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Porno! Hab’ ich eure scheiß Aufmerksamkeit?

Ich könnte schreien. Ich könnte wegen vielem schreien. Ich könnte wegen den Leuten auf Facebook schreien, die weder drei Sätze in Folge lesen, anhören oder verstehen können und trotzdem ihre rassistische, misogyne Unwissenheit in die Kommentarspalte rotzen. Aber ich bin auch zunehmend genervt von dem fehlenden Bewusstsein, was ein Titel und eine Einführung leisten soll. Ein Rant!

Über Pornos reden

In meinem Buch “Lesen. Schreiben.” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), das ich im Januar im Dudenverlag veröffentlichte, geht es an einer Stelle darum, dass das Lesen von Büchern auch deshalb so wichtig ist, weil es Kohärenz erzeugt. Und Kohärenz erzwingt. Denn allzu oft kommentieren und diskutieren wir über die Verkürzung der Verkürzung der Verkürzung.

Allzu of diskutieren wir über die Verkürzung der Verkürzung der Verkürzung.

Ein Beispiel: Ich spreche 35 Minuten mit der Pornowissenschaftlerin Madita Oeming (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)darüber, ob Pornos in der Schule thematisiert werden sollten. Das ist sowieso schon eine Verkürzung, denn würden wir das Gespräch transkribieren, dann wären wir natürlich bei weitem nicht bei den zwei Büchern, die sie zu dem Thema veröffentlicht hat. Eine weitere Verkürzung findet dann statt, wenn ich die Folge ankündige:

Ankündigung der Folge "Die Schule brennt" mit Madita Oeming auf Bluesky
Ankündigung der Folge "Die Schule brennt" mit Madita Oeming auf Bluesky

Dass die schon erwähnte Facebook-Meute steil geht, ist mittlerweile eingeplant. Es sind Leute, deren Uninformiertheit und Ignoranz in dem Wort zusammengefasst werden muss, für das ich bisher kein treffenderen Begriff gefunden habe als: dumm! (Über das Problem des für manche inhärenten Ableismus habe ich hier geschrieben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).

Aber ich kann die Uhr danach stellen, dass vor allem auf Bluesky oder auf Mastodon jemand ankommt und erklärt, der Titel würde das Thema verkürzen. Und deshalb würde er oder sie die Folge nicht hören. Zum Verkürzen: Not shit, Sherlock! Zur Konsequenz: Really?

Ich kann die Uhr danach stellen, dass vor allem auf Bluesky oder auf Mastodon jemand ankommt und erklärt, der Titel würde das Thema verkürzen. Und deshalb würde er oder sie die Folge nicht hören. Zum Verkürzen: Not shit, Sherlock! Zur Konsequenz: Really?

Das ist auch Medienkompetenz

Ich erinnere mich daran, dass eine Kolumne, die ich für t-online schrieb (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), für große Aufregung im Kollegium sorgte. Der Titel war wie folgt:

Titel eine Kolumne: Warum unsere Schulen AfD-Wähler produzieren.
Warum unsere Schulen AfD-Wähler produzieren.

Ich verstehe den Punkt schon: Wenn man sich darum bemüht, demokratisches Miteinander an die Schule zu bringen, dann fühlt man sich unter Umständen zu Unrecht kritisiert. Und mir ist klar, dass es für mich ein frommer Wunsch bleibt, dass sich vor allem jene nicht angesprochen fühlen sollten, auf die eine Anklage gar nicht zutrifft.

Aber auf der anderen Seite muss ich in solchen Situationen immer an ein Reel eines Coaches denken, in dem er mit Jugendlichen spricht und einem von ihnen sagt, er hasse seine grünen Haare. Der Punkt ist: er hat keine grünen Haare. Er muss sich also nicht angesprochen fühlen.

Für mich war die Erkenntnis aber eine andere: Es ist auch Medienkompetenz zu wissen, dass ein Titel dazu anregen (oder aufregen) soll, zu lesen. Mir war früher auch nicht klar, dass das gar nicht der Autor oder die Autorin macht, sondern ein Chef vom Dienst, der schaut, welche Überschrift mehr zu Klicken animiert. Aber nun weiß ich es. Und ich wünschte, es würden mehr Menschen wissen.

Das richtige Leben im falschen

Jetzt könnte man dennoch fragen: Sollte man dann nicht dennoch darauf bestehen das der Titel sachlich bleibt? Oder die Ankündigung? Solche Meinungen gibt es! Und viele von uns, also Menschen, die sich öffentlich äußern, müssen jeden Tag Entscheidungen treffen, die nicht einfach sind. Runter von X? Ja, habe ich gemacht. Runter von Meta? Nein, habe ich nicht gemacht. Nur noch in Medien publizieren, die politisch gleich sind? Nein, ich spreche auch mit anderen Medien. Mit allen? Nein, nicht mit allen - die Menschenwürde ist schon noch maßgeblich. Aber auch hier ist die Entscheidung nicht trivial. Wann hört es auf? Cicero? Welt? BILD?

Unabhängig von solchen Entscheidungen ist es mir ein Anliegen, dass differenzierte Gedanken und Gespräche gelesen werden und Gehör finden. Das heißt, ich sterbe den einen Tod, indem der Titel zugespitzt und der Ankündigungstext verkürzt ist, damit dann mehr Menschen zuhören und im besten Fall merken: Oh, so einfach ist es gar nicht.

Das heißt, ich sterbe den einen Tod, indem der Titel zugespitzt und der Ankündigungstext verkürzt ist, damit dann mehr Menschen zuhören und im besten Fall merken: Oh, so einfach ist es gar nicht.

Man könnte natürlich auch auf dem Standpunkt sein und sagen: Lieber eine langweilige Überschrift und eine Seite Ankündigungstext. Dann wird es halt weniger gehört. Und übrigens: Formate werden gerade Reihenweise gestoppt und gekürzt. Eine t-online-Kolumne habe ich nicht mehr. Wer weiß, wie lange “Die Schule brennt” noch weitergeführt wird. Momentan sieht es nicht gut aus. Insofern muss ich mich gegen Adorno wenden und sagen: Es gibt das richtige Leben im falschen. Und das richtige Medium mit der falschen Überschrift.

Wisst ihr, was passieren würde, wenn ich das hier auf Facebook stellen würde? Es sieht keiner. Es ist nämlich langer Text. Die Telegram-Krieger brauchen mindestens 7 Sekunden Video, über das sich sich aufregen können. Aber wenn ich es einstelle, werden Leute sagen: Diese Überschrift - also das geht gar nicht. Und auf Bluesky auch. Und ich werde dann wieder denken: Lies es doch erst und urteile dann. Dann wären wir schon einen Schritt weiter.

P.S. Auf Facebook habe ich auch Follower, die sachlich und substanziell argumentieren. Sie gehen nur oft in dem riesigen Haufen von “Meinung” unter, der unter den Videos kommentiert wird, nachdem einer der erleuchteten Idioten seine Telegram-Gruppe gefüttert hat.

Sujet Persönliche Reflexionen

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