Hallo!
Ich hoffe, du hast ein paar entspannte Tage, egal, ob du Weihnachten feierst oder nicht. Ich bin ja ĂŒber Weihnachten und Neujahr immer in DĂ€nemark, und wie immer schicke ich dir von hier ein paar EindrĂŒcke. Los gehtâs:


Wir sind unterhalb des RingkĂžbing Fjords, und hier fahre ich schon seit meiner Kindheit hin. Viele Stellen in DĂ€nemark sind Deutschland sehr Ă€hnlich, aber hier ist es dann doch sehr anders. Kleine hutzelige Kiefer-, Lorbeer- und EichenwĂ€lder ducken sich unter dem KĂŒstenwind, der ĂŒber sie hinwegzieht und sie in Form biegt.
Hier gibt es auch weitlĂ€ufige Heiden, SĂŒmpfe und Moore:


Heute frĂŒh bin ich aufgewacht und direkt mit der Kamera losgezogen, weil alles gefroren und mit Kristallen ĂŒberzogen war, und das alles bei wunderschönem Licht.


Hier gibt es ja ganz viele Flechten, vor allem meine Lieblinge, die Cladonia-Arten. Man denkt eigentlich gar nicht, dass die noch schöner aussehen können als ohnehin schon, und dann sieht man sie mit Kristallen ĂŒberzogen und denkt sich: Ah, doch, geht.








Ich bin dann mit Lorenz in mein LieblingswaldstĂŒck hier in der NĂ€he des Hauses gegangen. Dort gibt es BĂ€ume, die wirklich komplett von Flechten ĂŒberzogen sind:

Und da hat mich Lorenz dann so abgelichtet:

Denn ich habe das hier im GeÀst entdeckt:

Und das musste ich mir recht lange so anschauen. Bis der Inhaber dieses kleinen Flausch-Popos dann doch mal nach hinten geguckt hat:


Ein WintergoldhĂ€hnchen hatte sich mit anderen seiner Art und ein paar Blau-, Kohl- und Tannenmeisen zu einem kleinen Trupp vergesellschaftet und sich ĂŒber die Spinnen und Insekten zwischen den Flechten an den Unterseiten der Ăste hergemacht.
Das WintergoldhĂ€hnchen ist Europas kleinster Vogel und wiegt gerade einmal fĂŒnf bis sechs Gramm, etwa so viel wie ein StĂŒck WĂŒrfelzucker! Denkt man nicht, wenn man den kleinen aufgepufften Kerl sieht, oder?
WintergoldhĂ€hnchen leben fast ausschlieĂlich in NadelwĂ€ldern, besonders zwischen Fichten und Kiefern, so wie hier. Dort huschen sie rastlos durch die Zweige und suchen nach winzigen Insekten, Spinnen und deren Eiern. Sie sind stĂ€ndig in Bewegung, denn ihr schneller Stoffwechsel verlangt kontinuierliche Nahrungsaufnahme. An kalten Wintertagen mĂŒssen sie praktisch den ganzen Tag fressen, um nicht zu erfrieren. Nachts muckeln sich mehrere Vögel eng aneinander, um WĂ€rme zu sparen.
Hier in DÀnemark sind sie ganzjÀhrig anzutreffen, wobei im Herbst und Winter zusÀtzlich Vögel aus Skandinavien durchziehen. Find sie aber tatsÀchlich schwer zu entdecken, weil sie gut getarnt und eben unfassbar winzig sind, und da sie so schnell von Zweig zu Zweig huschen, muss man ganz schön fix mit der Kamera sein.

Was hier auch toll ist, ist, wie viel Totholz es gibt, was fĂŒr Flechten, Pilze, Insekten und dadurch auch Vögel natĂŒrlich eine super Nachricht ist. Vor allem meine Lieblingsflechtenarten findet man hier, Cladonia sehen teilweise so aus, als hĂ€tte jemand ein Miniaturkorallenriff am Waldrand abgestellt.




Flechten besiedeln OberflĂ€chen, an denen andere Lebewesen scheitern: Nackter Fels, verwittertes Holz, Glasscheiben, MetallgelĂ€nder. Sie brauchen weder Erde noch Wurzeln, oft erreichen sie einen Lebensraum als Erste und bereiten ihn fĂŒr nachfolgende Organismen vor. Um zu verstehen, was Flechten ausmacht, lohnt ein Blick auf das Prinzip, das sie erst ermöglicht: die Symbiose. Viele Organismen durchlaufen ihr Leben in Kooperation mit anderen, denn EinzelkĂ€mpfer:innen haben es in der Natur oft schwer (mittelfreundliche GrĂŒĂe an Friedrich Merz an dieser Stelle). Lebewesen schlieĂen sich zusammen, tauschen Ressourcen, teilen Aufgaben. Die Partnerinnen und Partner in einer Flechtengemeinschaft machen genau das: Gemeinsam erschlieĂen sie LebensrĂ€ume, die fĂŒr jeden von ihnen allein unerreichbar wĂ€ren.
Symbiotische Beziehungen lassen sich grob in drei Formen unterteilen. Beim Mutualismus gewinnen beide Seiten. Mykorrhizapilze verbinden sich mit Pflanzenwurzeln und erschlieĂen NĂ€hrstoffe aus dem Boden, wĂ€hrend die Pflanze, hĂ€ufig ein Baum, dafĂŒr Zucker liefert. Ameisen halten BlattlĂ€use wie Nutztiere, verteidigen sie gegen Fressfeinde und erhalten im Gegenzug Honigtau. Die BlattlĂ€use allerdings haben wenig Mitsprache in dieser Beziehung. Solche GrenzfĂ€lle zeigen, dass symbiotische VerhĂ€ltnisse selten eindeutig in eine Kategorie fallen. Beim Kommensalismus profitiert eine Seite, die andere bleibt unbeeinflusst. Aufsitzer wie Orchideen oder Moose wachsen auf BĂ€umen und nutzen sie als Standort, ohne ihnen zu schaden. Geier fressen die Ăberreste von Beutetieren anderer JĂ€gerinnen und JĂ€ger, den ursprĂŒnglichen RĂ€ubern fehlt dadurch nichts und getötet wurde auch niemand. Beim Parasitismus gewinnt eine Seite auf Kosten der anderen. Zecken saugen Blut und ĂŒbertragen dabei möglicherweise Krankheitserreger wie Borrelien oder FSME-Viren, Misteln zapfen den NĂ€hrstoffstrom ihrer WirtsbĂ€ume an, Viele Pilze zersetzen ihre Wirte von innen. Der Unterschied zum Mutualismus: Der Wirt erhĂ€lt keine Gegenleistung.
Flechten entstehen aus einer symbiotischen Verbindung. In der klassischen Beschreibung beteiligen sich ein Pilz, der Mycobiont, und ein photosynthesefĂ€higer Partner, der Photobiont. Bei diesem handelt es sich entweder um eine Alge, den Phycobiont, oder um ein Cyanobakterium, den Cyanobiont. Der Pilz liefert Schutz, speichert Feuchtigkeit und gibt der Flechte ihre Struktur. Die Alge oder das Bakterium produziert durch Photosynthese NĂ€hrstoffe. Je nach Art profitiert eine Seite stĂ€rker als die andere, und mittlerweile erweitern Forschende dieses âes gibt zwei Partner und fertigâ-Bild. Viele Flechten enthalten nĂ€mlich, wie man jetzt weiĂ, zwei oder mehr Pilzarten. Darunter finden sich hĂ€ufig Hefen, die den Ă€uĂeren Look prĂ€gen. Dazu kommt eine diverse Bakteriengemeinschaft, deren Funktion teils ungeklĂ€rt ist. Manche dieser Bakterien stellen vermutlich Vitamine bereit, andere produzieren möglicherweise Abwehrstoffe, das ist noch nicht so gut erforscht. Die Flechte erscheint jedenfalls als Gemeinschaft verschiedener Organismen, die sich wechselseitig beeinflussen, zeitweise kooperieren und gelegentlich auch parasitieren, und das finde ich eben total spannend.

Ich war gerade fotografisch mit den Meisen beschĂ€ftigt, da sah ich was am Himmel. Ich hatte nicht die passenden Kameraeinstellungen, habe aber trotzdem draufgehalten, weil ich so eine Ahnung hatte âŠ

Und ja, es stellte sich heraus, dass ich zum ersten Mal einen Seeadler festgehalten habe:

Leider nicht so schön scharf und prĂ€zise, wie ich es mir gewĂŒnscht hĂ€tte, aber da es ein Zufallsshot war, nahm ich es olympisch: Dabei sein ist alles!
Eben hatten wir den kleinsten Vogel, den man auch bei uns in Deutschland finden kann, jetzt haben wir hier einen der GröĂten. Der Seeadler ist einer der gröĂten Greifvögel bei uns in Europa mit einer FlĂŒgelspannweite von bis zu zweieinhalb Metern, was ordentlich ist. In DĂ€nemark hat sich die Population in den letzten Jahrzehnten stark erholt, nachdem die Art durch Jagd und Pestizide fast ausgerottet war.
Die Vögel leben bevorzugt in der NĂ€he von GewĂ€ssern, sei es an KĂŒsten, Fjorden oder gröĂeren Seen. Dort finden sie ihre Hauptnahrung: Fische, die sie geschickt von der WasseroberflĂ€che greifen. Aber sie sind keine wĂ€hlerischen Esser. Wasservögel, Aas und gelegentlich auch kleinere SĂ€ugetiere stehen ebenfalls auf dem Speiseplan, ich habe heute auch welche auf einer Wiese sitzen und MĂ€use jagen sehen. Im Winter versammeln sich manchmal mehrere Adler an ergiebigen FutterplĂ€tzen, deshalb war es nicht ungewöhnlich, dass da gleich zwei von ihnen waren. Vorhin habe ich aus dem Fenster geschaut und direkt 4 vorbeifliegen sehen, anscheinend habe ich die jetzt fĂŒr mich freigeschaltet. Sweet.
Hier ist jetzt die erste DĂ€nemarkwoche rum, eine sind wir noch hier. Ich werde die nĂ€chsten Tage mal in die Salzwiesen und an den Strand und dort in die DĂŒnen gehen. Wenn du von den Lebewesen dort auch gern eine Postkarte kriegen willst, sag mir gern Bescheid, am besten hier als Kommentar, aber auch gern als Antwort auf meine Mail. :)
Liebe GrĂŒĂe & bis zum nĂ€chsten Mal
Jasmin
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