Save a candle, burn a bridge
(Souveneer)
157/∞
Good evening, Europe!
Vielen Dank für Euer Feedback zum letzten Newsletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)! Stellt sich raus: Wenn man sich mal über fehlende Feedback-Kultur beklagt, springt zumindest bei Menschen, die noch den „Struwwelpeter“ vorgelesen bekommen und verinnerlicht haben, das Bedürfnis an, Feedback zu verschicken. Yeah!
Viele von Euch haben mir geschrieben, wie sie versuchen, im Alltag mit gutem Beispiel voran zu gehen und Wertschätzung auszuschütten. Mein treuer Leser Sven schrieb dazu den schönen Satz: „Die meisten Menschen sind die meiste Zeit über toll und verdienen es, dass auch gesagt zu bekommen.“
Mein letzter Auftritt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vor Publikum war auch schon wieder drei Jahre her gewesen. Zum allerersten Mal stand mein Name auf Plakaten. Trotzdem sind am vergangenen Freitag Menschen in die Goldkante gekommen, um sich von mir Blog-Texte über den Grundig-Fernseher meiner Großeltern (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die Rückkehr von Oasis (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) , das Zollamt in Bochum-Harpen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Royal-Journalismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vorlesen zu lassen und gemeinsam Videos (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) meiner merkwürdigsten Frisuren zu schauen.

Es war ein sehr aufmerksames, dankbares Publikum und besonders gefreut hat mich das Pärchen aus Hattingen, das anschließend auf mich zukam und berichtete, sie hätten eigentlich nur ein Bier trinken wollen, während sie auf ihren Bus warteten, aber dann habe der Barkeeper gesagt, dass hinten eine Lesung sei und jetzt hätten sie zwei wunderbare Stunden gehabt, ohne mich und das Blog zuvor gekannt zu haben. Falls Ihr aktiv so gar nichts mit Entertainment und Kultur zu tun habt: Für solche Begegnungen machen wir den ganzen Quatsch!
Anschließend haben Matthias Rinke und ich aufgelegt und ab Mitternacht kamen viele junge Menschen, die ausgesprochen höflich fragten, ob sie sich Musik wünschen dürften. Sie wollten Songs von Fleetwood Mac, Madonna und MGMT hören, bei deren Veröffentlichung sie Kinder bzw. noch nicht geboren bzw. ihre Eltern noch nicht geboren waren. Als wir Feierabend machten, haben sie sich herzlich bedankt und wir sind beseelt in die Nacht hinausgegangen. Es hatte sich mal wieder herausgestellt, dass die Menschen in echt gar nicht so scheiße sind wie im Internet.
Was die Besucher*innenzahlen angeht, bestand allerdings noch Luft nach oben. Nach der Lesung stand ich mit anderen Menschen zusammen, die ebenfalls in dem Bereich arbeiten, dem die Dieter-Gorny-Vokabel „Kreativwirtschaft“ jede Sexyness nimmt. Wir sprachen über die Social-Media-Hölle, in die wir uns trotzdem alle begeben müssen, um weiter irgendwie stattzufinden, und über die Schwierigkeit, weiterhin Menschen zu erreichen (und idealerweise auch noch Geld zu verdienen). Denn das Perverse ist ja, dass wir alle Einblick in genaue Zahlen haben, die aber trotzdem komplett wertlos sind: Ich habe 1.434 Follower auf Instagram, aber um mal Like-Zahlen von über 150 zu erreichen, muss schon jemand aus meiner Familie sterben oder ein ESC-Kommentator neben mir stehen. Wenn ich in Gegenwart meines Sohns einen Witz mache und er lacht, hab ich hingegen eine response rate von einhundert Prozent.
Und ich dachte so: Irgendwie muss es doch gehen, da gemeinsam was auf die Beine zu stellen! Jede*r von uns bringt ein eigenes Publikum/Umfeld mit; es mag einige Überschneidungen geben, aber trotzdem addieren sich da schnell die Zahlen. Seitdem überlege ich mit wechselnden Gesprächspartner*innen, wie man die Lücke, die das völlige Verschwinden von Stadtmagazinen (oder Lokaljournalismus generell) hinterlassen hat, füllen und sich untereinander besser organisieren kann — ohne corporate Scheiße und „Social-Media-Strategie“.

Es gibt allein in Bochum Dutzende Theater und andere Orte mit Kulturprogramm und schon im Stadtgebiet so viele Einwohner*innen wie in Island. Im Ruhrgebiet leben Millionen Menschen, die bestimmt theoretisch gerne mehr Kulturangebote wahrnehmen würden, praktisch aber natürlich völlig den Überblick verlieren, was alles wo und wann stattfindet. Selbst wenn man Hunderte Social-Media-Accounts von Veranstaltern und Kreativen abonniert, entscheiden am Ende die Innereien eines im Silicon Valley geschlachteten Huhns, was davon man in der eigenen Timeline angezeigt bekommt.
Ich möchte einfach nur Menschen zusammenbringen — das muss doch auch gehen ohne so Arschloch-Begriffe wie „Synergie-Effekte“, „Netzwerken“, „Businessplan“ oder „Gründer“! Ohne Berlin-Bio-Supermarkt-Klischees mit Club Mate und Kickertisch im Büro. Zur Not als gutes altes Fanzine, das man im Copy Shop an der Uni selbst kopiert. Wenn Ihr Ideen habt, wie wir uns alle zusammentun können, um die Algorithmen zu zerschlagen, meldet Euch bei mir (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)!
Das ist natürlich kein Ruhrgebiets-spezifisches Problem: Stadion-Konzerte sind in Minuten ausverkauft, während kleine Acts Konzerte oder ganze Touren absagen müssen, weil die Vorverkaufszahlen es nicht hergeben, einen Transporter zu mieten oder als Veranstalter das Theken- und Technikpersonal zu bezahlen.
Im Februar hatte die „WAZ“ sich bei den lokalen Club-Betreibern umgehört (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wie es denn so laufe. Anlass war die anstehende Schließung des Untergrund, einem Club im Keller einer jener Einkaufspassagen, die in den 1980er Jahren aus heute nur noch schwer rekonstruierbaren Gründen im gesamten Bundesgebiet über den Innenstädten ausgeschüttet worden waren.
Er kenne keinen Betreiber, der keine Probleme habe, sagt der Betreiber der Matrix, und fast alle verweisen - neben den gestiegenen Kosten und den vielen, vielen Vorschriften - auf das veränderte Ausgehverhalten der jungen Menschen. Wer zu Beginn der COVID-19-Pandemie 17 war, verbrachte die Zeit, wenn man normalerweise ins Nachtleben eingeführt wird, zuhause oder beim Cornern mit Gleichaltrigen. Als die Clubs langsam wieder aufmachten, war alles wegen des Ukraine-Kriegs teurer geworden. Diese Menschen sind jetzt 22 und mit einer völlig anderen Lebenswirklichkeit groß geworden als wir 20 Jahre zuvor — und da sind Streaming-Dienste statt Kinos und Plattenläden noch gar nicht berücksichtigt.
Die „FAZ“ hat vor zehn Tagen über Kneipen berichtet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die von ähnlichen Probleme geplagt werden, aber auch von so etwas wie geringerem Alkoholkonsum, was sich für die Gesundheit des Einzelnen ja erstmal gut anhört, wirtschaftlich und kulturell aber natürlich schnell zum Problem wird.
Heute ist es dann fünf Jahre her, dass im Laufe des Nachmittags das öffentliche Leben in Deutschland und Europa komplett heruntergefahren wurde. Das Kind war beim Kinderturnen, ich war noch mal eben einkaufen gegangen. Nudeln gab es noch, Backmischungen keine mehr. Zuvor hatten sich die Erzieherinnen im Kindergarten mit den Worten „Wir sagen mal ‚Schönes Wochenende‘, aber wir wissen auch noch nichts“ von uns verabschiedet. Alle fünf Minuten schlugen neue, apokalyptische Breaking News auf dem Handy ein: Schulen geschlossen, Kindergärten zu, Bundesligaspieltag abgesagt.
Als ich vom Einkaufen zurück kam, saßen da die anderen Eltern, der Verzweiflung nahe, weil sie nicht wussten, wie sie „die nächsten Wochen“ organisiert bekommen sollen. Wenn irgendjemand geahnt hätte, dass uns dieser Scheiß über anderthalb Jahre verfolgen würde, hätte es an diesem Wochenende vermutlich jede Menge Verzweiflungstaten gegeben.
Vieles von dem, was ich jetzt zum Jubiläum hätte schreiben wollen, hat mein Freund und Kollege Nils Minkmar in der letzten Ausgabe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) seines ohnehin immer sehr lesenswerten Newsletters aufgeschrieben; anderes hatte ich eh schon im Januar für die „taz“ notiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Natürlich ist das eine in vielfacher Hinsicht privilegierte Perspektive kurz vor der Klippe Richtung Zynismus, aber ich schaue eigentlich sehr gerne auf das Jahr 2020 zurück: Für jemanden, der schon schlechte Laune bekommt, wenn an einem Tag zwei Termine im Kalender stehen, war es eine wunderbare Zeit. Der Sommer im Garten hinter dem Haus war phantastisch. Ich bin so gründlich von meiner fear of missing out geheilt, dass ich auch heute kaum noch rausgehe — womit ich natürlich selbst Teil des Problems von Kulturszene, Clubs und Kneipen bin.
Kulturförderprogramme haben es mir ermöglicht, meinen ESC-Abend in der Zeche Carl zu planen und meinen Podcast „Woher kennen wir uns?“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) umzusetzen, und ich weiß von vielen Freund*innen, die endlich mal kreative Projekte angehen konnten, die sie sich schon lange vorgenommen hatten, die allerdings nie rentabel erschienen. (Die Corona-Soforthilfen, die zu Beginn des Lockdowns ausgezahlt wurden, dann aber doch nicht für Solo-Selbständige gedacht waren, zahle ich allerdings immer noch zurück.)

Die Kehrseite können wir natürlich heute noch überall beobachten und sie wird uns noch lange begleiten: Weil man sich nirgendwo mehr in die Augen gucken konnte, haben nahezu alle vergessen, dass sie online mit anderen Menschen zu tun haben. Und auch mit irgendwelchen Bots, die losgeschickt wurden, um Zwietracht zu sähen und das Vertrauen in Institutionen zu untergraben — also, das Restvertrauen, dass diese Institutionen nicht von sich aus zerstört haben.
Natürlich ist es schön, dass Menschen wie die damalige nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer oder der Ministerpräsident Armin Laschet inzwischen weitgehend vergessen sind (was man über Jens Spahn leider nicht behaupten kann), andererseits hätte ich alle drei zumindest gerne mal vor einem Untersuchungsausschuss gesehen.
Jetzt ist es halt irgendwie so gelaufen wie immer: Man ist froh, dass es vorbei ist; man spricht nicht mehr darüber und arbeitet weder die Hintergründe noch die konkreten Entscheidungen auf; man ignoriert die kollektiven Traumata, weil es „ja weitergehen“ muss; man verspricht, alles zu tun, damit sich „so etwas“ nie wiederhole, tut aber nicht das, was notwendig wäre, damit es sich nicht wiederholt; irgendwann wird man es verfilmen und damit Preise einsammeln. Kolonialismus, NS-Zeit, DDR, RAF, COVID-19 — die Platte auf dem deutschen Grammophon hat einen gewaltigen Sprung, was aber auch bedeutet: the beat goes on.
Und, was man irgendwie immer wieder zu vergessen droht: Es sind allein in Deutschland 187.391 Menschen gestorben.
Was macht der Garten?
Die ersten Keimlinge brechen so langsam durch die Erde — oder, im Falle der Radieschen: wuchern schon vollkommen wild.
Was hast Du gehört?
Nagaski Swim ist ein Band aus Rotterdam. Auf ihrem dritten Album „The View From Up There“ (Excelsior Recordings; Apple Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Amazon Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Tidal (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), YouTube Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Bandcamp (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) machen sie Indiepop/Indierock irgendwo zwischen Sir Simon, Burkini Beach, The War On Drugs und MJ Lenderman. Genau das richtige für so kalte, sonnige Frühlingsmorgen.
„Eusexua“ heißt das neue Album von FKA twigs (Atlantic; Apple Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Amazon Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Tidal (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), YouTube Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Nachdem ich die Singles der britischen Musikerin im Radio gehört hatte, war ich neugierig auf das Album, und auch wenn ich es sehr schlecht beschreiben kann („Avant pop“? „Trip hop“?), bin ich sehr beeindruckt von dem organischen Sound der vielen elektronischen Instrumente. Es klingt nach einem Streifzug durch britische Nachtclubs in den 1990er Jahren, bei dem Körper durch eigene Hormone und chemische Zusatzstoffe ein bisschen überlastet wird. But in a good way.
Tocotronic begleiten mich jetzt auch schon seit 25 Jahren — und ihr Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“ ist auch schon 20. Irgendwie bekomme ich auch nur noch jedes zweite Album der Band so halb mit, wobei ich mich jedes Mal, wenn ich ihre Musik dann höre, frage, warum ich sie nicht viel öfter tue. Ihr neues Album „Golden Years“ (Epic; Apple Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Amazon Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Tidal (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), YouTube Music (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)), jedenfalls, ist ein werk über Vergänglichkeit, gefährliche Menschen und darüber, immer weiter zu machen. Also genau mein Ding. (Außerdem hätten sie beinahe über Dinslaken gesungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), also bitte!)
Was hast Du gesehen?
Ich war im Schauspielhaus Bochum, um mir ein Gastspiel anzuschauen: Burgschauspieler Nicholas Ofczarek las aus Thomas Bernhards „Holzfällen“, begleitet vom Tiroler Kammerensemble Franui. Nun kann man mit Bernhard in meinen Augen eh nichts falsch machen, aber es war absolut phantastisch: Ofczarek war wie erwartet großartig, die Musik zwischen Polka, Jazz, Klezmer und Klassik war grandios mit dem Text verwoben und damit es auch noch was zu sehen gab, war eine ausgeklügelte Lichtregie Teil des Vortrags. Die nächsten Termine sind: 6. April Wien, 27. Mai Hamburg, 2. Juni Klagenfurt, 8. Juni Linz. Ich würd hingehen!
Was hast Du gelesen?
Namwali Serpell beklagt sich im „New Yorker“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) über „new literalism“ in Filmen. Das Offensichtliche immer wieder zu betonen, sei „eine Form von Gewalt gegen die Kunst“, schreibt sie in eine Welt, der jedes Gespür für Nuancen abhanden gekommen zu sein scheint (wie man an meiner Generalisierung „jedes Gespür“ merkt). Man muss ihr nicht in allen Punkten zustimmen (und sollte aktuelle Filme wie „Gladiator II” „Megalopolis”, „The Apprentice“, „Emilia Pérez”, „The Brutalist“ und „Conclave“ entweder schon gesehen haben oder Spoiler ertragen können), aber man kann mal ein bisschen darüber nachdenken.
Was hast Du zum ersten Mal gemacht?
Eine Drückerkolonne des Hauses verwiesen. Da wollten mir doch tatsächlich zwei Teenager mit Oberlippenflaum, denen das frische Verkaufstraining irgendeiner zutiefst bösartigen besseren Enkeltrick-Mafia noch in den Kleidern hing, erzählen, dass mein Internet bald abgeschaltet würde: „Der Verteilerkasten wurde schon ausgebaut, das Internet ist in ein, zwei Tagen weg!“ Au contraire, Ihr Schnullis! Verschont mich und alle anderen in der Nachbarschaft mit Eurem Unfug und lernt was richtiges! Wir haben einen verdammten Fachkräftemangel an allen Ecken und Enden, werdet doch Busfahrer!
Was hast Du gelernt?
Horn, Passlack (82. Gamboa), Oermann, Medić, Bernardo, Wittek (88. Mašović), Bero (87. Losilla), Sissoko, Krauß, Hofmann, Masouras (73. Broschinski)
Was hat Dir Freude bereitet?
AUSWÄRTSSIEG! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Und jetzt: Musik!
https://www.youtube.com/watch?v=LIQ_PcH3YuU (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Morgen erscheint das neue Album von Clipping und ich hab mich lange nicht mehr so auf einen Release gefreut.
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Habt eine schöne Restwoche und ein schönes Wochenende!
Always love, Luki