Der Stundensatz ist tot. Es lebe der Werkvertrag. Was wie eine provokante These klingt, ist für viele Mittelständler längst bittere Realität. Die klassische Zusammenarbeit mit Digitalagenturen – geprägt von unklaren Stundenzetteln und mangelndem Ergebnisbezug – funktioniert im Zeitalter der KI nicht mehr. Doch was kommt danach? Ein Blick auf die neuen Spielregeln und ein Lösungsmodell aus der Praxis.
Der Status Quo: Ein System in der Krise
Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild. Während die Ausgaben für Marketing steigen, fallen die Gewinnmargen der Agenturen von 15,2% auf 11,7% [1]. Gleichzeitig sinken die Honorarumsätze deutscher Digitalagenturen um 5,2%, während 3,5% der Mitarbeiter abgebaut werden [1]. Die Gründe sind hausgemacht: Ein überholtes Vergütungsmodell, mangelnde Effizienz und eine riskante Selbstüberschätzung im Umgang mit KI [2].
Das GWA KI-Whitepaper 2025 bringt es auf den Punkt: Viele Agenturen halten sich für KI-Pioniere, nutzen die Technologie aber kaum strategisch [2]. Das Ergebnis ist ein "KI-Dunning-Kruger-Paradoxon": Je weniger Ahnung, desto überzeugender wirken die KI-Ergebnisse. Für den Mittelstand ist das fatal. Man bezahlt für vermeintliche KI-Expertise, erhält aber nur oberflächliche, austauschbare Ergebnisse.
"Die klassische 'Parkuhr'-Mentalität, bei der nach Stunden oder Tagen abgerechnet wird, ist nicht mehr zeitgemäß. Der Wandel geht hin zu einem wertebasierten, ergebnisorientierten Modell." – IHK München [3]
Die neuen Spielregeln: Ergebnis, nicht Aufwand
Die Zukunft der Zusammenarbeit liegt nicht in der Optimierung des Alten, sondern in einem radikalen Neudenken. Internationale Vordenker und Verbände wie VoxComm fordern den Abschied vom Stundensatz und die Hinwendung zu neuen Modellen [4]:
Altes Modell (Stundensatz)
Neues Modell (Werkvertrag/Partnerschaft)
Alte Vergütung: Zeit & Material
Neue Vergütung: Ergebnis & Wertbeitrag
Alter Fokus: Abarbeiten von Aufgaben
Neuer Fokus: Erreichen von Geschäftszielen
Alte Beziehung: Dienstleister
Neue Beziehung: Strategischer Partner
Alter KI-Einsatz: Effizienz-Tool (intern)
Neuer KI-Einsatz: Lösungs-Generator (individuell)
Alte Laufzeit: Kurzfristige Projekte
Neue Laufzeit: Langfristige Betreuung (1-3 Jahre)
Das bedeutet: Agenturen müssen aufhören, Zeit zu verkaufen und anfangen, Ergebnisse zu garantieren. Sie müssen sich von der reinen Kreativ- oder Medienfunktion lösen und zu einem integralen Bestandteil der Wertschöpfung ihrer Kunden werden.
Das Steinbeis-Modell: Eine Blaupause für den Mittelstand
Genau diesen Ansatz verfolge ich mit meinem Steinbeis Transferzentrum "Digitale Medien" (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Anstatt dem Mittelstand teure Agentur-Strukturen überzustülpen, habe ich ein Modell entwickelt, das auf die realen Bedürfnisse von Unternehmern zugeschnitten ist:
Tiefes Eintauchen statt oberflächlicher Analyse: Der erste Schritt ist immer das tiefe Verständnis für das Geschäftsmodell, die Prozesse und die Kunden des Unternehmens. Ich denke mich in das Unternehmen ein, als wäre es mein eigenes. Nur so können wirklich individuelle, KI-gestützte Lösungen entstehen.
Werkverträge mit fixen Zielen: Statt unkalkulierbarer Stundensätze arbeiten wir mit klar definierten Werkverträgen. Die Ziele werden gemeinsam festgelegt, der Preis ist fix. Das schafft Planbarkeit und zwingt beide Seiten, sich auf das Ergebnis zu konzentrieren.
Langfristige, kostengünstige Betreuung: Der massive Vorteil des Steinbeis-Modells liegt in der Kostenstruktur. Als hochschulnahe Einrichtung liegt der Fokus auf der Entwicklung von kostengünstigen, aber hochwirksamen Digitaldienstleistungen. Die Gemeinkosten sind deutlich geringer als bei klassischen Agenturen. Das ermöglicht eine langfristige Betreuung über 1-3 Jahre, in der die entwickelten Lösungen kontinuierlich an die Marktentwicklungen und Kundenbedürfnisse angepasst werden.
Erfahrung als KI-Korrektiv: Das GWA-Whitepaper stellt fest: "Dies ist die erste digitale Revolution, bei der ältere Menschen im Vorteil sind" [2]. Genau das ist der Kern. Meine 30-jährige Erfahrung im Digitalgeschäft dient als kritisches Korrektiv für die oft oberflächlichen Ergebnisse von KI. Wir nutzen KI als Werkzeug, aber die Strategie und die finale Entscheidung bleiben in der Hand erfahrener Experten.
Fazit für Macher
Die Zeit der austauschbaren Digitalagenturen ist vorbei. Suchen Sie nicht nach Dienstleistern, die Ihnen Stunden verkaufen, sondern nach Partnern, die bereit sind, unternehmerisches Risiko mitzutragen. Fordern Sie Werkverträge. Fordern Sie Ergebnisverantwortung. Und suchen Sie nach Modellen, die nicht auf kurzfristige Projekte, sondern auf langfristige, nachhaltige Wertschöpfung ausgelegt sind.
Die Krise der Agenturbranche ist eine Chance für den Mittelstand – wenn man die richtigen Fragen stellt und neue Wege der Zusammenarbeit wagt.
Referenzen
[1] Wolfenstein, K. (2026, Februar 27). Rettung oder strategische Sackgasse? Warum KI, Content Studios und Agentur OS nicht die Lösung sind, sondern der wahre Flaschenhals. Xpert.Digital (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). https://xpert.digital/rettung-oder-strategische-sackgasse/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[2] Maser, J. (2025). GWA KI-Whitepaper 2025. Jakob Maser. https://www.jakobmaser.com/journal/gwa-ki-whitepaper-2025/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[3] IHK München. (n.d.). Agenturvergütung in Zeiten von Künstlicher Intelligenz (KI). IHK für München und Oberbayern. https://www.ihk-muenchen.de/ratgeber/digitalisierung/kuenstliche-intelligenz/agenturverguetung-ki/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[4] LBBOnline. (2026, März 2). VoxComm Publishes Guide to Redesigning Agency Value Models in an AI-Driven Market. https://lbbonline.com/news/Redesigning-the-Agency-Value-Model (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)