Hallo und herzlich willkommen im Frühling. Der Winter ist vorüber, Karneval vorbei, das Leben läuft wieder an. Und weil ich grad so schön im Feelgood-Modus bin, kommen wir direkt zur
News des Monats
Ich hab eine Literaturagentur, eine künstlerische Interessenvertretung, meine eigene Lobby. Ab sofort sorgt Mathilda Göpfert von der Literaturagentur Langenbuch & Weiss (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dafür, dass ihr zu lesen bekommt, was ich gesehen und gefühlt, und was ich dann durch meinen kleinen Garather Filter gezogen habe. Und Mathilda sorgt auch dafür, dass wir bei alldem noch ein paar Brötchen verdienen, sie und ich, denn sind wir ehrlich: Wer keine Rechnungen schreibt, der hat bloß ein Hobby – sagt zumindest das Finanzamt.
Und ab wann gilt das mit der Lobby? Ab wann tritt das in Kraft? „Also das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort. Unverzüglich.“ Und sie ist sogar schon dran, Mathilda, Kunst steht in den Startlöchern, scharrt mit den Hufen. Und wo wir gerade bei der Kunst sind, kommen wir zum
Buch des Monats
Gromzell, von Dirk Bernemann. Dieses Buch fängt genauso an, wie alle guten Bücher anfangen: Mit einem ersten Satz, der a: neugierig macht, b: erklärt, worum es geht und c: den Ton angibt. Bei Ryan David Jahn ist das „Ian Hunt hat noch eine knappe Stunde bis Schichtende, als seine tote Tochter anruft“, bei Donald Ray Pollock „Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut“, bei und bei Dirk Bernemann ist das: „Marie ist tot.“ Dieser Satz, Marie ist tot, er hat alles. Spannung (Wer ist Marie?), einen Cliffhanger (Hat man sie ermordet? Wer war’s?) und eine Stimmung: düster und kühl. Also kommt rein, dreht die Heizung auf und macht es euch gemütlich, Marie ist tot. Und wer auch immer da Schuld dran hat – Gott, die Zeit, der große schwarze Vogel –, fertig ist er noch nicht.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Was das Buch neben einem guten ersten und vielen weiteren guten Sätzen auch noch kann, ist witzig sein. Nicht so Heute-Show-mäßig, sondern eher in der Art, bei der man kurz noch mal ein paar Zeilen zurückgeht, um zu gucken, ob das gerade ernsthaft passiert ist. Heißt der Pfarrer wirklich Bauer? Heißt der Bauer wirklich Schneider? Und der Bestatter, heißt der im Ernst Schade? Bestatter Schade? (Spoiler: Nein. Er heißt Pietät Schade.) Und diese Mischung von Dunkelheit und indirektem Humor, die hat mich immer wieder zum Lachen gebracht.
Aber nicht nur das. Den Kopf geschüttelt hab ich auch, mehrfach sogar. So wie man das manchmal macht, wenn man an einem Mann vorbeiläuft, der neben seinem brabbelnden Kind steht, „Mhm, mhm“, sagt und dabei auf seinem Smartphone Candy Crush spielt. Und theoretisch müsste der
Satz des Monats
jetzt lauten: „Marie ist tot.“ Aber aus Gründen der Dopplungsgefahr geht das nicht, weil wer sich als Schriftsteller wiederholt, der landet unweigerlich auf den Charles-Bukowski-Schienen und wird sehr schnell zur Karikatur seiner selbst, so wie Friedrich Merz oder Stuckrad-Barre oder Michelle Houellebecq. (Ein Problem übrigens, das ausschließlich Männer betrifft, keine Frau ist mir da eingefallen.) Darum kommt mein Satz des Monats aus einer ganz anderen Feder, nämlich aus der von Klaus Mann, der in seinem 1939 erschienenen Roman „Der Vulkan“ folgende Lebensweisheit von sich gab: „Es gibt zu viel Scheiße.“ Und das Bemerkenswerte an diesem Satz ist, dass der vor 87 Jahren genauso viel Gültigkeit hatte, wie er heute hat und damit universell gültig ist, was in meinem Universum ein Kriterium für große Literatur ist. Es gibt einfach zu viel Scheiße. An diesem Satz ist nichts verhandelbar, weder inhaltlich noch formal. Aber genug der Negativität, kommen wir zum
Album des Monats
wenn nicht sogar des Jahres, weil was soll da jetzt noch kommen: „With Heaven On Top“, von Zach Bryan. Erst will man bloß zuhören, dann weinen, dann lachen, dann tanzen, und dann, bei diesem einen Lied, da will man ihm fest auf den Rücken klopfen und rufen: „Was ist los, Junge? Hast du dich verschluckt? Bist du krank? Brauchst du Hilfe?“ Und das alles auf einem einzigen Album, also bitte. Wann ist euch sowas zum letzten Mal passiert?
Siehste.

Außerdem – und dieser Punkt ist ein elementarer – bedient das Ding meine Liebe und Sehnsucht zu Amerika, diesem riesigen Land, den breiten Straßen und unendlichen Weiten. Dieses Album klingt exakt so, wie sich eine Fahrt durch die epische Landschaft anfühlt: geräumig und hoch emotional. Außerdem schmälert es ein bisschen die Trauer, den frühen Springsteen verpasst zu haben. „With Heaven On Top“ ist eines dieser Alben, bei dem mir das Blättern im Booklet sehr fehlt. Und nachdem der letzte Akkord verklungen ist, der letzte Chorus gesungen, da will man nur weg weg weg, ins Auto und ab auf die Straße, Hit the Road, Jack.
Apropos Auto. Ich hatte doch beim letzten Mal darüber nachgedacht, ob ich mein 30 Jahre altes Auto noch mal für teuer Geld in die Werkstatt bringe. Jetzt hab ich die letzten Wochen ein Auto gefahren, das sehr neu ist. Wirklich sehr sehr neu. Es ist sozusagen vom Fließband direkt mit unter meinen Arsch gerutscht. Und in diesem neuen Wagen, da hab ich gelernt, dass Autofahren heute ein richtiger Job ist, das ist Arbeit. Die ganze Zeit muss man sich um Dinge kümmern. Überall blinkt und piept und tönt es, Achtung Achtung, Fuß vom Gas, Luft in die Reifen, AdBlue in den Tank, das System aktualisieren, neuen Nutzer anlegen, Sensoren reinigen. Und kurz die Lüftung abdrehen ist auch nicht mehr, nein, da muss man sich jetzt erst mal ins Betriebssystem hineinhacken und den Bereich und die Ebene finden, in der man das Gebläse ausschalten kann. Aber weil das so lange dauert, sagt der Wagen irgendwann: „Das System ist vorübergehend ausgesetzt. Bitte konzentrieren Sie sich auf die Fahrbahn.“ Und ich sitz dann da, mit nem Gebläse Stufe fünf direkt in mein Gesicht und rufe, schreie: „Das würd ich ja! Wenn du einen scheiß Knopf dafür hättest! Einen zum draufdrücken!“ Aber der Wagen antwortet nicht, der sitzt mich einfach aus. Darum ist mein
Auto des Monats
mein eigener Wagen, ein 1994er Ford Mondeo in Anthrazit, den will ich wieder, ich will mein Auto zurück. 30 Jahre hin oder her, was sind schon 30 Jahre. („Was sind schon Hundertzwanzig Kilo.“ – „Hundertzwanzig!“) Und an dieser Stelle kommt ihr ins Spiel. Wenn ihr das nächste Mal in den Buchladen geht, wendet euch doch an die Buchhändlerin oder den Buchhändler eures Vertrauens und sagt: „Guten Tag, ich hätte gerne Gorbach von Hank Zerbolesch.“ Weil mit jedem verkauften Buch steigt mein Einkommen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Auto noch mal ans Laufen kriege. Und wenn ihr Gorbach schon gelesen habt, na dann ist das nicht schlimm, bald gibt’s Nachschub, wie gesagt: Mathilda Göpfert von Langenbuch & Weiss regelt. Bis dahin schrei ich weiter diesen nicht meinen eigenen Neuwagen an, dass er „With Heaven On Top“ von Zach Bryan spielen soll: „Zach Bryan!“, schreie ich, und dann läuft doch wieder nur Michelles „Du Idiot.“ Aber egal („Egaaal!“), der Winter ist vorbei, das Leben ist schön.
Mit freundlichen Grüßen
Hank
Post Scriptum des Monats
Warum ich euch von alldem erzähle? Von anderer Leute Kunst? In meinem eigenen Newsletter? Weil mich diese Dinge berühren und inspirieren. Und weil all das somit auch in meine eigene Kunst einfließt. Und wenn ihr demnächst meinen neuen Roman lest, werdet ihr über Splitter dieser Dinge stolpern und leicht schmunzelnd denken: Ah, okay, verstehe. Darum.