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Die Qual der Wahl – oder: Warum der Koffer immer zu klein ist

Die Qual der Wahl zu haben, wenn es ums Kofferpacken geht, ist eine jener subtilen Torturen, die das moderne Leben in sich trägt. Selbst wenn ich, wohlgemerkt, nur eine Nacht verreise, verfalle ich in einen inneren Ausnahmezustand, den andere Menschen vermutlich nur bei Stromausfällen oder Steuererklärungen empfinden.

Denn Vorbereitung ist alles. Ich packe, als könne mich das Schicksal jederzeit auf ein Gala-Dinner mit dem Würzburger Oberbürgermeister verschleppen – oder, kaum unwahrscheinlicher, in der bayerischen Pampa stranden lassen, wo ich gezwungen wäre, mit meinem Schweizer Taschenmesser eine notdürftige Unterkunft aus Birkenrinde und Restwürde zu errichten.

Es ist, als lebten in mir zwei unversöhnliche Naturen: eine neurotisch ordnungsliebende Pfadfinderin und eine Opern-Diva mit einem Faible für eventuelle Eskalationen. Die eine prüft akribisch die Notwendigkeit von Ersatzstrümpfen, die andere insistiert auf einem zweiten Paar Ohrringe „für den Fall, dass“. Und so wächst der Kofferinhalt – exponentiell, versteht sich – bis selbst das Wiesel in mir erschöpft aufgibt und die Wasserbüffelin nur milde brummt: „Du fährst doch nur bis morgen.“

Somit ist es – und das sage ich ohne jede Spur von Ironie – von eminenter Bedeutung, dass ich viel einpacke. Denn wer möchte sich schon in der Fremde der tyrannischen Alternativlosigkeit ausliefern? Man möchte schließlich eine Wahl haben. Wie wird das Wetter? Wie launisch die Temperaturen? Werde ich mich bekleckern, bekleiden oder beklecksen? Und vor allem: Bin ich heute der Typ „blauer Pulli“ oder doch eher „lilane Bluse mit Haltung“?

Wer die Wahl hat, hat die Qual – gewiss. Doch diese Qual ist mir heilig. Sie verleiht mir das Gefühl, auf alles vorbereitet zu sein: auf Aperitifs im Altstadthof ebenso wie auf spontane Planänderungen oder unerwartete Regenschauer.

Hinzu kommt, selbstverständlich, das, was man wirklich braucht – jene unbestechlichen Essentials des zivilisierten Daseins: das Schlafshirt, das ein Stück Zuhause in die Fremde trägt; das Zahnputzzeug, ohne das kein Mensch – gleich welchen Evolutionsstandes – überleben sollte; Duschgel, Deo, Parfüm, in exakt dieser heiligen Reihenfolge, denn Ordnung ist bekanntlich der halbe Duft.

Und dann, natürlich, die Technik – jene fragile Lebensader, ohne die ich, so ehrlich muss man sein, gänzlich aufgeschmissen wäre. Ladegeräte, Ersatzakkus, Kopfhörer, Streaminggeräte, Batterien, Adapter, Powerbanks – das ganze Arsenal der Moderne. Klein, unscheinbar, doch von einer Macht, gegen die selbst antike Götter nur als Statisten gegolten hätten.

Und weil man nie weiß, was das Leben – oder wahlweise das Wetter – bereithält, landen auch zwei Bücher im Gepäck. Für den Fall, dass der Kurztrip zur literarischen Klausur mutiert. Eine Powerbank als Talisman gegen die Ohnmacht leerer Akkus, dazu dicke Socken für alle Temperaturen, Lebenslagen und Gemütszustände. Selbst wenn eine neue Eiszeit über Europa hereinbräche – ich wäre vorbereitet. Vielleicht nicht emotional, aber immerhin textil.

Dann stehe ich da, starre auf den bereits überquellenden Koffer und überlege, ob ich nicht doch noch eine zusätzliche Hose einpacken sollte – rein prophylaktisch. Wer garantiert mir schließlich, dass das Schicksal nicht just in jenem Moment zuschlägt, in dem ich mir die aktuelle Hose bekleckere? Dann könnte ich zwar den Pulli wechseln, aber nicht die Würde retten.

Und so sitze ich schließlich da, inmitten der sich türmenden Utensilien, und überlege ernsthaft, wie ich all das – für eine Nacht, ich wiederhole: eine einzige Nacht – in meinen Koffer oder wenigstens in eine halbwegs tragbare Tasche befördern soll. Es ist ein Rätsel der modernen Logistik, wie aus einem simplen Übernachtungsvorhaben eine materialisierte Lebensphilosophie wird. Denn es wird, das spüre ich mit jeder hinzugefügten Kleinigkeit, gefühlt immer mehr – als wolle der Koffer selbst mir zuflüstern: „Du reist nicht, du siedelst um.“

Schließlich fällt mir ein, dass ja auch noch die Handcreme eingepackt werden muss. Und Getränke für die Fahrt. Und natürlich mein Keto-Brot – man weiß ja nie! Schließlich fahre ich, so scheint es, in ein Gebiet jenseits der Zivilisation, wo weder Essbares noch Trinkbares existiert, wo Strom, fließendes Wasser und Sanitäranlagen nur vage Legenden vergangener Epochen sind.

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