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Die radikale Linke, die wieder eine werden muss

Mein Text kommt einen Tag zu spät und eigentlich sollte er auch etwas anders aussehen, all in on Sabotage um ehrlich zu sein aus gegebenem Anlass der Aktion in Berlin. Jetzt wird es doch nochmal viel mehr ein grundsätzlicher und zugegebenermaßen sehr genervter Wutausbruch, weil ich vor lauter Gedanken und Emotionen zu bestimmten Themen manchmal gar nicht mehr weiß wohin mit mir. Sabotage ist allerdings eines dieser Themen, deshalb lege ich damit los.

mütend (Adj.)
in einer schwer zu ertragenden Mischung aus Erschöpfung und Wut befindlich

Finden wir mutige Aktionsformen, bitte!

Es kann schließlich der radikalen Linken nicht ernsthaft so viel Verdrängung gelingen, dass uns – wenn vielleicht auch nur insgeheim – nicht klar ist, dass es einerseits radikale Linke gibt, die bereits über Sabotage nachdenken oder diese eventuell sogar praktizieren und dass es andererseits richtig, wichtig und sinnvoll ist, eine ernsthafte Diskussionspraxis auf unterschiedlichen Ebenen zum Thema in Angriff zu nehmen, was ja nicht sofort und undifferenziert gleichbedeutend ist mit einem lauten „Ja“ zur Frage der Aufnahme in den Kanon der Aktionsformen.

Warum aber drüber reden? Hier heute nur die Kurzform, denn ich habe mich schon so oft zum Thema geäußert, dass es kaum noch neu ist.

Wir haben keine, wirklich KEINE Hebel, um mit der seit Jahren von uns genutzten einzigen Aktionsform, die diesen Namen verdient, dem zivilen Ungehorsam, etwas zu erreichen, was von Dauer ist und zu echten, radikalen Veränderungen auf übergeordneten Ebenen geführt hätte. Es gibt keine Gesetze, die radikale Dinge umsetzen: Tempolimit, anderes Wirtschaftssystem, Ende der Fossilen, angemessene Besteuerung von Überreichen, Zerschlagung & Enteignung von Konzernen, Ende von Rüstungsdeals und Waffenlieferungen, nicht mal, wenn damit ein Genozid verübt wird, Einhaltung von Menschenrechten, offene Grenzen, legale Fluchtwege…die Liste dessen, was nötig wäre, um „Smash Capitalism“ und dem „guten Leben für alle“ näherzukommen, ist beinahe endlos und nichts davon haben wir erreicht. Wir haben es versucht. Wir haben es wirklich versucht und der Preis war und ist ein hoher: alles und noch mehr an Kapazitäten, die wir hatten bezogen auf Zeit, Kraft, Nerven, emotionaler Unversehrtheit und unseren Körpern haben wir auf diese Weise eingesetzt. Alles an Fakten, Wissen und Argumenten, um zu überzeugen. Wir haben Lebensentwürfe gekippt bis zum Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, Jobs verloren, Freund:innen, Beziehungen. Wir haben mit Haftzeiten und Prozessen bezahlt, Traumata und physischen Verletzungen. Wir hatten so etwas wie Mehrheiten und Hoffnung. Das alles ist bewusst in Zeitformen der Vergangenheit geschrieben.

In der Gegenwart kann ich meine eigene Situation schildern und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht: ich bin in Therapie wegen posttraumatischen Belastungsstörungen, war 1 Jahr im Knast, habe keinen Job, der bezahlt wird, arbeite aber 50+ Stunden in der Woche, zu meinem Traumjob gibt es kein Zurück, Freund:innen und Wahl - Familie sind zu 99,56% gleichzeitig auch radikale Linke, weil ich Menschen, die nicht mit mir auf Bäumen sitzen oder hinter Barrikaden stehen nur noch schwer aushalten kann, um ehrlich zu sein und sie mich auch, mein Onkel wählt AfD aus Überzeugung und meine  Cousine ist Höcke-Fan, ansonsten gilt, „ja, alles schlimm, aber was soll man denn machen und denk doch mal an Deine Zukunft, wie soll das weitergehen!?“ Ich denke an meine Zukunft und sie macht mir Angst. Ich habe keine Antworten, die ansatzweise positiv sind, also muss und werde ich weiterkämpfen – meine Art der Verdrängung 😉Seid gerne ehrlich zu euch selbst bei der eigenen Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Nehmen wir uns nun noch die Zukunft vor. Weitermachen? Ja, für mich optionslos! So wie bisher? Sicher nicht. Das Zitat „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, immer wieder dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“ wurde schon oft zitiert – weil es auf die radikale Linke zutrifft und ironischerweise fängt schon bei diesem Zitat das Problem des verdammten Patriarchats an, was wir ja u.a. auch abschaffen wollen…Obwohl es fest mit Einstein verbunden ist, gibt es keine Belege dafür, dass er es gesagt hat. Die tatsächliche Quelle ist Rita Mae Browns Roman "Sudden Death" aus dem Jahr 1983, in dem es von der Figur Jane Fulton benutzt wird. Abgesehen von der männlichen Vereinnahmung dieses klugen Satzes, bringt es dieser aber auf den Punkt, denn er beschreibt die Absurdität, durch unveränderte Handlungen eine Veränderung zu erwarten. „Wir sind alle wahnsinnig“ gewinnt für die radikale Linke so eine weitere Bedeutung und das sage ich mit allem Sarkasmus, den ich noch aufbringen kann, weil ich mir der Realität und des Wahrheitsgehaltes dieses Zitates bezogen auf unser Verhalten und Agieren sehr bewusst bin.

Spice up our protest

Ich plädiere also vehement dafür, den üblichen Demos und unserem zivilen Ungehorsam in Form von Blockaden mehr hinzuzufügen, die viel beschworenen, nur selten wirklich umgesetzten bunten und kreativen Protestformen. Spice up, our protest sozusagen. Was genau, wann und in welcher Form, darüber muss geredet werden, dafür sollten gerne auch Grenzen und Richtlinien gesetzt werden – welche es in der alten Anti-Atombewegung übrigens schon gab, ebenso wie bei Kämpfen gegen genmanipulierte Lebensmittel, als entsprechende Felder mit vernünftigem Saatgut aufgewertet wurden. Das Wort mit S schreckt viele auf und ab und es gibt dafür natürlich Gründe. Wir sollten in diesem Zusammenhang auch nicht – um das Zitat eines offensichtlich klugen und wortgewitzten Menschen zu stehlen (Grüße gehen raus an meinen Telefonjoker des Morgens 😉) mutig bis zur Dummheit sein, aber Sabotage fängt ja auch nicht erst bei Brandanschlägen auf Stromversorgung an. Sabotageaktionen sind Teil nicht zu leugnender linksradikaler Geschichte und einiger unserer lange zurückliegenden Erfolge. Der Guardian nutzt diese Bezeichnung z.B. ganz aktuell auch für die Demos vor ICE – Hotels, die unfassbar und ununterbrochen viel Lärm machen, um diesen Staatsterroristen buchstäblich den Schlaf zu rauben. Schottern war Sabotage. Angriffe auf Baustellen und noch nicht benutztes Baumaterial sind es ebenso. Schienenblockaden, um Nazis die Anreise zu irgendwas zu versauen, fällt in diese Kategorie, das Einbringen von Wasserlinsen in Megabassins, wie es von unseren französischen Genoss:innen bereits praktiziert wurde. Demos, die nicht angemeldet sind oder nicht nach den Regeln spielen, können es ebenfalls sein, denn sie sabotieren die Ordnung und den Rahmen, der uns gnädiger Weise eingeräumt wird, um ohne Störung (und somit ohne Wirkung) zu protestieren…es gibt so viele Optionen und wir verweigern sie uns oft. Auch durch dieses totale Ausblenden und Leugnen unserer eigenen Geschichte und verweigerter Auseinandersetzung mit dem Thema kommt es im Endeffekt zu Sabotageaktionen, die fragwürdig sind, die mit Fehlern behaftet sind und die in dieser Form besser nicht stattgefunden hätten.

Fakt ist: unser Aktionskonsens (es gibt eigentlich nur einen, den IL-geprägten und der wird überall genutzt), unsere braven Anmeldungen von Demos, das Melden von Ordner:innen, die die Staats- und Polizeigegebene Ordnung durchsetzen, angekündigte Massenaktionen an Wochenenden – wir sind Teil des Systems, das wir laut unserer Transparente und Slogans eigentlich ändern und/oder abschaffen wollen und wir fügen uns dem oft freiwillig ein. Es wird immer mehr Menschen geben, die ausbrechen wollen und es auch tun, denn die Zeiten sind dunkel. Wir sollten die gerade noch vorhandene Chance nutzen und uns mit dem Thema auseinandersetzen, um selbst agieren, statt nur reagieren zu können, um uns eine gewisse Deutungshoheit zu sichern und um dem Ganzen ggf. einen von uns so geliebten und manchmal allzu fetischhaft benötigten Aktionskonsens geben zu können.

Was ist eigentlich Gewalt und wann?

In diesem Zusammenhang gleich das nächste, nicht weniger frustrierende Thema, welches in der radikalen Linken und in unserem Ringen mit der „bürgerlichen Mitte der Gesellschaft“ immer wieder aufkommt und an dem die Heuchelei der Mitte, die eigene Widersprüchlichkeit und das aus Angst und im Streben nach unbegrenzter Anschlussfähigkeit selbst verursachte linke Dilemma sichtbar wird: die Frage nach Gewalt. Auch das versuche ich hier nicht ausufern zu lassen, aber in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Zustand der radikalen Linken kann es nicht ausgelassen werden. Zur Frage der Gewalt lassen sich ganze Bücher schreiben und vor der Frage nach der „eigenen Gewaltanwendung“ selbst, darf Folgendes nicht ungesagt bleiben: das Beharren auf Gewaltfreiheit ist ein Absurdum, Gewaltfreiheit ist eine Utopie. Es ist eine extrem privilegierte Sichtweise, die sich nur wenige noch leisten können oder überhaupt jemals leisten konnten und es ist Selbstbetrug, denn wir alle wenden täglich Gewalt an (was ist eigentlich alles „Gewalt“?) bzw. lassen diese in unserem Namen anwenden (das nennt sich imperiale Lebensweise und dazu komme ich noch). Konzentrieren wir uns aus gegebenem Anlass der diversen Antifa- und Budapestkomplex-Verfahren und dem, was mit Menschen von Palestine Action passiert, aber hier auf die Frage der direkten Gewaltanwendung – vornehmlich, aber nicht zwingendermaßen ausschließlich (auch Sabotage ist Gewalt) gegen Nazis und Faschisten. Ist es legitim, Menschen einzusperren und zu verurteilen für Angriffe auf Nazis, die am Tag der Ehre in SS – Uniformen durch Budapest marschieren? Ist es legitim, dass Nazi-Läden zu Zielscheiben werden oder Rüstungsfirmen, die mindestens einen Genozid ermöglichen? Mit Blick auf Klimakollaps und Faschisierung wachsen meiner Meinung nach erstens die Gründe und Legitimation für Gewaltanwendung unsererseits, was ich einfach völlig wertungsfrei feststelle. Zweitens ist unbestritten, dass die Gewalt, die gegen uns und auch in unserem Namen gegen andere ausgeübt wird, in diesen Situationen bereits jetzt exponentiell in Zahl und Brutalität zunimmt. Drittens - das haben die Beschuldigten eines aktuellen Antifa-Protestes in einem veröffentlichten Statement sehr treffend auf den Punkt gebracht - gibt es auch bei dieser Frage eine Geschichte, derer wir uns bewusst werden sollten: "Auch wenn gewaltvoller Widerstand gegen Nazis heute von vielen moralisch abgelehnt wird, kann seine historische Bedeutung nicht geleugnet werden".

Ob wir es nun Gegengewalt oder Selbstverteidigung nennen, um uns besser zu fühlen oder Rechtfertigungsargumentationen führen zu können oder es einfach beim Begriff der Gewalt selbst belassen, ist für die Auseinandersetzung mit dem Thema an sich in meinen Augen zunächst egal, denn auch bei einer anderen Benennung warten Fallstricke: Selbstverteidigung ist ok? Wann fängt diese eurer Meinung nach an? Dürfen Nazis beim Tag der Ehre attackiert werden, ehe sie direkt und unmittelbar versuchen, mich anzugreifen? Gilt das auch in einer thüringischen Kleinstadt? Fakt ist, wir (einige von uns) werden Gewalt anwenden müssen und das ist keine Entscheidung, bei der uns ab einem gewissen Punkt eine große Wahl bleibt und die wir treffen, weil wir es MÖCHTEN. Es ist zwangsläufige Notwendigkeit und we better deal with it now.

Braucht es eine Kollapsethik? Eine was!?

blauer Hintergrund, davor verschiedene Wegweiser, die u.a. beschriftet sind mit "Ethik", "Werte", "Dilemma", "Moral", "richtig", "falsch", "Wahl"
alle zeigen in unterschiedliche Richtungen

In Zeiten von Kollaps ist es angeraten, sich von der prä-Kollapsethik zu verabschieden. Die, gegen die wir uns stellen, haben das übrigens schon lange getan, in kleinen, schleichenden Schritten zunächst, inzwischen aber – Coming Out der Arschlochgesellschaft (Friedliche Sabotage: Arschlochgesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) – völlig ungeniert und hemmungslos. Erspart mir also bitte Empörung und moralische Entrüstung, denn wenn ich so etwas sage, tue ich das nicht mit Freude und Begeisterung, sondern geschuldet der Anerkennung von Tatsachen und Realität (ICE, Migrationspolitik, Gaza, Maja…). In Kollapszeiten braucht es vielleicht auch eine Kollapsethik, definieren müssen wir die noch und vielleicht können wir uns in Einzelaspekten des Lebens irgendwann wieder eine post-Kollapsethik leisten, die zu den Werten einer prä-Kollapszeit zurückkehrt, aktuell ist das in meinen Augen immer seltener noch eine realistische Option. Das geht Hand in Hand mit der Frage, ob wir weiterhin kontrollierte und kontrollierbare Opposition sein wollen, ob wir uns einfrieden lassen und hilfloser Antifaschismus in Form von Prüfdemos für ein AfD-Verbot alles ist, was wir in die Waagschale werfen wollen, können und sollten. Um es klar zu sagen: ich bin für ein AfD-Verbot, weil es natürlich einen Unterschied macht, ob Nazis und Faschisten in Regierungen sitzen, Ämter und Funktionen innehaben und Zugriff auf nützliche Ressourcen jeglicher Form haben, ob sie für die sogenannten Konservativen wählbar sind, solange die noch feige sind und sich mit dieser Wahloption hinter dem Deckmantel einer „demokratischen Wahl“ verstecken können. Ein AfD-Verbot allein löst aber das Problem mit den Nazis und Faschisten im Alltag und auf den Straßen nicht. Es macht den Alltag von BIPoCs, queeren, muslimischen und anderweitig marginalisierten Menschen, ebenso wie den von Flintas* etwas sicherer, aber nicht sicher.

Lass mal reden

Wie beim Thema der Sabotage braucht es auch bei der Gewaltfrage eine ehrliche Auseinandersetzung, schon allein um aus der Endlosschleife von Empörung, realitätsfremder totaler Verweigerung und Ablehnung herauszukommen und stattdessen immer wieder bewusste Entscheidungen diesbezüglich treffen zu können. Bewusst entscheiden bedeutet, Entscheidungen nicht automatisch und reflexartig, sondern achtsam, selbstreflektiert und im Einklang mit den eigenen Werten und Zielen zu treffen, indem man sich Zeit nimmt, Emotionen ebenso wie Tatsachen und unterschiedliche Lebensrealitäten wahrnimmt, Optionen abwägt und akzeptiert, dass Perfektion selten ist, aber Handeln Weiterentwicklung ermöglicht, statt sich in Unentschlossenheit zu verlieren. Es geht darum, Klarheit zu schaffen und die eigene Selbstwirksamkeit zu stärken.  Bei beiden zugegebenermaßen großen und schwierigen Themen sind wir weit davon entfernt, ehrlich gegenüber uns selbst zu sein und bewusste realitätsbezogene Entscheidungen zu treffen bzw. solche von Menschen mit anderen Lebensrealitäten zu akzeptieren.

Wir sind (auch) nicht (uneingeschränkt und per Definition) die Guten

Bild der eingestürzten Mülldeponie auf den Philippen, die Todesopfer gefordert hat
Schlagzeilen, die nur der Imperialismus und Kapitalismus produzieren kann: Eine eingestürzte Mülldeponie auf den Philippinen fordert Todesopfer (Foto aus dem Tagesspiegel)

Zum Abschluss kann ich es nicht lassen, uns allen nochmal laut und deutlich zu sagen: wir sind alle Teil der imperialen Lebensweise und wir alle üben dadurch ständig Gewalt aus. Die Organisierung von Arbeiter:innen des globalen Nordens scheitert zwangsläufig am Imperialismus bzw. muss daran scheitern, wenn wir uns eigentlich Antiimperialismus auf unsere Fahnen schreiben. Sie muss daran so lange scheitern, bis die Organisierung von Arbeiter:innen im globalen Norden und Kämpfe um soziale Gerechtigkeit nicht mehr mit nationaler Brille an der Frage von Lebenshaltungskosten erfolgen. Warum? Nun, was ist denn Imperialismus: das Streben eines Staates, seinen Macht- und Einflussbereich über die eigenen Grenzen hinaus auszudehnen, oft durch die Unterwerfung und Ausbeutung anderer Länder und den Menschen dort. Die Ausbeutung kann politischer, wirtschaftlicher, ideologischer und kultureller Art sein. Wirtschaftliche Aspekte wie die Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten für eigene Produkte und Investitionsmöglichkeiten, sowie politische & militärische (Erhöhung des Prestiges und der Macht, strategische Stützpunkte, Wettlauf um Territorien, um anderen Mächten zuvorzukommen) sind sicher die führenden Gründe für entsprechendes Verhalten. Ideologische lassen sicher aber auch nicht verleugnen, allen voran der Glaube an die eigene Überlegenheit (Rassismus, Nationalismus). Imperialismus dient ebenfalls der Ablenkung von innenpolitischen Problemen durch außenpolitische Erfolge, was Trump gerade sehr gut demonstriert. Imperialismus fängt aber nicht erst bei Tyrannen wie Trump und Regierungen wie der von Merz an, die Rohstoffdeals abschließen oder sich den Zugriff auf diese eben anderweitig sichern. Imperialismus ist mehr als Aufrüstung, Militarisierung, Minenprojekte großer Konzerne, Beschlagnahmung von Booten auf offener See oder Staatsstreiche durch Entführung des Präsidenten eines anderen Landes. Imperialismus ist auch unser Konsum und unsere Lebensweise, in deren Namen das alles nämlich auch geschieht. Und nein, werter Johannes Thiel vom Jacobin – Magazin, Konsum und Lebensstil lassen sich nicht einfach ausklammern bei der Problemanalyse des Imperialismus, denn Produktion lässt sich nicht trennen vom Konsum, es sei denn man hat halt Kapitalismus nicht verstanden…der Markt regelt das…Angebot und Nachfrage…Was wird denn produziert? Wofür wird produziert, wenn nicht für den Konsum und wer konsumiert? Das es unbequem wird, sich damit auseinanderzusetzen, liegt nicht an der falschen Problemanalyse von Klimaaktivist:innen, sondern an der Verdrängung von Tatsachen, dem unbedingt-finden-wollen von anderen, die Schuld sind (nur die bösen Lobbyist:innen), um sich nicht mit der eigenen Verantwortung auseinandersetzen zu müssen. Solange es nicht auch der Konsum ist, bei dem das Problem liegt, sondern nur die Produktion, so lange funktioniert in den Köpfen von Menschen wie Herrn Thiel nämlich das Märchen vom grünen Kapitalismus: E-Autos retten die Welt, es findet eine Energiewende statt, weil wir mehr davon aus Wind und Solar gewinnen und wenn Dinge „gut“ produziert werden, können wir sie ohne schlechtes Gewissen und Einschränkungen einfach auch weiter konsumieren. Ich kann es nicht mehr hören und ich bin solche Debatten so unfassbar leid, weil sie so sinnlos und mit Fakten und Argumenten nicht zu gewinnen sind. Wie bei politischen Entscheidungen gilt: es mangelt nicht am Wissen, an Beweisen, an Studien…es fehlt am Willen zur Einsicht und zur Umsetzung und am Mut zur Ehrlichkeit. I’m done with that, denn es ist nur noch lästige Zeitverschwendung im Weiter-so. Natürlich lösen wir das Problem nicht durch Änderung des Konsumverhaltens von Einzelnen. Aber da, wo der Konsum ein relevantes Thema in der Analyse wird – in dem Moment, wenn wir darüber reden sollten, was wir alles einfordern, um es möglichst billig zu konsumieren - da trauen sich auch Linke nicht mit Ehrlichkeit ran. Das, was wir wollen (das gute Leben für alle), bedeutet weniger für viele (Achtung, die böse Verzichtsdebatte). Es bedeutet eine Abkehr der Bemessung von Lebensqualität an Konsumgütern (Medikamente, Lebensmittel usw. sind hier selbstverständlich nicht gemeint) und es bedarf eines Blickes über Ländergrenzen hinaus. Das gute Leben für alle bedeutet nicht, bezahlbare E-Autos für alle (in unserem Fall deutschen) Arbeiter:innen und alle drei Jahre eine günstige Flugreise bei einer Fluggesellschaft mit Carbon Offsets in Naturschutzreservate, die wir dann per Rad durchqueren und bei denen wir zur Schau gestellten indigenen Menschen ein paar Euros für die zu Souveniren gemachten Handwerksprodukte zahlen.

Ich bin durch, auch mit diesem Text und in den nächsten Wochen gibt es endlich wieder mehr zum solidarischen Preppen und zu dem, was ein Teil der letztjährigen Kollapscamp – Orga 2026 vorhat, versprochen! Ich freue mich drauf, musste nur erst gedanklich und emotional ein wenig ausmisten und Dampf ablassen 😉

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