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Migräne und Oper

– zwei Wesen, die sich eigentlich nur aus sicherer Distanz grüßen sollten.

Ich weiß das. Wirklich.

Und doch: Hat man Karten, diese kleinen, verführerischen Kulturversprechen aus Papier, neigt der Mensch zu heroischen Selbstüberschätzungen. Oder, weniger pathetisch formuliert: zum Durchbeißen.

Hörlibert blieb vorsorglich in der Handtasche. Ich schätze, hätte er eine Persönlichkeit, hätte er wohl protestiert. Ich schleppe nämlich immer den halben Hausstand in der Handtasche mit. Die Gefahr für immer in den Tiefen der Tasche zu verschwinden, ist also durchaus gegeben…. Wie dem auch sei - er wanderte in die Tasche …

Zu viel des Guten. Zu viel Input. Zu viel Welt.

Hörmine hingegen durfte antreten. Allein. Exponiert.

Und sie machte ihre Sache hervorragend.

Souverän, beinahe diplomatisch, reichte sie mir die Klänge tief in die Synapsen – wohldosiert, umsichtig, mit jener stillen Kompetenz, die man erst dann wirklich schätzt, wenn das Nervensystem bereits am Limit arbeitet. Wolfgang Amadeus Mozart schwebte heran, fein gezeichnet, schmerzlich schön.

Die Migräne-Störfrida allerdings zeigte sich unbeeindruckt.

Stoisch. Hartnäckig. Prinzipientreu.

Ein Gegner ohne Sinn für Ästhetik, ohne Respekt vor kultureller Hochform.

Und das innere Wiesel?

Im Ausnahmezustand.

Wir brauchen Ruhe!, insistierte es. Stille! Dunkelheit! Ein kühles Zimmer!

Und – je nach Eskalationsstufe – einen Eimer in erreichbarer Nähe.

Gleichzeitig aber:

Wir wollen Mozart. Wir wollen Kunst. Wir wollen fühlen. Jetzt. Trotz allem.

Ein innerer Konflikt von beinahe philosophischer Tragweite.

Was dabei fast schmerzte – und das meine ich ausdrücklich nicht im metaphorischen, sondern im neurophysiologisch sehr realen Sinn – war die schiere Exzellenz der Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne.

Sie waren herausragend.

Präzise. Präsenzgeladen. Stimmlich von einer Klarheit und Kraft, die normalerweise ehrfürchtiges Staunen erzeugt – und es objektiv auch tat.

Doch die hohen Töne, diese akrobatischen Gipfelpunkte der Opernkunst, wirkten an diesem Abend beinahe einschneidend.

Nicht falsch. Nicht schrill.

Im Gegenteil: technisch makellos, ästhetisch souverän – und gerade deshalb für meine migränegeplagten Synapsen kaum noch integrierbar.

Synapsengulasch.

Ein Wort, das ich schon öfter bemüht habe, sonst eher augenzwinkernd, beinahe kokett.

An diesem Abend jedoch traf es den Zustand mit schmerzlicher Präzision.

Wenn sehr hohe Töne den Raum durchschneiden, sich wellenförmig ausbreiten, getragen von jahrzehntelangem Können, dann ist das für ein gesundes Nervensystem ein Fest.

Für meines war es Überforderung.

Keine Kakophonie im musikalischen Sinn – sondern eine Überlagerung von Reizen, die sich nicht mehr sortieren ließ.

Hörmine, die Sanfte, tat, was sie konnte.

Sie filterte. Glättete. Dämpfte.

Sie legte gleichsam ein feines, schützendes Tuch zwischen Kunst und Kortex.

Doch die Migräne war schneller. Und unerbittlicher.

Was unter anderen Umständen ein harmonisches Gesamtbild ergeben hätte, blieb fragmentiert.

Nicht stimmig. Nicht integrierbar.

Und das ist vielleicht das Bitterste an solchen Abenden:

Nicht die Schwäche des Körpers.

Sondern die Klarheit des Verstandes, der sehr wohl erkennt, wie großartig das Dargebotene ist.

Denn auf der Bühne geschah etwas beinahe Unfassbares.

Eine schauspielerische Großleistung von jener Dichte, die den Raum verändert.

Die Stimmung wurde durch den Saal getragen, griff über die Ränge, legte sich auf Schultern, Herzen, Atemzüge.

Komik und Dramatik wechselten sich ab wie Ebbe und Flut.

Liebe – nicht süßlich, sondern tragfähig – schwebte zwischen Stimmen, Gesten und Blicken.

Man war nicht bloß Zuschauer.

Man war Zaungast mitten im Geschehen.

Ein leiser Teil dieses Kosmos, hineingezogen in eine Welt, die für wenige Stunden alles andere suspendiert: Zeit, Alltag, Außen.

Und genau darin lag die Tragik dieses Abends für mich.

Dass es nicht stimmig war – nicht, weil die Kunst versagte, sondern weil mein Körper nicht mitgehen konnte.

Weil Migräne keine Ehrfurcht kennt.

Keine Rücksicht auf Premieren, auf Karten, auf monatelange Vorfreude.

Irgendwann betrat sie die innere Bühne:

die Wasserbüffelin.

Inkarnation der Vernunft. Personifizierte Erdung.

Kein Drama, kein Pathos – nur ein stilles, unbestechliches Urteil.

Sie warf das Handtuch in den Ring.

Wiesel und ich nickten.

Geknickt, ja.

Aber einverstanden.

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