Passer au contenu principal

#8 Tagebuch

Inner Writing Newsletter – Header mit dem Slogan "Schreiben. Reflektieren. Verstehen. Und verändern."

Wenn in dir nichts mehr spricht

Wie ich in meinem Tagebuch über Jahre verstummte – und schließlich doch mein Ich wiederfand

Hi, ich bin’s wieder – Miriam. Jede vierte Ausgabe von Inner Writing bekommst du einen persönlichen Impuls von mir. Über das Schreiben, über Kunst und Kreativität – so wie ich sie sehe und erlebe.

Ich habe die vergangenen Wochen viel darüber nachgedacht, was ich dir in diesem Newsletter mitgeben kann. Du bekommst jede Woche einen Schreibimpuls von mir, klar. Aber ich habe für mich gespürt, dass ich noch mehr mit dir teilen möchte, etwas, was in den Impulsen allein zu kurz käme: meine Sicht auf das Schreiben – oder besser: meine Erfahrungen damit.

Denn für mich war und ist das Schreiben eine existenzielle Angelegenheit. Eine, die mich in den schwierigsten Momenten meines Lebens begleitet hat – oder deren Fehlen ein wichtiges Merkmal in diesen schwierigsten Momenten war.

Vom Teenie-Tagebuch zur absoluten Stille

Ich habe eigentlich schon immer geschrieben. Mit 13 fing ich mein erstes Tagebuch an. Ich notierte Alltägliches aus dem Familienalltag, Dinge, die mich beschäftigten, die mich wütend machten, meine Verliebtheiten – das ganze Gefühlsspektrum eines Teenies eben.

Ich schrieb regelmäßig, wenn auch nicht täglich, über Jahre hinweg. Und dann brach ich plötzlich ab: als ich mich verlobte. Ich war damals Anfang 20.

Es war, als hätte ich mit dem öffentlichen Bekenntnis zu meiner (bis heute immer noch wichtigsten) Beziehung mein eigenständiges Gefühlsleben am Garderobenhaken abgegeben. Ich hatte das Gefühl, kein Recht darauf zu haben. Kein Recht darauf, Erlebnisse festzuschreiben, an denen nun ein anderer Mensch auch fest beteiligt war.

Ich fühlte mich nicht berechtigt, über unsere Beziehung zu schreiben. Darüber, was ich dachte und fühlte. Ich dachte: Wenn ich etwas aufschreibe, dann schreibe ich es fest. Ich hielt das für unfair, weil mein Partner in meinem Tagebuch ja kein Mitspracherecht hatte. Meine persönliche Perspektive kam mir wie eine Verfälschung vor.

Als die Kinder kamen, wurde das noch heftiger. Ich fühlte mich nicht imstande, über mein Leben als Mutter zu schreiben. Weil meine Kinder da zu tief mit drin hingen. Es ist doch nicht nur mein Leben, dachte ich, es ist doch auch ihr Leben.

Nach der Stummheit: Hallo Ich!

Heute kann ich über mich nur den Kopf schütteln. Ganze fünf Jahre dauerte das Schweigen in meinem Tagebuch. Ganze fünf Jahre, bis ich mich innerlich so ausgehöhlt fühlte, dass ich wieder zu schreiben anfangen musste.

Mein Plan, meine Rolle als Ehefrau und Mutter so perfekt und gerecht und neutral wie möglich auszuführen – ohne störende Gefühle und Gedanken – war gescheitert.

Ich griff zum Stift.

Und holla, kam da was zum Vorschein.

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Jahre, in denen das Schreiben und ich wieder zu einer innigen Beziehung gefunden haben, einer sehr innigen Beziehung. Mein Tagebuch aus jenen Jahren ist für mich heute ein lebendiges Zeugnis für einen langen, holperigen Weg – raus aus den verschiedensten Zwängen und Rollen, die ich für unausweichlich gehalten habe, rein in die furchtbar verwirrenden und dann wieder faszinierenden Unwägbarkeiten meines authentischen Selbst.

Heute lese ich mein Tagebuch wie eine Dokumentation. Doch damals war es für mich der erste Schritt zurück zur Selbstvergewisserung:

Hallo Ich, bist du noch da?

Und mein Ich antwortete: Endlich fragst du mal nach!!!

Vielleicht hast du ja auch ein Ich in dir, das endlich wieder angesprochen werden möchte. Gefragt, wie es ihm wirklich geht. Was es fühlt, was es beschäftigt.

Für mich hat diese Praxis alles verändert. Buchstäblich alles. Und das ist einer der Gründe, warum ich heute für dich schreibe. Das Schreiben bildet nicht einfach nur ab, was in dir ist. Es verändert dich. Weil es deinem Selbst Raum gibt – und eine Stimme. Du darfst gespannt sein, was diese Stimme dir sagen will.

Besondere Grüße sende ich heute an alle Mütter, die hier mitlesen: Heute ist Muttertag. Ein guter Tag, um dich zu fragen: Zwischen all den Funktionen, die ich innehabe – wo findet da mein Ich im Alltag Raum? Wie kann ich dafür sorgen, mich selbst im Alltagstrubel noch zu spüren, zu hören?

Im Folgenden findest du eine Übung, die dir dabei hilft. (Ob du nun Kinder hast oder nicht.)

Alles Liebe

– Miriam

SCHREIBIMPULS

Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche

An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.

Ich möchte dir heute gar keine ausgeklügelte Schreibübung präsentieren. Sondern nur diesen einfachen, doch wirkungsvollen Impuls:

Nimm dir ein Blatt Papier, greife zum Stift. Notiere oben die eine simple Frage: Wie geht es dir heute?

Stelle den Timer auf 15 Minuten. Und dann lass dich mit deinem Schreiben treiben.

Wenn du magst: Wiederhole diese Übung nach Belieben. Abends vor dem Schlafengehen – oder morgens nach dem Aufstehen. Mach es dir zur Gewohnheit, bei dir selbst einzuchecken. Schreib auf, wie es dir geht. Ehrlich, ungeschönt. Nicht mehr, und nicht weniger.

Gutes Schreiben! ✍️❤️

– Miriam

HINWEIS

Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.

Wie auch immer es gerade für dich ist:

Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.

Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.

VORSCHAU

Schon neugierig?

Nächste Woche geht es bei Inner Writing um Langeweile. Warum wir sie brauchen. Ganz unbedingt.

Lies nächste Woche wieder rein!

Dir helfen unsere Inhalte weiter?

Dann leite diesen Newsletter weiter und hilf mit, dass diese Inhalte noch mehr Menschen erreichen!

Dir wurde dieser Newsletter weitergeleitet?

Dann kannst du dich hier anmelden. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

WER HIER SCHREIBT
Porträtfotos von Britta Bettendorf und Miriam Schaan

Hi, wir sind

Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.

Du möchtest uns näher kennenlernen?

Hier erfährst du mehr über Brittas Arbeit. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Hier erfährst du mehr über Miriams Arbeit. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Feedback

Du hast eine Frage zu unseren Impulsen, möchtest Lob oder Kritik loswerden?

Dann freuen wir uns über dein Feedback:

Schreibe uns eine Mail an: hello@innerwriting.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)