Autobiografische Dating-Kolumnen zu schreiben hat spätestens seit Sex and the City etwas Verrucht-Glamouröses. Dabei geht es um etwas Größeres als Skandal und Glamour. Es geht um Macht und das ständige Tauziehen zwischen Nabelschau und Privatsphäre - meiner und der meiner Partner*innen. Doch aus gutem Grund.
In einem ironisch-affirmativen Instagram-Post ist mir mal folgender Spruch begegnet:
Therapist: “What do we say if someone breaks our heart?” Me: “Thank you for the trauma, I need it for my art” - und wenn man mich fragt, könnte das wahrer nicht sein.
Passiert etwas Peinliches oder Problematisches in meinem Liebesleben, etwas worüber man sich aufregen oder woran man lernen kann, dann springt in meinem Kopf automatisch eine kleine Schreibmaschine an. Es wird alles mitgetippt, was von außen betrachtet nach einer Story klingt. Ein in real time Verarbeitungsprozess, der mich mit einer gewissen gesunden Distanz auf Erlebnisse blicken lässt, die mich eigentlich ziemlich herausgefordert haben. Das ist die positive Seite.

Es gibt aber natürlich auch einen negativen Aspekt: Die ständige Bedrohung, mein Leben und meine Gefühlswelt auszubeuten. Und die der Menschen um mich herum.
Es soll schon vorgekommen sein, dass ich zu einem Date gegangen bin oder mich einer außergewöhnlichen Erfahrung ausgesetzt habe, um später darüber erzählen zu können. We do it for the plot, noch so ein Instagram-Spruch. Einerseits verlasse ich auf diese Weise zuverlässig meine eigene Komfortzone und werde um nicht wenige Einsichten reicher.
Andererseits gehe ich (meistens emotionale) Risiken ein, weil ich weiß, dass sich daraus Inspiration ziehen oder damit Geld verdienen lässt. Denn wenn mir die Klickzahlen meiner Veröffentlichungen in 2025 eines deutlich zeigen, dann, dass sich erzählerischer Exhibitionismus immer noch am meisten rechnet - gerade dann, wenn es um Sex geht.
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Fair enough, das ist ja auch die wichtigste Legitimation vom Nabelschau-Schreiben und Identifikations-Journalismus: Nämlich, dass sich andere Leute durch mein Erleben informieren können. Ganz ohne selbst etwaige Risiken einzugehen. Und auch, wenn man letztlich nur dann wirklich herausfinden kann, ob eine Sexparty etwas für einen ist, wenn man sich dieser Erfahrung hautnah aussetzt… Zumindest eine Idee davon zu bekommen, was einen erwarten könnte und wie man sich anziehen soll, kann praktisch sein.
Aus keinem anderen Grund habe ich vor Jahren die Mütter-Interviews für meine Blog geführt. Ich wollte mich der Antwort auf die Frage nähern, ob Mutterschaft ein Konzept ist, mit dem ich mich vielleicht auch anfreunden kann. Eins ist sicher, ich habe viel gelernt. Gerade weil man in persönlichen Eindrücken und individuellen Geschichten einem Detailreichtum begegnet, den man tatsächlich nachempfinden kann. Gefühle und Sinneswahrnehmungen vermitteln Informationen nämlich für viele Menschen effektiver als Zahlen und Fakten.
Facts tell, stories sell
Wir erinnern, verstehen und erleben unser Dasein als Geschichten. Und je echter sie sich anfühlen, desto unwiderstehlicher sind sie. Das heißt, wenn man wie ich nicht die Kreativität und Muße besitzt, sich authentische Stories auszudenken, tippt man eben die Geschichten mit, die das Leben schreibt. Allerdings zum Leidwesen der Personen, die meine Lebensgeschichte bevölkern und durch meine Augen auf Situationen blicken müssen, die sie gemeinsam mit mir erlebt haben.
Ich kann versuchen meine Mit-Protagonist*innen vor dem Erkennen durch Dritte zu schützen, indem ich autofiktional schreibe oder mit Pseudonymen und Verfremdung arbeite. Aber das schützt sie nicht davor, sich selbst wiederzuerkennen und ihr Handeln durch andere Augen betrachten zu müssen. Abseits von meiner Bewertung des Ganzen - also ob ich sie lobe oder kritisiere - ist das eine Erfahrung, die sich sehr entmächtigend anfühlen kann. Sie schreiben ihre Geschichte hier nämlich nicht selbst. Ein Machtungleichgewicht, das eine wirkliche Belastung für persönliche Beziehungen sein kann.
Anderen Menschen außerdem das Gefühl zu geben, sie könnten stets und ständig zu Inhalten werden, verlangt einen großen Vertrauensvorschuss von ihnen ab. Das Vertrauen, dass ich sie nicht ausnutze oder bloßstelle und sie im Vorhinein um Erlaubnis frage, wenn ich etwas erzählen will, das auch sie betrifft. Dieses Einverständnis hole ich auch meistens ein, aber nicht immer. Denn auch ich habe ein Recht auf meine eigene Geschichte - besonders in Kontexten, in denen sowieso schon ein Machtgefälle besteht.
Deshalb erzähle ich öffentlich hauptsächlich von heterosexuellen Begegnungen.
Ich habe gerade Bianca Jankovskas neuen Roman “Fuckgirl” beendet und bei der Lektüre sind mir nicht wenige Stellen begegnet, in denen ich mich wiedererkannt habe. Eine Szene hat mich allerdings besonders zum Schmunzeln gebracht. Nämlich die, in der einer der Liebhaber der Protagonistin sie ein wenig ungehalten und ein bisschen angegeilt fragt, ob sie über ihre Liaison schreiben wird.
Das Lauernde, die Vorsicht und die leise Hoffnung, relevant genug gewesen zu sein, die in dieser Frage mitschwingen, kamen mir bekannt vor. Diesen Moment habe ich auch schon oft erlebt. Der Moment, in dem ein Mann realisiert, dass er sich auf eine Frau eingelassen hat, die Macht hat - die Macht, ihn für sein potenzielles Fehlverhalten öffentlich anzuprangern - ist köstlich. Denn neben dieser shit ton of Verantwortung gegenüber der Tatsache, dass ich meine Mitmenschen nicht erzählerisch ausbeuten will, gibt mir dieser Umstand ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurück.
Schlechter Sex, übergriffiges Verhalten, Ghosting und Alltagssexismus - ich kann mich gegen all diese Dinge wehren, indem ich sie für mich als Einnahmequelle umdeute. Und gleichzeitig öffentlich thematisiere, was gerne auch heute noch viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird: Die Rücksichtslosigkeit und Anspruchshaltung, mit der viele Männer Frauen begegnen.
Frauen sollen sich für die Ungerechtigkeiten schämen, die Männer ihnen antun (“Oder wie viel hast du getrunken?”). Sie sollen die Konsequenzen von und Verantwortung für ein System tragen, das sie unterdrückt (“Oder wieso verlässt sie ihn nicht einfach?”). Und sie sollen das alles am besten stillschweigend aushalten (“Man darf ja heute gar nichts mehr sagen!”).
Demnach gibt es nichts Unbequemeres als eine Frau, die erzählt. Die aus dem Nähkästchen der Anmaßungen plaudert und sich auch mal nicht darum schert, die Perspektive der Gegenseite mitzudenken. Selbst beim Kritik Üben am Patriarchat wird nämlich noch Fürsorge und Mäßigung von uns verlangt (“Not all men!!!11!!”). Eine Frau, die die Geschichten teilt, die sie erlebt, solidarisiert sich mit anderen Frauen, weil sie eine Möglichkeit zur Wiedererkennung bietet.
Wenn andere sich in deiner Wut, in deiner Erkenntnis oder in deinem Wunsch nach mehr Gerechtigkeit wiedererkennen, verstehen sie, was sie selbst verändern wollen. Schritt für Schritt, Geschichte für Geschichte, ein Stückchen näher heran, ans Happy End.
Ich möchte an dieser Stelle deswegen einige autonome Kolumnen empfehlen, auf die ich mich jedes Mal freue, wenn die E-Mail Benachrichtigung in meinem Postfach erscheint:
💌 Romanzen & Finanzen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Mia Gatow
💌 Und jetzt? (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Gunda Windmüller
💌 Utopie + Alltag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Mareice Kaiser
💌 Hornsome (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von @kimoftheinternet
💌 Groschenphilosophin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Bianca Jankovska
Heute auf dem Blog ein Blick in die Vergangenheit und Anfänge (oder Vorboten?) meiner Tätigkeit als Dating- und Lifestyle-Kolumnistin: Ein Artikel, den ich vor etwas über zwei Jahren auf Cleographie gespostet habe und der sich mit zwei anderen Fragen des autobiografischen Schreibens befasst: Ist das alles eigentlich für irgendjemanden spannend? Und haben meine Lebens-Geschichten überhaupt Aufmerksamkeit verdient?
Seht mir bitte den mäandernden, ausufernden Stil dieses Textes nach. Ich habe mich in weiteren zwei Jahren Schreibpraxis, unzähligen Artikel-Redaktionen und einem Buchmanuskript doch tatsächlich weiterentwickelt 😉
„Main Character“ und „braves Mädchen“ – Zwei Identitätskrisen und ein Fazit
„Hahaha! DU willst Carrie Bradshaw sein?! Ich lach mich tot, ihr habt ja mal so gar nichts gemeinsam!“ spottet meine Schulbusfreundin auf dem Weg nach Hause. Ich bin verwirrt und schäme mich ein bisschen, weil ich „Sex and the City“ nicht kenne und offenbar nicht weiß, was für einen grotesken Fehler ich gerade gemacht habe. Die Mädchen, die um mich herum im Bus saßen, hatten angefangen für das Spiel auf der Busfahrt Rollen zu verteilen. Ich nannte den einzigen Namen aus dieser Fernsehserie, den ich kannte, froh, in der Lage zu sein so zu tun, als würde ich mitreden können. Außerdem fängt mein Vorname auch mit „C“ an.
Dass die Namensähnlichkeit so ungefähr meine einzige Gemeinsamkeit mit der Figur einer erfolgreichen, stylischen und begehrenswerten Autorin aus der Großstadt war, wurde mir anhand der empörten Reaktion meiner Freundin unmissverständlich klar gemacht. Ihr höhnisches Lachen und der abschätzige Blick, mit dem sie mich von oben bis unten musterte, sagten: Eine bebrillte, dicke Zwölfjährige aus der Vorstadt sollte sich mal lieber zurückhalten, wenn es darum ging, sich irgendwo als Protagonistin aufspielen zu wollen. Oder wie man heute sagen würde, bei mir war nicht genug main character energy vorhanden.
Weiter im Text geht’s auf cleographie.com (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Ich war bei einer Party (und einem Workshop), bei der Frauen feiern und Männer nur als menschliche Möbel teilnehmen durften. Für den Deutschlandfunk habe ich aus diesem Erlebnis eine kleine Reportage gemacht.
📻 Du kannst sie am 12.05. nach den 11:00 Uhr (vormittags) Nachrichten auf DLF Nova im Stream (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und im Radio hören. Und zwei Tage darauf on demand als Teil der Steady Mitgliedschaft als Podcastfolge hier und auf Spotify.
Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!
Danke für’s Lesen und liebe Grüße von
Cleo
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