Um klar zu sehen, reicht es, den Blickwinkel zu ändern (Antoine de Saint-Exupéry)
🎨 Im Jahr 1989 wies die Gruppe Guerrilla Girls darauf hin, dass weniger als 5 % der in Museen vertretenen Künstler Frauen waren. Allerdings waren 85 % der dargestellten Akte Frauen.
Ich möchte noch hinzufügen, dass Darstellungen von Frauen nie neutral waren. Um dir das zu zeigen, schlage ich dir ein visuelles Spiel vor.
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Liebe Kunstfreundin, lieber Kunstfreund,
heute schlage ich dir ein Spiel mit Bildpaaren vor, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen. Es geht nicht um Stilübungen oder ikonografische Übereinstimmungen, sondern um Gegenüberstellungen. Wenn du beide Bilder vergleichst, wirst du feststellen, dass sich etwas verändert hat, auch wenn dies nicht immer leicht zu erkennen ist.
Der Unterschied liegt nicht im dargestellten Motiv, sondern in der Position, aus der das Bild konstruiert wurde. Er liegt im Betrachter und in der Rolle, die die dargestellte Frau im visuellen System einnimmt. Die Unterschiede sind nicht formal, sondern strukturell.
Mein Ziel ist es, die scheinbare Neutralität der Bilder aufzudecken, die seit Jahrhunderten deine Sichtweise prägen. Der Vergleich zeigt, dass Darstellungen von Frauen kein unschuldiges Abbild der Realität sind. Sie sind eine Konstruktion, die stark vom Blickwinkel des Produzenten geprägt ist.
Frauen im öffentlichen Raum

Lass uns mit diesen beiden Bildern anfangen, die gleich aussehen. Es sind zwei Szenen mit demselben Thema: eine Frau auf einer Theaterloge. Beide Bilder wurden zur gleichen Zeitepoche gemalt. Wie wird die Frau auf jedem Bild dargestellt?
Das Bild links ist ein Gemälde von August Renoir (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). (Klicke auf den Link.) Du siehst eine Frau, die vor ihrem Mann sitzt. Sie trägt ein edles Kleid und ist mit Blumen, Schmuck und Make-up verziert. Sie ist wirklich eine elegante Frau. Außerdem wirkt sie, als wäre sie in der Zeit eingefroren, mit einem ängstlichen Blick. Renoir zeigt uns eine Frau, die betrachtet werden soll, während ihr Begleiter im Hintergrund mit einem Fernglas das Geschehen im Theater beobachtet.
Das zweite Bild ist von Mary Cassatt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Hier ist die Frau die Hauptfigur. Sie ist aktiv und will sehen, was um sie herum passiert. Ihre Kleidung ist nicht wichtig, obwohl sie zum Anlass passt. Die Malerin geht jedoch nicht auf Details ein. Ihr geht es darum, dir zu zeigen, dass sie eine Frau ist, die entscheidet, die Dinge beobachtet, neugierig ist und die sich traut, eigene Entscheidungen zu treffen.
Renoir zeigt die Frau als dekorative Figur innerhalb des sozialen Rituals. Cassatt hingegen integriert die Frau intellektuell in den öffentlichen Raum. Das Betrachten wird hier zu einer Form der Macht.