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Was ich noch alles erleben will –

und warum meine Hörtechnik gelegentlich ebenfalls Anspruch auf Bildungsurlaub erhebt

Wenn man mit einer chronischen Erkrankung lebt, taub ist, zwei Cochlea-Implantate spazieren trägt, regelmäßig Termine jongliert wie ein mittelmäßig talentierter Zirkusartist und von Krankenkassen in einer Frequenz Post erhält, die beinahe an eine langjährige Brieffreundschaft erinnert, passiert etwas Merkwürdiges: Menschen beginnen irgendwann zu fragen, was noch alles schwierig ist. Selten fragen sie hingegen, was man noch alles vorhat. Dabei erscheint mir gerade diese Frage die wesentlich interessantere.

Denn ja, mein Körper insistiert gelegentlich darauf, eigene Pläne zu verfolgen. Die Perimenopause veranstaltet spontane Strategiekonferenzen, das Nervensystem oszilliert bisweilen zwischen „Heute versetzen wir Berge“ und „Heute schaffen wir höchstens das Sofa“, und meine Hörtechnik entwickelt mitunter Charakterzüge, die irgendwo zwischen Hochleistungselektronik und pubertierendem Teenager anzusiedeln sind. Doch all das beantwortet noch lange nicht die Frage, was ich vom Leben will.

Die Antwort lautet schlicht: eine ganze Menge.

Vielleicht sogar mehr als früher.

Denn wenn das Leben einem irgendwann demonstriert hat, wie fragil Gesundheit, Hören, Mobilität und vermeintliche Selbstverständlichkeiten sein können, verliert man erstaunlich schnell die Lust darauf, Lebenszeit mit Belanglosigkeiten zu perpetuieren. Man beginnt stattdessen, Wesentliches zu sammeln. Erinnerungen statt Besitz. Begegnungen statt Statussymbole. Geschichten statt Ausreden.

Natürlich möchte ich erleben, wie meine Kinder ihren Weg finden. Ich möchte zusehen, wie aus Jugendlichen Erwachsene werden, wie sie lieben, scheitern, aufstehen, Umwege gehen und irgendwann erkennen, dass gerade die Umwege häufig die schönsten Landschaften bereithalten. Vielleicht werde ich eines Tages sogar Großmutter. Allein dieser Gedanke besitzt ein nicht unerhebliches humoristisches Potenzial. Ich sehe mich bereits mit einem Enkelkind auf dem Schoß sitzen und feierlich erklären: „Zieh dir etwas Warmes an.“ Oder: „Iss erst etwas, bevor du Entscheidungen triffst.“ Während meine Kinder im Hintergrund mit jener Mischung aus Resignation und Erkenntnis zusehen, die vermutlich jede Generation irgendwann ereilt, wenn sie feststellt, dass sie beginnt, ihre Eltern zu zitieren.

Darauf freue ich mich. Nicht, weil alles perfekt sein wird, sondern weil Leben stattfindet.

Gleichzeitig möchte ich nicht ausschließlich Mutter sein. Nicht ausschließlich Patientin. Nicht ausschließlich hörbehindert, hörgeschädigt, ertaubt, taub oder CI-Trägerin. Diese Begriffe beschreiben Aspekte meines Lebens, aber sie definieren nicht meine gesamte Existenz. Ich möchte weiterhin einfach Diana sein: eine neugierige Frau mit Fernweh, einem ausgeprägten Hang zum Schreiben und einem inneren Wiesel, das regelmäßig neue Ideen produziert, während die stoische Wasserbüffelin danebensteht und skeptisch hinterfragt, ob das alles wirklich notwendig sei.

Die Antwort lautet meist: wahrscheinlich nicht. Aber spannend klingt es trotzdem.

Ich möchte reisen. Nicht primär, um Sehenswürdigkeiten abzuhaken oder Fotos zu sammeln, sondern um die Welt zu erleben. Ich möchte durch fremde Städte schlendern, Gewürze riechen, deren Namen ich nicht aussprechen kann, und mich in kleinen Gassen verlieren, die auf keiner touristischen Empfehlungsliste stehen. Ich möchte Menschen begegnen, deren Lebensrealitäten sich fundamental von meiner unterscheiden, und dabei feststellen, wie viel uns dennoch verbindet. Jede Reise erweitert den Horizont ein wenig. Jede Begegnung verschiebt Perspektiven. Jede Kultur erinnert uns daran, dass unsere eigene Sichtweise nur eine von vielen möglichen ist.

Besonders reizvoll erscheint mir dabei die Ironie, dass ich mich problemlos in Ländern bewegen kann, deren Sprache ich nicht spreche. Als hörbehinderter Mensch habe ich ohnehin gelernt, mit Händen, Blicken, Gesten und Improvisation zu kommunizieren. Man könnte sagen, ich habe jahrelange Erfahrung darin, Informationen aus Fragmenten zusammenzusetzen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass ich bei Menschen, die im Ausland leben, einen nachvollziehbaren Grund habe, wenn ich sie nicht verstehe.

Ich möchte lernen. Nicht für Prüfungen oder Zertifikate, sondern weil Lernen für mich eine Form von Lebendigkeit darstellt. Neue Gedanken faszinieren mich. Neue Sichtweisen begeistern mich. Neue Erkenntnisse erzeugen in mir dieselbe Freude wie ein gutes Buch oder ein inspirierendes Gespräch. Mein Gehirn scheint ohnehin der Überzeugung zu sein, dass Stillstand eine obsolet gewordene Idee sei. Es möchte gefordert werden, Zusammenhänge erkennen, Fragen stellen und Antworten suchen. Vermutlich deshalb schreibe ich, lese ich, bilde mich fort und beginne regelmäßig neue Projekte, obwohl mein Alltag bereits ausreichend gefüllt wäre.

Ich möchte Menschen begegnen, die inspirieren. Menschen, die zuhören können. Menschen, deren Klugheit sich nicht in Lautstärke äußert, sondern in Haltung, Empathie und Reflexionsvermögen. Von diesen Menschen gibt es mehr, als man manchmal glaubt. Sie begegnen uns in Cafés, auf Reisen, in Selbsthilfegruppen, auf Kongressen oder ganz zufällig an Orten, an denen wir sie niemals erwartet hätten.

Und ich möchte mir die Freiheit bewahren, gelegentlich überhaupt nichts leisten zu müssen. Das erscheint mir inzwischen beinahe als ein subversiver Akt in einer Gesellschaft, die Produktivität allzu häufig mit persönlichem Wert verwechselt. Ich möchte auf einer Bank sitzen und den Wolken zusehen. Einen Kaffee trinken. Ein Buch lesen. Dem Wind lauschen – oder zumindest so tun, als würde ich ihm lauschen, abhängig davon, ob Hörlibert und Hörmine gerade Dienst haben oder bereits ihren wohlverdienten Feierabend genießen.

Überhaupt sollten wir kurz über die Hörtechnik sprechen. Diese beiden technischen Meisterwerke ermöglichen mir Teilhabe, Gespräche, Musik, Vorträge, Begegnungen und ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Gleichzeitig erinnern sie mich regelmäßig

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