Hallo,
diese Woche fragte der Spiegel: “Dürfen Feministinnen Teilzeit arbeiten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)?” Wie genervt ich von solchen Fragen bin, habe ich schon vor einigen Wochen in diesem Newsletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geschrieben, damals fragte die SZ: “Ist Intimrasur Verrat am Feminismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)?” Medien scheinen solche Fragen zu lieben, ich habe mir innerhalb weniger Minuten folgende unrepräsentative und unvollständige Auswahl (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)zusammengegoogelt:
Der Standard fragt: Dürfen Feministinnen botoxen?
Die SZ fragt: Sind Schönheits-OPs unfeministisch?
Der Spiegel fragt: Ist Brüste zeigen feministisch?
Der Tagesanzeiger fragt: Ist es feministisch, sich eine Schlampe zu nennen?
Der Blog Stadtlandmama fragt: Kann eine Hausfrau etwa nicht feministisch sein?
Die Zeit fragt: Ist es feministisch, T-Shirts mit Motiven auf der Brust zu tragen?
Auf Gutefrage.de will jemand wissen: Ist es feministisch, als Frau eine Ausbildung zum Maurer zu machen?
In Magazin Solomütter diskutiert Anne Dittmann die Frage: Ist das Wechselmodell feministisch?
Die Wiener Zeitung fragt: Sind Frauennetzwerke feministisch?
Die Neue Osnabrücker Zeitung fragt: Katy Perry im Weltall - ist das noch Feminismus?
(Mehr Beispiele gern an mich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ich starte gerade eine Sammlung.)
Wenn ich solche Zeilen lese, sehne ich mich fast nach der Zeit zurück, als Feminismus synonym mit Alice Schwarzer und der Emma war und kaum jemand etwas damit zu tun haben wollte.
Ich selbst habe das Wort 2003 für mich entdeckt, damals studierte ich in den USA am Institut für Women&Politics. Die National Organisation of Women (NOW) verkaufte Tanktops, auf denen “This is what a feminist looks like” stand. Diesen Spruch über meine Brüste zu spannen war genau mein Humor. Denn Feministinnen, die sind ja eigentlich hässlich und haben keinen Sex, hihihi. (Okay, ich sehne mich doch nicht nach dieser Zeit zurück.)

Heute wird mit dem F-Wort alles von der Tasse bis zur Handyhülle verramscht, und ganz besonders gerne werden damit sogenannte DEBATTEN geführt, siehe all die Fragen oben. Fürs Protokoll: Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, wurde die Welt noch nicht von einer allmächtigen feministischen Alleinherrscherin regiert. Es ist nicht “der Feminismus” ™, der Sachen erlaubt oder verbietet. Da sind in unserer aktuellen Gesellschaft ganz andere Mächte am Werk (ich empfehle, unter “Patriarchat” und “Kapitalismus” nachzuschlagen).
Frauen wurde schon immer vorgeschrieben, wie sie ihr Leben zu leben haben, von der Kirche, von ihrem Ehemann, von der Politik. Doh weil sie heute angeblich frei und selbstbestimmt sind, verkleiden sich die Vorschriften als Diskussion über modernen Feminismus. Guter Trick, liebes Patriarchat. Weil die Frage “Haben Weiber im All überhaupt was zu suchen?” nicht politisch korrekt ist, fragt man: “Ist es feministisch, zum Mond zu fliegen?”
Solche Debatten bringen nicht nur Frauen dazu, darüber nachzudenken, ob sie nicht doch vielleicht alles falsch machen. Sie suggerieren außerdem, dass es der Feminismus ist, der all die Vorschriften macht.
Als feministische Alleinherrscherin in Ausbildung gebe ich euch daher die Erlaubnis, euer Leben zu leben, wie ihr wollt. Ihr dürft euch mit Botox in der Stirn einen Putzroboter kaufen. Ihr dürft alt, faltig und grauhaarig werden und nur alle zwei Wochen durchfegen. Ihr dürft euch “Schlampe” auf die Brüste tätowieren und/oder einen Einkaräter als Verlobungsring tragen. Ihr dürft Maurerin, Astronautin oder Hausfrau werden. Bei letzterem rate ich euch nur dringend dazu, eure Altersvorsorge nicht allein auf die Hoffnung zu stützen, dass die Ehe hält.
Wenn ihr als Hausfrau oder Teilzeit-Mama ein gutes Modell für einen finanziellen Ausgleich in eurer Partnerschaft gefunden habt, erzählt mir davon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich würde gerne in einem der nächsten Newsletter solche Lösungen beschreiben.
Ein schönes Wochenende wünscht
Barbara
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Vergangene Woche schrieb ich hier über das Debattengespenst Hausfrau (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und erwähnte einen alten Newsletter, in dem ich begeistert über mein eigenes Teilzeit-Dasein geschrieben habe, den ich aber nicht mehr finde. Daraufhin leitete mir eine Leserin den entsprechenden Newsletter weiter und schrieb:
"Deine Newsletter begleiten und bereichern meine Elternschaft seit vielen Jahren. Ich bin so froh, dass du auch nach der SZ weiter Newsletter schreibst. Danke, auch sowieso für alle deine Texte und dein Buch. Deine Newsletter hüte ich in meinem Postfach, die will ich niemals löschen, die will ich immer wieder rauskramen können."
Diese Zeilen haben mich so gerührt - vielen Dank, Katharina! Den Text “Ich bin die Frau, die alles hat” habe ich jetzt, wo ich ihn wieder habe, hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)gepostet.
Über die widersprüchlichen Botschaften der Politik zur Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit macht sich Deike Diening im Spiegel Gedanken und kommt zu dem Schluss (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): PolitikerInnen sagen, dass Frauen mehr erwerbsarbeiten sollen. Mit ihrer Gesetzgebung fördern sie nach wie vor die Alleinverdiener-Ehe oder das Zuverdienermodell. Mich hat Deikes Artikel an diesen, zehn Jahre alten, Text (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Lara Fritzsche erinnert, aus dem ich diese Sätze seitdem auswendig zitieren kann :
“Der Staat, der per Steuergesetz die Alleinverdiener-Ehe begünstigt und per Elternzeit zum Zuhausebleiben ermuntert, ist nach der Scheidung nicht mehr an der Seite der Hausfrauen. Ihre Arbeit ist dem Staat nur was wert, wenn der Ehemann haftet. Zerbricht die Ehe, wechselt er rasch die Seite: ins Team Bruttosozialprodukt. Dann muss die Frau, wenn das Kind über drei ist, wieder arbeiten. Thank you for your service.“
Wenn Mütter ihren Mann und das Land verlassen, verlieren sie auch die Kinder: Kathrin Werner schrieb in der SZ über das HKÜ, ein internationales Abkommen, dass eigentlich verhindern sollte, dass gewalttätige Väter die Kinder kidnappen- und jetzt in manchen Fällen genau das ermöglicht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Auf den neuen Roman von Daniela Dröscher habe ich mich sehr gefreut, weil mich der letzte, “Lügen über meine Mutter”, komplett umgehauen hat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Das Thema dort: Mütter, Töchter, Gewicht. Das Thema in “Junge Frau mit Katze”: Krankheit, Karriere, Selbstbestimmung. Bewegt mich alles so sehr, dass ich noch ein bisschen nachdenken muss, bevor ich mehr dazu schreibe.

Migränestatistik: Sieht schlimmer aus, als ich mich fühle. Besser als andersrum.

Ende August verlose ich dieses Stickbild (Vorlage: @get.stitch.done (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) unter allen, die mich mit einem Abo unterstützen. Schon jetzt: Danke!