
Hallo Ihr Lieben:
Ich habe lange gezögert, ob ich in die USA gehen soll – auch weil ich wusste, dass ich dafür einen der spannendsten Jobs im investigativen Journalismus in Deutschland aufgeben muss, bei der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.
Dort habe ich in den vergangenen 3,5 Jahren zum einen zwischen den drei Redaktionen koordiniert und zum anderen viele spannende Recherchen machen dürfen. Gemeinsam mit den Kolleg*innen habe ich unter anderem zu Krebsmedikamenten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), zu PCR-Tests (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), zu iranischer Folter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), zur Ausbeutung von LKW-Fahrern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), zu PFAS (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und zu Rammstein gearbeitet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Die Recherche-Kooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ist ein Gebilde, das von außen nur schwer zu verstehen ist. Drei Medien, deren Investigativ-Teams kooperieren, aber keine gemeinsame Redaktion bilden. Eine Person, die diese Kooperation leitet und versucht, die Reporter*innen zu koordinieren und Recherchen anzustoßen, die aber kein eigenes Budget hat und auch keine Personalverantwortung trägt. Dutzende Rechercheur*innen, noch mehr unterschiedliche Ausspielwege von Print über Ratio und TV bis hin zu allem, was online zu bieten hat. Von schnellen Scoops bis hin zu Podcast-Serien und Doku-Projekten. Aber wie funktioniert das eigentlich?
Ich muss zugeben, dass ich das vor meinem Start als Leiter der Recherchekooperation selbst nur grob umreißen konnte. Damals, in der Vorweihnachtszeit 2021, nach knapp fünf Jahren bei BuzzFeed News und später Ippen Investigativ, wusste ich nur: Ich muss den Ippen-Verlag verlassen, nachdem dieser unsere Recherche zu Bild-Chef Julian Reichelt in letzter Sekunde gestoppt hatte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Damals hatte ich mit den Chef-Etagen der drei Medien gesprochen. Ich hatte mit den Investigativ-Chef*innen der maßgeblichen Ressorts gesprochen, die hier vor allem miteinander kooperieren. Ich hatte mit meinem Vorgänger Georg Mascolo gesprochen. Ich hatte sogar eine Reihe von Reporter*innen bei NDR, WDR, SZ gesprochen, um ein besseres Gefühl für die Zusammenarbeit zu bekommen. Aber ein richtig klares Bild, wie dort wer mit wem in welchem Rahmen arbeitet, das hatte ich ehrlich gesagt nicht. Was ich wusste: Bei NDR, WDR und SZ arbeiten mehrere Dutzend herausragende Journalist*innen an Geschichten, die in bestmöglicher Qualität auf den größten Kanälen des Landes verbreitet werden. Und die immer wieder für Aufsehen sorgen. Davor hatte und habe ich großen Respekt. Und ich bin froh, dass ich mich damals dafür entschieden habe, die Recherchekooperation zu leiten.
In den 3,5 Jahren habe ich viel gelernt. Von den vielen Kolleg*innen und in dieser unüblichen Position. Über Kooperation, über das Ausgleichen verschiedener Interessen, über Zeitmanagement, über investigative Recherche. Und ich habe beobachtet, dass immer mehr Medien merken: Diese oder ähnliche Arten von Kooperationen sind sinnvoll. Der Aufwand lohnt sich, wir können stärkere Recherchen und besseren Journalismus möglich machen.
Deshalb, um das Wissen über solche Kooperationen zu verbessern – über die Chancen und die Herausforderungen – möchte ich heute eine ungewöhnliche Arbeit empfehlen: Im Jahr 2023 haben Wissenschaftler*innen der Uni Hamburg neun Kolleg*innen von mir über die Arbeit der Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung befragt. Sie haben die Interviews anonymisiert und vor Kurzem einen längeren, wissenschaftlichen Aufsatz darüber veröffentlicht. Der Titel: Kooperation trotz Konkurrenz. Ich finde, dass die Aussagen der Kolleg*innen und die Analyse der Forscher unsere Arbeit der vergangenen Jahre gut beschreiben.
„Die geteilte Arbeit wird von den Personen darin gesehen, dass jede Redaktion zwar eigenständig am selben Thema arbeitet, die eigenen Rechercheergebnisse allerdings teilt und dabei die unterschiedlichen Qualifikationen und Kontakte der anderen Beteiligten redaktionsübergreifend nutzt.“
Noch ein kurzes Update aus Harvard: Wir haben unsere (sechstägige) Orientierungswoche abgeschlossen. Und sind in dieser Woche dabei, uns Kurse fürs erste der beiden Semester auszusuchen. Die Nieman Fellows sind einige der Wenigen in Harvard, die über alle Fakultäten hinweg (Law School, Business School, Kennedy School etc.) an Kursen teilnehmen können – sowie auch am MIT. Dementsprechend überwältigend mit mehreren tausend möglichen Kursen ist das Angebot. In den vergangenen Tagen habe ich erste Kurse ausprobiert. Die anderen Studierenden sind sehr jung und sehr klug. Wir müssen (und dürfen) sehr viel lesen. In den nächsten Wochen erzähle ich sicherlich nochmal mehr dazu. Auch darüber, wie das Nieman Fellowship, das ich hier gerade mache, eigentlich genau funktioniert. (Danke für die vielen netten Nachfragen und Emails auf die erste Ausgabe dieses Newsletters.)
Unten gibt es wieder einige Recherchen, Ideen, Geschichten, die mir in den vergangenen Tagen aufgefallen sind. Und zum Abschluss noch eine Newsletter- und eine Sachbuchempfehlung.
Falls Ihr „Dreppers Woche“ unterstützen wollt, dann geht das nicht finanziell – sondern nur, indem ihr mein kleines, kostenloses Projekt anderen Menschen ans Herz legt – direkt oder über Social Media. Ich würde mich sehr darüber freuen.
Und falls Ihr mich erreichen wollt, könnt Ihr das wie gewohnt unter daniel.drepper@proton.me (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) tun oder mich über Signal anschreiben unter +4915140795370.
Auf ganz bald!
Daniel
„Wie die Regierung den Klima- und Transformationsfonds zweckentfremdet“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Wohl eine der absurdesten Recherchen, die ich die vergangenen Tage gesehen habe: Die Bundesregierung plant nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung, die Strafen für fehlenden Klimaschutz in Zukunft aus dem Klima- und Transformationsfonds zu bezahlen. Sie will also zu wenig Klimaschutz mit dem Geld wettmachen, das eigentlich für den Klimaschutz vorgesehen ist – und damit wiederum nochmal weniger Klimaschutz möglich machen. Je nachdem, wie hoch die Kosten für CO2-Zertifikate in Zukunft steigen, geht es wohl um rund 20 Milliarden Euro bis 2030. Un-fass-bar. (Gesehen bei DLF-Reporterin Ann-Kathrin Büüsker (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), eine der wichtigsten Klima-Reporter*innen in Deutschland.)
„Ein Superblackout? Eine reale Gefahr in Deutschland“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Recherchen von Eva Wolfangel und Gregor Aisch für die ZEIT zeigen, dass die Software vieler Photovoltaikanlagen gravierende Sicherheitslücken aufweist. „Damit stellen sie ein Risiko für das gesamte Stromnetz in Deutschland dar.“ Die ZEIT schreibt, selbst ein Blackout wie vor einigen Monaten in Spanien, mit großflächigem Ausfall der öffentlichen Infrastruktur, könne so von Hackern aus Russland oder China bewusst herbeigeführt werden. Denn aus diesen Ländern kommen die meisten sogenannten Wechselrichter in Deutschland, die in Photovoltaikanlagen verbaut werden. Die ZEIT bietet in ihrem Stück auch die Möglichkeit, die Anfälligkeit des eigenen Wechselrichters zu testen.
The History of a +3° future (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
In einer Studie haben drei Wissenschaftler*innen aus Spanien untersucht, wie viel effizienter unsere Energienutzung werden muss, wenn wir bei weiter steigender Wirtschaftsleistung die globale Erhitzung einigermaßen begrenzen wollen. Das Ergebnis: In den vergangenen Jahrzehnten sind wir zwar effizienter geworden, aber viel (!) zu langsam. (Gefunden bei Özden Terli auf LinkedIn. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))
Legion – House of Scam (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
In ihrem neuesten Podcast beschäftigt sich die Produktionsfirma Undone mit den “Scam-Compounds” in Myanmar. Tausende Menschen schreiben von dort – teils unter Zwang – Menschen in der ganzen Welt an und versuchen ihnen Geld abzunehmen, oft über sogenannte Love Scams. Die Serie startet mit der Geschichte einer Frau, die zehntausende Euro an diese Scammer verloren hat – und geht dann weiter als internationale Recherche: Wie funktioniert dieser Betrug und wer steckt dahinter? Ich bin fasziniert von diesen “Scam-Compounds”, seitdem ich das herausragende Buch “Number Go Up” von Zeke Faux über Bitcoin-Betrügereien gelesen habe (hier eine alte Empfehlung von mir (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) – und dort auch ein Kapitel über die Scam-Industrie in Myanmar vorkam.
Lieferdienste – moderne Ausbeutung? (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Das ARD-Magazin Kontraste ist auf die Firma Fleetlery gestoßen – und auf einen Mann, der Lieferando-Fahrer den Recherchen zufolge offenbar unter Druck setzt und den Fahrern Geld in bar auszahlt, ohne Quittung. Interessanter Einblick in eine immer wieder berichtete, aber weiter hoch problematische Entwicklung. (Gesehen beim Autor der Recherche, Fabian Grieger, auf BlueSky (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).)
Media Platforming and the Normalisation of Extreme Right Views (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Seit Jahren diskutieren wir darüber, ob man rechtsextremen Menschen in Medien eine Bühne geben darf, sollte, muss. Und falls ja, wie. Und natürlich darüber, welche Effekte das hat. Forscher haben nun für Auftritte extrem rechter Politiker in Großbritannien und Australien nachgewiesen, dass unkritische Interviews mit Rechtsextremen dazu führen, dass mehr Menschen den menschenfeindlichen Positionen der Extremisten zustimmen. Und dass nach diesen Interviews auch die Zustimmung anderer Menschen zu diesen Positionen als höher eingeschätzt wird – letzteres sogar dann, wenn die Interviews kritisch geführt werden. Spannende Studie, die erneut unterstreicht: Medien haben eine große Verantwortung und sollten sich sehr gut überlegen, ob es wirklich notwendig ist, Demokratiefeinde zu interviewen – oder ob es nicht besser wäre, die Ressourcen in kritische Recherchen zu investieren. (Entdeckt vor einigen Wochen bei Spiegel-Reporter Jonas Schaible auf BlueSky. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))
How the Right Shaped the Debate Over the Sydney Sweeney Ads (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Medien geben Rechtsextremisten nicht nur Sichtbarkeit, sie fallen auch immer wieder auf ihre Narrative herein, weil sie ohne Recherche und Einordnung berichten. Einen prominenten Fall der vergangenen Wochen hat die New York Times nacherzählt: Die angeblich linke Aufregung über die Jeans-Werbung mit Sydney Sweeney. Turns out: Es hat sich fast niemand aufgeregt, bis rechtsextreme Influencer groß darüber berichtet haben, das sich jemand aufgeregt habe – und Medien das als Anlass für eine eigene „Berichterstattung“ genommen haben. Kulturkampf von rechts, noch immer erfolgreich. “Republicans are going to just keep hammering this because they know that they can find 13 teenagers on TikTok to say something crazy and then turn it into a two-week-long news story,” wird mein Ex-BuzzFeed-Kollege Ryan Broderick von der New York Times zitiert – einer der besten Kenner der verrückten Ecken des Internets und Autor des spannenden Newsletters Garbage Day (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). (Gesehen bei Gerald Hensel auf LinkedIn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).)
Kitt Kollektiv: Erfahrungen von BIPOC in deutschen Redaktionen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Das neu gegründete Kitt Kollektiv (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) will viel zu wenig beachtete Perspektiven in den deutschen Journalismus einbringen: von queeren Menschen, Arbeiter*innenkindern, BIPoC, Ostdeutschen oder Menschen mit Migrationserfahrung. Zum Start hat das Kollektiv eine anonyme Umfrage aufgesetzt, um strukturelle Probleme zu erfassen. Mitmachen dauert etwa zehn Minuten.
Österreich im Datendrang (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Noch eine gute Nachricht: Österreich hat endlich auch ein Informationsfreiheitsgesetz. Herzlichen Glückwunsch! Als großer Fan der Informationsfreiheit (ich habe schon 2012 meine Diplomarbeit darüber geschrieben), freue ich mich auf noch mehr guten Journalismus aus Österreich, der – wenn möglich – die der Recherche zugrunde liegenden Original-Dokumente für alle zum Nachlesen mit veröffentlicht. (Gesehen bei Vera Deleja-Hotko auf BlueSky (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Zitat: “FOIAfrei” <3)
Ein Newsletter-Tipp:
Wer über die wichtigsten Entwicklungen im US-Journalismus auf dem Laufenden bleiben will (und damit auch ein wenig in der US-Politik), dem empfehle ich – neben den Angeboten der Nieman Foundation natürlich (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – den „Laurels and Darts“-Newsletter der Columbia Journalism Review. Geschrieben wird der meist von meinem früheren Columbia-Professor Bill Grueskin – ein kluger, sehr direkter, gut vernetzter Journalist. Jede Woche lobt und kritisiert Bill die amerikanischen Medien und verlinkt lesenswerte Stücke. Hier erklärt er die Idee hinter „Laurels and Darts“. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Ein Sachbuchliebe-Tipp:

„45 Prozent der Harvard-Absolventen gehen in die Beratung oder in die Finanzindustrie. Ein guter Freund von mir nennt es das Bermuda-Dreieck der Talente: Beratung, Finanzen und Firmenanwälte. Dieser schwarze Abgrund, der so viele kluge junge Leute verschluckt, die früher einmal den Welthunger oder die Klimakrise stoppen wollten.“ – Das ist ein Zitat des Autors Rutger Bregman (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), an das ich hier in Harvard oft denken muss.
Bregman, ein niederländischer Historiker, ist einer der erfolgreichsten Sachbuch-Autoren der vergangenen Jahre. Seine Bücher „Utopien für Realisten“ und „Im Grunde gut“ waren Bestseller. Er erklärt darin, warum wir Menschen uns verhalten, wie wir uns verhalten, welche falschen Annahmen wir haben über uns und die Welt und warum wir optimistischer sein sollten, als wir oft sind. Immer mit einem Mix aus konkret erzählten Geschichten und wissenschaftlichen Erkenntnissen.
In seinem neuesten Buch „Moralische Ambition“ schreibt Bregman darüber, warum wir alle mehr aus unseren Talenten machen sollten und versucht seine Leser*innen dafür zu begeistern, ihre Zeit und ihr Können für gute, die Welt verbessernde Projekte einzusetzen. Dazu beschreibt er wieder konkrete Erfolgs-Geschichten. Und gründet selbst eine Schule, die Menschen dabei helfen soll, mehr aus ihrem Leben zu machen, die „School of Moral Ambition“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit Sitz in New York.
Ich habe alle Bücher von Bregman sehr gerne gelesen (auch sein erstes, kleines Büchlein „Wenn das Wasser kommt“ mit Susanne Götze). Sie lesen sich sehr leicht weg, man lernt etwas – und man geht mit neuem Mut, mit Inspiration in die nächsten Wochen. Nicht nur, wenn man grad ohnehin versucht, herauszufinden, was man mit dem Rest seines Lebens anfangen will.