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Gesundheit ist politisch

Während Medizin neutral und objektiv sein sollte, erleben viele Menschen etwas anderes: Fehldiagnosen, lange Wartezeiten, nicht ernst genommene Schmerzen oder strukturelle Hürden beim Zugang zur Versorgung. Mit der Intitiative “MedInUnity” kämpfen fünf Frauen dagegen an. Wir haben mit Mitgründerin, Allgemeinmedizinerin, Politikerin (SPÖ) und Autorin Mireille Ngosso darüber gesprochen.

Die Chefredaktion: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass das Gesundheitssystem nicht für alle gleich funktioniert?

Mireille Ngosso: Nicht in einem so großen, dramatischen Moment, sondern es waren eher viele kleine Momente, die mich immer mehr darauf aufmerksam gemacht haben und die mich auch immer mehr sensibilisiert haben. Im Studium ist uns vermittelt worden, Medizin ist objektiv, evidenzbasiert und neutral. Und der Körper ist der Körper. Aber ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass die Norm, von der wir lernen, eben nicht neutral ist, weil sie immer männlich, weiß, cis, nicht behindert, heterosexuell und meistens auch mittelständig, gutbürgerlich war.

Ein Beispiel, das viele kennen, aber das ich gut finde, weil es sehr anschaulich ist: Die Herzinfarktsymptome sind jahrzehntelang primär über männliche Symptome definiert worden. Und das sehen wir nicht nur beim Herzinfarkt, auch bei Medikamenten sind Frauen häufiger von Nebenwirkungen betroffen, weil Dosierungen lange an männlichen Körpern orientiert waren. Das ist nicht Vergangenheit, die vorbei ist, das prägt bis heute, welche Körper als Norm gelten und welche Symptome als ‚übertrieben‘ oder ‚atypisch‘ eingeordnet werden.

Woher kommt das? 

Wenn wir in die Kolonialgeschichte zurückgehen, sehen wir, dass Medizin nie nur Heilkunst war, sondern auch ein Machtinstrument. Die koloniale Forschung hat rassistische Theorien wissenschaftlich legitimiert. Schwarze Körper wurden pathologisiert, weibliche Körper als hysterisch definiert, queere Identitäten als Krankheit klassifiziert. Bis 1990 galt Homosexualität offiziell als psychische Störung. Auch Sprachbarrieren werden oft nicht ernst genommen. Ich habe verstanden, dass das System nicht neutral ist, sondern historisch gewachsen ist. Und Geschichte ist nie unschuldig. Das ist nicht Vergangenheit, die vorbei ist, das prägt bis heute, welche Körper als Norm gelten und welche Symptome als ‚übertrieben‘ oder ‚atypisch‘ eingeordnet werden.


Was hat Sie dazu gebracht, “MedInUnity” mitzugründen?

Für mich war es eine Mischung aus Frustration und Verantwortung.  MedInUnity ist aus der Überzeugung entstanden, dass Analyse allein nicht reicht. Wir bieten Fortbildungen, Vernetzungsräume und Impulse für strukturelle Veränderung im Gesundheitswesen. Unser Anspruch ist eine Medizin, die zuhört statt urteilt und die Vielfalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausgangspunkt versteht. Ich habe in der Praxis gesehen, wie Menschen sich entschuldigen, wenn sie Fragen stellen, vor allem weiblich gelesene Personen. Wie migrantische Patient*innen ihre Symptome kleinreden. Wie trans Personen Angst vor Arztterminen haben, weil sie nicht wissen, ob sie respektiert werden oder eine adäquate Behandlung bekommen. Es gibt viele einzelne engagierte Ärzt*innen, aber das löst das strukturelle Problem nicht.

Intersektionalität ist zentral, weil eine weiße Akademikerin das System anders erlebt als eine geflüchtete Frau ohne Versicherung. Oder eine queere Person mit Behinderung andere Barrieren erlebt als ein Cis-Mann mit Migrationshintergrund. Es geht nicht um einen Wettbewerb von Betroffenheit, sondern darum zu verstehen, dass sich Machtachsen überlagern.

Vorallem in migrantischen Communities merke ich oft, dass viele Krankheiten bei älteren Menschen vermeidbar gewesen wären, wenn sie früher erkannt oder ernst genommen worden wären. Wie sehen Sie das

Das sehe ich auch so. Gerade bei Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern sehe ich in der Ordination oft, dass sie erst kommen, wenn sie extrem krank sind, um nicht in der Arbeit zu fehlen und leistungsfähig zu bleiben. Das sind alles Punkte, die ich als Ärztin mitberücksichtigen muss.

Wo siehst du aktuell die größten strukturellen Diskriminierungen im Gesundheitssystem?

Rassismus in der Versorgung ist ein zentraler Bereich. Studien, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, zeigen, dass Schmerzen bei schwarzen Menschen systematisch unterschätzt werden. Migrantische Patientinnen werden schneller als schwierig markiert. Begriffe wie “Morbus Mediterranus” oder “Morbus Bosporus” zeigen rassistische Zuschreibungen. Es geht nicht um einzelne Individuen, sondern um Strukturen. Das System ist rassistisch. Diese Diskriminierungen sind systematisch eingebaut, und es gehört noch sehr viel getan.Wir haben mittlerweile eine Zwei- oder Drei-Klassen-Medizin. Das benachteiligt Menschen, die sich das nicht leisten können.

Wie viel Verantwortung tragen Ärzti*nnen selbst und wie viel die Politik?

Beides. Die Politik setzt die Rahmenbedingungen wie Finanzierung, Ausbildung und gesetzliche Regelungen. Aber Ärzt*innen entscheiden, wie sie sprechen, wem sie glauben, wie viel Zeit sie investieren und ob sie sich weiterbilden. Diskriminierung entsteht oft aus unreflektierten Routinen. Selbstreflexion ist keine moralische Kür, sondern professionelle Pflicht. Gleichzeitig sind strukturelle Verbesserungen schwer umsetzbar, wenn im Kassensystem nur wenige Minuten pro Patientin vorgesehen sind. Deshalb braucht es politische Veränderungen und individuelle Verantwortung.

Hat sich in Österreich etwas verbessert? Oder was müsste passieren, damit sich etwas verbessert?

Es gibt Fortschritte: mehr Bewusstsein für Gendermedizin, mehr Diversity-Trainings und mehr öffentliche Diskussionen. Aber oft bleibt es symbolisch. Es braucht verpflichtende Diversitäts- und Antirassismusausbildungen in allen Gesundheitsstudien. Mehr Forschung zu unterrepräsentierten Gruppen. Niederschwelligen Zugang für Menschen ohne Versicherung. Mehr Zeit pro Patientinnen im Kassensystem. Und diverse Führungsebenen in Spitälern und Universitäten. Veränderung braucht Ressourcen, nicht nur Awareness.

 Die Autorin Tupoka Ogette schreibt, dass sie speziell bei Linken oft eine starke Abwehrhaltung beobachtet. Weil sie sich als “die Guten” definieren, fällt es ihnen oft besonders schwer, Kritik an ihrem eigenen Verhalten anzunehmen, ohne sofort in Rechtfertigung zu verfallen. Wie siehst du das?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In progressiven Kreisen gibt es oft eine starke Identifikation mit moralischer Integrität. Kritik wird schnell als Angriff auf die eigene Identität verstanden. Antirassismus ist ein Prozess. Niemand ist frei von Vorurteilen. Die Frage ist nicht, ob man gut ist, sondern ob man bereit ist, sich korrigieren zu lassen. Abwehr ist menschlich, aber wenn wir in Rechtfertigungen verharren, verhindern wir Entwicklung. Besonders im medizinischen Kontext ist das gefährlich, weil wir sonst das Vertrauen von Patientinnen verlieren. Kritik anzunehmen ist Professionalität.

Ich habe oft erlebt, dass linke Kreise sich als progressiv verstehen, aber in ihren eigenen Strukturen wenig Veränderung stattfindet. Ich dachte lange, ich könnte mich mit dieser linken Bubble identifizieren, weil wir denselben Kampf führen. Aber als schwarze Frau habe ich gemerkt: Es ist nicht derselbe Kampf.

Story der Woche

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