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The Tyranny of Leaderlessness

Wie schon die Überschrift eventuell erahnen lässt, kommt dieser Text nicht völlig aus dem Nichts (vgl. The Tyranny of Structurelessness, Jo Freeman (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Es gab und gibt Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken bereits auseinandergesetzt haben und es (aus Gründen) vermutlich hinter verschlossenen Türen immer tun.

Nicht ganz grundlos halte ich die Zeit jetzt aber für gekommen, um es linken Strukturen nicht länger zu erlauben, sich der dringend nötigen Diskussion um leadership zu entziehen oder sie wie bisher in Form von persönlichen Angriffen auf Einzelne zu führen. Das können wir besser und das müssen wir besser können. Das soll gar nicht durch theoretische Abhandlungen und im abstrakten Rahmen passieren, sondern ganz konkret und pragmatisch.

*sarkastische Verwendung dieses Bildes* 
Movie Poster "Kill your idols" (Titel ist in großen roten Buchstaben drauf geschrieben), ein schwarz gekleideter Punk (weiblich gelesen) hält eine Pistole und zielt auf jemanden/etwas, Ziel ist nicht zu sehen

Woher kommt die Angst vor leadership?

Das Arbeiten ohne Strukturen und leader ist natürlich im Hinblick auf Repressionen ein Ansatz, der seine Berechtigung und Relevanz hat, was nicht in Frage gestellt wird. Aber eine kritische Auseinandersetzung mit der Relevanz von leadership und ein Hinterfragen unseres aktuellen Umgangs damit muss trotzdem endlich möglich sein. Die Welt ist komplex, unsere Formen der Organisierungen müssen es ebenso sein.

Der Ursprung der Idee von maximal flachen Hierarchien und dem Fehlen von exponierten Führungspersonen war Erfahrungen geschuldet und eine natürliche Reaktion auf die überstrukturierte Gesellschaft, mit der wir konfrontiert sind und deren Ketten gerade wir Linke natürlich bei jeder Bewegung spüren.

Sie war logische Konsequenz auf die unvermeidliche Kontrolle, die durch Hierarchien, Strukturiertheit von A wie Arbeit bis Z wie Zaunbau auf unser Leben ausgeübt wird und auf den teilweise anhaltenden Elitismus der Linken und ähnlicher Gruppen unter denen, die angeblich gegen diese Überstrukturierung kämpften.

Die Idee der Strukturlosigkeit und somit auch die des Verzichts auf Führungspersonen und leadership hat sich jedoch von einem gesunden, wichtigen und in Teilen nach wie vor erforderlichem Gegenpol zu etwas entwickelt, was uns schwächt, woran zu oft um seiner selbst willen festgehalten wird, ohne die Probleme zu sehen, die sich inzwischen daraus ergeben. Die Zerstörung von leadership als reflexartiger Selbstzweck sind Problem und Schwäche, nicht Stärke linker Organisierung.

 Warum wir jetzt endlich diskutieren sollten

Ich schreibe diesen Text gerade jetzt, weil das Kollapscamp vorbei ist und weil – neben viel positivem Feedback – das Thema leadership bzw. die Diskussion darum auf die unschönste aller Arten teilweise wieder sehr präsent ist: nämlich in Form von Angriffen und dem Aufzwingen von Scham angesichts einer leadership – Funktion, die, um es klar und deutlich zu sagen, dazu geführt hat, dass in Zusammenarbeit von leader – Personen mit vielen anderen, etwas Großartiges entstanden ist, Türen geöffnet wurden, neue Menschen erreicht wurden und ein neuer strategischer Raum mit Leben gefüllt wurde, der sich nun entwickeln und bespielt werden kann.

Ich schreibe diesen Text aber auch, weil ich nach gut 10 Jahren aktiver Arbeit in Bewegungen, mit immer mal wieder auch sehr sichtbaren Rollen, wie aktuell beim Kollapscamp selbstbewusst hier stehe und sage: ich übe leadership aus, ich habe nicht vor, das aufzugeben, weil ich liebe, was ich tue, verdammt nochmal gut darin bin und ihr mich darin ausgebildet habt. Ich halte es grundsätzlich für extrem wichtig, dass wir Menschen in leadership – Funktionen haben und ich will und werde es nicht zulassen, dass aufgezwungene Scham und ggf. persönliche Angriffe mich in meiner politischen Arbeit einschränken, weil ich Angst habe, von meinen eigenen Strukturen und Verbündeten angegriffen und ausgeschlossen zu werden. Und was ich hier aus meiner Perspektive schildere, trifft auf viele andere gleichermaßen zu, mit denen ich zusammenarbeite und/oder über dieses Thema rede. 

Don’t be afraid of us

Wer mich kennt, weiß, dass ich diversity of tactics predige und für unumgänglich halte, ganz besonders wenn es um Taktiken hin zu mehr Radikalität und weniger Anschlussfähigkeit geht. Zu dieser Diversität gehört aber auch Diversität bei unseren Formen der Organisierung. Spätestens wenn wir den Punkt von konkreten Schritten, Aktionsplanungen und deren Ausführung erreichen, wenn es um politisches Vorwärtskommen, neue Wege und Ideen geht, kommen wir ohne Personen in leadership – Funktionen nicht aus. Es sind leader, die die ausgetretenen Pfade verlassen, Ideen pushen und neue Wege und Türen öffnen, die wir alle dann benutzen (können).

Wenn wir das in linken Kreisen so verpönte Wort leader durch Vordenker:innen ersetzen, wird der Widerstand schon weniger und genau dieses vor-denken ist eine Funktion von leadern.

Wenn es sich für euch also besser anfühlt, gewöhnt euch an Vordenker:innen und lasst diese Leute genau das tun, besser noch – join in! Es gibt genug Probleme, die kreative Ideen und Ansätze erfordern, bei denen es Vor-denker:innen braucht.

Was machen wir aber mit den anderen Aufgaben, die leader erfüllen und die über das bloße vor-denken hinausgehen? Lasst uns endlich diskutieren, von mir aus auch über Begriffe, aber vor allem über die absolute Notwendigkeit von Führungspersonen und das Einräumen und Ausgestalten entsprechender Positionen und Räume, ohne die Schamkeule über unsere leader zu schwingen. Wenn es niemanden gibt, der/die* die Umsetzung von Plänen in die Hand nimmt, der/die* Übersicht über verschiedene Prozesse hat, Fragen beantworten und Aufgaben delegieren kann, der/die* sichtbar und dadurch auch ansprechbar für andere ist, werden bestimmte Dinge niemals umgesetzt und wir kommen über Diskussionsrunden und Planungen nicht hinaus. Reden wir nicht offen über leader und akzeptieren sie als natürlichen Teil unserer Strukturen, lähmen wir uns und was viel schlimmer ist, wir verlieren einige unserer klügsten, engagiertesten Köpfe und verhindern das Wachsen von Menschen, die neu in unsere Bewegungen kommen (wollen).  Wieso sollten Menschen Verantwortung übernehmen wollen, sich Aufgaben stellen, die sie herausfordern, wenn sie sehen, wie mit denen umgegangen wird, die das vor ihnen getan haben. Hier trifft der Umgang mit leadern auf den Umgang mit Fehlern, um den es auch in linken Kreisen ebenfalls oft nicht sehr gut bestellt ist.

Wieso und wie kommen Menschen denn in leadership – Positionen?

In meinem Fall kann ich das sehr einfach beantworten: viele Jahre aktive Mitarbeit bei ganz unterschiedlichen Dingen, das damit verbundene Sammeln von vielfältigem Wissen und Knüpfen von Kontakten, das Eingebunden-Sein in Diskussionen und Strategieüberlegungen, das Übernehmen von Verantwortung. Habe ich das mit Hintergedanken und dem Streben nach Macht getan? Ganz sicher nicht! Bin ich aber nun trotzdem in einer leadership – Rolle? Ganz sicher ja. Die Menschen, die leadership ausüben, tun das in der Regel in Folge einer natürlichen Entwicklung und nicht als Resultat einer Machtergreifung, auch wenn sich Reaktionen häufig so anfühlen, als wäre genau das passiert. Menschen kommen in leadership – Positionen, weil sie sich Dinge zutrauen und infolgedessen Kompetenzen entwickeln, die von vielen anderen geschätzt werden und die nötig sind, um Pläne an Punkte zu bringen, von wo an deren Umsetzung durch viele erfolgen kann. Leader werden genau dazu, weil sie handeln und es dabei schaffen, andere zu motivieren und mitzunehmen, weil sie dabei Wissen teilen, weitergeben, die Funktion von „Ausbilder:innen“ übernehmen, aber auch weil sie bereit sind, die Konsequenzen zu tragen – auch wenn Dinge nicht funktionieren. Interessanterweise wird das linke Problem mit leadern übrigens in diesen Momenten häufig sehr klein und irrelevant, wenn es um Schuldige am Scheitern geht. In diesem Punkt sind auch wir Linke nur „ganz normale Menschen“ 😉.

 Leader agieren aus einem Gefühl von Verantwortungsbewusstsein, nicht Machtgier

Wenn wir über leader sprechen, müssen wir natürlich über accountabilitiy (Rechenschaftspflicht) sprechen – wem gegenüber und in welcher Form. Sind leader fest in Strukturen eingebunden, übernehmen sie dort explizite Rollen und Funktionen, ist unser Umgang mit diesen leadern an Regeln gebunden. Dadurch üben die Gruppen Kontrolle aus. Diese Fälle von leadership sind in linken Strukturen explizit angelegt (auch wenn sie nicht so genannt werden) und durch die damit verbundenen Regeln (zeitliche Begrenzung der Funktionsausübung, Mandatierung, Verpflichtung gegenüber bestimmten Positionen) fällt uns der Umgang mit diesen leadern in der Regel auch leichter als mit solchen, die selbstständig und außerhalb fester Organisierungsformen agieren. Ganz ohne Kritik möchte ich aber auch im Fall von „embeded leaders“ nicht bleiben. Die Kontrollmechanismen sind in diesem Fall richtig und begründet. Die Umsetzung ist, sofern sie quasi (TW: böses Wort) dogmatische Züge annimmt, manchmal aber fragwürdig, zeigt sie doch, dass Anpassung und Weiterentwicklung innerhalb unserer Strukturen oft ausbleiben und wir uns selbst in einem Korsett festhalten, dass unter Umständen von aktuellen Entwicklungen außerhalb unserer Strukturen längst überholt wurde und ggf. sogar nicht mehr zu unserem eigenen Handeln mit angepassten und weiterentwickelten, diverseren z.B. Aktionsformen passt. Etwas mehr Flexibilität und Vertrauen auf die, denen wir eben noch zugetraut, die wir ermutigt haben, die Rollen zu besetzen, Aufgaben zu übernehmen und Funktionen mit Leben zu füllen, stünde uns zuweilen sehr gut zu Gesicht, jedenfalls besser als das Zerstören von leadership um jeden Preis, was manchmal wie eine Bestrafung wirkt, wenn Verantwortungsübernahme gelingt und die Menschen hinter ihrer Funktion als leader sichtbar werden, weil sie das, was sie tun sollten, offensichtlich sehr gut gemacht haben. Wertschätzung kommt definitiv zu kurz, wenn Menschen in linken Strukturen über eine Weile erfolgreich sind. Diese Erfolge kommen den Bewegungen zugute. Diejenigen, die maßgeblich und im Sinne ihrer Gruppen dazu beigetragen haben, finden sich selbst aber immer wieder mit Schamdebatten und dem Vorwurf von zu viel Macht konfrontiert, was – aufgebracht von den eigenen Leuten – nicht spurlos an Menschen vorübergeht und sicher auch niemanden motiviert, in die Fußstapfen von z.B. erfolgreichen Pressesprecher:innen und Organizer:innen zu treten.

Stop shaming us

Wenn Scham und shaming bewusst eingesetzte Mittel werden, um Kontrolle zu behalten oder zu erlangen über Prozesse und Menschen, die Dynamiken auch außerhalb bestehender Strukturen entwickeln, reproduzieren wir damit strukturelle und systemische Probleme des fossilen, patriarchalen, zunehmend faschistischen Kapitalismus, der unser Endgegner ist. We must do better, denn linke Gruppen sind oft sehr gut darin, leader aufzubauen, weil Wissen geteilt wird, Informationen möglichst vielen zugänglich sind und es viele Aufgaben gibt, die übernommen werden können und müssen. Linke Gruppen sind aber ebenfalls sehr gut darin, ihre leader rigoros zu zerstören, wenn sie sichtbar werden. Welch ein Paradox, denn eigentlich sollten wir das Potential, diese Fähigkeiten, die wir aufbauen nutzen und nicht vertreiben. Wenn uns die leader ausgehen, stagnieren wir in relativ kurzer Zeit in Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit. Ich weiß aus zahlreichen Gesprächen, dass viele links – organisierte Menschen das alles ebenfalls wissen und kritisch sehen. Dass wir bis heute aber keine Debatte darüber führen zeigt, wie gut die Mechanismen von Scham und plakativen, reflexartig artikulierten Vorwürfen selbst bei denen funktionieren, die seit Jahren politisch aktiv sind, Strukturen aufgebaut haben, sie tragen und analysieren. Die Angst vor dem Vorwurf von zu viel Sichtbarkeit, zu viel Macht, zu viel dies und zu wenig das und die damit oft einhergehende Ächtung innerhalb linker Gruppen, sollte man trotzdem seine Position (in Form von Funktion und Meinung) verteidigen, trägt schon lange sehr ungesunde Früchte.

Was diejenigen angeht, die außerhalb strikter Organisierung leader sind, ist der Umgang oft nicht besser – geprägt von Misstrauen und Vorwürfen, statt von der Auseinandersetzung mit Inhalten, der Freude über Erfolge, Respekt vor der dahinterstehenden Arbeit und dem Vertrauen, dass kein leader das für sich selbst tut, sondern aufgrund politischer Analysen, für politische Ziele und somit für uns alle. Haben leader ihre oft selbstgestellte Aufgabe erfüllt, sind neue Räume geöffnet, Debatten gestartet, neue Handlungsoptionen auf dem Tisch, ziehen wir oft weiter, um die langfristige Ausgestaltung und Entwicklung der Ideen und Projekte euch allen zu überlassen. Das tun wir nicht, weil wir durch Regeln dazu gezwungen sind, sondern weil genau das die Natur von Führungspersonen im besten Sinne ist – anstoßen, Wege ebnen, Richtungen aufzeigen und dann wieder von vorne anfangen. Leader haben oft viel mehr Vertrauen in euch alle, als ihr in uns, denn andernfalls würden wir nicht weiterziehen, um mit neuen Ideen und Projekten bei 0 anzufangen, während es nun an euch allen ist, das zu nutzen, was gerade aufgebaut wurde. Leader tun sich nach getaner Arbeit oft leichter darin, Kontrolle abzugeben als linke Strukturen, auch das ist ein Paradox, mit dem ich euch hier augenzwinkernd der Diskussion überlasse.

Cherish your leaders, respect their work, keep an eye on them but stop destroying them as it means to selfdestroy ourselves.

TRANSPARENZ:

Hier ein Nachtrag: Dieser Text ist explizit darauf ausgerichtet, eine Diskussion zu starten, die lange überfällig ist. Mir als Verfasserin ist bewusst, dass es wichtig ist, im Zusammenhang mit leadership auch über Machtmissbrauch, cis-männliche Dominanz usw. zu diskutieren und natürlich Möglichkeiten zu haben, in solchen Fällen zu reagieren, Machtmissbräuche zu benennen und diesen entgegenzuwirken. Aber auch um in diesem Punkten weiterzukommen, muss grundsätzlich anerkannt werden, dass es leadership auch in linken Organisierungen gibt. Nur dann können wir reden über accountability, Maßnahmen bei Missbrauch usw. Zu sagen “es kann nicht sein, was nicht sein darf”, löst keines der Probleme, ebensowenig wie ein grundsätzliches Misstrauen gegen Menschen in exponierten Positionen.

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