Wilde Zeiten! Der Schreibtisch ist bis oben hin mit Arbeit voll, mit kleinen, großen und solchen Geschichten, die über die Zeit immer weiter reifen.
Und manchmal, während man so zuhört, schreibt und recherchiert, fallen einem unverhofft ganz wunderbare, uralte Perlen vor die Füße. Etwa das Thema der sogenannten »Antextbilder«. Die sind seit langem dafür da, etwa bei Interviewsituationen für Fernsehen nicht immer nur die Interviewten zu zeigen, sondern Dynamik zu erzeugen: Während der Protagonist etwas tut, wird thematisch auf ihn oder sie »hingetextet«, also vom Beitragssprecher vorgetragen.
Etwa so: Antextbilder sind ein großes Problem, findet auch der Vorsitzende des Verbandes der Vorsitzenden Michael Schulzemeier. Während diese Worte gesprochen werden, geht der Protagonist einen Gang entlang, nimmt ein Buch aus dem Regal oder tippt auf etwas herum. Anschließend wird im Beitrag sodann meist ein O-Ton folgen, also das, was er oder sie im Interview sagte.
Antextbilder sollen halbwegs natürlich wirken. In der Realität allerdings ist das oft unfreiwillig ulkig und sehr schlecht geschauspielert. Probieren Sie es einmal aus: Lesen Sie diesen Newsletter auf ihrem Telefon und schauen Sie dabei wichtig! Was meinen Sie, wie gut Ihnen das gelingen wird? (Disclaimer: in einer Vorvergangenheit bin auch ich bei Interviewsituationen von Teams darum gebeten worden, Gänge entlangzuschlendern oder Bücher mit interessiertem Blick durchzublättern).
Doch warum erwähne ich das hier und verweise überdies dabei auch noch auf einen uralten Beitrag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von ZAPP zum Thema, bei dem auch der heutige Innenminister vorkommt?
Weil es heute auch um die Frage von Inszenierungen und deren Rezeption gehen soll. Denn Inszenierung — etwa durch Medien — und Selbstinszenierung — durch die Akteure — gehören zum politischen Geschäft der medialen Öffentlichkeit dazu. Zeitpunkt, Orte, Worte, Aussehen, Duktus, Hilfsmittel, Mitprotagonisten, all dies gehört dazu wie die Krawattenauswahl oder ein Brillengestell.
Und weil das so ist, ist die Frage, ab wann etwas eine planvolle Inszenierung ist, vielleicht auch Laienschauspielerei, wann dadurch etwas übertüncht oder überbetont wird, inzwischen allgegenwärtig: Ist etwas Inszenierungsabsicht? Ist etwas authentisch? Und geht man mit der Diskussion über Inszenierungen nicht am Ende der Inszenierung auf den Leim?
Kommen Sie ganz authentisch ins — hoffentlich inszenierungsfreie — Wochenende!
Falk Steiner