Die Feiertage um den Jahreswechsel. Zwei Wochen Tag und Nacht mit einem neuen Partner verbringen. Die Weltlage - all das fordert mehr Gelassenheit, als ich besitze. Aber ich habe meinen (augenzwinkernden) spirituellen Weg für 2026 gefunden. Ich nenne ihn: Kölsche Zen. Bear with me here 😉
Es ist der Silvesterabend 2025, N. und ich sind auf dem Weg zu Freund*innen. Wir freuen uns, denn wir müssen uns an diesem Abend kulinarisch um nichts kümmern - außer um das Dessert, einen wärmenden Apple Crumble. Eine kleine, aber nicht zu verachtende Verantwortung.
Da wir die Nacht auswärts verbringen werden, sitzen wir voll berucksackt in der S-Bahn. Außerdem im Gepäck zwei wichtige Taschen. In meiner die Geschenke für die Kinder, in N.s die Hauptzutaten für besagten Nachtisch. Es geht raus aus der Stadt und die Fahrt dauert eine Weile, also vertiefen wir uns beide ins Lesen. N. noch einmal mehr als ich, was mir allerdings erst klar wird, als unsere Zeit zum Aussteigen gekommen ist.
Wir raffen unsere Sachen, verlassen die S-Bahn und werden auf dem Bahnsteig von ekligem Nieselregen begrüßt. Während ich noch mit Rucksack, Tasche und meiner Kapuze kämpfe, höre ich N. hinter mir “Oh, Shit!!” rufen.
Ich drehe mich um und sehe in seine vor Schreck geweiteten Augen. Dann schauen wir beide suchend an ihm herunter, nur um festzustellen, dass etwas Wichtiges fehlt. “Wo ist dein Beutel?!”, frage ich ihn, obwohl ich es eigentlich schon weiß. Unsere Blicke richten sich zurück auf den Zug, der sich gerade mit den typischen S-Bahn-Geräuschen wieder in Bewegung setzt. Durchs Fenster sehe ich die Tasche mit dem Inhalt, der der Nachtisch für alle Gäste hätte werden sollen, einsam auf einem Sitz liegen und ohne uns weiterreisen. Mist. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Wenn ich gelassen reagiert hätte, hätte ich wahrscheinlich über die Situation gelacht. Unsere Tasche voller harmloser Äpfel, die sich gerade dazu entschieden hatte, sich allein auf den Weg in Richtung Düsseldorf Flughafen zu machen, um dort zu einem verdächtigen Gepäckstück hoch zu eskalieren. Das hat Witz.
Aber ich fand’s nicht lustig in dem Moment. Ich war enorm genervt. So genervt, dass nicht einmal meine innere Autorin sich über diese potentielle Story freuen konnte.
Es kostete mich stattdessen all meine Contenance, um N. nicht auf der Stelle zur Schnecke zu machen. Schließlich hockten wir bereits seit zehn Tagen ununterbrochen aufeinander und die flügge gewordene Apfeltasche war nicht das Einzige, was bisher an meinen Nerven genagt hatte. Meine Freund*innen zu enttäuschen, die sich für uns so einen großen Aufwand mit einem schönen Abendessen machten, stand nicht auf meinem Plan und ich fühlte mich in der Verantwortung für unseren Beitrag zu einem gelungenen Abend von N. allein gelassen.
“Wieso musst du immer Sachen verlieren?”, platzte es trotz aller Mühe aus mir heraus und: “Müssen wir demnächst alles an dir festbinden, was du mitbringen sollst?” N. war die Situation sichtlich unangenehm. Er machte sich Vorwürfe und begegnete dem Ganzen genauso wenig mit Gelassenheit wie ich.
Doch dann erwähnte er beiläufig, was ihn auf der Bahnfahrt gedanklich so gefesselt hatte, dass er alles um sich herum vergaß. Und das entpuppte sich als die bisher wirkungsvollste Lektion in Gelassenheit, die mir jemals begegnet ist.
Wenn du diesen Newsletter unterstützen möchtest, kannst du das auch ohne Abo tun! Über den folgenden Link kannst du mir einmalig ein Trinkgeld geben, um meine Arbeit zu supporten.
https://ko-fi.com/cleolibro (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Herzlichen Dank!
Radikale Akzeptanz
Wie schon gesagt, gelassen zu bleiben fällt mir zur Zeit nicht leicht. Dabei gibt es eine Menge Dinge, die sich auch dann nicht ändern, wenn ich mich darüber aufrege. Was also tun? Die Antwort vieler Expert*innen auf die Frage nach der Quelle der Gelassenheit ist: radikale Akzeptanz.
Letzten Monat durfte ich die Berliner Paartherapeutin Louisa Scheel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für einen Artikel im SZ Magazin zum Thema “Trennungen trotz Liebe” interviewen. Als Antwort darauf, wie man es verwinden kann, wenn unterschiedliche Lebenswege der Liebe zweier Menschen im Weg stehen, fiel unweigerlich das Stichwort “radikale Akzeptanz”. In Scheels Augen ist sie der einzige Weg, um damit umzugehen, wenn das Leben einfach andere Pläne macht als man selbst.
Ansonsten drohten Bitterkeit und ständiges Hadern mit dem eigenen Schicksal. Aber wie erreicht man Akzeptanz, vielleicht sogar radikale? Louisa Scheel ist dafür unter die Zen-Buddhist*innen gegangen. Viele andere Leute gehen dafür in den Buchhandel.
Die wohl aktuell bekannteste (oder lauteste?) Stimme im Reich der Akzeptanz-Ratgeber stammt von Mel Robbins (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Sie nennt ihre Philosophie der radikalen Akzeptanz “Let Them Theory” und erläutert sie in einem gleichnamigen Buch mit dem kurzen Satz “Let them.” zu Deutsch: “Lass sie.”.
Damit ist eigentlich auch schon das Meiste erklärt, womit die Autorin Akzeptanz erreichen will: einem Mantra der eigenen Abkopplung von den Meinungen, Bewertungen, Gefühlen und Einstellungen aller Menschen um sich herum.
Das Buchcover ist auch in der deutschen Übersetzung giftgrün und leuchtet einem in fast jeder Buchhandlung aus dem Regal entgegen - ein absoluter Bestseller. Wie so viele populäre Sachbücher, die ihren Leser*innen Lösungen für drängende Lebensfragen versprechen, wird es allerdings auch viel kritisiert. Zurecht, wie ich finde.
Auf Social Media wird in Rezensionen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) des Buchs bzw. von Robbins Vorträgen und Erklärungen zu ihrer Theorie oft davon gesprochen, dass die Einstellung “Wenn jemand etwas (nicht) machen/sein will, dann lass ihn*sie (“let them”)” auf den ersten Blick gut klingt und auf den zweiten wie eine Einladung zur Grenzverletzung. Oder eine Ode an die Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen und dem Handeln von Fremden, aber auch unseren Nächsten.
Vielleicht muss ich meinen Verwandten eine rechte Partei wählen lassen, weil wir in einer Demokratie leben. Aber soll ich das einfach achselzuckend akzeptieren (“lass ihn”) oder erst, nachdem ich mit ihm unsere unterschiedlichen Sichtweisen bei der Familien-Weihnachtsfeier diskutiert und ein Gegengewicht gebildet habe?
Lasse ich meine Kollegin ungebeten meine Gewichtszunahme nach den Feiertagen kommentieren und es schweigend an mir abperlen? Oder lasse ich ihr ihre Meinung, aber spreche die Übergriffigkeit in ihrer Wertung an, damit unser Arbeitsumfeld erkennt, welche Verhaltensweisen inakzeptabel sind?
Lasse ich meine Partnerin sauer auf mich sein und ignoriere sie solange, bis sie sich entscheidet, ihren Ärger loszulassen? Oder nehme ich mir kurz die Zeit und überlege, was vielleicht mein Anteil an ihrer Wut war?
Es gäbe hunderte von Beispielen, die zugegebenermaßen alle unter “pick your battles” fallen, aber die trotzdem zeigen, dass ein sofortiges “ach, ich lasse alle anderen einfach” mehr der Flucht vor sozialer Verantwortung gleicht als einer gesund-gelassenen Einstellung.
Und wenn man schon keine soziale Verantwortung übernehmen will, dann doch bitte wenigstens eine persönliche. Wir sollten erwachsene Menschen immer dazu befähigen und ermutigen, von ihren Mitmenschen Respekt vor den eigenen Grenzen einzufordern, anstatt ihnen zu raten, alles mit sich geschehen zu lassen. Wo kommen wir denn da sonst hin?
Die “Let Them Theory” kommt jedenfalls schnell an ihre eigenen Grenzen, weil klar wird, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Dingen, die wir besser akzeptieren sollten, weil wir keinen Einfluss auf sie nehmen können. Und den anderen Dingen, die wir sehr wohl zum Besseren für uns und andere verändern können, wenn wir dazu die Initiative ergreifen.
Die Weisheit, den Unterschied zu erkennen
Akzeptanz kann demnach auch lähmend-gefährlich und Gelassenheit überschätzt werden, wenn sie dazu führen, dass wir keine Dinge mehr in die Hand nehmen. Keine kritische Nachfrage mehr stellen. Nicht mehr gegen Ungerechtigkeiten aufstehen. Und nicht mehr für das Eintreten, was wir für richtig halten. Allerdings gilt es, unterscheiden zu können, wann Gelassenheit angesagt ist und wann nicht. Es gibt eine Bewegung, die weiß das schon ganz lange. Und das ist nicht der Zen-Buddhismus, sondern die Anonymen Alkoholiker.
Kein Scherz. In den Treffen der meisten Gruppen, die einem sogenannten “Zwölf Schritte Programm” folgen, um jedwede Süchte und Abhängigkeiten zu bekämpfen, wird regelmäßig gebetet (ob an einen Gott gerichtet oder an eine allgemeine “höhere Macht”). Und zwar das “serenity prayer”, das “Gelassenheitsgebet” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Im modernen Englischen Original geht das so:
“God, grant me the serenity to accept the things I cannot change,
Courage to change the things I can,
And wisdom to know the difference.
[...]”
Auf Deutsch:
“Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”
Der letzte Satz ist dabei ausschlaggebend: die Weisheit, unterscheiden zu können, wann Loslassen angesagt ist und wann Action. Ich bin fest davon überzeugt, wer das drauf hat, lebt gelassener und gleichzeitig nicht gleichgültig gegenüber der Welt oder sich selbst.
Was es also zu erreichen gilt zwischen Let-Them-Zen und totaler Selbstüberfrachtung mit Verantwortung, ist ein goldener Mittelweg. Und auf den schubste N. mich durch einen lustigen Zufall.
Kölsche Zen
N. und ich warten am letzten Silvestersabend gemeinsam im Regen am Bahnhof darauf, dass eine Freundin uns mit dem Auto einsammelt. Die S-Bahn mit unserem Nachtisch darin ist vor 10 Minuten abgefahren. Ich bin immer noch sauer und N. schaut weiter schuldbewusst drein.
Ich überlege laut, wie wir der Freundin gleich erklären sollen, wie das passieren konnte. Da sagt N.: “Ich war eben so sehr darin vertieft, das Kölsche Grundgesetz für dich auswendig zu lernen. Ich habe gerade versucht, mir ‘Wat fott es, es fott’ zu merken, als wir plötzlich aussteigen mussten. Und darüber habe ich die Tasche einfach vergessen…”
Erstaunt lausche ich N.s Ausführungen. Dann muss ich laut anfangen zu lachen.
Als gebürtige Kölnerin ist mir das “Kölsche Grundgesetz” schon von Kindheit an ein Begriff. Es setzt sich aus ursprünglich zehn (wie die Gebote), heute elf kurzen, humoristischen “Artikeln” zusammen, die in kölscher Mundart verfasst sind und die rheinische Lebensart beschreiben sollen. Darin geht es vor allem um den Fokus auf das Lebem im Moment, aber auch um das Vermeiden sowohl von Overthinking einerseits als auch von Bullshit andererseits.
Mit Sätzen wie “Et kütt wie et kütt” (“Es kommt wie es kommt”) wird man in Köln daran erinnert, dass nicht alles unter unsere Kontrolle gebracht werden kann und “Et es wie et es” (“Es ist wie es ist”) fordert zur Akzeptanz der aktuellen Situation auf. Aber es gibt auch Artikel wie “Wat soll dä Quatsch?” (“Was soll der Unsinn?”), die an den gesunden Menschenverstand appellieren, um nicht alles Sinnlose und Schlechte einfach hinzunehmen.
Erstere “Lebe den Moment mit radikaler Akzeptanz”-Einstellung läuft parallel zur zentralen Idee des Zen-Buddhismus. Letztere Aufforderung, auch mal Grenzen aufzuzeigen, wo es nötig ist, erinnert mich wiederum an die Eigenverantwortung des “Gelassenheitsgebets”.
Hatte der goldene Mittelweg also die ganze Zeit praktisch vor meiner Haustür gelegen? Ist “Kölsche Zen” möglicherweise die Lebensphilosophie, die mich zu wahrer Gelassenheit erleuchten wird?
In der Silvesternacht 2025/26 war das jedenfalls geschehen. Schließlich hatte N. gerade genau den Artikel auswendig gelernt (und erfolgreich zitiert!), der dazu ermahnt, die Dinge loszulassen, die nicht mehr zu retten sind: “Wat fott es, es fott” (“Was weg ist, ist weg”) - eben genau wie unser Nachtisch.
Wirklich selten habe ich so herzlich über einen Verlust gelacht wie in dieser Nacht. In diesem Sinne: Maach et joot, ävver nit zo off! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Was dir nie jemand sagt…
über Sex ab 50
In dieser Reihe stelle ich Menschen, die 50 Jahre oder älter sind, fünf Fragen dazu, wie sich ihr Sexleben entwickelt hat.
Das 11. Interview (kölsche Jubiläum) habe ich mit zwei Frauen gleichzeitig geführt. Louela (64) und Intelluna (60), die schon seit vielen Jahren befreundet sind und dabei sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Sexleben gemacht haben. Das hat dieses (leider hier etwas gekürzte) Gespräch zu einem wunderbaren Dialog der Pesperketiven werden lassen!
Wenn du auch einmal Teil der Interview-Reihe sein möchtest oder jemanden kennst, der*die interessiert ist, melde dich gerne bei mir! Los geht’s:
Welche Stichworte beschreiben Sex ab 50 für dich am besten?
Intelluna: “Entspannt, nicht mehr vorkommend.”
Louela: “Hach, bei mir ist das ganz anders. Erfüllend, lustvoll, ausprobierend, lebendig. Ich will das jetzt keine Erweckung nennen, aber schon ein wachgerüttelt Sein. Also ein sich selber Wachrütteln.”
Intelluna: “Vielleicht ergänze ich dann auch noch ein bisschen, damit man das “entspannt” und “nicht mehr vorkommend” einordnen kann. Ich hatte nämlich mit 50, sehr exakt zu meinem 50. Geburtstag, eine Reihe von kritischen Lebensereignissen.
Schlagartig kam ich in die Menopause, hatte plötzlich gar keine Regel mehr. Und bin von einer heftigen Angst und Depression über Monate hinweg aus dem Leben katapultiert worden. Außerdem gab es noch eine Reihe von anderen Belastungsfaktoren. U. a. noch relativ kleine, gerade eingeschulte Zwillinge. Der Sex kam irgendwann wieder in mein Leben zurück, aber verhalten.”
Was fühlt sich bei Sex ab 50 anders an als mit 30?
Louela: “Ich fahre nicht mehr so viele Schleifen im Kopf: Wie muss ich performen? Wie muss ich sein? Was wird von mir erwartet? Und auch mein Körpergefühl hat sich geändert. Ich bin nicht mehr so auf der Hut, kann mit meiner Üppigkeit ganz anders umgehen. Und ich habe keine Bilder mehr von mir im Kopf, wie ich meine, dass ich gesehen werden möchte. Das hat dazu geführt, dass mir beim Sex heute völlig egal ist, wie ich aussehe oder wie ich wirke. Also insgesamt ist da mehr Ich-Bezogenheit. Es ist vom Außen ins Innen gegangen. Und wieder raus - in Form von Orgasmen.”
Intelluna: “Das ist genau, was ich mit “entspannter” meinte. Ja, da kann ich einiges unterschreiben. Die Performance war nicht mehr so wichtig und umso weniger, weil ich mit 50 seit 10 Jahren mit meinem heutigen Mann zusammen war und es keine anderen Sexualpartner gab. Deswegen war unser Sex weniger lustorientiert, weniger ein “Boah, lass es uns tun jetzt sofort”, sondern mehr ein “in tune” sein, ein Synchronschwimmen. Aus Lustbefriedigung als Motivation für Sex wurde die Sehnsucht nach dem zusammen schwimmen.”
Worauf willst du heute beim Sex (nicht mehr) verzichten?
Intelluna: “Ich möchte gerade auf Sex verzichten dürfen.”
Louela: “Das finde ich auch wichtig. Auf Sex verzichten zu dürfen, ohne mich als Neutrum oder mit so einer negativen Konnotation asexuell zu fühlen. Ich fühle mich sehr sinnlich, ich habe auch ein Gespür für Erotik, aber ich möchte zur Zeit nicht mit einer anderen Person - auch kaum mit mir selbst - sexuell interagieren.
Ich möchte allerdings nicht mehr darauf verzichten, wenn ich Sex habe zu unterscheiden, wann ich bei mir bin und wann ich lustgebend bin. Ich meine jetzt nicht bei Solosex, sondern bei Sex mit einem Partner oder einer Partnerin. Also dieses Hingeben an so etwas Fließendes beim Sex, darauf will ich auf keinen Fall wieder verzichten. Und auch nicht auf das, was ich mir da geschaffen habe an Ich, Ich, Ich. Aber auch nicht auf die Phasen, wo ich nicht nur Ich, Ich, Ich bin. Diese große Bandbreite, darauf will ich auf keinen Fall mehr verzichten - und nicht auf diese Flexibilität.”
Ist dir Sex heute wichtiger oder unwichtiger als mit 30?
Louela: “Er ist mir heute wichtiger, weil mir viel klarer ist, was dabei für mich ist. Ich bin auch mutiger im Sinne davon, was ich alles ausprobieren will. Nicht, dass ich das alles schon ausprobiert hätte oder vor nichts mehr zurückschrecke. Aber ich habe viel mehr Gefühl dafür und deswegen ist Sex lustvoller.
Und auch diese Verbindung zu Bindung. Einfach nur Sex aus Lust zu haben, ging früher nicht. Das musste legitimiert sein durch eine Verbundenheit mit dem Partner. Also nicht, dass es nicht erlaubt war, verschiedene Partner zu haben. Aber es war für mich gekoppelt an Bindung. Also Sex ging nur, wenn ich mir eingebildet habe oder das Gefühl hatte, ich bin verliebt. Oder ich will mehr von dem. Mach mir ein Kind, bau mir ein Haus, kauf mir einen Porsche - diese Art von Sinn in Verbindung. Der Zwang ist bei mir heute nicht mehr vorhanden.”
Intelluna: “Mir war Sex mit 50 unwichtiger als mit 30. Tatsächlich folgerichtig aus dem vorher Gesagten. Mit 30 war viel mehr Lust und Neugierde, Abenteuerlust da. Aber durchaus auch diese Bindungs-Konstrukte. Ich habe mich oft dabei ertappt mit einem Typ erst mal Sex zu haben in dem Wissen, dass das eine vorüberziehende Figur ist. Um hinterher festzustellen, dass sich da schon wieder ein Teil von mir verknallt hat. Wie schrecklich! Muss das sein? Warum passiert das in mir? Es hat mich aber Gott sei Dank - obwohl ich auch intensiv auf Beziehungssuche war - nicht daran gehindert, phasenweise viele wechselnde Sexualpartner zu haben. Mit mehr oder weniger intensiver Lust. Es war einfach eine starke Bindungssehnsucht in mir.”
Was hat dir nie jemand über Sex ab 50 gesagt?
Intelluna: “Ich wundere mich, dass mein physisches und emotionales Interesse an Sex tatsächlich so gesunken ist. Weil ich davon ausgegangen bin und das in den Jahrzehnten vorher so auch in meiner Umgebung wahrgenommen habe, dass selbstverständlich auch die Frau oder die Paare im fortgeschrittenen Alter Sex haben. Und auch haben sollen, weil das ein Zeichen seelischer und sonstiger Gesundheit sein soll, dass Menschen bis ins hohe Lebensalter sexuell aktiv bleiben. Und dass das bei mir jetzt so anders geworden ist, wundert mich.
Klar, das Biografische ist natürlich immer sehr individuell, aber mir hat irgendwie keiner gesagt, dass das passieren kann. Tatsächlich habe ich mich noch wahnsinnig gefreut, als meine Regel ausblieb und die Gynäkologin mir gesagt hat, jetzt sind Eisprünge auch mit größter Sicherheit auszuschließen. Da dachte ich: “Hurra, endlich kein Verhütungsthema mehr! Und die Kinder sind groß!” Ich dachte, jetzt geht es ab! Was haben wir darauf gefiebert, wenn die Kinder aus dem Haus sind, endlich mal Zeit zu haben, ohne sich etwas erschleichen zu müssen. Aber jetzt kommt unser Sex überhaupt nicht mehr in Gang.
Was mir jetzt gut tut, ist, auch von der einen oder anderen Frau oder Freundin zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, bei der das sexuelle Interesse so nachgelassen hat. Aber ich hätte mir gewünscht, dass mir das vorher einfach als eine Option vorgestellt wurde: Verlust der Lust kann passieren. Ein Teil von mir findet das auch okay und ich spüre kein schmerzhaftes Vermissen. Aber es gibt einen anderen Teil von mir, der es gerne so aufblühend erleben würde wie Louela. Der denkt, es wäre auch schön, wenn ich das mit meinem Mann auf diese entspannte Art leben könnte. Also ein Bedauern ist da, aber kein Leidensdruck.”
Louela: “Also ich habe nicht gehört, dass Sex später so aufblühen kann. Ja, dass er mit 50 nochmal aufblühen kann vielleicht, aber ich bin nun immerhin 64 und gucke immer noch nach und frage mich, ist mein Sex noch da? Und er ist noch da. Dabei sagen doch eigentlich alle, im Alter kommt ein irrer Libidoverlust und die Unsichtbarkeit. Ich freue mich, dass ersteres bei mir nicht so ist.
Allerdings stimmt es, dass ich als Frau unsichtbarer werde und das kotzt mich an! Besonders in dem Wissen darum, wie attraktiv ich früher war und, dass ich das nicht bewusst ausgelebt habe. Das ist wirklich so ein ganz tiefes Gefühl von: “Mist! So ein Scheiß, was für ein Ärger!” Wenn ich das damals gewusst hätte, dann hätte ich das, was ich jetzt an Gefühl habe… Boah, ich hätte es so genießen können. Wie schade, wie schade, wie schade. Und ja, ich werde unsichtbarer. Dummerweise. Und ich höre aber immer mehr Frauen unseres Alters, die sagen, sie möchten so gerne mehr über ihre Weiblichkeit reden. Die jungen Frauen machen das jetzt Gott sei Dank endlich und noch mehr. Vielleicht haben wir dafür ja ein Stück den Weg bereitet.”
Dessen bin ich mir ganz sicher, liebe Louela. Danke dafür und auch dir, liebe Intelluna, für euer Vertrauen und eure Offenheit. Eure Erfahrungen zeigen ganz eindrücklich, wie individuell die Erwartungen an ein Sexleben ab 50 sein können und wie viel mehr die Betonung hierbei auf dem Leben liegen kann als auf Sex. Es ist toll zu sehen, dass Zufriedenheit trotz allem immer möglich ist.
Passend zur Erwähnung der Kritik an Mel Robbins Buch und Konzept zur “Let Them Theory” möchte ich hier den Podcast “If Books Could Kill” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) empfehlen. Die beiden Hosts lesen und zerpflücken (meistens Amerikanische und rechts-konservativ geprägte) Sachbücher, damit wir es nicht müssen. Hier die Folge zu Robbins (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die den wunderbaren Kommentar enthält, dass es kein ganzes Buch braucht, um den Satz “Let them.” zu erklären 😉
Übrigens gibt’s in letzter Zeit für mich noch einen anderen Weg, über den ich mehr Gelassenheit erreiche: weniger Screentime. Und nein, es ist keine Realitätsflucht, wenn man Apps hinter sich lässt, die dazu designed wurden, uns vornehmlich die Inhalte auszuspielen, die uns wütend und traurig machen. Wen interessiert, was genau dahinter steht und wie das (soziale) Netz sich in den letzten Jahren verändert hat, der empfehle ich die Folge “Internet bad” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Today, Explained.
In der Winterpause ist meine Artikel-Premiere beim SZ Magazin erschienen! 🎉
Wer diesen Newsletter schon länger verfolgt, erinnert sich vielleicht an die Ausgabe über bewusste und unbewusste Abschiede (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). In diesem Artikel habe ich von eben dieser und anderen Trennungen trotz Liebe erzählt und gemeinsam mit Paartherapeutin Louisa Scheel herausgestellt, wie man diese besondere Art des Liebeskummers gut verarbeiten kann. Der Artikel ist mit SZplus Abo lesbar und lohnt sich wirklich. I literally poured my heart into it: “Wir waren ein Traumpaar - dann kam das Leben dazwischen” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!
Danke für’s Lesen und liebe Grüße von
Cleo
Merci an die subscriber des Newsletters für euren Support! Und merci beaucoup an die Abo-Mitglieder, die mit ihrem Beitrag meine Arbeit unterstützen und auch kostenlosen Content möglich machen <3