Annäherungen an eine Geschichte, die kompliziert und inspirierend ist, frustrierend und anregend, entsetzlich und beeindruckend. Ein immerwährender Konflikt, 1776-2026
Von Thomas Zimmer, 7. Juli 2026

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„Die amerikanische Geschichte ist älter, größer, vielfältiger, schöner und schrecklicher als alles, was jemals jemand über sie gesagt hat.“
Das ist meine etwas krude Übersetzung eines Zitats, das ich schon häufiger in meinen Texten verwendet habe. Ich denke sehr oft an diese Worte von James Baldwin, die im Original lauten: “American history is longer, larger, more various, more beautiful, and more terrible than anything anyone has ever said about it.”
Das Zitat stammt aus einer Rede (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die Baldwin im Oktober 1963 gehalten hat. James Baldwin wurde 1924 in Harlem in New York City geboren. Dorthin war seine Mutter zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem brutalen Apartheidsregime im Jim Crow-Süden geflohen. Baldwin selbst verließ die USA als junger Mann Ende der 1940er Jahre, weil er sich der permanenten rassistischen Diskriminierung entziehen wollte, die das Leben von Schwarzen in Amerika bestimmte. Für die meiste Zeit seines erwachsenen Lebens war fortan Frankreich der Mittelpunkt. Aber Baldwin verbrachte immer wieder auch Zeit in den USA, um sich in den Kampf um Freiheit und Bürgerrechte für Schwarze einzuschalten. Baldwin war Schriftsteller und Dichter, aber auch ein politischer Intellektueller und Aktivist – ein Mann von ungeheurer rhetorischer Kraft in seinen Schriften wie auch als Redner. Mir ist selten etwas begegnet, das auf so profunde Weise den Wesenskern der amerikanischen Geschichte trifft wie die Perspektive, die sich im obigen Zitat ausdrückt. Alle, die über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der USA nachdenken, sollten sich Baldwins Einsicht zum Leitstern machen. Gerade jetzt, in diesem akut bedrohlichen Moment der politischen und gesellschaftlichen Zuspitzung. More various, more beautiful, more terrible – vielfältiger, schöner und schrecklicher. Wir müssen uns mit allen diesen Dimensionen auseinandersetzen.
Wenn in der Vergangenheit runde Jubiläen anstanden, war die amerikanische Bevölkerung zumeist aufgerufen, vielleicht ein bisschen auch über die konfliktreichen und widersprüchlichen Entwicklungen der Vergangenheit nachzudenken. Aber vor allem sollten Amerikanerinnen und Amerikaner doch zusammenkommen und die Nation feiern. Tatsächlich waren die großen Jahrestage meist von einem Grundgefühl der patriotischen Gemeinsamkeit bestimmt, selbst nach Phasen, in denen das Land in Gewalt und Streit zu versinken drohte. Oder vielleicht war es auch gerade das, was diese Jubiläen so attraktiv machte: Sie luden dazu ein, die Krisen und Konflikte der amerikanischen Wirklichkeit zumindest für einen Moment zu ignorieren.
Im Jahr 1876 beispielsweise feierten die USA ihren 100. Geburtstag, als gerade einmal etwas mehr als zehn Jahre seit dem Ende des Bürgerkrieges vergangen waren. Im Civil War, dem bis heute mit Abstand verheerendsten Krieg der US-Geschichte, kämpften Amerikaner gegen ihr eigenes Land, weil sie auf ihrem Recht bestehen wollten, Menschen zu versklaven. Als die Feierlichkeiten des Centennial begannen, war der Süden offiziell noch unter militärischer Besetzung. Die Versuche, die Demokratie auch für Schwarze zu öffnen, wurden auf dem Gebiet der ehemaligen Konföderierten Staaten mit brachialer rassistischer Gewalt beantwortet. Im Westen des Landes führte die US-Armee einen erbarmungslosen Krieg gegen Native Americans. Zumindest die weiße Bevölkerung im Norden wie im Süden aber war gerne bereit, sich einem Geist der Versöhnung hinzugeben – und optimistisch in die Zukunft zu blicken. Von Mai bis November 1876 war die Weltausstellung zu Gast in Philadelphia. Rund 10 Millionen Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, reisten an, um sich die sogenannte Centennial Exposition (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) anzuschauen.
Einhundert Jahre später, im Jahr 1976, hatten die USA gerade eine Phase der eskalierenden politischen Gewalt, der Attentate, Straßenkämpfe und Massenproteste hinter sich. Die Supermacht hatte im Vietnamkrieg eine demütigende Niederlage hinnehmen müssen; die Bevölkerung rang um Erklärungen, warum Amerika im Namen der Freiheit ungeheures Leid und Zerstörung in einem weit entfernten Land angerichtet und dabei Zehntausende seiner eigenen jungen Männer geopfert hatte. Der Schatten des Watergate-Skandals hing noch immer über der amerikanischen Politik, der erschreckende Machtmissbrauch von Präsident Richard Nixon hatte das Vertrauen in die politischen Institutionen des Landes und den amerikanischen Rechtsstaat tief erschüttert. Und trotzdem fand das Bicentennial – die wahrscheinlich größten Feierlichkeiten der US-Geschichte – wieder in einem Geist der patriotischen Versöhnung statt. „Wir sind die Erben einer großartigen Tradition,“ erklärte Präsident Gerald Ford (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), „aber unsere Aufgabe ist es, alte und junge Menschen gemeinsam, sicherzustellen, dass unsere Nachfahren, wenn sie in 100 Jahren hier wieder zusammenkommen, auf unseren Moment als den Startschuss für ein neues Jahrhundert von Einigkeit und Fortschritt, bei uns zu Hause wie in der Welt, zurückblicken können.“ Geschichte als Appell, sich gemeinsam hinter dem amerikanischen Projekt zu vereinen und optimistisch in die Zukunft zu schreiten.
Diesmal aber, im Jahr 2026, klappt es nicht mit der patriotischen Versöhnung. Die Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung sind ein bizarres Spektakel, überschattet vom Wahn und den autoritären Gelüsten eines zutiefst absurden und außerordentlich gefährlichen Mannes. Trump ist vollkommen unfähig, das Land zu vereinen – er will es auch gar nicht. Den 4. Juli verbringt er mit wütenden Tiraden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gegen echte und imaginierte Feinde. Ansonsten ist er ja vor allem mit seinen eitlen Projekten der Selbstmonumentalisierung beschäftigt. Einen Ballsaal im Weißen Haus will er bauen, und einen gewaltigen Triumphbogen über den Potomac am Eingang der Stadt zwischen Nationalfriedhof und Lincoln Memorial. Mit den Überzeugungen einer demokratischen Republik sind solche in Stein gehauenen Selbstverherrlichungen freilich vollkommen unvereinbar.
Die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner wollen nicht feiern – jedenfalls nicht mit Donald Trump und zu den Bedingungen des Präsidenten. Seine „Great American State Fair“ auf der National Mall, die krude MAGA-Propaganda (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) darstellt, ist ein gewaltiger Flop. Und insgesamt ist die Stimmung im Land nicht sehr patriotisch, jedenfalls nicht gemessen am historischen Standard. Nur noch 53 Prozent der Befragten geben laut einer Gallp-Umfrage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) an, „extrem oder sehr stolz“ darauf zu sein, dass sie Amerikaner sind – vor zwanzig Jahren waren es noch 85 Prozent. Wenn wir uns nur die ansehen, die „extrem stolz“ sind, waren es 2006 noch 59 Prozent, heute ist es nur noch ein Drittel.
Genau darin aber könnte auch eine Chance liegen – vielleicht so etwas wie ein Hoffnungsschimmer inmitten des Trump-Wahnsinns. Das Land braucht heute ganz sicher keine vom Staatsjubiläum angefachte Nostalgie oder patriotische Einigkeit, die nur darauf beruhen könnte, die tatsächliche Lage zu verleugnen. Es braucht eine ehrliche Bestandsaufnahme, die hoffentlich zu einem echten Neuaufbau führen könnte. Zum 250. Geburtstag ist Donald Trump zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten. Was immer es sonst noch zu sagen gibt zur mächtigsten Nation der Welt: Das allein sollte Grund genug sein für eine umfassende Selbstkritik.
Umkämpfte Ideen, von Anfang an
Warum feiern die USA den 4. Juli 1776 als ihren Geburtstag?
Eine der berühmteren Anekdoten der amerikanischen Geschichte erzählt davon, wie Gründervater John Adams, der später als Nachfolder von George Washington der zweite Präsident der USA werden sollte, sich in einem Brief an seine Frau Abigail fest überzeugt äußerte, das Land werde fortan den 2. Juli feiern. An diesem Tag schließlich hatten die Vertreter der Kolonien im zweiten Kontinentalkongress eine Resolution verabschiedet, die den Bruch mit der englischen Krone vorsah: Die Entscheidung zur Unabhängigkeit.
Man sollte wohl nicht zu viel hineinlesen in diesen Unterschied zwischen dem 2. und dem 4. Juli als Gründungstag. Am 4. Juli wurde die finale Version der Unabhängigkeitserklärung vom Kontinentalkongress angenommen und, das ist entscheidend, öffentlich gemacht. Da es hier schließlich darum ging, das Recht des Volkes auf Unabhängigkeit durchzusetzen, macht der Fokus auf den Fourth of July Sinn. Es ist allerdings bemerkenswert, dass damit unser Augenmerk auf die Unabhängigkeitserklärung selbst gelenkt wird – also auf dem Text und den in ihm enthaltenen Ideen.
Die von Thomas Jefferson verfasste Unabhängigkeitserklärung hat drei sehr unterschiedliche Teile. Die berühmteste Passage kommt im zweiten Absatz des Eröffnungsteils. Ich zitiere auf Englisch – diese Formulierungen sind uns allen schon so oft begegnet:
“We hold these Truths to be self-evident, that all Men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the Pursuit of Happiness – That to secure these Rights, Governments are instituted among Men, deriving their just Powers from the Consent of the Governed, that whenever any Form of Government becomes destructive of these Ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its Foundation on such Principles, and organizing its Powers in such Form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness.”
Es gibt unterschiedliche Übersetzungen ins Deutsche, die erste schon am Folgetag der Bekanntmachung. Eine gängige Übertragung dieses Paragraphen lautet etwa:
„Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn immer irgendeine Regierungsform sich als diesen Zielen abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und diese auf solchen Grundsätzen aufzubauen und ihre Gewalten in der Form zu organisieren, wie es ihm zur Gewährleistung seiner Sicherheit und seines Glückes geboten zu sein scheint.”
In Jeffersons Konstruktion kommt dem ersten Teil der Unabhängigkeitserklärung die Funktion zu, zunächst einmal ein theoretisches Recht auf Revolution gegen eine Tyrannei zu begründen. In diesem Zusammenhang ist die Formulierung, dass alle Menschen gleich geschaffen worden seien, also vor allem als ein abstraktes Prinzip zu verstehen. Jefferson bezieht sich auf einen imaginierten Urzustand, der jeder Form von Regierung vorausgegangen sei. Es handelte sich also nicht um einen Aufruf, politische und gesellschaftliche Gleichheit im Hier und Jetzt herzustellen, sondern um ein grundsätzliches Argument, dass nur bestimmte Formen von Regierung legitim seien, andere hingegen die Anforderungen, die sich aus diesem Urzustand der Gleichheit ergäben, verletzten.
Auf dieser Grundlage präsentierte Jefferson dann im zweiten Teil der Unabhängigkeitserklärung seine Belege dafür, dass die amerikanischen Kolonisten tatsächlich einer solchen illegitimen Tyrannei gegenüberstünden: Er listete 27 konkrete Beschwerden gegen den König von England auf. Im dritten Schritt folgte dann die von Jefferson als zwingende Konsequenz aus dieser Situation dargestellte Schlussfolgerung: „dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und es von Rechts wegen bleiben sollen“ – die eigentliche Erklärung der Unabhängigkeit.
Was immer allerdings genau Jeffersons Intentionen gewesen sein mochten: In dem Moment, in dem die Declaration veröffentlicht wurde, begann der Kampf um jede einzelne Formulierung, um jede Behauptung. Es stellte sich rasch heraus, dass an den in der Unabhängigkeitserklärung festgehaltenen Ideen nur wenig „selbstverständlich“ war – jedenfalls nicht, welche Rolle sie genau in der Lebenswirklichkeit der jungen Republik spielen sollten, für wen sie gelten sollten und wer ausgeschlossen bleiben würde. Das ist überhaupt eines der Wesensmerkmale der amerikanischen Geschichte. Seit dem Moment, in dem das Land gegründet wurde, tobt ein unentwegter Kampf um genau diese Fragen und damit darum, was „Amerika“ überhaupt sein soll. Seit 250 prägt dieser Konflikt die Nation. Und seit zweieinhalb Jahrhunderten präsentieren sich alle bedeutsamen politischen Bewegungen in den USA als Erben der Revolution. Sie alle – die, die sich für Gleichheit und Emanzipation einsetzten genauso wie die, denen es darum ging, die weiße Vorherrschaft aufrechtzuerhalten – behaupteten, die wahren Ideale der Gründung zu verkörpern.
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Wir fordern Freiheit und Gleichberechtigung!
Die Auseinandersetzung um die in der Declaration enthaltenen Ideen und Ideale, darum, welche Rolle sie im amerikanischen Leben spielen sollten, war niemals auf intellektuelle und politische Eliten begrenzt. Diejenigen, die vom Versprechen auf Freiheit und Gleichberechtigung ausgeschlossen waren, lasen Jeffersons Worte eben nicht bloß als Bekenntnis zu abstrakten Prinzipien, sondern als einen akuten Aufruf zum Handeln, als eine Agenda der Befreiung, die es unmittelbar umzusetzen gelte.
Vergangene Woche hat Jamelle Bouie, Amerikas wichtigster Kolumnist, in der New York Times eindringlich geschildert, wie sowohl freie als auch versklavte Schwarze sich sofort auf das emanzipatorische Versprechen der Unabhängigkeitserklärung beriefen. In einem beeindruckenden Essay (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), den ich zutiefst bewegend und inspirierend fand, schilderte Bouie, wie Schwarze sich die Sprache der Declaration aneigneten, wie sie ihren eigenen Kampf um die Freiheit in der Sprache der Revolution vortrugen. „Die Unabhängigkeitserklärung,“ so hat es Bouie treffend formuliert, „diente ihnen sowohl als Anklage wie auch als Versprechen.“
Die Declaration als Anklage und Versprechen. Genau in dieser Dualität finden wir sie während der gesamten amerikanischen Geschichte. Genauso ist sie von all jenen aufgegriffen und angerufen worden, für die eine egalitäre Demokratie nur als Versprechen, nicht aber als Lebensrealität bestand. „Als die Architekten unserer Republik die großartigen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung schrieben,“ erklärt Martin Luther King in seiner unter dem Titel „I have a dream“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)berühmt gewordenen Rede vor dem Lincoln Memorial im August 1963, „unterzeichneten sie einen Schuldschein, zu dessen Einlösung alle Amerikaner berechtigt sein sollten. Dieser Schein enthielt das Versprechen, dass allen Menschen – ja, schwarzen Menschen ebenso wie weißen – die unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und den Anspruch auf Glück garantiert sein sollten.“ Es sei nun endlich an der Zeit, diesen Schuldschein einzulösen:
„Es ist heute offenkundig, dass Amerika seinen Verbindlichkeiten nicht nachgekommen ist, soweit es die schwarzen Bürger betrifft. … Aber wir weigern uns zu glauben, dass die Bank der Gerechtigkeit bankrott ist. Wir weigern uns zu glauben, dass es nicht genügend Gelder in den großen Tresoren der Möglichkeiten in dieser Nation gibt. Und so sind wir gekommen, diesen Scheck einzulösen, einen Scheck, der uns die Reichtümer der Freiheit und die Sicherheit der Gerechtigkeit geben wird.“
Martin Luther King sprach diese Worte ziemlich genau einhundert Jahre, nachdem Abraham Lincoln diese Lesart der berühmtesten Passage der Unabhängigkeitserklärung – „all men are created equal“ als Aufruf zum Handeln und eben nicht bloß als abstraktes Prinzip – in seiner Gettysburg Address (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) festschrieb. Am 19. November 1863 hielt Lincoln diese Rede an dem Ort, an dem wenige Monate zuvor, Anfang Juli, die größte Schlacht des Bürgerkrieges getobt hatte. „Vor 87 Jahren,“ erklärte der Präsident, „gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz gewidmet, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.“
Lincoln forderte, „dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben soll.“ Genau darum ging es in den unmittelbar nach dem Bürgerkrieg verabschiedeten Verfassungszusätzen, den sogenannten Reconstruction Amendments: Der 13. Verfassungszusatz, im Dezember 1865 ratifiziert, schaffte die Sklaverei ab. Der 14. Verfassungszusatz, angenommen im Juli 1868, etablierte das Recht auf Staatsbürgerschaft durch Geburt und die Gleichheit vor dem Gesetz für alle Bürgerinnen und Bürger, eben nicht nur Weiße. Der 15. Verfassungszusatz, ratifiziert im Februar 1870, verbot die rassistische Diskriminierung bei Wahlen.
Die Bedeutung dessen, was hier geschah, lässt sich gar nicht hoch genug bemessen. Hier wurde die Nation völlig neu erdacht. Die Reconstruction Amendments haben das Wesen der Verfassung – nicht nur des Verfassungstextes, sondern auch der daraus abgeleiteten politischen und gesellschaftlichen Ordnung – so grundsätzlich verändert, dass der Historiker Eric Foner mit Recht von einer „zweiten Gründung“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)der USA spricht. Dieser Versuch, eine Nation, die auf rassistische Hierarchien gebaut worden war, in eine multiracial Demokratie zu verwandeln, war revolutionär. Und das wussten diejenigen, die hinter diesen Verfassungszusätzen standen, auch: Ihnen ging es um nichts weniger als darum, aus einer Sklavenhaltergesellschaft eine Nation zu machen, die sich dem Gleichheitsprinzip verschrieb.
Die Freiheit weißer Männer vs „all men are created equal“
Thomas Jefferson, der mit der Unabhängigkeitserklärung einen Text verfasst hatte, der in den USA rasch den Status einer heiligen Schrift erlangte, ist selbst den in seiner Declaration enthaltenen Idealen nicht gerecht geworden. Mehr als 600 Menschen hat er während seines erwachsenen Lebens versklavt. Manche der Gründerväter der USA waren tatsächlich Gegner der Sklaverei. Jefferson mochte dieser Institution zwar zwiespältig gegenübergestanden sein; er glaubte, dass sie irgendwann abgeschafft werden sollte. Aber als einer der einflussreichsten politischen Anführer der jungen Nation wirkte er selbst nicht auf dieses Ziel hin, noch befreite er die Menschen, die er selbst unterjochte. Der Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit war in der amerikanischen Geschichte von Anfang an krass.
Gegen alle Versuche, die Unabhängigkeitserklärung als Versprechen auf Gleichberechtigung nutzbar zu machen, führten auch diejenigen, die auf der Fortsetzung weißer Vorherrschaft bestanden, die Gründung ins Feld. Sie legten die Declaration als Waffe gegen alle emanzipatorischen Projekte aus. Im Fall Dred Scott v. Sandford beispielsweise entschied der Oberste Gerichtshof 1857, dass Schwarze, egal ob frei oder versklavt, niemals volle Bürgerrechte erlangen könnten, da sie minderwertig seien und ihnen die nötige Abstammung fehle. Und was war mit „all men are created equal“? Es könne, so erklärte der Vorsitzende Richter Roger Taney in seiner Urteilsbegründung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), überhaupt kein Zweifel bestehen, „dass es nicht angedacht war, die versklavte afrikanische Rasse miteinzuschließen, die nicht Teil des Volkes war, das diese Erklärung formuliert und verabschiedet hat.“
Nur wenige Jahre nach diesem schändlichen Urteil behaupteten dann auch diejenigen, die sich von den Vereinigten Staaten lossagten, weil sie ihr „Recht“, andere Menschen zu versklaven, bedroht sahen, sie seien die wahren Erben der amerikanischen Revolution. Hatte nicht die Unabhängigkeitserklärung ganz eindeutig das Recht festgeschrieben, sich gegen eine tyrannische Regierung zu erheben – in diesem Fall: gegen die vermeintliche Tyrannei des Nordens? Den Anführern der abtrünnigen Südstaaten zufolge war es die Regierung Abraham Lincolns, der die „Zustimmung der Regierten“ fehle und die daher illegitim geworden sei; fortan werde die Konföderation den Geist der Revolution weiterleben lassen.
Die Confederacy wurde auf dem Schlachtfeld vernichtend geschlagen. Aber das galt leider nicht für die Ideen, denen sie sich verschrieben hatte – für die Vorstellung, die Gesellschaft nach strikten Hierarchien von Herrschenden und Entrechteten ordnen zu müssen. Gerade einmal ein gutes Jahrzehnt hielt sich der erste Versuch in der amerikanischen Geschichte nach dem Bürgerkrieg, die Demokratie auch im Süden über die weiße Bevölkerung hinaus auszudehnen. Danach wurde die sogenannte Reconstruction in einer Kombination aus diskriminierenden Gesetzen und rabiater rassistischer Gewalt ertränkt. Das Ausmaß an Gleichberechtigung und demokratischer Partizipation der späten 1860er und frühen 1870er Jahre sollten die Südstaaten erst wieder ein volles Jahrhundert später erreichen.
In der amerikanischen Geschichte ist jeder Versuch, diskriminierende Hierarchien von Race, Gender, Religion und Besitz abzubauen, sofort mit einer massiven reaktionären Gegenmobilisierung beantwortet worden. Für diejenigen, die sich an die Spitze dieser Gegenmobilisierung stellten, stand dabei stets fest, dass nicht sie die Gründungsideale verrieten. Vielmehr stünden alle Versuche, die Vorstellung, dass „all men are created equal“ auch wirklich in die Tat umzusetzen, in einem unvereinbaren Widerspruch zu den wahren amerikanischen Werten. Manche erblickten deshalb auch in Abraham Lincoln einen der großen Bösewichte der US-Geschichte, weil er es gewagt hatte, die Idee der Gleichheit ins Zentrum des amerikanischen Experiments zu rücken. 1966 erklärte beispielsweise Frank S. Meyer, einer der prominentesten konservativen Intellektuellen dieser Jahre, dass die Nation genau in diesem Moment nach Ende des Bürgerkriegs die falsche Abzweigung genommen habe, als Lincoln sich für „Gleichheit“ statt „Freiheit“ als Grundprinzip entschieden habe: „Die Freiheit des Individuums von der Regierung, nicht die Gleichheit unter Individuen, ist das zentrale Anliegen unserer Verfassungsordnung.“ Meyer hatte in den 1950er Jahren eine sehr wichtige Rolle dabei gespielt, selbsterklärte Libertäre, Traditionalisten und Reaktionäre unter dem Banner einer neuen Konservativen Bewegung zu vereinen und auf ein gemeinsames anti-liberales politisches Projekt einzuschwören. In der Zeitschrift National Review, dem vermeintlichen Flaggschiff des intellektuellen Konservatismus, behauptete Meyer weiter: „Freiheit und Gleichheit stehen sich als Gegensätze gegenüber; je freier die Menschen sind, desto freier sind sei, Ungleichheit zu manifestieren, und alle politischen und gesellschaftlichen Versuche – wie wir sie im 20. Jahrhundert so oft erlebt haben – Gleichheit zu erzwingen, führen unweigerlich zu Einschränkungen und letztendlich zur Vernichtung von Freiheit.“ Meyers Sorge um die „Freiheit des Individuums von der Regierung“ erstreckte sich offenkundig nicht auf die Millionen von Menschen, die bis zum Ende des Bürgerkrieges als Versklavte leben mussten. Ganz wie bei Roger Taney ein Jahrhundert zuvor sah er sie eben nicht als Bürger und schloss sie selbstverständlich aus seinen Überlegungen über das Gemeinwesen aus.
Meyers Feindseligkeit gegenüber Lincoln war sicher nicht Konsens unter zeitgenössischen konservativen Intellektuellen. Sehr wohl aber gibt es eine lange Tradition auf der amerikanischen Rechten, Freiheit und Gleichheit als unvereinbar zu denken – und sich vehement gegen das Prinzip der Gleichheit einzusetzen. In dieser Tradition steht beispielsweise auch das Bekenntnis von Silicon Valley-Titan Peter Thiel, der Anfang 2009, nicht zufällig kurz nach dem Einzug Barack Obamas ins Weiße Haus, erklärte: „Ich glaube nicht mehr, dass sich Freiheit und Demokratie vereinbaren lassen.“ Er meinte seine eigene Freiheit, unbehelligt zu tun und zu walten, wie er wollte. Und deshalb müsse die Demokratie eben weg – ein Projekt, dem sich Peter Thiel seither mit ganzem Herzen verschrieben hat.
Die Vertreter eines ethno-religiösen Nationalismus, die sich „Amerika“ nur als ein Land weißer, christlicher Vorherrschaft vorstellen wollen, haben immer behauptet, die Freiheit zu verteidigen. Ihre Sorge galt allerdings der Freiheit einer bestimmten Gruppe von „verdienstvollen“ oder „tugendhaften“ Menschen, denen es zustehe, mehr zu sein und mehr zu haben. Sie hatten sich einer bestimmten Form der „Freiheit“ verschrieben: Der Freiheit des weißen Mannes, die Freiheiten anderer einzuschränken.
Jede Form der Unterdrückung in der amerikanischen Geschichte ist unter Rekurs auf diese spezifische „Freiheit“ legitimiert worden. Tatsächlich waren es häufig die, die am aggressivsten das Land von Native Americans für sich beanspruchten, am lautesten die Sklaverei verteidigten und später am längsten an der Rassentrennung festhalten wollten, die am allermeisten von ihrer Liebe zur „Freiheit“ sprachen.
So führten sie beispielsweise den Kampf gegen die Durchsetzung der Bürgerrechte in den 1950er und 60er Jahren unter dem Banner der „Freiheit“ gegen die vermeintlich übergriffige Bundesregierung. „Freiheit“, das war der zentrale Begriff in der berüchtigten Antrittsrede (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) als Gouverneur von Alabama, die George Wallace im Januar 1963 hielt. Er beschwor „Rassentrennung heute, Rassentrennung morgen, Rassentrennung für immer“ nicht aus rassistischen Gründen, wie er behauptete – nein! Ihm gehe es um die Freiheit des Südens. „Lasst uns dem Aufruf des nach Freiheit verlangenden Blutes in uns folgen“, erklärte Wallace, „und den Tyrannen antworten, die unseren Süden in Ketten legen wollen.“ Wie zu Beginn der amerikanischen Republik sei auch nun wieder die Zeit gekommen, „die Freiheitsglocke zu läuten.“
Nur wenige Tage nach seinem Machtantritt im Januar 2025 hat Donald Trump per präsidialer Sonderverordnung eine White House Task Force on Celebrating America’s 250th Birthday geschaffen – eine parallele Veranstaltung zur offiziellen, vom Kongress als überparteiliche Instanz schon 2016 eingesetzten Semiquincentennial Commission. Diese Task Force ist voll und ganz ein Instrument für MAGA-Propaganda. Trump besteht darauf, sie „Freedom 250“ zu nennen. Wenn man bedenkt, dass sie in einer Tradition steht, die sich der Idee einer weißen Freiheit verschrieben hat, ist der Name sogar passend.
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Völkischer Nationalismus
MAGA hat allen egalitären Ambitionen den Krieg erklärt. Das definiert den Trumpismus als politisches Projekt: Das Versprechen, die Errungenschaften der zweiten Reconstruction, die mit den Bürgerrechtsgesetzen der 1960er Jahre auf den Weg gebracht wurden, rückgängig zu machen; alle Fortschritte der vergangenen einhundert Jahre in Richtung einer faireren pluralen Gesellschaft ungeschehen zu machen; die Grenzen von „Amerika“ sehr viel enger zu ziehen und all diejenigen, die laut MAGA-Ideologie gar nicht dazugehören dürften, auszuschließen. Es geht im Kern darum, selbst den Anspruch auszulöschen, Amerika solle sich überhaupt an der Zielvorstellung einer pluralen Demokratie ausrichten.
Tatsächlich formulieren die Anführer der MAGA-Bewegung eine ganz offene Absage an die Vorstellung, dass die amerikanische Nation auf bestimmte Ideen gegründet sei, und bekennen sich stattdessen aggressiv zu einem völkischen Nationalismus von Blut und Boden.
Das war beispielsweise das Kernthema in der Rede (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), mit der sich JD Vance als frisch gebackener Vize-Präsidentschaftskandidat auf dem Republikanischen Parteitag im Sommer 2024 präsentierte. Amerika, das sei keine Idee, sondern ein „Homeland“, wie Vance immer wieder betonte – und zwar für diejenigen, die ihm durch eine bestimmte Abstammung verbunden seien, deren Blut und Knochen sich mit der Erde Amerikas verbunden hätten. Wer durfte Teil dieser Gemeinschaft sein? Wer verfügte über die richtige Abstammung? Darüber würden die Anführer des „wahren Amerika“ entscheiden.
Trotzdem behauptet die MAGA-Rechte selbstverständlich, sie vertrete das wahre Erbe der Revolution. Dabei geht es zunächst einmal darum, dass der Trumpismus nur eine bestimmte Form des Patriotismus zulassen möchte und die Hoheit über alle nationalen Symbole beansprucht. Außerdem finden die Trumpisten den revolutionären Gestus der Gründung attraktiv. Sie sehen sich ja selbst längst nicht mehr als „Konservative“: „Linke“, „woke“ und „globalistische“ Kräfte, denen es gelungen sei, die Macht in allen Institutionen und Bereichen des amerikanischen Lebens an sich zu reißen, hätten längst alles Bewahrenswerte zerstört. Alleine eine rücksichtslose „Gegenrevolution“ könne die Nation in dieser Situation noch retten. „Wir befinden uns inmitten einer zweiten amerikanischen Revolution, die unblutig bleiben kann, solange sich die Linke fügt“, drohte der Präsident der rechten Heritage Foundation Kevin Roberts in einem berüchtigten Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vor zwei Jahren, am 4. Juli 2024. MAGA leitet aus dem Erbe der Revolution die Erlaubnis ab, gegen alle vermeintlichen inneren wie äußeren Feinde zu wüten.
Auch wollen die MAGA-Anführer dem Land eine Erzählung aufzwingen, in der die amerikanische Revolution zum Ausgangspunkt eines glorreichen weißen, christlichen Eroberungszuges erscheint. Im vergangenen September hielt beispielsweise der Republikanische Senator Eric Schmitt aus Missouri eine bemerkenswerte Rede unter dem Titel: „What is an American?“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bei der Jahrestagung der Nationalkonservativen Bewegung. Diese jährlichen Treffen sind eine Zusammenkunft aller rechten Fraktionen, die sich einem völkischen Nationalismus verschrieben haben und ihre Rolle außerdem darin sehen, den Trumpismus so gut es geht mit einem intellektuellen Überbau zu versehen. In seiner Rede wütete Schmitt gegen die „grundsätzlich post-amerikanische herrschende Klasse“, die schon viel zu lange an der Macht sei und das Land von innen zugrunde richte. Sie sei dabei, das Land in „ein Instrument des globalen Liberalismus“ zu verwandeln – und dabei setze sie die Behauptung, Amerika sei doch nur eine Idee, als Waffe ein:
„Die haben uns erzählt, Amerika sei nichts weiter als ein paar Zeilen in einem Gedicht auf der Freiheitsstatue und fünf Wörter über Gleichheit in der Unabhängigkeitserklärung. Alle anderen Bestandteile der amerikanischen Identität haben sie für illegitim und unmoralisch erklärt, vergiftet von den Übeltaten unserer Vorfahren. Die wahre Bedeutung Amerikas, behaupten die, liege im Liberalismus, Multikulturalismus und grenzenloser Einwanderung.“
Gegen solche heimtückischen Lügen führte Schmitt eine Definition von Amerika ins Felde, die auf einem „westlichen Erbe“ beruhte – und zog ganz enge Grenzen, wer sich auf dieses Erbe beziehen durfte:
„Die Soldaten der Kontinentalarmee, die in Valley Forge erfroren; die Pilgerväter, die in der harten Wintererde von Plymouth um ihr Überleben kämpften; die Pioniere, die sich von Missouri aus nach Westen in Richtung Frontier aufmachten; die Siedler in Kentucky, die trotz Unterzahl Welle um Welle von indianischen Angriffen von ihren Holzbarrikaden aus zurückschlugen… Sie kämpften, bluteten, rangen und starben für uns. Sie haben dieses Land für uns aufgebaut. Amerika, in all seiner Pracht, ist ihr Geschenk an uns, von Generation zu Generation weitergegeben. Es gehört uns. Es ist unser Geburtsrecht, unser Erbe, unser Schicksal.“
Man beachte, welche Gruppen Schmitt aufzählt, wenn er von denjenigen spricht, die Amerika aufgebaut hätten – und wer da nicht auftaucht, wer also auch kein Recht darauf habe, als Teil der von Schmitt beschworenen Gemeinschaft zu gelten: Native Americans, die nur als grausame Bedrohung Erwähnung finden; versklavte Schwarze, die um ihre Freiheit ringen; nicht-weiße Einwanderer, die nach Amerika kommen, weil sie an das Versprechen glauben, dass hier alle ein besseres Leben für sich und ihre Kinder aufbauen dürfen, wenn sie sich nur anstrengen und den Idealen der Nation verschreiben wollen. Sie alle sollen eben nicht Teil dieser von MAGA neu definierten nationalen Gemeinschaft sein.
Besonders subtil ist das nun alles nicht gerade, oder?
Wem gehört der Patriotismus?
Was ist die angemessene Antwort auf diesen aggressiven, gewalttätigen, ausschließenden „Patriotismus“ der Rechten? Sollten sich alle, die ein anderes Amerika wollen, von der auf Gleichheit pochenden Tradition und dem Versprechen eines egalitären Pluralismus distanzieren, weil das sowieso alles immer nur verlogene Propaganda war?
Ich glaube, das wäre völlig falsch und politisch kontraproduktiv. Die MAGA-Rechte behauptet ja, dass das „wahre Amerika“ von Anfang an immer nur als weißer, christlicher Ethno-Staat gedacht gewesen sei – und deshalb auch immer ein solcher bleiben müsse. Wir sollten ihnen nicht auch noch dabei helfen, solche Behauptungen zu perpetuieren.
Schon viel zu lange ist es den Rechten in den USA gelungen, ihren Groll und ihren Fanatismus in die nationalen Symbole zu kleiden und so zu tun, als handle es sich bei ihrer aggressiven Sehnsucht nach gesellschaftlicher Dominanz um den Ausdruck einer überzeitlichen Essenz der Nation. Liberale und Linke in den USA tun sich schwer, den Kampf auf dieser Ebene aufzunehmen. Eine Skepsis gegenüber allen politischen Projekten, die sich allzu vehement mit den nationalen Farben schmücken, ist ja auch angebracht. Nur hat diese Zurückhaltung es einem Haufen von völkischen Extremisten erleichtert, sich als Hüter des nationalen Mythos zu präsentieren.
Aber die Behauptungen der MAGA-Rechten, die einzigen Vertreter eines „authentischen“ Amerikanismus zu sein, sind historisch völlig haltlos. Es gibt eben sehr wohl eine amerikanische Tradition des egalitären Pluralismus, die sich solchen ausschließenden Dominanzfantasien immer entgegengestellt hat.
Vielfältiger, schöner und schrecklicher
Manchmal, wenn die politische Lage besonders trostlos und frustrierend erscheint, klammere ich mich an die Hoffnung, dass diese Situation vielleicht wenigstens klärende Wirkung haben könnte. Mit Trump ist so vollkommen offenkundig geworden, dass es in den USA eben keinen demokratischen Konsens gibt und niemals gegeben hat; dass wir, was immer noch übrig sein sollte von einem triumphalistischen Exzeptionalimus, dringend über Bord werfen müssen; dass es überhaupt keinen Grund gibt, sich selbstgefälligen Vorstellungen von einer unausweichlichen Bewegung der Geschichte in Richtung Fortschritt und Demokratie hinzugeben.
In diesem Sinne tut uns Trump vielleicht einen Gefallen. Er hat, unfreiwillig, die Tür weit aufgestoßen für eine ehrliche Bestandsaufnahme. Es geht gar nicht darum, den naiven Exzeptionalismus, der sich die Geschichte der Vereinigten Staaten nur als 250 Jahre stabiler, gefestigter Demokratie vorstellen kann, durch eine düstere Gegenerzählung zu ersetzen, in der das Freiheitsversprechen nur noch als scheinheilige Lüge und hinterhältige Propaganda erscheint. Wir sollten uns stattdessen der amerikanischen Geschichte als einem immerwährenden Konflikt um die nationale Identität, um die verbindlichen Ideale und die Grenzen der Nation nähern. Das ist ja nicht nur analytisch viel überzeugender. Es ist auch als Erzählung viel inspirierender, weil es unsere Aufmerksamkeit auf diejenigen lenkt, die sich unter Aufbringung erheblicher persönlicher Opfer dem Kampf verschrieben haben, aus den USA irgendwann tatsächlich ein Land zu machen, in dem die Lebenswirklichkeit der Menschen von der Idee bestimmt wird, „that all men are created equal.“
„Die amerikanische Geschichte“, erinnern wir uns, „ist älter, größer, vielfältiger, schöner und schrecklicher als alles, was jemals jemand über sie gesagt hat.“
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