In einer Forensik erzählt der Serienmörder Jürgen Bartsch von seiner Kindheit und seinen Taten. Er legt dabei sein Innerstes offen, was teils bizarr anmutet, aber zu dem passt, was er Grauenvolles aus seinem Leben berichtet. Er wuchs bei seinen Adoptiveltern in einem Haushalt auf, den man nur als Spießerhölle bezeichnen kann - inklusive der deutschen Tugenden Ordnung, Fleiß, Sauberkeit und Kindesmisshandlung. Als wäre das nicht schon schlimm genug, lebte der introvertierte Jürgen zeitweilig in einem katholischen Kinderheim, wo sadistische Folter, systematische Herabsetzung und die obligatorische "pädopriesterliche Zuneigung" an der Tagesordnung waren. Dass der schwer traumatisierte Junge, der keine Freunde haben durfte, mit fünfzehn Jahren seinen ersten Sexualmord beging, wundert daher nicht wirklich.
Ein Leben lang kurze Hosen tragen aus dem Jahr 2002 ist eine Filmbiografie des berühmten Serienmörders Jürgen Bartsch, der sich von 1962 bis 1966 an vier Jungen sexuell verging und sie in einer Höhle ermordete. In dem intensiven und teils monströsen Psychogramm von Regisseur und Autor Kai S. Pieck, der für seinen Debütfilm ausgezeichnet wurde, spielen Tobias Schenke den älteren Jürgen Bartsch und Sebastian Urzendowsky den jüngeren. Das tun beide sehr eindringlich und schauspielerisch auf höchstem Niveau. Das Drehbuch basiert auf dem Buch "Jürgen Bartsch: Opfer und Täter" von Paul Moor, der im Zuge des Prozesses gegen den jungen Serienmörder Kontakt mit Bartsch aufnahm und über die Jahre eine Art Vaterfigur für den jungen Mann wurde.
Der Fall von Jürgen Bartsch führte in Deutschland erstmalig zu einem Umdenken der Öffentlichkeit. Glaubte man anfänglich noch naiv an das Böse im Menschen, so erkannte man nach dem Bekanntwerden von Bartschs Leidensweg, dass solche Täter oft erst durch die Gesellschaft und deren menschenfeindliche Normen gemacht werden. Dieses Wissen ist nun seit Jahrzehnten bekannt, doch geändert hat sich gesellschaftlich leider nur sehr wenig. Noch immer sind Kinder, wenn auch nicht mehr so sehr körperlichen Misshandlungen ausgesetzt, die Leidtragenden einer auf Konkurrenz, Leistung und Anpassung getrimmten Gesellschaft.
Ein Leben lang kurze Hosen tragen ist einer dieser guten deutschen Filme, die so versteckt werden, dass man sie mit der Lupe suche muss. Er lief 2003 in der ARD donnerstags im Nachtprogramm und erst im Jahr 2004 in nur sehr wenigen Kinos.
https://www.imdb.com/de/title/tt0355683/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)