedrohlich an Krebs erkrankt. Sie muss dies nur in wenigen dürren Sätzen andeuten, damit der Schmerz ihre Augen überlaufen lässt. Ein materieller Verlust wiegt nicht schwer im Vergleich. „Jetzt liegen halt 1000 Euro in der Pegnitz“, sagte ihr Mann. Nur der siebenjährige Sohn heulte.
Auch die Kolleginnen schienen es schwer zu nehmen, erkundigten sich immer wieder nach dem Verbleib des Rings. Vielleicht, weil das Malheur auf dem gemeinsamen Ausflug passierte, vielleicht, weil sich über einen verlorenen Ehering leichter sprechen lässt als über den Tod. Jedenfalls war es eine Bekannte aus der Firma, die Kathrin Rüger von den Ringjägern erzählte. Sie meldete sich dort und nun sind Steven, Andi und Patrik hier in Rupprechtsstegen an der Pegnitz, um den Weißgoldreif mit den drei kleinen Brillanten wiederzufinden.