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Wenn Frauen Nein sagen, fängt die Diskussion erst an.

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN | Tina Steiger

Frauen sollten einfach Nein sagen. Doch wenn sie es tun, brennt es auf der anderen Seite unterm Dach. Frauen, die widersprechen stoßen noch immer auf gehörigen Widerstand, denn nicht jeder, der ein Nein von Frauen fordert, ist auch bereit, es zu akzeptieren. Was passiert eigentlich, wenn Frauen Nein sagen?

Die EU stimmte heute am 28.4., dem Tag, als dieser Text entstand, denkwürdig über eine Frage ab, die auch in Deutschland Strafgesetzgeschichte schreiben könnte. Die Abgeordneten haben entschieden, künftig solle als Richtlinie NUR JA HEISST JA in der EU gelten und damit Sicherheit und juristischen Schutz für Frauen und Mädchen vor Vergewaltigung bieten. In vielen Ländern der EU – unter anderem Deutschland – gilt bisher die scharf kritisierte Regelung, dass Frauen nachweisen müssen, verständlich Nein gesagt zu haben. Nicht zuletzt die Verbrechen an Gisèle Pelicot zeigen, dass Frauen auch dann geschützt werden müssen, wenn sie – aus vielerlei Gründen – außerstande sind, ausdrücklich Nein zu sagen. Nun also eine EU-Entscheidung, die den Wandel bringen könnte und länderübergreifend neue Standards für die rechtliche Definition des Vergewaltigungsbegriffs bringt.

Bis dahin gilt NEIN HEISST NEIN. Völlig ausreichend, wenn es nach vielen konservativen und rechten Politiker:innen im Land geht. Frauen könnten ja Nein sagen. Problem gelöst. Doch so einfach ist es nicht, denn schon historisch scheinen Frauen und Widerworte in der gesellschaftlichen Wahrnehmung kein gutes Match zu sein.

Was passiert, wenn sich Frauen widersetzen, zeigten schon die Frauenverbrennungen um 1600. Frauenverbrennungen, nicht Hexenverbrennungen, denn die vermeintliche Straftat dieser Frauen, war der Widerstand und keine Hexerei. Frauen mit Haltung und heilendem Wissen, mit Gärten voll Heilkräutern und Kund:innen, die lieber zu ihnen, als zu den Medizinern im Ort oder zum Pastor zum Beten für Heilung liefen. Frauen mit eigenem Geld, Einfluss, oft auch mit Land. Frauen, die als Witwen geerbt hatten oder anderweitig finanziell auf eigenen Beinen standen. Diese Frauen waren Kirche und auch der, sich entwickelnden, Medizin ein Dorn im Auge. Geld und Eigenständigkeit machten es unmöglich, diese Frauen zu unterwerfen. Also mussten Geschichten konstruiert werden, die Angst und Argwohn schürten und die Frauen als Hexen isolierten. Historische Femizide könnte man diese Massenermordungen nennen, ging es doch um Macht und Kontrolle der Narrative und Besitztümer. Alle diese Frauen hatten deutlich Nein gesagt. Sie hatten sich offen Gewalt und Verurteilung widersetzt und es mit ihrem Leben bezahlt.

Noch immer endet ihr Nein tödlich

In Brasilien trenden aktuell Videos von Männern, die teilen, wie sie trainieren, um zuzuschlagen und zuzutreten, für den Fall, dass sie Nein sagt. Zum Date oder sogar zum Heiratsantrag. Maskulisten im Netz feiern die exzessive Gewalt an Frauen und finden, Frauen müssen lernen, sich zu unterwerfen. Hunderte Jahre liegen zwischen den beiden Trends, noch heute töten sie Frauen.

Fakt ist, wenn Frauen Nein sagen, jubelt keiner. Während wir kleine Mädchen beglückwünschen, die kleinen Jungs die Stirn bieten, finden Chefs junge Frauen, die fordern und ablehnen, doch eher befremdlich. Für Frauen gilt bis heute ein ungeschriebenes Gesetz, das ihnen auferlegt, zustimmend und zugewandt zu sein. Wer das nicht erfüllt, erlebt auch heute Isolation, Angriff und Verurteilung.

Diese Verurteilung beginnt schon im Kindesalter. Sei nicht so zickig, der ist nur fies, weil er dich mag. Schau nicht so motzig, sei doch mal netter heißt es gegenüber Mädchen oft. Kleine Mädchen, die manchmal frech wie wilde Jungs sind, sehen wir gerne. Mädchen, die dauerhaft auf ihre Grenzen bestehen, finden wir anstrengend.

Lehrkräfte wünschen sich Mädchen, die sich ohne Murren neben den anstrengenden Mitschüler setzen lassen und solche, die bereitwillig für Ruhe im Klassenzimmer sorgen. Nein sagen kommt nicht gut an.

Frauen im Job sollen ebenfalls verfügbar sein. Für die Mal-Schnell-Zwischendurch-Aufträge von oben, für den gebrachten Kaffee für den Bewerber, für die Überstunden und Mehrarbeit. Sagen Frauen gezielt Nein, folgt der Aufschrei. Während Männer mit jedem Nein vermeintlich Prioritäten setzen, werden Frauen für jede Ablehnung als unangenehm und schwierig stigmatisiert. Nein sagen kostet. Im Job Beförderung und Rückhalt.

Ihr Nein? Diskussionswürdig

Werden Frauen beim Ausgehen angemacht und sagen sie Nein, heißt es, das müsse bitteschön schon begründet werden. Etwa mit dem imaginären Partner, einem fiktiven Freund, dessen behaupteter Besitzanspruch für interessierte Männer schwerer wiegt, als ein Nein der Frau vor ihnen.

Wenn sie beim Feiern mitgeht oder ihn nach dem Date begleitet, spielt ihr Nein oft keine Rolle mehr. Schließlich war ihr einmaliges Ja zum Mitgehen für ihn die Legitimation, jedes weitere Nein als obsolet zu betrachten.

Werden Frauen sexuell belästigt, wird immer erstmal davon ausgegangen, er könne das Opfer ihrer Rachsucht und Wankelmütigkeit sein. Nicht umgekehrt. Unschuldsvermutung lautet das Pendant im Strafrecht hierzu. Ein Begriff, der meist männliche Täter von Taten ohne Zeugen entlastet. Für (meist weibliche) Opfer von Taten im Privaten, gibt es bis heute kein Äquivalent einer Wahrheitsvermutung. Weder in den Gesetzbüchern, noch in den Köpfen.

Die Beweislast für alles, das Frauen zugefügt wird, liegt bei ihr. Das gilt für die Joggerin im Park, die erst beweisen muss, dass sie wirklich nur in der Dämmerung an ihrer Fitness arbeiten wollte und keine Lust auf ein Schäferstündchen mit einem schmuddeligen Fremden in den Büschen hatte. Das gilt für Schülerinnen, die beweisen sollen, dass sie den Lehrer, den Pastor, den Trainer nicht selbst angemacht haben. Das soll für Frauen gelten, von denen Männer auf irgendeine Art behaupten, sie hätten Interesse wahrgenommen. Nur Ja heißt Ja ist bitter nötig. Bitter auch, wer bis heute schamlos dagegen votiert.

Frauen, die Nein sagen, können nicht gewinnen.

Auch in sozialen Settings, sogar unter anderen Frauen, wird von Frauen erwartet, dass ihr Ja wie aus der Pistole geschossen kommt. Beim Crêpe-Verkauf mithelfen, den Bastelabend begleiten, die Kinder für den Teamtag zuhause lassen – na klar sollen Frauen hier Ja sagen. Ihr Nein ist oft logistisch gar nicht eingeplant. Zwar werden Frauen heute weder gejagt noch verbrannt, wenn sie die Gesellschaft enttäuschen, doch das Lästern und Ausgrenzen folgt auf dem Fuss. Wer das nicht glaubt, versucht einfach mal als zuhause arbeitende oder – Gott bewahre – nicht arbeitende Mutter, sein Kind für die Notbetreuung im Kindergarten anzumelden und sagt laut Nein, bei der Frage, ob das Kind nicht auch einmal solidarisch zuhause gelassen werden kann. Wenn selbst Frauen anderen Frauen nicht mal ihr Nein zugestehen, wie emanzipiert ist dann unser Ja? Wo ein Ja erwartet wird, erhält jedes Nein einen faden Beigeschmack. Von Frauen wird auch heute noch erwartet, dass sie zu allem und jedem ständig Ja sagen.

Wenn verheiratete Frauen in ihren Beziehungen Nein sagen, dann passiert meist …nichts. Im Wortsinn. Denn was sie verweigert, macht er einfach trotzdem. Frauen beschweren sich über Care-Stunden, über Mental Load und machmal auch Fremdgehen oder Gewalt und stoßen auf taube Ohren. Auch das gehört zum Nein von Frauen. Überhört und missachtet zu werden. Ziehen Frauen ihr Nein durch, eskaliert es. Bereits ohne Gewalt. In der Realität entscheiden sich die meisten Frauen dagegen, ihr Nein mit Verweigerung durchzuziehen, etwa, wenn sie sagen, was sie im Haushalt nicht mehr übernehmen. Das hat einen einfachen Grund: Es bleibt einfach alles trotzdem liegen und sie können sich entscheiden, ob sie es dennoch mitmachen oder weiter liegen sehen. Die meisten Frauen hören auf Nein zu sagen, weil sie es nicht liegen sehen können. Den Papiermüll, den Abwasch, den Partner, der jeden Abend auf dem Sofa zum Sex drängt.

Werden Frauen in der Ehe vergewaltigt, haben sie seit kurz vor der Jahrtausendwende schon, das Recht, ihren Mann dafür anzuzeigen. In der Praxis wird er selten verurteilt, ganz egal, ob sie Nein gesagt hat. Schließlich ist er ihr Mann. Das ultimative Nein, das Nein zur geschlossenen Ehe, die Scheidung, führt Frauen oft in finanzielle Abgründe und Folgegewalt, statt in die Freiheit. In Femiziden bezahlen Frauen ihr Nein zur Beziehung fast täglich mit dem eigenen Leben.

Frauen sollten frei entscheiden können. Frauen sollten zu jeder Situation eigenständig mit Nein stimmen können. In der Theorie soll möglich sein, was es in der Praxis einfach nicht ist.

Denn die Realität für Frauen ist der Entzug von Solidarität, wenn sie Nein sagen. Auch unter Frauen. Die Realität für Frauen ist ein hohes Gefahrenpotential bei jedem Widerspruch und noch immer große Einbußen bei Akzeptanz, Einkommen und Status. 2026 werden keine Frauen mehr bei uns verbrannt. Aber Männer organisieren sich online und tauschen Tipps aus, wie sie Frauen für ihren Widerstand bestrafen. Was wir brauchen, sind nicht Statements, Frauen sollten Nein sagen. Was wir brauchen sind Kurse, in denen bereits junge Frauen und Mädchen an den Schulen verlernen, die Ansprüche anderer zu erfüllen. Und Kurse für Jungen, wie sie lernen, ein Nein zu akzpetieren. Doch da sind wir noch nicht, denn Frauen, die Nein sagen, können wir gesamtgesellschaftlich nur schwer aushalten. Erst wenn jedes Nein sicher ist, sind Frauen irgendwann wirklich gleichberechtigt.

Sujet Stimme gegen Gewalt

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