Gofigramm

Ich bin ein großer Fan des Deutschland-Tickets. In den vergangenen Tagen habe ich es mal wieder weidlich genutzt. Montag vor einer Woche bin ich mit den Regionalzügen von Marburg nach Magdeburg gefahren. Ich habe mich dort mit Hörer*innen unseres Podcasts Hossa Talk getroffen, Kirchenaussteiger, die versuchen, eine neue Form der Gemeinschaft zu entwickeln. Während der Fahrt habe ich ein Kapitel meines Romans geschrieben, ein Baseball-Cap ins Gesicht gepfeffert bekommen und die deutsche Landschaft betrachtet. Außerdem habe ich das Manuskript des Romans überarbeitet.
Am Freitag darauf bin ich nach Hamburg aufgebrochen, habe während der Fahrt einen Vortrag für Lehrer*innen aus Baden-Württemberg vorbereitet über die Frage, was christliche Schüler*innen im Internet über den christlichen Glauben erfahren. Dazu habe ich mir einen Account bei TikTok eingerichtet als 13jähriger Nik, der sich für das Christentum interessiert. Außerdem wurde ich im Zug von Hannover nach Hamburg Zeuge des Klassenkampfes. Die 2. Klasse war brechend voll. Ich reiste schließlich hineingefaltet in eine Gepäckablage direkt vor den gläsernen Türen der 1. Klasse, in der noch viele leere Plätze waren. Ein paar jüngere Leute waren der Ansicht, dass ihnen moralisch, aber vielleicht auch politisch gesehen, einer der Plätze zustand. Die Schaffnerin sah das anders. Ich konnte die jungen Leute verstehen, die sehr verärgert waren, fand, dass sie durchaus recht hatten, blieb aber in meiner Gepäckablage.
Auch in Hamburg trafen wir drei Hossa Talker uns mit Hörer*innen. Diesmal waren wir es, die ihnen zuhörten, wie sie uns ihre Lebensgeschichten erzählten. Das war schön, manchmal traurig und vor allem intensiv. Wir traten auch auf, unter anderem im Gottesdienst am Sonntag, wo ich die Geschichte vorlas, die ich im Zug nach Magdeburg geschrieben hatte. Du findest sie weiter unten.
Wenn Du diese Zeilen liest, sitze ich wahrscheinlich wieder im Zug und fahre von einem Besuch in Bremen zurück nach Marburg. Natürlich mit dem Deutschland-Ticket. Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
Danke für Dein Interesse! Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.
Kurzgeschichte
Hast du ihn erwischt? (Aus: Wut. Liebe. Filmriss.)
Im März ist es soweit. Franco findet einen etwa zwanzig Jahre alten, runtergerockten Opel Kadett in Gröpelingen und hat keine Mühe, ihn aufzubrechen. In Sebaldsbrück vertauscht er die Kennzeichen mit denen eines parkenden VW T-Roc. Bis die Besitzer den Unterschied bemerken, werden hoffentlich ein paar Tage vergehen.
An dem Tag, den sie sich ausgesucht haben, scheint die Sonne. Die Natur erwacht zu neuem Leben, in den Straßenschluchten bleiben Menschen stehen und schauen lächelnd zum Himmel, weil sie den Ruf der Kraniche hören.
Ben weiß von alledem nichts. Seine Hände zittern, als er die Schublade des massiven Schreibtisches aufzieht und die automatische Pistole herausholt. Als er sich zur Tür dreht, steht Franco vor ihm und hält ihm etwas aus schwarzem Stoff entgegen. Es ist eine Sturmhaube.
Brauch ich nicht, sagt Ben.
Wenn die uns erkennen, sind wir tot, sagt Franco.
Ist mir egal. Er soll mir ins Gesicht sehen, wenn ich ihn abknalle.
Franco presst die Sturmhaube gegen Bens Brust. Hör mit dieser Heldenscheiße auf, Alter. Das ist ernst. Ich hab keinen Bock zu sterben. Setz das Scheißteil auf!
Ben nimmt die Balaclava und stopft sie in seine Gesäßtasche. Let’s go, sagt er.
Sie nehmen die B 75 Richtung Südwesten, fahren an Huchting vorbei, wechseln am Dreieck Delmenhorst auf die A 28.
Wohin, sagt Franco, der am Steuer sitzt. Sie haben die Sturmhauben noch nicht aufgezogen, um keinen Verdacht zu erregen.
Nächste Ausfahrt, sagt Ben. Um diese Zeit müsste er eigentlich arbeiten. Er ist dann so um dreizehn, vierzehn Uhr fertig.
Das sind noch zwei Stunden. Was machen wir solange?
Warten.
Sie verlassen die Autobahn an der Ausfahrt Deichhorst, biegen rechts ab und bei der nächsten Gelegenheit wieder rechts, hinein in ein Gewerbegebiet. Am Ende der Straße halten sie auf einem Parkplatz direkt vor einer großen Industrieanlage. Die Zufahrt zum Gelände ist durch ein Rolltor verschlossen.
Hier? fragt Franco.
Hast du ne bessere Idee?
Wir sitzen ziemlich öffentlich rum.
Wir machen ja nichts. Wir warten halt.
Ja, aber auf wen? Wenn einer fragt, meine ich.
Auf unseren Kumpel.
Franco macht einen zischenden laut, schüttelt den Kopf, sagt aber nichts mehr. Sie holen ihre Handys raus, scrollen durch die sozialen Medien und schauen immer wieder zum Tor.
Du erkennst ihn, wenn er rauskommt, oder?
Türlich, sagt Ben. Ich hab den Wichser jetzt so oft gesehen, ich träume schon von dem.
Gut, sagt Franco.
Eine Stunde vergeht, ohne dass etwas passiert. Da! sagt Ben plötzlich. Er flüstert beinahe. Das isser!
Der Rocker muss das Gelände auf einem anderen Weg verlassen haben. Das Tor hat sich jedenfalls nicht bewegt. Trotzdem geht er direkt an ihrem Auto vorbei zu einem Motorrad, das etwas weiter hinten steht, startet die Maschine und fährt auf die Straße Richtung Autobahn. Franco lässt den Motor an, setzt zurück und folgt ihm.
Wenn alles normal läuft, fährt er jetzt zur Bar, sagt Ben.
Auf der A 28 hält Franco einen großen Sicherheitsabstand zu Gajeski. Es ist nicht schwer, das Motorrad im Blick zu behalten. Der Rocker nimmt sich Zeit und fährt nicht schnell.
Ich kann ihn überholen, sagt Franco. Dann schießt du aus dem Fenster. Ist eigentlich ganz easy.
Mitten auf der Autobahn? Ben guckt alarmiert. Hier ist doch alles voll. Zu viele Zeugen!
Wir setzen die Hauben auf. Da erkennt uns keiner.
Und wenn ich nicht treffe? Ich hab noch nie aus einem fahrenden Auto geschossen!
Der ist doch nur ein paar Meter entfernt. Du brauchst ja noch nicht einmal voll zu treffen. Wenn der umkippt, stirbt er vielleicht dabei. Oder wird überfahren, oder was weiß ich. Das ist die Gelegenheit!
Ich weiß nicht.
Diggi! Er ist allein. Kein anderer Angel in der Nähe. Nur ein paar Meter. Ne bessere Gelegenheit gibt es vielleicht nicht mehr.
Ich könnte jemand anderes treffen!
Quatsch! Setz die Haube auf. Wir machen das jetzt. Er zieht ohne zu blinken auf die linke Spur und beschleunigt. Ben zerrt die Balaclava hervor und zieht sie über den Kopf. Viel zu schnell kommen sie dem Rocker näher. Er prüft, ob sich eine Patrone in der Kammer befindet und entsichert die Waffe.
Halt das Ding weit aus dem Fenster, sagt Franco. Sonst fallen uns die Ohren ab.
Kurz bevor sie ihn erreicht haben, blinkt Gajeski und verlässt die Autobahn.
Fuck, sagt Ben, ist aber erleichtert. Stimmt ja. Er muss hier runter, wenn er zur Bar will.
Franco flucht. Die Hupe eines Lkw röhrt, als sie sich an ihm vorbei auf die Entschleunigungsspur der Ausfahrt drängen. Sie biegen nach rechts ab und folgen der Adelheider Straße tiefer hinein in die Stadt.
Hier kannstes vergessen, sagt er. Wir hätten schneller sein müssen. Ben antwortet nicht. Er unterdrückt die aufkeimenden Ängste und versucht, seine Wut auf den Mörder neu zu entfachen.
Ohne weitere Zwischenfälle erreichen sie die Shishabar in der Nähe des Bahnhofs. Sie sehen gerade noch, wie Gajeski in den Laden hineingeht. Mehrere schwere Motorräder stehen davor. Franco fährt vorbei, überquert die Kreuzung, an der die Bar liegt, und hält nach etwa 20 Metern am Straßenrand. Ich glaub, wir hams verkackt, sagt er.
Kann sein. Lass uns warten, was passiert.
Was soll passieren? Franco schaut angestrengt in den Rückspiegel und behält den Eingang zur Bar im Auge.
Irgendwann kommt er wieder raus.
Ja, aber wann? Außerdem stehen wir im Parkverbot.
Gibts einen besseren Platz?
Irgendwie nicht. Hier ist überall scheiße.
Wie wärs, wenn ich aussteige und den Eingang beobachte und du ...
Da ist er! Tatsächlich tritt Gajeski schon wieder auf die Straße, in Begleitung eines anderen Mannes, der ebenfalls um die dreißig sein mag und über eine Lederjacke eine Rockerkutte trägt. Er sieht gut aus, bronzene Haut, längliche, dunkle Locken.
Wo gehen die hin, fragt Franco, als die beiden nicht zu den Motorrädern, sondern um das Gebäude herum in eine Straße zur Rechten gehen.
Ich check das mal, sagt Ben und steigt aus, bevor Franco etwas erwidern kann. Er geht bis zur Ecke des Gebäudes, vor dem sie stehen, und schaut in die Straße, in die die Rocker verschwunden sind. Dann kommt er wieder zurück. Hinter der Bar ist ein Parkplatz, sagt er. Dreh mal. Ich glaub, die nehmen ein Auto.
Das ist ne Einbahnstraße.
Fuck, Alter. Die hauen ab.
Franco macht einen U-Turn entgegen der Fahrtrichtung, zurück zur kleinen Kreuzung. Linker Hand auf der gegenüberliegenden Straßenseite verlässt tatsächlich ein schwarzer Mercedes den Parkplatz, biegt nach rechts ab und fährt davon. Franco folgt ihm durch die Stadt und zurück zur Autobahn.
Der Mercedes ist schnell. Franco hat Mühe, mit dem klapprigen Kadett an ihm dranzubleiben. Aber am Dreieck Delmenhorst staut sich der Verkehr. Sie kommen den beiden Rockern wieder näher. Nach dem Wechsel auf die B 75 hält sich der andere mehr oder weniger an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Es gibt hier zu viele Blitzer. Franco lässt mehrere Autos zwischen sich und dem Mercedes. Auf Höhe der beiden Tankstellen kurz vor der ersten Huchtinger Ausfahrt blinkt der und fährt ab.
Oben an der Auffahrt zur Heinrich-Plett-Allee stehen sie direkt hinter ihm. Ben und Franco stieren geradeaus, sagen nichts. Bens Hand, die den Griff der Waffe umklammert, ist schweißnass.
Fuck it, sagt Franco und zieht sich die Sturmhaube über.
Was ist, wenn er in den Rückspiegel guckt? sagt Ben. Franco antwortet nicht. Die erste Ampel, der sie begegnen, ist gelb, als der Mercedes über die Kreuzung fährt. Als Franco beschleunigt und ihm folgt, ist sie rot. Sie passieren eine weitere Ampel.
Da vorne, sagt Franco, da machen wirs. Nach der dritten Ampel verengen sich die Fahrspuren und werden zu einer einzigen.
Jetzt, ruft Franco. Er schaltet in den dritten Gang und lässt den Motor aufheulen. Sie ziehen links am Mercedes vorbei. Dann stellt er den Wagen quer über die Fahrbahn. JETZTJETZTJETZTJETZT! brüllt er.
Der Mercedes kommt mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ben reißt die Beifahrertür auf, springt auf die Straße, reißt den Arm nach oben und drückt ab. Bam. Bambam. Bam. Bam. Die Windschutzscheibe verwandelt sich in ein Spinnennetz. Von innen spritzt But ans Glas. Die beiden Männer dahinter sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Er springt wieder ins Auto und knallt die Tür zu. LOS! LOS! LOS!
Diesmal quietschen die Reifen des Kadett, als Franco die Kupplung kommen lässt, den Wagen herumreißt und weiter in Richtung der Kirchhuchtinger Landstraße jagt. An der Ampelkreuzung bremst er ab, ignoriert die rote Ampel und drängt sich in den Verkehr, der sich nach rechts aus der Stadt herausbewegt.
Autos hupen. Sie hören es gar nicht. Es geht zu langsam, viel zu langsam. Überholen ist unmöglich. Ben dreht sich immer wieder um und sieht gerade noch, wie der Mercedes über die Kreuzung rast und in entgegengesetzter Richtung davonfährt.
Er atmet auf. Sie sind weg, sagt er und sieht, dass sich Francos Griff am Lenkrad lockert.
Der bemerkt, dass er noch die Balaclava auf hat, zieht sie ab und blickt dann zu Ben. Du warst nicht maskiert, sagt er.
Fuck, sagt Ben.
Sie nehmen die A 1 bis zur Ausfahrt Bremen Hemelingen und fahren ins Gewerbegebiet rund um die Europaallee. In der Nähe der Bahngleise finden sie abseits der Industriehallen und -höfe eine brachliegende Fläche. Dort stellen sie das Auto ab, übergießen innen und außen alles mit dem Benzin aus den Kanistern, die Franco im Kofferraum deponiert hat, und zünden es an. Dann gehen sie zum Autohof, auf dem sein Auto parkt, und fahren in die Neustadt.
Im Esszimmer im Haus Stochardt lassen sie sich auf die Stühle sinken. Ben holt eine Flasche Tullamore Dew hervor. Nach dem dritten Glas hören ihre Hände endlich auf zu zittern.
Hast du ihn erwischt, fragt Franco. Es ist das erste Mal seit ihrer Flucht aus Huchting, dass einer von ihnen spricht.
Keine Ahnung, sagt Benjamin Stochardt-Barenbaum. Ich glaube, schon. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Griechenland: Es sind noch Plätze frei
Begleite Judith Seibold von CHAVAJA und mich auf eine Reise nach Griechenland vom 17.-24.5.2026

Shaul von Tarsos war radikal. Was er anpackte, das erledigte er zu 150%. Und dabei konnte er rücksichtslos sein – gegen sich selbst und auch andere.
Aufgewachsen als Bürger zweier Kulturen, der hellenistischen und der jüdischen, fließend zweisprachig (Griechisch und Aramäisch), war er in einer multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt zu Hause. Als Handwerker, jüdischer Theologe und Mystiker. Mit einem großen Ziel: Er wollte die Welt mit seiner Botschaft erobern.
Unter seinem Künstlernamen Paulus (der Kleine) ging er die große Aufgabe an. Wo er auftauchte, spaltete er die Geister. Während die einen ihn liebten und verehrten, war er für die anderen ein rotes Tuch. So erreichte er Europa. Und Europa empfing ihn mit Stockhieben und Gefängnis. Doch einen radikalen Aktivisten wie Paulus stachelte das nur an. Er machte weiter und legte eine Spur, der wir noch heute folgen können.
Komm mit uns dorthin, wo für das Christentum in Europa alles begann: nach Griechenland. Wir besuchen die Orte, an denen Paulus wirkte, an denen er Zuspruch und Widerstand erlebte, an denen er Dinge sagte und tat, die die Leben von Menschen und den Lauf der Geschichte veränderten. Wir versuchen herauszufinden, was ihn antrieb, was ihn für manche so unwiderstehlich machte und welche Bedeutung sein Werk bis heute für uns hat.
Ich bin schon seit vielen Jahren von Saulus aus Tarsos fasziniert. Für mich gibt es fließende Übergänge zwischen den Propheten und Aposteln der Antike und unserem heutigen Verständnis von Künstlern.
Als Guide konnten wir den griechenlanderfahrenen Dany Walter aus Israel gewinnen, der uns den jüdischen Paulus näher bringen wird.
Einen Einblick in Programm erhaltet Ihr hier: Programm_Die_Griechenlandreise (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Mehr Informationen zu Chavaja – Bildungs- und Begegnungsreisen erfahrt Ihr hier: https://www.chavaja.de/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
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