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Was passiert in deinem Garten oder Balkon im Winter?

Wenn du jetzt durch deinen Garten gehst, liegt vielleicht Raureif auf den Gräsern, die Beete wirken leer und die Obstbäume stehen kahl vor dem grauen Himmel. Es scheint, als ruhe alles. Doch unter der Oberfläche arbeitet dein Garten weiter. Er schützt sich, hält Energie zurück und bereitet den Frühling vor. Schauen wir uns an, was in Zweigen und unter dem Laub passiert!

Was in deinen Pflanzen vor sich geht

Beginnen wir bei den Gehölzen. Deine Apfelbäume, die Johannisbeere, die Kornelkirsche: Sie alle haben ihre Blätter abgeworfen, und das aus gutem Grund. Über die Blattflächen würden sie im Winter Wasser verdunsten, das sie aus dem gefrorenen Boden kaum nachziehen könnten: sie würden also verdursten. Also haben sie im Herbst gezielt Trenngewebe an den Blattstielen gebildet, die Nährstoffe aus den Blättern zurück in Stamm und Wurzeln gezogen und die Verbindung dann an diesem Gewebe gekappt. Was du am Boden siehst, also das Laub, enthält nur noch die Stoffe und das Gewebe, was die Pflanze loswerden wollte.

Die Knospen, die jetzt an den Zweigen sitzen, entstanden bereits im Sommer. Sie enthalten winzige, vollständig angelegte Blätter und bei vielen Arten auch Blüten, geschützt von stabilen Knospenschuppen mit einer wachsartigen Oberfläche. Die Knospen brauchen jedoch erst eine bestimmte Menge an Kältestunden, bevor die innere Uhr das Wachstum und den Austrieb erlaubt. Bei Gehölzen spricht man von einem Kältebedarf, der die sogenannte Dormanz (also diesen Schlafzustand) löst. Die Kälte wirkt dabei als verlässliches Signal, dass der Frühling näher rückt.

In den Zellen deiner Gehölze läuft währenddessen ein biochemisches Schutzprogramm ab. Die Pflanzen reichern Zucker und spezielle frostwirksame Proteine an, die wie ein natürliches Frostschutzmittel funktionieren, sodass nicht die ganze Pflanze zur Eisskulptur wird. Diese speziellen Stoffe senken den Gefrierpunkt der Zellflüssigkeit und verhindern die Bildung von Eiskristallen, die die Zellmembranen beschädigen würden, was der Tod der Pflanze wäre. Gleichzeitig reduzieren die Zellen ihren Wassergehalt, denn weniger Wasser bedeutet natürlich auch weniger Eis. Manche Gehölze überstehen so sogar Temperaturen von minus 30 Grad und teils deutlich darunter. Smart, oder?

Der Garten meiner Schwiegermutter schlummert schon eine Weile.

Unter der Erde: Wurzeln, Zwiebeln, Samen

Während die oberirdischen Teile deiner Garten- und Balkonpflanzen also ruhen, bleiben die Wurzeln aktiv, solange der Boden frostfrei bleibt. In den oberen Zentimetern friert die Erde zwar durch, doch schon ab 20 oder 30 Zentimetern Tiefe herrschen oft noch Temperaturen über null. Hier nehmen die Wurzeln weiter Wasser und Nährstoffe auf, wenn auch langsamer als im Sommer. Bäume und Sträucher nutzen diese Phase, um ihre Feinwurzeln auszubauen und sich für das kommende Jahr zu stärken. Deshalb ist es auch so gut, Gehölze im Herbst oder sogar im Winter in frostfreien Phasen zu setzen.

Die Zwiebeln deiner Tulpen, Narzissen und Krokusse liegen ebenfalls in dieser frostgeschützten Zone tief in der Erde. Nachdem sie abgeblüht sind, lass unbedingt die grünen Blätter stehen, bis sie von selber verwelken. Damit sammeln die Pflanzen nämlich wichtige Nährstoffe wie Stärke, durch die sie im Frühjahr sehr schnell sehr stark wachsen können. Manche Zwiebelpflanzen beginnen sogar jetzt im Winter schon, erste Wurzeln zu treiben. Wenn du dann im Januar die Schneeglöckchen siehst, die ihre Spitzen durch gefrorenen Boden schieben, dann ist das möglich, weil sie unter der Erde schon die ganze Zeit geschuftet haben.

Und dann sind da natürlich auch die Samen in deinen Beeten und Töpfen. Viele davon ruhen jetzt in der Erde und warten geduldig ab, bis ihr Startsignal kommt. Kaltkeimer, etwa die Samen von Bärlauch, Christrosen oder den hübschen Akeleien, brauchen mehrere Wochen Kälte, um ihre Keimhemmung zu überwinden. In ihrem Inneren laufen hormonelle Veränderungen ab, die erst durch anhaltende Frostperioden aktiviert werden. Die Natur hat diesen Mechanismus entwickelt, damit die Samen erst im Frühjahr keimen, wenn die Bedingungen auch wirklich stimmen. Wenn du solche Samen im Frühjahr aussäen willst, musst du sie vorher stratifizieren, also künstlich dieser Kälte aussetzen – entweder draußen, oder aber du packst sie ein paar Wochen in den Kühlschrank, falls der Winter zu warm war.

Nach dem langen düsteren Winter freue ich mich immer ganz besonders auf meine Akeleien.

Die Bodenbewohner:innen

Im Erdreich deines Gartens oder deines Balkons gibt es eine Welt, die du selten siehst, die aber sehr wichtig für deinen gärtnerischen Erfolg ist: Das Bodenleben. Auch hier gibt es Strategien, um die kalte Jahreszeit gut zu überstehen. Regenwürmer graben sich in tiefere Bodenschichten ein, manche sogar bis zu zwei Meter unter die Oberfläche. Dort rollen sie sich zu Knäueln zusammen und fallen in eine Art Kältestarre. Ihre Stoffwechselrate sinkt, der Körper verbraucht kaum Energie. Sobald der Boden sich erwärmt, steigen sie wieder auf und setzen ihre Arbeit fort: Sie durchmischen deine Erde, zersetzen Pflanzenreste und graben Gänge, mit deren Hilfe der Boden gut durchlüftet wird.

Asseln und Tausendfüßer suchen sich frostfreie Verstecke unter Laub, im Totholz oder zwischen Steinen. Hier zersetzen sie weiter organisches Material, wenn auch langsamer als im Sommer. Die Mikroorganismen im Boden, die Bakterien und Pilze, fahren ihre Aktivität ebenfalls herunter, doch ein vollständiger Stillstand tritt erst bei extrem tiefen Temperaturen ein. Selbst bei leichtem Frost arbeiten sie weiter. Hast du einen Komposthaufen, stellst du vielleicht fest, dass er im Winter manchmal dampft: Die Zersetzungsaktivität produziert Wärme, was sich auch viele Tiere zunutze machen, die deshalb gern in Kompostern überwintern.

Wie Garteninsekten überwintern

Die Vielfalt der Überwinterungsstrategien bei Insekten verdient einen genaueren Blick darauf, denn die sind schon echt smart. Honigbienen bleiben als Volk auch im Winter aktiv. Sie bilden im Stock sowas wie eine Wintertraube, in deren Zentrum die Königin sitzt. Die Arbeiterinnen erzeugen durch Muskelzittern Wärme und halten das Innere der Traube auf etwa 30 Grad, was echt krass ist. Die äußeren Bienen wandern nach einer Weile immer mal weiter nach innen, die inneren dann nach außen. So kann jede Biene mal Wärme tanken, keiner erfriert. So wird das Überleben des Volks gesichert. Bei Hummeln und Wespen hingegen sterben die Arbeiterinnen im Herbst, nur die begatteten Jungköniginnen überwintern eingegraben im Boden oder versteckt in Mauerspalten.

Schmetterlinge verfolgen je nach Art ganz unterschiedliche Wege. Der Zitronenfalter überwintert als fertiges Tier, gefriergeschützt durch das Frostschutzmittel Glycerin in seinem Körper. Er sitzt an Zweigen oder in der Vegetation und kann Temperaturen bis minus 20 °C überstehen. Tagpfauenaugen und Kleine Füchse suchen sich geschützte Orte wie Dachböden, Schuppen, Holzstapel oder Komposter. Andere Arten überwintern als Puppe oder Raupe, manche sogar als Ei.

Im Februar und März kommen die Tagpfauenaugen aus meinem Komposter im Dachgarten raus und wärmen sich an der Fassade auf.

Marienkäfer versammeln sich oft in Gruppen an geschützten Stellen, manchmal kommen sie auch in unsere Häuser. Diese Massenansammlungen haben einen Grund: Gemeinsam überstehen sie die Kälte besser, da die Körper sich gegenseitig etwas isolieren. Florfliegen, deren Larven im Sommer Blattläuse vertilgen, überwintern als erwachsene Tiere. Du erkennst sie an ihrer veränderten Färbung: Im Sommer grün, verfärben sie sich zum Winter hin bräunlich oder sogar rötlich.

Igel und Gartenschläfer

In einem Haufen aus Laub und Zweigen, vielleicht in einer Ecke deines Gartens, liegt jetzt möglicherweise ein Igel in tiefem Winterschlaf. Seine Körpertemperatur ist von 36 °C auf etwa fünf Grad gesunken, sein Herz schlägt nur noch wenige Male pro Minute, die Atmung ist auf ein Minimum reduziert. In diesem Zustand verbraucht er kaum Energie und zehrt von den Fettreserven, die er sich im Herbst angefuttert hat. Störungen können ihn aufwecken, was gefährlich ist, denn jedes Erwärmen kostet enorme Mengen an gespeicherter Energie, die ihm dann nach hinten raus fehlen. Deshalb gilt: Laubhaufen und wilde Ecken im Winter bitte absolut in Ruhe lassen!

Foto: Piotr Łaskawski für Unsplash

Der Gartenschläfer, ein kleines Nagetier mit der typischen schwarzen Gesichtsmaske, gehört zu den seltensten Säugetieren Deutschlands. In meinen Gärten habe ich noch nie einen gesehen, leider. Auch dieser kleine Racker hält Winterschlaf, meist in Baumhöhlen, Felsspalten oder Nistkästen. Seine Population ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen, Forschende untersuchen derzeit die Ursachen, aber ich denke, es ist klar: Menschlicher Einfluss = Lebensraumverlust, bzw. verlieren eben auch seine Beutetiere und Futterpflanzen ihre Habitate. Wenn du einen Nistkasten hast, der im Winter unbenutzt wirkt, könnte dort tatsächlich ein Gartenschläfer schlafen, deshalb lass Nistkästen im Winter bitte unbedingt in Ruhe. Diese Art profitiert von naturnahen Gärten mit Totholz, Hecken, Nistkästen und Obstbäumen.

Fentriss für Wikimedia Commons (zugeschnitten).

Amphibien in der Kältestarre

Erdkröten und Grasfrösche verbringen den Winter an Land, eingegraben in lockerer Erde, unter Laub oder in Erdhöhlen. Ich laufe sowieso nicht durch Frogland in meinem Garten, aber im Winter noch weniger. Die Körpertemperatur meiner Gartenamphibien gleicht sich der Umgebung an, ihre Lebensprozesse laufen extrem verlangsamt ab. Wasserfrösche hingegen überwintern häufig am Grund von Teichen. Sie nehmen Sauerstoff über die Haut auf, denn ihre Lunge nutzen sie in diesem Zustand kaum. Voraussetzung ist, dass der Teich tief genug ist und nicht bis zum Grund durchfriert.

Molche suchen sich frostfreie Verstecke an Land, unter Steinen, in Mauerspalten oder in verlassenen Gängen anderer Tiere. Sie fressen während des Winters wenig bis gar nichts und leben von ihren Reserven. Im zeitigen Frühjahr, oft schon im Februar, wandern sie dann zu ihren Laichgewässern, manchmal sogar über Schnee, dann kann man sie ganz gut entdecken.

Junge Teichmolche in meiner Hand, die beim Ausgraben eines Kirschlorbeers aus ihren Erdhöhlen geflohen sind.

Deine Gartenvögel im Winter

Amseln, Meisen, Rotkehlchen, Tauben, Zaunkönige: Sie alle sind Standvögel, die den Winter in deinem Garten verbringen. Ihre Strategie besteht darin, sich ein Fettpolster anzufressen und ihr Gefieder aufzuplustern, wodurch eine isolierende Luftschicht entsteht. In kalten Nächten senken manche Arten ihre Körpertemperatur leicht ab, um Energie zu sparen. Meisen übernachten oft in Höhlen oder Nistkästen, manchmal zu mehreren, um sich gegenseitig zu wärmen. Auch hier gilt: Nistkästen bitte in Ruhe lassen.

Gleichzeitig kommen Wintergäste aus dem Norden. Bergfinken etwa ziehen aus Skandinavien nach Mitteleuropa, wenn bei ihnen daheim die Bucheckern knapp werden. In manchen Jahren tauchen sie in großen Schwärmen auf, in anderen kaum. Auch Erlenzeisige und Birkenzeisige gehören zu den typischen Wintergästen an den Futterstellen in deinem Garten oder auf deinem Balkon. Wenn du genau hinschaust, entdeckst du vielleicht auch einen Seidenschwanz, der sich von Beeren ernährt und in manchen Wintern aus dem hohen Norden bis zu uns kommt. Der Seidenschwanz ist in den ausgedehnten Wäldern der nördlichen Taiga zu Hause. Dieses riesige Waldgebiet erstreckt sich vor allem durch Russland, Finnland, Schweden und Norwegen. Dort verbringt der Vogel normalerweise das ganze Jahr in der Nähe seines Brutplatzes, wenn jedoch die Nahrung im Winter knapper wird, schließt er sich größeren Trupps an und wandert weiter nach Süden, und manchmal also eben auch zu uns. Dieses Verhalten macht ihn zu einem sogenannten Invasionsvogel, also einem Zugvogel, der bei Nahrungsengpässen seine Heimat verlässt und in weit entfernte Gegenden zieht. Leider habe ich noch nie einen vor meine Kamera bekommen, aber eines Tages …

Du siehst also: Während du daheim im Warmen sitzt und schon das neue Gartenjahr planst, läuft draußen ein komplexes Programm ab, das die Wachstumsphase vorbereitet. Du kannst deinem Garten oder Balkon und seinen Bewohner:innen dabei helfen, indem du wilde Ecken stehen lässt, Stauden nicht zurückschneidest (in den Stängeln überwintern oft kleine Tierchen, deshalb schneide ich sie erst Ende April/Anfang Mai ab), viele Nistkästen aufhängst und Totholzhaufen anlegst.

Ich freue mich schon aufs nächste Gartenjahr!

Bis zum nächsten Mal

Jasmin

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Sujet Tiere & Lebensräume

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