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Pflanze des Monats Januar 2026

Die Schachblume ist die erste Pflanze des Monats! Wusstest du, dass sie ursprĂŒnglich gar nicht hier heimisch ist? Das, was eine Stinsenpflanze ist und wieso du nicht von ihr naschen solltest, erfĂ€hrst du hier.

Diese Rubrik ist fĂŒr Mitglieder, aber ich dachte mir, ich kann ja mal die erste Ausgabe der Pflanze des Monats fĂŒr alle schicken, einfach so als kleines Goodie. Die Pflanze und das Tier kommen immer in unterschiedlichen Wochen im Laufe des Monats.

Name:

Schachblume (Fritillaria meleagris)

Lebensraum:

  • Mag nasse FĂŒĂŸe

  • Braucht Licht, Licht, Licht

  • Mag es mager und nĂ€hrstoffarm, reagiert quasi allergisch auf DĂŒnger

  • Findet frĂŒhe Mahd ziemlich uncool

Verbreitung:

  • UrsprĂŒnglich aus SĂŒdosteuropa

  • Seit dem 16. Jahrhundert als Gartenpflanze nach Mitteleuropa gekommen und hier eingebĂŒrgert und als sogenannte Stinsenpflanze verwildert

Lebensweise und besondere Skills:

  • Überdauert die meiste Zeit undercover als Zwiebel und startet dann im FrĂŒhjahr durch

  • SpĂ€tzĂŒnder: braucht sechs Jahre bis zur ersten BlĂŒte

  • Zwiebel enthĂ€lt das Herzgift Imperialin

Liv Cashman fĂŒr Unsplash.

Im spĂ€ten Mittelalter und in der frĂŒhen Neuzeit waren SteinhĂ€user in Norddeutschland Luxus. Die meisten Menschen konnten sie sich schlicht nicht leisten, wer doch in Stein wohnte, gehörte zur Oberschicht: Adlige, Klöster, Pastorate, wohlhabende Kaufleute. Im Friesischen nannte man diese HĂ€user Stins. Zu einem Stins gehörte selbstverstĂ€ndlich ein Garten, und in diesen GĂ€rten pflanzten die Besitzer:innen alles, was Rang und Weltgewandtheit zeigte: exotische GewĂ€chse, importiert von so weit weg wie es nur geht. Einige dieser Pflanzen hielten nicht viel von Sesshaftigkeit und begaben sich auf “Wanderschaft”, aka: Sie verwilderten, breiteten sich auf den umliegenden Wiesen aus und blieben auch noch dann dort, lange nachdem die SteinhĂ€user selbst verschwunden waren. Die Botanik kennt sie heute als Stinsenpflanzen: lebende Kulturrelikte, die verraten, wo einst jemand mit Geld und Geschmack wohnte.

Die Schachblume ist eine von ihnen. Ihr ursprĂŒngliches Verbreitungsgebiet liegt in SĂŒdosteuropa, vom Balkan ĂŒber Ungarn bis nach RumĂ€nien. Dort wĂ€chst sie in lichten AuwĂ€ldern oberhalb der Grundwasserlinie. Nach Mitteleuropa kam sie in der zweiten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts und tauchte 1572 erstmals in der botanischen Literatur auf. Im 17. Jahrhundert wurde sie zum Star der BarockgĂ€rten. Ein Stillleben des hollĂ€ndischen Malers Jakob de Gheyn II. aus den Jahren 1600 bis 1603 zeigt sie selbstbewusst neben Rosen, Akelei und Maiglöckchen. Im 19. Jahrhundert war der Ruhm vorbei. Die Mode wechselte, die GĂ€rten auch. ZurĂŒck blieben verwilderte Populationen auf feuchten Wiesen, die niemand mehr pflegte.

Ein ganzes Blumenmeer

Wer die Schachblume in der NĂ€he von Hamburg sehen will, fĂ€hrt Ende April nach Hetlingen in die Haseldorfer Marsch. Auf den Elbwiesen stehen dort rund 80.000 Exemplare, eines der grĂ¶ĂŸten Vorkommen Deutschlands. Das jĂ€hrliche Schachblumenfest zieht Tausende Besucher:innen an, die am Rand der freigegebenen Wiesen stehen und den Anblick genießen. FrĂŒher wuchsen die Schachblumen hier so dicht, dass man sie körbeweise pflĂŒckte und als Schnittblumen auf Hamburger WochenmĂ€rkten verkaufte. Das ist lange vorbei. Heute steht die Art auf der Roten Liste und unter Schutz der Bundesartenschutzverordnung.

Die Schachbrettblume ist auch im Wappen der Gemeinde Hetlingen abgebildet. Lothar Leissner fĂŒr Wikimedia Commons.

Ihr Überleben auf nassen, nĂ€hrstoffarmen Wiesen verdankt die Schachblume einer recht effektiven Strategie, die viele FrĂŒhblĂŒher machen. Ihre Zwiebel speichert Energie, mit der sie im zeitigen FrĂŒhjahr schneller austreibt als die GrĂ€ser um sie herum. Schon im April blĂŒht sie und lĂ€sst sich von Hummeln und Bienen bestĂ€uben. Wenn im Juni die GrĂ€ser endgĂŒltig die Oberhand gewinnen, ist sie lĂ€ngst fertig: Wachstum abgeschlossen, VorrĂ€te eingelagert, Saison beendet, ciao Kakao; sie ist also schon wieder im Boden. Auf gedĂŒngten oder entwĂ€sserten FlĂ€chen geht dieser Plan nicht mehr auf. Dort wachsen die GrĂ€ser so schnell, dass die Schachblume schlicht untergeht, weshalb man sie dort nicht antrifft. Dass unser GrĂŒnland durch ÜberdĂŒngung immer nĂ€hrstoffreicher wird, ist da natĂŒrlich ein Problem.

Auch ihre Fortpflanzung ist nichts fĂŒr Ungeduldige. Anders als viele andere ZwiebelgewĂ€chse bildet sie kaum Tochterzwiebeln. Sie setzt fast ausschließlich auf Samen, kleine Leichtgewichte mit HohlrĂ€umen, die im Hochwasser treiben können. An der Elbe ist das ein Vorteil, denn die Tide transportiert das Wasser nicht nur seewĂ€rts, sondern bei Flut auch stromaufwĂ€rts. Aus einem Samen wĂ€chst im ersten Jahr kaum mehr als ein grĂŒnes Zipfelchen. Bis zur ersten BlĂŒte vergehen sechs (!) Jahre. Und selbst danach legt die Pflanze gelegentlich eine Pause ein und man denkt, sie ist weg. War das Jahr hart oder wurde sie abgefressen, reichen die Reserven nicht, und im Folgejahr erscheint vielleicht nur ein Blatt, wenn ĂŒberhaupt. Warum die BestĂ€nde von Jahr zu Jahr so stark schwanken, ist bis heute nicht vollstĂ€ndig geklĂ€rt.

Die Wiesen bei Hetlingen wurden 1999 als AusgleichsflĂ€che fĂŒr die Elbvertiefung gesichert. Landwirte bewirtschaften sie seitdem unter Naturschutzauflagen: keine DĂŒngung, keine Pferdebeweidung, erste Mahd frĂŒhestens Ende Juni, damit die Samen ausreifen können. Der frĂŒhere PĂ€chter einer der Hauptwiesen hatte nie auf Silage umgestellt und immer spĂ€t gemĂ€ht, ohne zu wissen, dass er damit ein botanisches Erbe bewahrte. Seit die FlĂ€chen geschĂŒtzt sind, haben sich die BestĂ€nde erholt. Die Schachblume hat sogar begonnen, auf benachbarte Wiesen ĂŒberzuspringen.

Auch bei uns in Hamburg selbst gibt es noch kleine Vorkommen, im Naturschutzgebiet Heuckenlock an der SĂŒderelbe, im Duvenstedter Brook und in Wittenbergen. Sie sind Reste einer Zeit, in der die Elbwiesen unterhalb der Stadt ein durchgehendes Band aus Schachblumen bildeten. Und in meinem Garten, ja, da gibt es sie auch viel, da ich sie dort angesiedelt habe. Finde sie einfach wunderschön!

Die Zwiebel der Schachblume ist ĂŒbrigens nichts zum Essen. Sie enthĂ€lt Alkaloide, darunter Fritillin und das Herzgift Imperialin. In hohen Dosen kann es zu Kreislaufbeschwerden, Erbrechen und KrĂ€mpfen fĂŒhren, bei Kindern schon recht schnell zum Herzstillstand. Deshalb: Lieber nur bewundern, ansonsten in Ruhe lassen.

Bis zum nÀchsten Mal

Jasmin

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