
Scroll weiter, Mama
Die eigentliche Risikogruppe für Bildschirmsucht sind nicht die Teenager
Wenn alles still ist, geschieht am meisten.
Søren Kierkegaard, dänischer Philosoph
In der kleinen Straße, in der ich wohne, ist auch eine Grundschule. Morgens, wenn die Schule beginnt, sehe ich viele Kinder mit dem Kopf nach unten zur Schule laufen: den Blick auf das Smartphone gerichtet, wo oft Tetris oder YouTube läuft. Schade, denke ich. Wie können die Eltern das ignorieren? Nachmittags, wenn diese Eltern dann ihre Kinder abholen, weiß ich, warum: Der Blick der Eltern klebt genauso am Handy. Dann ist es aber Instagram.
Kaum etwas begeistert Kinder wie die Bildschirmzeit – und kaum etwas irritiert die Erwachsenen so sehr. Eltern nörgeln an ihren Sprösslingen herum, sie sollen ihre digitalen Geräte weglegen und ein Buch oder einen Fußball in die Hand nehmen. Wissenschaftler wie Jonathan Haidt befürchten, dass Handys und soziale Medien eine „ängstliche Generation“ von introvertierten Stubenhockern hervorbringen. Einige Länder wie Australien verbieten soziale Medien für unter 16-Jährige. Die Sorge gilt den Jungen.
Was kaum jemand ausspricht: Die eigentliche Risikogruppe könnte eine ganz andere sein. Darüber schrieb das Magazin The Economist kürzlich: Vor zehn Jahren besaß nur ein Fünftel der über 65-Jährigen in den USA ein Smartphone. Heute besitzen über 65-Jährige häufiger Tablets, Smart-TVs, E-Reader sowie Desktop- und Laptop-Computer als unter 25-Jährige. Digitale Geräte gehören immer mehr zum Alltag und damit steigt auch die Bildschirmzeit älterer Menschen – insbesondere die Zeit, die auf Social Media verbracht wird. In Großbritannien haben Menschen über 65 im vergangenen Jahr täglich mehr als drei Stunden online verbracht. Rechnet man dazu die Fernsehzeit, verbringen Menschen im Rentenalter täglich mehr Zeit vor einem Bildschirm als junge Erwachsene. Eine Studie aus Südkorea aus dem Jahr 2022 schätzte, dass 15 % der 60- bis 69-Jährigen dort von einer Smartphone-Sucht bedroht waren.
Eine gewisse Reife schützt uns also nicht automatisch vor den Gefahren der Bildschirmsucht. Zwei Faktoren könnten das erklären. Zum einen haben ältere Menschen mehr Zeit und weniger Struktur. Das Arbeitsleben ist abgeschlossen, die Kinder aus dem Haus, soziale Pflichten werden weniger. Das Smartphone füllt aus, was früher Struktur hatte. Zum anderen fehlen die sozialen “Bremsen”: Den Teenagern sitzen Eltern, Lehrer oder Freunde im Nacken, wenn die Bildschirmzeit außer Kontrolle gerät. Bei älteren Menschen aber sagt niemand “Schluss jetzt”.
Wir reden so viel über die Teenager, weil es bequemer ist, als hinzuschauen, was wir selbst tun. Dabei sind ausgerechnet sie es, die gerade aktiv gegensteuern. The Economist berichtete kürzlich über die „Brick"-App – einen grauen Plastikwürfel, der per Berührung alle Apps, die ablenken, auf dem Smartphone sperrt. 59 Dollar, keine große Technologie. Und trotzdem: Die Downloads der Brick-App stiegen innerhalb eines Jahres um 600 Prozent, vor allem bei Menschen zwischen 20 und 35. Die Generation, um die wir uns Sorgen machen, macht sich offenbar mehr Sorgen um sich selbst als wir. Wach zu sein gegenüber anderen ist einfach. Die eigentliche Übung ist eine andere.
Was würde dir an deinem Tag fehlen, wenn du nicht scrollen würdest? Und was, glaubst du, steckt dahinter?
– Britta
Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche
An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.
Die folgende Übung hat auf den ersten Blick nichts mit Schreiben zu tun. Auf den zweiten Blick aber eine ganze Menge.
Ich habe die Übung aus Julia Cameron’s Der Weg der Künstlers – und wandle sie hier ein wenig ab. Als ich vor einiger Zeit ihr 12-Wochen-Programm zur Entdeckung der eigenen Kreativität für mich durcharbeitete, war diese Übung für mich besonders schwer. Der Name der Übung: Leseverbot. Ich möchte erweitern: Scrollverbot. Oder noch besser: Medienverbot.
Nimm dir diese Woche einen Tag vor (das kann auch gleich heute sein). An diesem Tag liest du nichts. Gar nichts. Keine Zeitung, kein Buch. Keine Mails. Kein Instagram. Keine News. Es macht Sinn, an diesem Tag auch kein Fernsehen zu schauen, keine Videos zu gucken, keine Podcasts, kein Radio zu hören.
Gib dir einen Tag diese Woche, an dem du einmal nicht unaufhörlich Content in dich hineinstopfst.
Glaub mir, ich weiß, wie schwer das ist.
Was diese Übung mit Schreiben zu tun hat? Einfach alles.
Denn wenn du unaufhörlich Input aufnimmst, hast du kaum Zeit, um deine eigenen Gedanken kreisen zu lassen.
Du wirst merken, wie sich in dir Unruhe breitmacht. Und das ist eine gute Unruhe. Geh an diesem Tag spazieren. Führe ein gutes Gespräch. Setze dich an deinen Schreibtisch und male ein Bild. Flechte dir einen lustigen Zopf. Hüpf auf deinem Bett und übe einen Kopfstand. Mach, was aus dir herauskommt und beobachte dich dabei. Betrachte das Ganze als Experiment: Was passiert in dir, wenn du nicht scrollst?
Wenn dir danach ist: Schreib darüber.
Es wird ein langer Tag werden, wahrscheinlich. Aber ich bin überzeugt: ein wichtiger Tag.
Alles Liebe ✍️❤️
– Miriam
Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.
Wie auch immer es gerade für dich ist:
Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.
Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.
Schon neugierig?
Nächste Woche gibt es bei Inner Writing einen Impuls von Miriam. Sie erzählt davon, wie sie in ihrem Tagebuch über Jahre verstummte, was das mit ihr machte – und wie sie schließlich wieder zum Schreiben fand.
Lies nächste Woche wieder rein!
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Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.
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