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Der Optimismus

In der Entstehungsgeschichte eines Romans gibt es immer wieder Phasen, in denen man kurz davor ist, aufzugeben. Man zweifelt an seiner Idee, an seinen Fähigkeiten, an seinem eisernen Willen und am so hart antrainierten Durchhaltevermögen, oder kurz: man stockt. Und ich rede nicht von Bequemlichkeit oder Faulheit, sondern von bis zum Himmel stinkenden Selbstzweifeln. Von Wolken so düster und dick, dass sie dir nicht nur die Sicht, sondern auch den Glauben daran nehmen, dass es irgendwo dahinter noch einmal weitergeht. Und dieser Zustand, der kommt bei jedem Roman aufs Neue, immer wieder, unweigerlich, weil man sich immer Größeres vornimmt als beim letzten Mal, schließlich will man besser werden, sich entwickeln, lernen, über sich hinauswachsen. Und immer kommt dieser Punkt, an dem man dann feststellt, dass das gar nicht so einfach ist. Das ist dann meistens die Stelle, an der der fiese kleine Hank in mir flüstert: Gib auf. Lass es sein. Du kannst das nicht. Es ist unmöglich. Diesen kleinen Apokalyptiker wieder loszuwerden, ist eines der schwersten Dinge beim Schreiben. Und in genau so einer Phase steckte ich vor kurzem. Aber dann war da dieser Kerl. Sein Name: Arda Saatçi.

Arda ist ein 28-jähriger deutscher Extremsportler, der sich für diesen Mai vorgenommen hatte, 600 Kilometer in 96 Stunden zu laufen, vom kalifornischen Death Valley bis an den Rand von Los Angeles zum Santa Monica Pier. 

Ich war im Death Valley. Ungefähr um die gleiche Jahreszeit wie Arda. Und ich sag euch eins: An diesem Punkt der Erde, da schleifst du dich von einem Schatten in den nächsten, trinkst fünf Liter Wasser und legst dich erstmal zwei Stunden in ein klimatisiertes Zimmer, bevor du den nächsten Schatten anpeilst. (Und ich bin Team Sommer, sprich es kann eigentlich nicht genug Sonne und Hitze sein, her damit, ich steck das in die Tasche und lach darüber. Aber diese Boshaftigkeit der Sonne im Death Valley. Die steigt dir in den Körper hinein, reißt dort alle Verkabelungen raus, und du kannst einfach nichts mehr.) Daran dachte ich, als ich von Arda und seinem Plan hörte. Und weil ich bin wer ich bin, geboren und aufgewachsen im Land der Dichten und Henker, war mein erster Gedanke: Schafft der eh nicht. Niemals. Das ist unmöglich.

Doch dann, am 05. Mai, da steigt der gleiche Arda aus einem Van, steckt sich Kopfhörer in die Ohren, Mucke an – und dann läuft der einfach los. Im Death Valley. Dem Ort, an dem die höchste Temperatur überhaupt jemals gemessen wurde: 56,7 Grad Celsius. Keine Wolken, keine Schatten und gleich zu Beginn eineinhalbtausend Höhenmeter, man braucht ja Herausforderungen, schließlich will man besser werden, sich entwickeln, lernen, über sich hinauswachsen. 

Der komplette Lauf übrigens wurde live gestreamt, durchgehend, auf YouTube, Twitch und was weiß ich noch wo, auf jeden Fall konnte man Arda zusehen. Und Arda, der lief und lief und lief, durch den heißesten Ort der Welt, den Berg hinauf, den Berg hinunter, den ganzen Tag hindurch, in die Nacht hinein und immer weiter. 

Foto von Arda Saatci beim Lauf durch das Death Valley
Foto: Cameron Moon / Red Bull Content Pool / DPA

Zur gleichen Zeit, knapp 9.000 Kilometer entfernt, sitz ich über einem neuen Roman gebeugt und verzweifle an einem Problem, das ich nicht gelöst bekomme, weil einfach zu viele Leute was von mir wollen oder weil es zu kalt ist oder die Musik des Nachbarn zu laut, was weiß ich warum, irgendein Grund findet sich schon, Hauptsache es liegt nicht an mir. Und auf der Suche nach Ablenkung, nach Zerstreuung oder bloß nach einem Schuldigen, schließe ich die Textdatei, öffne den Browser und sehe dabei zu, wie Arda von einem widrigen Umstand in den nächsten läuft: Der Hitzschlag knallt ordentlich rein, seine Körperkerntemperatur lässt sich nicht mehr runterregulieren, seine Beine verkrampfen, sein Puls schießt zu hoch, unter seinen verschwitzten Klamotten scheuert ihm der Wüstensand die Nippel blutig, und einmal, da fängt er an zu halluzinieren. Und was macht Arda bei alldem? Laufen. Einfach immer weiter laufen.

Wobei, es gibt schon kleine Pausen. Erholungsphasen. Die sind aber selten länger als 10 Minuten. Da sitzt er mit seinem Team beisammen, isst, albert rum, geht aufs Klo und dann zurück auf die Straße. Ab und an bekommt er etwas längere Powernaps verordnet, 90 Minuten höchstens, und dann wieder los, weiter weiter weiter. 

Aber der wirkliche Königsmove, der kommt erst noch. Als nämlich klar wird, dass Arda die 600 Kilometer nicht in den sich selbst auferlegten 96 Stunden schafft. Als er realisiert, dass sein Vorhaben gescheitert ist. Da läuft dieser Mann einfach weiter, läuft und weint und schämt sich, und kann einfach nicht aufhören dabei zu laufen. Dann plötzlich hört er auf zu weinen, schüttelt sich einmal und sagt sinngemäß: „Scheiß auf die Zeit, das neue Ziel heißt ankommen, um jeden Preis, egal was es kostet.“ Während ich hier sitze, beschäftigt mit einem Roman, von dem ich gerade noch dachte, dass ich den niemals fertig bekomme, zu groß die gesetzten Ziele, zu viel gewollt, scheiße, gescheitert, und sag gar nichts. Ich sitz bloß da und starre und schüttle den Kopf. Und während Arda Saatçi ein paar Stunden später bei einer kurzen Pause mit seinem Team zusammen hockt, Burger isst, Späße macht und sich an seinem neuen Etappenziel erfreut, fasse ich am anderen Ende der Welt den Entschluss, dass hier gar nichts vorbei ist, niemals, also auf und weiter. Ich trete einen Schritt zurück und versuche, das Problem zu finden, oder gleich ein neues Ziel, warum nicht – während sich 9.000 Kilometer weiter ein Typ zu Arda gesellt und mit ihm läuft. Beide unterhalten sie sich und geben sich Mut für das, was das Leben für sie ausmacht. Und als Arda nach 123 Stunden sein Ziel erreicht, den Santa Monica Pier, da ist vom Scheitern keine Rede mehr, da ist nur noch Freude, Erschöpfung und Freude. Ich seh das, und noch bevor ich dieses Gefühl überhaupt formuliert bekomme, fasst der Antagonist des Apolyptikers in mir den Entschluss, dass ich beim Gedanken ans Aufgeben ab jetzt nur noch an diesen Kerl denken werde. An den Typ, der allen Umständen zum Trotz immer weitermacht, das Ziel vor Augen, der sich nicht beschwert, sondern immer eine Lösung sucht, einfach weil ihm das Ziel so wichtig ist. Der, egal wie viel er schon nicht mehr erreichen kann, nicht aufgibt, nicht einmal darüber nachdenkt, das wird schon, immer ein Problem nach dem anderen.

Und diesen lebensbejahenden und noch im eigenen Scheitern strahlenden Optimismus. Diesen Rocky-Balboa-Ethos und Glauben an die Sache. Den nehm ich jetzt mit nach Otterndorf. Da beginnt nämlich ab heute mein Stipendium. Da guck ich mir den Norden unseres Landes an und die Menschen darin, nehm das alles auf, beobachte und notiere – und arbeite weiter an jenem Roman, an dem ich beinahe gescheitert wäre. Und wenn ich da oben denke, ich kann nicht mehr, dann erinner ich mich an Arda Saatçi und seine 600 Kilometer durch das Death Valley. An das Auf und Ab der Emotionen. Und daran, dass selbst die düstersten und dicksten Wolken wieder weiterziehen. Man darf nur nicht stehen bleiben. Oder wie Moses Pelham sagt: Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.

Mit freundlichen Grüßen 

Hank Zerbolesch