Die 17-jährige Gretchen muss widerwillig ihr amerikanisches Zuhause verlassen, um mit ihrem Vater und seiner neuen Familie nach Bayern zu ziehen. Der Vater soll den Erweiterungsbau eines Ferienresorts in den Alpen projektieren. Als wäre das schon nicht grauenvoll genug, sind die Leute, auf die Gretchen rund um das Resort trifft, irgendwie seltsam. Bald wird sie von einer vertiert wirkenden Frau verfolgt. Es geschehen mysteriöse Zeitschleifen und der flötenspielende Resortbesitzer Herr König entpuppt sich als übergriffiger Irrer. Gretchens Leben entwickelt sich immer mehr zu einem psychotischen Fiebertraum.
Der deutsche Regisseur Tilman Singer und seine Crew haben hier ganze Arbeit geleistet. Die deutsch-amerikanische Produktion aus dem Jahre 2024 schafft etwas, was heute nur wenigen Horrorfilmen gelingt. Es wird eine originelle Story erzählt ohne auf langweilige Genreversatzstücke oder klassische Monsterfiguren, wie Vampire, Geister, Slasher oder Zombies, zurückzugreifen. Das Grauen in Cuckoo lebt von seiner Nichtgreifbarkeit. Man weiß lange nicht, ob das wirklich die Realität ist oder dem Wahn einer geschundenen Jugendlichen entspringt. Der Horror bleibt unbekannt und auch am Ende wird nicht alles haarklein bis ins letzte Detail erklärt. Der Film bleibt angenehm unfassbar, so unfassbar, wie echter Horror, denn die Grenzen des Denkens sind es, die uns erschaudern lassen, nicht irgendwelche Geisterbahngestalten. Der Erfinder des kosmischen Horrors H.P. Lovecraft beschrieb das so: "Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten." Und daran hat sich auch bis heute nichts geändert.
Cuckoo ist ein dichter und skurrilr Film mit ästhetischen Bildern, bei dem man nicht zu oft nach dem "Warum" fragen sollte. Hier wusste ich nicht schon nach zehn Minuten, wie er ausgehen wird, wie das bei vielen Horrorfilmen leider der Fall ist. Das Werk ist unbestimmt und vage, ja queer. Und mit diesem Stichwort sind wir bei seiner Hauptdarstellerin. Seit ihrer Rolle als Jules in Euphoria (2019) mag ich die Schauspielerin und Queer-Aktivistin Hunter Schafer sehr. Hier zeigt sie nun endgültig, dass sie einer der talentiertesten jungen Persönlichkeiten unserer Zeit ist. Sie mimt die Gretchen zerbrechlich und man nimmt ihr die Desillusionierung angesichts ihrer toten Mutter und ihres Vaters, der ihr nicht zuhört, ab. Aber Gretchen ist nicht nur zerbrechlich und traurig, sie ist auch eine stolze queere, junge Frau, die sehr wehrhaft ist (und ihr Butterfly-Messer einzusetzen weiß). Genau das sind die Rollen, die queere Jugendliche zur Identifikation brauchen. Hunter Schafer macht diesen Horrorfilm auch zu einem Coming-of-Age-Drama. Wir werden in Zukunft hoffentlich noch viel von ihr zu sehen bekommen. Cuckoo ist für mich einer der besten Filme aus dem Jahr 2024.
https://www.imdb.com/de/title/tt12349832/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)