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Aufzeichnungen eines Außenseiters 

Dies ist eine wahre Geschichte. Die hier geschilderten Ereignisse fanden zwischen dem 18. und 24.03.2026 auf und um die Leipziger Buchmesse herum statt. Aus Respekt vor den Toten wurde alles genau so notiert, wie es sich zugetragen hat.

Tag null

Erster Zug fällt aus, zweiter kommt zu früh, dritter hat Verspätung – in Hamm. Dann Menschen und Landschaft und ein Junge mit einer Boombox und unaushaltbarem Musikgeschmack, nie wieder fahr ich mit dem Zug zur Messe. Dann Leipzig. Muss mich selber ins Hotel einchecken. Typ neben dem Terminal ist genervt, als ich seine Hilfe brauche. Später, als ich den Fernseher im Zimmer nicht zum Laufen krieg, geh ich zurück und frag ihn, ob er mir helfen kann. Er zeigt mir, wie der Fernseher funktioniert. Entschuldige mich, weil ich das nicht hingekriegt hab. Hoteltyp sieht auf mich herab und sagt: „Schon okay.“ (Wenn so was noch mal passiert: gleich ne Watsch.) Abends Moritzbastei, lange Leipziger Lesenacht – dazu hab ich nichts zu sagen einfach.

Tag eins

Donnerstag so voll wie letztes Jahr der Freitag. Tasche abgeben kostet drei Euro, aber eine Quittung gibt es nicht. (Finanzamt! Finanzamt!) Es sind sehr viele Schulklassen unterwegs, und entweder sitzen die irgendwo rum, oder sie verstopfen gelangweilt die Gänge. Ich hab ne kurze Lunte, die Leute gehen mir auf den Sack. Entweder Kater oder krank, ich hoffe ersteres, erst mal ein Bier. Hamstring schmerzt, nach jedem Mal hinsetzen muss ich mich wieder einlaufen – der Geist ist willig, doch das Fleisch überreizt. Ibuprofen rein und weiter, nützt ja alles nix.

Halle 5 steigert die Laune erheblich. (Vielleicht wirken auch nur Bier und IBUs, wer weiß.) Bei Edition W mit R. gequatscht, Foto vor der D.-Wand gemacht. Beim März-Verlag von B. an den Stand gezogen worden und in fünf Anläufen Buch aufgequatscht bekommen. Laut gelacht, Buch gekauft, Bier auf B. getrunken. Mit T. Diskussion über Loyalität im Literaturbetrieb, grundsätzlich unterschiedliche Ansichten, wer Recht hat bleibt offen. (Ich.) Bei Rowohlt geht ein junger Mann zu einem alten und sagt: „Wenn du ein Buch willst, nimm dir. Sag einfach, du bist Autor“, überlege das am Bierstand auszuprobieren. Bei Suhrkamp gefragt, warum Roman von S. nicht ausliegt, kann ja wohl nicht sein, wenn ich das dem Autor erzähle. Suhrkamp-Mann zuckt nur mit den Schultern. M. von Instagram gesehen, aufgehalten, hallo gesagt, mich kurz vorgestellt, weitergegangen. An einem Stand sagt ein Mann (ca. 63) während eines Interviews folgenden Satz in ein Mikrofon: „Ich war sehr früh traumatisiert, eigentlich schon an dem Punkt, als meine Mutter mich mit einem Kaiserschnitt gebar, weil früher wurden die Babys dann nicht zur Mutter gelegt, weil die sollten sich ausruhen, also lag ich alleine, tja.“ Synchronsprecher nimmr zehn Euro für ein Autogramm, 15 für ein Selfie und 25 für eine Sprachnachricht. Auf der Toilette sitzt eine Kabine weiter jemand, der gleichzeitig laut kackt und dabei telefoniert, als kacke er nicht laut. (Es ist der gleiche Mann.) Dann Treffen mit M., über anstehende Projekte gesprochen. Wegen des Termins (dem Termin! Wegen dem Termin!) erst sehr spät von der Messe weg, zurück ins Hotel, vorher einkaufen, dann kochen dann essen, schnell schnell schnell, 20 Uhr Helene Bukowski, das wird eng, Jacke über, in die Moritzbastei … ausverkauft. Die ganze Scheiße hier muss man minutiös durchplanen und für alles Tickets im Vorverkauf besorgen. Wer macht denn sowas!? 

Tag zwei

Viel voller, trotzdem schneller reingekommen, eiskalt durchgemogelt. („Entschuldigung? Darf ich mal? Entschuldigung? Ich müsste … Ja, ich weiß,  tut mir leid, wichtiger Termin“, und so weiter.) Büro-Gefühle, als ich T. auf einem Durchgang treffe und wir uns ein „Morgen!“ zurufen.

Sehr viel später: Mit D. Bier getrunken, seitdem auf der Suche nach Leuten, die weiter mit mir Bier trinken – vergeblich. F. getroffen, der will auch kein Bier, ja was ist das denn für ein Betrieb hier, ich versteh das nicht, egal, weiter: Je jünger die Leute, desto schmerzempfindlicher ihre Füße. (Frau, ca. 25: „Boah, meine Füße tun so weh.“ Mann, ca. 28: „Ich hab heute auch schon über 18.000 Schritte auf dem Tacho.“) (Auf dem Tacho!) Dann zu betrunken für weitere Notizen.

Abends Lukas Rietzschel im Schauspiel Leipzig, morgen dazu mehr. Nur kurz: da will ich hin. (Nur nicht im Schauspiel.)

Tag drei

Gestern Lukas Rietzschel im Schauspiel Leipzig. Das Gefühl, hier sozial am falschen Ort zu sein, war sehr groß. Ich war der dicke Eiterpickel auf Heidi Klums Augenlid. (Frau am Eingang: „Ihre Jacke müssen Sie an der Garderobe abgeben.“ Fick dich, hab ich gedacht, die Jacke anbehalten – und mich den ganzen Abend vollgeschwitzt.) Darüber hinaus sehr gute Veranstaltung. Interessant, nicht langweilig, paar Lacher hier und da. (Gemerkt, dass Publikum sehr leicht anspringt auf halbwegs humorvolle Dinge, so als warten die nur darauf.) Zwei Schauspieler:innen haben gelesen, das war auch okay. Ich selber hätte der Veranstaltung mehr Feuer gegeben, ein bisschen mehr Stuckimann, aber man muss die Feste feiern wie sie fallen, die Künstler nehmen wie sie sind – war trotzdem super. Ich bin gespannt auf Sanditz, bitte lass das nicht scheiße sein …

Weiter auf der Messe: Schlange dreimal so lang wie am Vortag, durchmogeln unmöglich. („Wenn Sie einen Termin haben, kommen Sie halt früher.“) Sebastian Fitzek hat einen eigenen Messestand, und der ist richtig gut, optisch wie inhaltlich. S. veröffentlicht im gleichen Verlag wie Sebastian Fitzek – die nehmen wirklich jeden. Heute nichts zu Essen mitgenommen weil kein Bock mehr auf Rucksack … jetzt Hunger. Hamstring schmerzt, Fuß wird taub, dabei ist noch nicht mal Mittag: IBUs rein. Eine Mutter fragt ihre Tochter bei einem New-Adult-Stand: „Möchtest du dich nicht in der Schlange da anstellen? Das sieht heiß begehrt aus.“ Halbe Stunde auf T. gewartet, vergeblich, erstmal ein Bier. F. und R. getroffen, ein Stück Heimat im Draußen, schön war das. Auf dem Weg zu E. dann Anruf von D: „Hier ist C., die will ein Interview mit dir. Hast du Zeit?“ Hab ich, bin unterwegs. 10 Minuten schwimmen im Menschmeer, dann Mikro an die Jacke. C: Frage Frage Frage Frage. Ich: Lange Zeit nix, dann dumme Antwort. Dann Bier mit D. und C. Messe angetrunken viel erträglicher, Taubheitsgefühl beinahe weg. Im Hotel wieder da, IBUs rein, Bier drauf, im Sitzen eingeschlafen.

Tag vier

Im Sitzen aufgewacht. Kopfschmerzen. Entweder Kater oder krank, ich hoffe ersteres, erstmal Kaffee. Dann Wasser dann Dusche dann Tasche dann Hauptbahnhof. Sehe mir die Leute an. Auffällig: man erkennt die Besucher:innen der Leipziger Buchmesse an Kleidung und Selbstbewusstsein.

Der Kellner im Bordbistro ist ein ekliger Schmock. Im Körper eines breit grinsenden Mannes zwar, aber ein ekliger Schmock bleibt ein ekliger Schmock, egal wie breit er grinst. Der Kontrolleur ist nicht viel besser, meine eigentliche Fahrt wär eine andere gewesen, sagt er. Dass meine App das vor Monaten von allein für mich umgebucht hat, weil die eigentliche Verbindung gestrichen wurde, zählt nicht. (Er: „Ich mache die Regeln nicht, ich setze sie nur durch.“ – Ich: „Alles klar, Herr Eichmann.“ – Er: „Wie bitte?“ – Ich: „Was?“ – Er: „Ich sagte, dass …“ – Ich: „Was muss ich jetzt machen.“ – Er [grinst]: „Naja, ein bisschen Spielraum hab ich ja. Ich passe das mal für Sie an. Damit sie dieses Gespräch nicht auch bei Ihrer nächsten Verbindung führen müssen.“ – Ich: „Bitte nicht.“ – Er: „Was?“ – Ich: „Bier.“) Schräg hinter mir heult ein Baby das gesamte Bordbistro, neben mir ein alter Mann seine Frau voll. („Ich habe mich einfach nicht getraut nach einem Autogramm zu fragen, das ist so ärgerlich.“ – „Ärgere dich nicht. Man fragt heute sowieso nicht mehr nach einem Autogramm, man fragt nach einem Selfie.“) Alle anderen sind damit beschäftigt, sich ihre eigenen Instagram-Stories anzusehen. 

In Frankfurt umsteigen. Eine junge Frau neben mir telefoniert. Erst mit ihrer Freundin („Ich hab mich so gut mit Jonas unterhalten, wirklich, das war richtig schön. Heidi hat mir kurz auf die Schuhe gekotzt, aber die war auch total fertig, die übertreibt immer voll.“), dann mit ihrer Mutter („Ich hab jetzt den ICE genommen. Sag Papa, dass er sich beeilt, mir das Geld zu überweisen.“), dann mit ihrer Therapeutin („Wahrscheinlich hab ich in der postpartalen Phase einfach zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, meine Mutter hat das auch gesagt.“) In Düsseldorf gestrandet, weil in Wuppertal kein Zug fährt und die Autobahnen rein und raus gesperrt sind. Warte auf meinen persönlichen Shuttle, da kommt er. Dann Pizza dann Bier dann Bett – nie wieder Leipziger Buchmesse. Wann wär die? 18.–21. März? Was kostet das mit der Bahn? Ach, so günstig? Aber egal, jetzt erstmal Manuskript, Agentin wartet auf Leseprobe – hier brechen die Aufzeichnungen ab.

Mit freundlichen Grüßen 
Hank