Antoine ist Arzt, Humanist und ein promiskuitiver Lebemann. Er reist nach China, das kurz vor der kommunistischen Revolution steht. Dort lernt er die exzentrische und lüsterne Clara Greenwood kennen. Die beiden verbindet schnell eine eigenartige Mischung aus Verlangen und gegenseitiger Verachtung. Clara ist die Tochter eines europäischen Potentaten, der Mord und Folter als eine schöne Kunst betreibt. Er unterhält aus reiner Lust einen Foltergarten, in dem er chinesische Menschen quält und tötet. Dabei verbindet er die Folterpraktiken zweier dem Untergang geweihter Zivilisationen: die des traditionellen Chinas und die des kolonialen Europas. Antoine und Clara haben nicht viel Zeit für ihre Liebe, einer Liebe im Angesicht des ständigen Todes, denn bald werden die Kommunisten alles zerstören, was einmal schön und grausam war.
Der Garten der Qualen von Christian Gion ist die französische Filmadaption des gleichnamigen, 1899 erschienenen Romans von Octave Mirbeau. Der Roman gilt als eines der Hauptwerke der Dekadenzdichtung und soll Franz Kafka zu "In der Strafkolonie" inspiriert haben. Das Buch hat einige Spuren in der Popkultur hinterlassen. In dem Erotikdrama aus dem Jahr 1976 spielen Roger Van Hool und Jacqueline Kerry die Hauptrollen, aber ich hatte nur Augen für Ysabelle Lacamp. Die französische Schriftstellerin, Sängerin und Schauspielerin, die auch in Emmanuelle (1974) spielte, übernimmt hier die Rolle von Claras Zofe Annie.
Im Garten der Qualen ist ein monströser Film mit einigen sehr schönen Bildern und philosophischen Momenten, der eindrucksvoll zeigt, zu was der Mensch fähig ist - gleichsam zu Schönheit und Grausamkeit. Nach heutigen Sehgewohnheiten bewertet, enthält der Erotikfilm nichts besonders Schockierendes, doch seine Verquickung von Sex und Tod bzw. Lust und Folter weiß auch heute noch zu faszinieren. Eros und Thanatos, die zwei grundlegenden Kräfte, die nach der Psychoanalyse die menschliche Psyche bestimmen, werden hier wahrhaft abgründig und ästhetisch gezeigt.
Wie auch das Œuvre von Marquis de Sade, ist Octave Mirbeaus Werk wichtig für die BDSM-Community, obwohl die Folter- und Sex-Darstellungen darin nicht weiter von den konsensualen Praktiken der Szene entfernt sein könnten. Der legendäre Londoner Fetischclub "Torture Garden" ist nach dem dekadenten Roman mit dem Originaltitel "Le Jardin des supplices" benannt. Der 1990 gegründete Club ist mittlerweile in Europa die bekannteste Location dieser Art und hat weitere "Filialen", u.a. in Berlin, eröffnet. Darüber hinaus wird allen, die sich ein bisschen mit guter Musik auskennen, der Titel "The Torture Garden" etwas sagen. Die für ihre makabre, provokante und dekadente Art bekannte Band Death in June schrieb diesen Song in Anlehnung an Mirbeaus Buch. Das Lied soll früher auch immer im "Torture Garden" gespielt worden sein.
Im Garten der Qualen ist ein interessantes Stück Filmkunst und ein Muss für Fans von Dekadenzdichtung und dunkler Gegenkultur.
https://www.imdb.com/de/title/tt0178654/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)